Klettern mit blinden und sehbehinderten Menschen - Pädagogisch-didaktische Hintergründe und methodische Überlegungen


Hausarbeit, 2007
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Medizinisch orientierte Klassifikationen
2.2 Pädagogisch orientierte Klassifikationen

3. Klettern mit sehgeschädigten Menschen:
3.1 Vorteile des Kletterns
3.2 Grenzen beim Klettern mit blinden und sehbehinderten Menschen

4. Methodisch-didaktische Überlegungen des Vermittelns
4.1 Unterrichtseinheit Sicherungstechniken
4.1.1 Selbstsicherung
4.1.2 Partnersicherung
4.2 Unterrichtseinheit Klettern

5. Resümee

Literaturliste

1. Einleitung

Sportliche Aktivitäten für Sehgeschädigte verbinden viele Menschen mit unüberwindbaren Hindernissen und Schwierigkeiten oder empfinden es sogar als unvorstellbar. Vor diesem Hintergrund scheint Klettern unvereinbar mit einer Sehschädigung, da gerade diese Sportart mit Risiken verbunden ist und der kleinste Fehler zu schweren Verletzungen führen kann. Wie sollen Personen, die im Alltag größtenteils auf Hilfestellungen angewiesen sind, sich alleine an einer Kletterwand oder sogar an einem Bergfels orientieren? Wie sollen sie ohne vollständiges Augenlicht den Partner risikolos sichern können?

In dieser Arbeit möchte ich mit dem Vorurteil aufräumen, dass Klettern nur für Sehende möglich ist und zeigen, dass gerade diese Sportart für blinde oder sehbehinderte Menschen sehr geeignete ist. Genauso setzte ich mich aber auch mit den Schwierigkeiten und eventuellen Grenzen auseinander.

Einführend in die Thematik differenziere ich zwischen einer medizinisch orientierten Klassifikation und einer eher pädagogisch orientierten Definition. Unterschieden wird hierbei zwischen den Begriffen Sehbeeinträchtigung, Sehbehinderung, hochgradige Sehbehinderung und Blindheit. Diese Differenzierung empfinde ich als sehr wichtig, da eine Sehschädigung fälschlicher weise häufig gleichgesetzt wird mit einer völligen Blindheit. Hierbei wird völlig außer Acht gelassen, dass verschiedene Formen einer Sehschädigung auch unterschiedliche Anforderungen an die Pädagogik stellen.

Im Hauptteil meiner Arbeit befasse ich mich mit didaktisch-methodischen Aspekten des Kletterns bei blinden und sehgeschädigten Menschen. Hierbei ist die Vermittlung von Sicherungstechniken unerlässlich. Erst wenn diese Techniken problemlos beherrscht werden, sollten weitere Klettertechniken vermittelt werden. An einer Schule für Sehgeschädigte Kinder wurde die Unterrichtseinheit Klettern durchgeführt, bei der die Schüler an Kletterstationen unterschiedliche Bewegungsabläufe kennen lernen konnten. Ich habe diese Unterrichtseinheit für meine Arbeit genutzt, um beispielhaft darstellen zu können, welche methodischen Überlegungen beim Vermitteln des Kletterns sinnvoll sind.

2. Begriffsklärung

Im Folgenden werde ich verschiedene Begriffe definieren, um ein Verständnis und einen differenzierten Umgang mit dem Themenfeld Blindenpädagogik zu ermöglichen.

Die Sehschädigung gilt als der Oberbegriff für Sehbeeinträchtigung, Sehbehinderung, hochgradige Sehbehinderung und Blindheit (vgl. Walthes, 2003, S. 51). Aus pädagogischer Sicht ist der Begriff Sehschädigung jedoch sehr verallgemeinernd. Denn unterschiedliche Sehschädigungen erfordern auch sehr unterschiedliche Anforderungen an die Umwelt. Ob ein Kind von Geburt an Blind ist, oder es sich um eine erworbene Sehschädigung handelt, hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Auseinandersetzung mit der Umwelt und bedarf jeweils sehr unterschiedlicher pädagogischer Anforderungen.

Im Allgemeinen orientieren sich die Definitionen häufig an den medizinischen Klassifikationen und beruhen auf Messungen der Sehschärfe (Visus). Ich möchte in meinen Ausführungen sowohl die klassisch medizinische Definition aufführen, als auch eine weitere Definition der KMK (Kultusministerkonferenz der Länder). Diese Definition halte ich insbesondere im pädagogischen Bereich für sehr sinnvoll, da sie noch weitere Funktionen in der visuellen Wahrnehmung impliziert.

2.1 Medizinisch orientierte Klassifikationen

Sehbeeinträchtigung

Eine Sehbeeinträchtigung wird definiert als eine „gröbere einseitige Sehbeeinträchtigung (1.0 auf einem Auge, 0.3 – 0 auf dem anderen Auge) bzw. mäßige beidseitige Sehbeeinträchtigung (0.7 – 0.4)“ (Walthes 2003, S. 51).

Sehbehinderung

Nach dem Klassifikationssystem liegt eine Sehbehinderung vor, wenn auf einem Auge der Visus bei 0.3 – 0.0067 und auf dem anderen Auge bei 0.3 und weniger liegt (vgl. Walthes 2003, S. 51).

hochgradige Sehbehinderung

Eine hochgradige Sehbehinderung ist klassifiziert durch einen Visus von 0.5 auf dem ersten Auge und 0.05 und weniger auf dem zweiten Auge (vgl. Walthes 2003, S. 51).

Blindheit

Eine Blindheit liegt vor, wenn auf dem besseren Auge ein Visus von 0.02 und weniger gegeben ist (vgl. Walthes 2003, S. 51).

2.2 Pädagogisch orientierte Klassifikationen

Die oben genannten Klassifikationen sind sehr medizinisch orientiert und sind für pädagogische Zusammenhänge nur wenig hilfreich, da sie sich lediglich auf die Sehschärfe beziehen und somit alle anderen visuellen Wahrnehmungen außer Acht lassen (vgl. Walthes 2003, S. 51). Die Klassifikation der Kultusminister­konferenz der Länder (KMK) hat eine Klassifikation vorgeschlagen, die den pädagogischen Anforderungen besser gerecht wird.

Blindheit

„Blinde Kinder und Jugendliche können nicht oder nur in sehr geringem Maße auf der Grundlage visueller Eindrücke lernen. Sie nehmen Informationen aus der Umwelt insbesondere über das Gehör und den Tastsinn sowie über die Sinne der Haut, des Geruchs, und des Geschmacks auf“ (vgl. KMK 1998, S. 4).

Sehbehinderung

„Kinder und Jugendliche mit einer Sehbehinderung können ihr eingeschränktes Sehvermögen nutzen. Sie sind in vielen Situationen auf spezielle Hilfen angewiesen. Sie bedürfen besonderer Anleitung, sonderpädagogischer Förderung und technischer Hilfen. Dies kann auch bei Sehbehinderung geringeren Grades notwendig sein wie bei Beeinträchtigung des Sehvermögens beider Augen oder Einäugigkeit“ (vgl. KMK 1998, S. 4).

3. Klettern mit sehgeschädigten Menschen:

3.1 Vorteile des Kletterns

Die Vorstellung, dass Menschen mit einer Sehschädigung klettern, löst bei vielen sehenden Menschen Angst und Schrecken aus, da es für sie unvorstellbar ist, wie sich blinde oder sehbehinderte Menschen beim klettern orientieren können.

Doch die Autoren Giese und Bietz zeigen auf, dass gerade die Sportart Klettern für blinde und sehbehinderte Menschen sehr geeignet ist. „Spezifische Orientierungsprobleme, wie sie sich z.B. in der Leichtathletik oder beim Skifahren ergeben und durch zusätzliche materielle oder personelle Hilfen gelöst werden, existieren beim Toprope-Klettern nicht“ (Giese/Bietz 2005, S. 103). Der Seilverlauf bietet die notwendige Orientierungshilfe. Dadurch können blinde und sehbehinderte Menschen unter denselben Bedingungen eine Sportart ausüben, wie sehende Menschen. Dies spielt für das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit eine wichtige Rolle und wirkt sich positiv auf das Selbstvertrauen aus. Dieser Aspekt wird noch durch die Ernsthaftigkeit dieser Sportart verstärkt. Klettern und das gegenseitige absichern erfordert Mut und Vertrauen, denn eine Unaufmerksamkeit kann schwere Folgen nach sich ziehen. Dieser ernsthafte Charakter ist sonst in kaum einer anderen Sportart wieder zu finden und auch konstruierte erlebnispädagogische Arrangements können diesen Anspruch nicht erreichen. Im Alltag sind blinde und sehbehinderte Menschen häufig auf die Hilfe von anderen Personen angewiesen. Das Erlebnis beim Klettern unabhängig zu sein und selbstständig ohne fremde Hilfe diese Sportart ausüben zu können stärkt das Selbstvertrauen.

Zudem werden beim Klettern verschiedene motorische Fertigkeiten gefördert. Die bewusste Koordination von Bein- und Armbewegungen und die Erhaltung des Körpergleichgewichts stellen den Kletternden vor hohe Anforderungen. Durch eine Vielzahl von Herausforderungen werden beim Klettern koordinative und konditionelle Fähigkeiten der Schüler gefördert (vgl. Friedrich/Schwier 1986, S. 133).

Hinzu kommt noch die Anforderung des psychischen Problems. Die Schüler müssen lernen, ihre Ängste zu überwinden. Klettern bedeutet häufig, sich auf ein Risiko einlassen und ein Wagnis zu begehen. Dieser Aspekt ist bei sehgeschädigten Menschen besonders zentral, da sie durch die fehlende Sehkraft die reale Höhe der Kletterwand und die eigene Positionierung an dieser Wand zumeist nur ungenau wahrnehmen können (vgl. Friedrich/Schwier 1986, S. 133).

Ein weiteres Argument für die Sportart des Kletterns ist die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Beim Klettern geht es nicht um Geschwindigkeit, so dass mit jedem Schritt und Handgriff Informationen wahrgenommen werden können. Anders wie bei anderen Sportarten wird also beim Klettern die Körperwahrnehmung gefördert (vgl. Giese/Bietz 2005, S. 103).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Klettern mit blinden und sehbehinderten Menschen - Pädagogisch-didaktische Hintergründe und methodische Überlegungen
Hochschule
Universität Bielefeld
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V81762
ISBN (eBook)
9783638880671
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klettern, Menschen, Pädagogisch-didaktische, Hintergründe
Arbeit zitieren
Lena Giller (Autor), 2007, Klettern mit blinden und sehbehinderten Menschen - Pädagogisch-didaktische Hintergründe und methodische Überlegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81762

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