Die Fabel, ihre Entstehung und (Weiter-)Entwicklung im Wandel der Zeit - speziell bei Äsop, de La Fontaine und Lessing

Zusätzlich ein kurzer Vergleich der Fabel 'Der Rabe und der Fuchs' bei diesen drei Fabelautoren


Hausarbeit, 2006
24 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Definition des Fabelbegriffs
a) Entstehung der Fabel
b) Wesenszüge der Fabel
c) Abgrenzung von anderen Gattungen

3. Verschiedene Fabelzugänge
a) Äsop und die Fabel
b) de La Fontaine und die Fabel
c) Lessing und seine Abhandlungen über die Fabel

4. Vergleich der Fabel Der Rabe und der Fuchs
a) bei Äsop
b) bei de La Fontaine
c) bei Lessing

5. Schluss/ Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Laut Lexikon handelt es sich bei einer Fabel um eine „knappe lehrhafte Erzählung in Vers oder Prosa, in der vorwiegend Tiere in einer bestimmten Situation so handeln, dass sofort eine Kongruenz mit menschl. Verhaltensweisen deutl. wird und der dargestellte Einzelfall als sinnenhaft- anschaul. Beispiel für eine daraus ableitbare Regel der Moral oder Lebensklugheit zu verstehen ist“[1]. Daraus resultierend erscheint es interessant zu untersuchen, ob diese Aussage auch zu unterschiedlichen Zeiten und bei verschiedenen Autoren auf das damalige Verständnis des Fabelbegriffes zugetroffen hat oder ob es Abweichungen hierzu gegeben hat.

Zunächst werde ich darauf eingehen, wie die Fabel überhaupt entstanden ist und wodurch sie sich auszeichnet. Darüber hinaus soll dann besonders das Fabelverständnis von Äsop, de La Fontaine und Lessing untersucht werden. Ausgehend davon wird abschließend die Fabel Der Rabe und der Fuchs, die es sowohl von Äsop, de La Fontaine, als auch von Lessing gegeben hat, auf mögliche Unterschiede in Sachen Bedeutung des Fabelbegriffs, Intention, Aufbau, auftretende Akteure et cetera untersucht werden.

2. Definition des Fabelbegriffs

a) Entstehung der Fabel

Das heutige Wort Fabel leitet sich von dem lateinischen Begriff fabula ab, welches als `Rede´, `Erzählung´ oder `das Erdichtete´ übersetzt wird. Bis heute sind sich die Forscher noch uneinig darüber, welches als das Entstehungsland der Fabel gilt, Griechenland oder Indien. Da die große Fabelsammlung des Pantschatantra (d.h. das Buch in fünf Abschnitten) die Existenz der Fabel bereits für das 3. Jahrhundert bezeugt, tendieren sehr viele Experten zu der Ansicht, dass Indien das Entstehungsland der Fabel sei. Auf der anderen Seite ist es mittlerweile jedoch auf Grund gleicher oder zumindest ähnlicher allgemein-menschlicher und sozialer Strukturen aber auch zu der Annahme einer oder sogar zur Einigung auf eine Polygenese gekommen. Bekanntermaßen lassen sich zum Beispiel Tierdichtungen im volkstümlichen Erzählgut in nahezu allen Völkern vorfinden. Dennoch bieten diese verschiedenen Thesen zur Herkunftsbestimmung der Fabel und die Frage nach dem Ursprung einzelner Fabelmotive nach wie vor ausreichend Diskussionsstoff[2].

Für das europäische Mittelalter sind jedoch vor allem die Fabeldichtungen der Antike, Griechenlands und Roms wesentlich. Im Werk Hesiods ist im 8. Jahrhundert vor Chr. die älteste überlieferte Fabel dieses Kulturraumes enthalten. Darüber hinaus zählen auch noch zwei Fabeln des Archilochos zu den vermutlich ältesten europäischen Fabeln. Dem Dichter Äsop, der angeblich um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. auf Samos gelebt haben soll, wird die größte Zahl der altgriechischen Fabeln zugeschrieben. Allerdings besteht auch hierbei keine Gewissheit, ob Äsop tatsächlich der Verfasser dieser Fabeln gewesen ist oder ob er die Stoffe lediglich gesammelt und zusammengefasst hat. Diese äsopischen Fabeln sind dann etwa um die Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert v. Chr. von Demetrios von Phaleron gesammelt worden. Der in Rom lebende griechische Dichter Babrios hat diese Fabeln dann wiederum in eine volkstümliche Sprachform gebracht, er hat „den Prosavorlagen eine dichterische Form gegeben“[3].

Die römische Fabeltradition, die sich auf den äsopischen Fabelkreis stützt, wird vor allem durch die Namen Phädrus, Avianus und Romulus gekennzeichnet. Phädrus, ein Freigelassener des Augustus, soll eine fünf Bücher umfassende Fabelsammlung im 1. Jahrhundert v. Chr. geschrieben haben. Er hat hierbei besonders die lehrhaften Elemente ausgebaut, da die Fabel seiner Meinung nach sowohl der Unterhaltung als auch der Belehrung zu dienen habe. Die Weitergabe des antiken Fabelgutes hat sich wahrscheinlich während des gesamten Mittelalters vollzogen[4]; so ist beispielsweise die Fabelsammlung des Avianus zu einem sehr beliebten lateinischen Lehrbuch für den Schulunterricht im Mittelalter geworden. Das sogenannte Romulus -Corpus, eine Sammlung, die aus 98 in lateinischer Prosa gehaltene Fabeln bestanden hat, ist dann zusammen mit der bereits erwähnten Sammlung des Avianus zur Grundlage der mittelalterlichen Fabelrezeption geworden.

Wichtig erscheint noch, dass die Fabel in der Antike und im Mittelalter keine selbstständige Gattung gewesen ist. In der griechischen Literatur ist sie unter den Begriffen mythos und logos und im Mittelalter unter dem Begriff bîspel subsumiert worden. Erst seit etwa dem 18. Jahrhundert hat man die Bezeichnung Fabel als Gattungsbezeichnung für diese spezielle Form der Erzählung benutzt, in der vor allem Tiere eine führende Rolle spielen, durch die eine ganz bestimmte Lehre verdeutlicht wird[5].

b) Wesenszüge der Fabel

Fabeln sind schon immer dann erzählt worden, wenn es darum ging sich zwischen richtigem und falschem Handeln zu entscheiden. Für unser heutiges Verständnis von einer Fabel ist als erstes anzumerken, dass es ein wichtiges Ziel der Fabel ist, eine Regel, eine Moral oder einen Leitsatz zu verdeutlichen und letztendlich auch zu kultivieren. Daher wird mit nahezu jeder Fabel ein Vorgang geschildert (Information) und an diesen dann eine Deutung (Interpretation) angehängt. Eine Fabel beginnt also üblicherweise ohne Einleitung mit der Erzählung, woran sich dann eine allgemeine Lehre anschließt. Werden nun Erzählung und Deutung zusammen betrachtet, ergibt dies eine Demonstration. Damit es auch tatsächlich zu dieser Demonstration kommen kann, sind selbstverständlich noch einige weitere Faktoren erforderlich, zum Beispiel ein spezielles Inventar dieser Erzählungen: „Zum Inventar einer Fabel gehören unbelebte Naturgegenstände, Pflanzen und Tiere“[6].

Die handelnden Figuren sind zumeist Tiere, die in unmittelbarer Umgebung der Menschen leben und somit dem Leser bekannt sind. Folglich sprechen die Fabeln auch ein breites Publikum an. Zudem muss an dieser Stelle bedacht werden, dass Fabeln zu Zeiten entstanden sind, „als der jeweilige Bildungshorizont ihrer Anwender noch keine Theorie oder Intellektualisierung kannte“[7] und die dargestellten Konflikte somit möglich einfach dargestellt werden mussten. Da es innerhalb vieler Fabeln zu einer Anthropomorphisierung konstanter Eigenschaften kommt, [das bedeutet, dass bestimmten Tieren spezielle, typische menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden,] ist die Zahl der Verwendung von dem Leser unbekannten Tieren recht gering. Andernfalls könnte es dem Leser schwerer fallen, die Verhaltensweisen der Tiere auf den Menschen zu übertragen und die Fabel somit ihren lehrhaften Charakter verlieren. Bei moralischen Fabeln wird das Tier mit seinem Erscheinungsbild sogar so sehr in dem menschlichen Bereich integriert, dass es beinahe zu einer Gleichschaltung von Mensch und Tier kommt. Die Tiere werden dann hierbei sozusagen zu Menschen, da sie Verantwortung und Schuld tragen.

Der Frage, warum gerade Tiere die bevorzugten Akteure der Fabeln sind, sind schon sehr viele Philologen und Schriftsteller nachgegangen. Zum einen wäre es denkbar, dass Tiere, die miteinander reden etwas Unglaubliches und somit Faszinierendes für den Leser darstellen. Hingegen weisen andere Experten daraufhin, „daß das Wunderbare durch das häufige Vorkommen seine Wirkung verliert[8] “. Ein anderes Argument für die Bevorzugung der Tiere als Akteure der Fabeln ist sicherlich auch, dass auf die Eigenschaften der (den Menschen bekannten) Tiere nicht mehr in besonderer Weise hingewiesen werden muss, da es eine Beständigkeit ihrer Charaktere gibt.

Darüber hinaus zeichnet sich die Fabel, wie bereits in der Einleitung erwähnt, dadurch aus, dass sie sehr knapp und lehrreich ist. Es herrscht eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung, was bedeutet, dass sich das Geschehen nur an einem einzigen Ort abspielt, es keine großen Zeitspannen und auch nur eine einzige Handlung gibt. Der übliche Aufbau einer Fabel sieht nun so aus, dass die Fabel ohne Einleitung mit der Erzählung anfängt, an die dann eine allgemeine Lehre angehängt wird. Außerdem besitzt die Fabel einen dialogischen Charakter, da ihr Figurenkatalog begrenzt ist und nur sehr selten mehr als zwei Tiere auftreten; dies würde die Handlung nur unnötig ausdehnen. Zwei auftretende Figuren reichen in der Fabel im Normalfall völlig aus, um die Absicht der einzelnen Motive zu demonstrieren. Treten in einer Fabel doch einmal mehr als zwei Tiere auf, dann werden Gruppen gebildet, so dass letztendlich wieder nur zwei Parteien vorhanden sind. „In der Fabel gibt es nämlich keine feinen Schattierungen und Nuancen, in ihr gibt es arm und reich, [...] groß und klein“[9], und somit ist festzuhalten, dass die Fabelerzählungen eine eindeutige Tendenz zur Zweipoligkeit aufweisen. Zudem weisen oftmals auch schon die Überschriften, wie beispielsweise Der Fuchs und der Rabe, auf den antithetischen Bau der Fabeln hin.

Einen weiteren Wesenszug der Fabel macht die Typisierung der Figuren aus, denn „die einzelnen typischen Züge werden weitgehend beibehalten; sie sind konstant“[10] (z.B. Esel – dumm, Fuchs – schlau) und werden nicht umgekehrt. Es ist vielleicht sogar denkbar, dass die Verbreitung der Fabeln selber dazu beigetragen hat, dass sich bestimmte Vorstellungen von der Art eines Tieres durch die dauernde Wiederholung herausgebildet und eingeprägt haben.

c) Abgrenzung von anderen Gattungen

Hierbei muss nun erst einmal deutlich darauf hingewiesen beziehungsweise berücksichtigt werden, „[...] dass Gattungen als zeitlose Urtypen nicht bestehen“[11], sondern dass es lediglich möglich ist durch ihre Bauelemente zu einer Umschreibung zu gelangen[12].

Die Abgrenzung der Fabel von dem Märchen ist insofern nicht ganz einfach, weil die Definitionen des Märchens recht weit auseinander gehen. Da der Terminus Märchen Tier- und Lügengeschichten, Legenden und auch Fabeln umfasst, ist er kein präziser Gattungsbegriff. Sicherlich macht jedoch das Inventar einen wichtigen Unterschied dieser beiden Gattungen aus, denn während im Märchen Riesen, Zwerge und Feen konzentriert auftreten, sind in der Fabel vor allem Tiere oder Pflanzen die Hauptakteure, und nur in ganz seltenen Fällen spielen dort menschliche Wesen eine Rolle. Im Märchen dominiert somit das Zauberhafte und Phantastische. Zudem wendet sich die Fabel an die Ratio des Menschen, da sie belehren und eben nicht nur unterhalten möchte. Während es beim Märchen oftmals um eine „»Welt traumhafter Wunscherfüllung«“[13] geht und somit das reflexive Moment fehlt, möchte die Fabel in erster Linie belehren und letztendlich überzeugen. Demzufolge haben wir es hierbei auch mit unterschiedlichen Rezipienten zu tun, denn das Märchen spricht heute vor allem Kinder an, wohingegen die Fabel einen bestimmten Grad an Vernunft voraussetzt. Das Märchen würde also erst zur Fabel werden, „wenn die Darstellung der Handlung durch die Absicht der Lehre beeinflusst ist“[14].

[...]


[1] Schweikle, G. u. I. (Hrsg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart: Metzler 1990. S. 147.

[2] Vgl. Dithmar, R.: Die Fabel. Geschichte, Struktur, Didaktik. Paderborn: Schöningh 1988. S. 157. [künftig zitiert als: Dithmar, R.: Die Fabel. 1988.]

[3] Doderer, K.: Fabeln. Formen, Figuren, Lehren. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1977. S. 280. [künftig zitiert als: Doderer, K.: Fabeln. 1977.]

[4] Vgl. Ebd. S. 282.

[5] Vgl. Leibfried, E.: Fabel. Stuttgart: Metzler 1976. S. 1. [künftig zitiert als: Leibfried, E.: Fabel. 1976.]

[6] Leibfried, E.: Fabel. 1976. S. 21.

[7] Krafft, P.: Was ist Aesop? Ludwigsburg: Ed. Libri illustri 1998. S. 10.

[8] Vgl. Dithmar, R.: Die Fabel. 1988. S. 198.

[9] Doderer, K.: Fabeln. 1977. S. 155.

[10] Leibfried, E.: Fabel. 1976. S. 23.

[11] Doderer, K.: Fabeln. 1977. S. 177.

[12] Da es in diesem Zusammenhang jedoch schwer ist einen anderen kongruenten Ausdruck hierfür zu finden, wird daher im Folgenden dennoch der Begriff Gattungen weiterhin benutzt werden.

[13] Dithmar, R.: Die Fabel. 1988. S. 168.

[14] Wienert, W.: Das Wesen der Fabel. In: Carnes, P. (Hrsg.): Proverbia in Fabula. Essays on the Relationship of the Proverb and the Fable. Bern: Lang 1988. S. 55. [künftig zitiert als: Wienert, W.: Das Wesen der Fabel. In: Carnes, P. (Hrsg.): Proverbia in Fabula. 1988.]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Fabel, ihre Entstehung und (Weiter-)Entwicklung im Wandel der Zeit - speziell bei Äsop, de La Fontaine und Lessing
Untertitel
Zusätzlich ein kurzer Vergleich der Fabel 'Der Rabe und der Fuchs' bei diesen drei Fabelautoren
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,1
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V81983
ISBN (eBook)
9783638862677
ISBN (Buch)
9783638862745
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fabel, Entstehung, Wandel, Zeit, Fontaine, Lessing
Arbeit zitieren
Stephanie Reuter (Autor), 2006, Die Fabel, ihre Entstehung und (Weiter-)Entwicklung im Wandel der Zeit - speziell bei Äsop, de La Fontaine und Lessing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81983

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