Wird der Abschluss nach IAS/IFRS aufgestellt bzw. als IAS/IFRS-Abschluss deklariert, so hat dieser gem. IAS 1.14 sämtliche Anforderungen nach IAS/IFRS zu erfüllen. Dadurch verlieren insbesondere deutsche Personengesellschaften per Definition ihr Eigenkapital. Denn nach IAS 32 (rev. 2003) – Finanzinstrumente: Angaben und Darstellung - orientiert sich die Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital im Wesentlichen an der Frage, ob das bilanzierende Unternehmen am Bilanzstichtag vertraglich verpflichtet ist flüssige Mittel oder andere finanziellen Vermögensgegenstände abzugeben oder nicht. Da den Gesellschaftern von Personengesellschaften ein gesetzliches Kündigungsrecht zusteht, müssen die Kapitalanteile der Gesellschafter nach IAS/IFRS als Fremdkapital ausgewiesen werden. Im Rahmen der Folgebewertung führt diese Kapitalabgrenzung in Bilanz und GuV zu einer Reihe von widersprüchlichen Effekten, die schwerwiegende wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen können und eine Umstellung der Jahresabschlüsse auf IAS/IFRS erschweren. Denn ohne Eigenkapital sind diese Unternehmen nur eingeschränkt kreditwürdig und somit nur begrenzt handlungsfähig.
Diese Probleme, die auch in der Literatur heftig kritisiert wurden, veranlassten den IASB die Regelungen zur Kapitalabgrenzung nach IAS 32 zu überarbeiten. Am 22. Juni 2006 wurde schließlich der Exposure Draft „Financial Instruments Puttable at Fair Value and Obligations Arising on Liquidation” zur Änderung des IAS 32 veröffentlicht, der die Problematik der Kapitalabgrenzung nach IAS/ IFRS kurzfristig beheben soll, bis es zu einer Verabschiedung des zwischen IASB und FASB langfristig angelegten Projekts zur Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital kommt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitender Teil
1.1 Problemstellung
1.1 Gang der Untersuchung
2 Rechtsformen des deutschen Gesellschaftsrechts
2.1 Überblick
2.2 Charakterisierung IAS/IFRS relevanter Rechtsformen des deutschen Gesellschaftsrechts
2.2.1 Kapitalgesellschaften
2.2.2 Personenhandelsgesellschaften
3 Regelungen zur Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital
3.1 Kapitalabgrenzung nach HGB
3.2 Kapitalabgrenzung nach IAS/IFRS
4 Anwendung von IAS 32 auf Personenhandelsgesellschaften
4.1 Gegensätze zwischen IAS 32 und dem deutschen Gesellschaftsrecht bei der Bilanzierung von Kapitalanteilen in Personenhandelsgesellschaften
4.2 Konsequenzen
4.2.1 Konsequenzen für die Bilanz
4.2.2 Konsequenzen für die Gewinn- und Verlustrechnung
4.2.3 Wirtschaftliche Konsequenzen
4.3 Würdigung
4.3.1 IAS 32 im Konflikt zur Zielsetzung des IASB
4.3.2 Weitere Widersprüchlichkeiten zum Regelwerk
4.4 Gesellschaftsrechtliche Lösungsansätze
5 Exposure Draft zu IAS 32 „Financial Instruments Puttable at Fair Value and Obligations Arising on Liquidation”
5.1 Überblick
5.2 Inhalt
5.2.1 Financial Instruments Puttable at Fair Value
5.2.2 Obligations Arising on Liquidation
5.2.3 Angabepflichten
5.3 Darstellung und Analyse des Exposure Draft 32 unter besonderer Berücksichtigung von Personenhandelsgesellschaften
5.3.1 Bedeutung für Personenhandelsgesellschaften
5.3.2 Ausgabe zum fair value – Bedingung a)
5.3.3 Rückgabe zum fair value – Bedingung b)
5.3.3.1 Grundlagen
5.3.3.2 Analyse der Vereinbarkeit von Abfindungsregeln des deutschen Gesellschaftsrechts mit der Bedingung „Rückgabe zum fair value“
5.3.3.2.1 Abfindung nach der gesetzlichen Regel
5.3.3.2.2 Abfindung nach Abfindungsklauseln
5.3.4 Keine sonstigen/ weiteren Verpflichtungen – Bedingung d)
5.3.5 Nachrangigkeit des Kapitals – Nebenbedingung a)
5.3.6 Anspruch auf anteiliges Nettovermögen bzw. auf proportionalen Anteil am Residualvermögen im Liquidationsfall – Bedingung c) und Nebenbedingung b)
5.3.7 Keinerlei vorrangige Rechte sowie keine Begrenzung des Rechts auf einen Anteil am Nettovermögen – Nebenbedingung c) und d)
5.3.8 Fazit des Entwurfs
5.4 Verbesserungsvorschläge
6 Künftige Entwicklungen
6.1 Langfristprojekt zur Kapitalabgrenzung von IASB und FASB
6.2 Projekte des DRSC und des EFRAG zur Kapitalabgrenzung
7 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der Kapitalabgrenzungskriterien nach IAS 32 auf die Einzelabschlüsse von deutschen Personenhandelsgesellschaften. Im Zentrum steht die Untersuchung, ob der Exposure Draft zu IAS 32 die bilanzielle Problematik löst und eine Rückführung der Gesellschafterkapitalanteile in das Eigenkapital ermöglicht.
- Analyse der Abgrenzung zwischen Eigen- und Fremdkapital nach HGB und IFRS
- Untersuchung der Widersprüche zwischen IAS 32 und deutschem Gesellschaftsrecht
- Bewertung der wirtschaftlichen Auswirkungen für Personengesellschaften
- Kritische Würdigung des Exposure Draft zu IAS 32 (Puttable Instruments)
- Diskussion künftiger Entwicklungen durch IASB, FASB, DRSC und EFRAG
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Konsequenzen für die Gewinn- und Verlustrechnung
Wie in Kap. 2.2.2 beschrieben, werden die zum Abschlussstichtag festgestellten handelsrechtlichen Gewinne und Verluste den Kapitalkonten der persönlich haftenden Gesellschafter zugeschrieben, solange keine anderen vertraglichen Regelungen getroffen wurden. Da Gewinne von den Gesellschaftern entnommen werden können, sind sie nach IAS 32 als Fremdkapital zu klassifizieren. Damit hat die Kapitalabgrenzung auch eine direkte Auswirkung auf die GuV. Da die Buchung der als Verbindlichkeit eingestuften Gewinne erfolgswirksam stattfindet, können Personenhandelsgesellschaften keinen Jahresüberschuss ausweisen.
Findet die Abfindung der Gesellschafter nicht zum Buchwert, sondern zum Verkehrswert statt, kommt es zu einem paradoxen Effekt in der Darstellung der Ertragslage. Erhöht sich in der Zukunft der Unternehmenswert, kommt es zu einer Erhöhung der Abfindungsverpflichtung. Mit Erhöhung der Abfindungsverpflichtung kommt es zu einer Erhöhung der Verbindlichkeiten, die erfolgswirksam erfasst werden müssen. Im Ergebnis führt dies zu einer deutlichen Verfälschung der Ertragslage und zu einem widersprechenden Ergebnis. Denn je besser sich die Zukunftsaussichten des Unternehmens darstellen, desto größer ist die Abfindungsverpflichtung, mit der Folge, dass der Aufwand zur Anpassung der resultierenden Verpflichtung steigt. Mit anderen Worten: Eine erfolgreiche Personenhandelsgesellschaft ist mit stark steigenden Aufwendungen konfrontiert, die sie in die Verlustzone führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitender Teil: Einführung in die Problemstellung und die methodische Vorgehensweise der Untersuchung.
2 Rechtsformen des deutschen Gesellschaftsrechts: Darstellung der Besonderheiten von Personenhandelsgesellschaften im Vergleich zu Kapitalgesellschaften.
3 Regelungen zur Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital: Gegenüberstellung der unterschiedlichen Ansätze zur Kapitalabgrenzung nach HGB und IAS/IFRS.
4 Anwendung von IAS 32 auf Personenhandelsgesellschaften: Analyse der Konflikte zwischen IAS 32 und deutschem Gesellschaftsrecht sowie der negativen Folgen für den Jahresabschluss.
5 Exposure Draft zu IAS 32 „Financial Instruments Puttable at Fair Value and Obligations Arising on Liquidation”: Ausführliche Prüfung und Analyse der neuen Kategorien des Entwurfs hinsichtlich ihrer Eignung für Personengesellschaften.
6 Künftige Entwicklungen: Überblick über laufende Projekte von Standardsettern zur langfristigen Neukonzeption der Kapitalabgrenzung.
7 Zusammenfassung: Zentrale Ergebnisse der Untersuchung und Ausblick auf die zukünftige Behandlung der Problematik.
Schlüsselwörter
IAS 32, Personenhandelsgesellschaften, Eigenkapital, Fremdkapital, Kapitalabgrenzung, Exposure Draft, Fair Value, Abfindungsanspruch, Finanzinstrumente, Bilanzierung, IFRS, HGB, Gesellschaftsrecht, Unternehmensbewertung, Kapitalanteile
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit?
Die Diplomarbeit untersucht die Auswirkungen der strengen Kapitalabgrenzungsvorschriften nach IAS 32 auf die Jahresabschlüsse von deutschen Personenhandelsgesellschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit deckt die Unterschiede zwischen HGB und IFRS bei der Kapitalabgrenzung, die rechtlichen Aspekte von Abfindungsrechten und die bilanziellen Auswirkungen von IAS 32 ab.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Personengesellschaften durch den Exposure Draft zu IAS 32 ihre Gesellschafterkapitalanteile wieder als Eigenkapital ausweisen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive und analysierende Untersuchung auf Basis aktueller Rechnungslegungsstandards, Literatur und Kommentierungen sowie eine kritische Würdigung von Entwürfen (Exposure Drafts) internationaler Gremien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Spannungsfeld zwischen der gesetzlichen Kündigungsmöglichkeit bei Personengesellschaften und der Klassifizierung als Verbindlichkeit nach IAS 32, sowie die Anforderungen des neuen Entwurfs an die Kapitalabgrenzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Eigenkapitalausweis, IAS 32, Personenhandelsgesellschaften, Fair Value und Abfindungsverbindlichkeit definiert.
Warum stellt IAS 32 ein Problem für Personengesellschaften dar?
Da Gesellschafter von Personengesellschaften gesetzliche Kündigungsrechte besitzen, werden ihre Anteile nach IAS 32 als Fremdkapital eingestuft, was unter anderem zu einer bilanziellen Überschuldung führen kann.
Bietet der Exposure Draft eine einfache Lösung für die Praxis?
Nein, der Entwurf wird als kompliziert und kasuistisch kritisiert und stellt für die meisten Unternehmen nur eine bedingte Erleichterung dar, die zudem mit hohen Dokumentationsaufwand verbunden ist.
Welche Rolle spielt die "Fair Value"-Bewertung?
Die Bedingung der Rückgabe zum Fair Value ist zentral für die neue Eigenkapitalklassifizierung im Entwurf, jedoch ist die Bestimmung dieses Wertes für viele Personengesellschaften in der Praxis schwierig.
- Quote paper
- Andre Heinecke (Author), 2007, Die Bedeutung der Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital nach internationalen Rechnungslegungsstandards für die Abschlüsse von Personenhandelsgesellschaften , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82011