Benjamin Nelson und Talcott Parsons: Zwei Ansätze zur Beschreibung der gesellschaftlichen Rationalisierung


Hausarbeit, 2007

18 Seiten, Note: 2,0

Stefanie Vigerske (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenüberstellung der Autoren
2.1 Benjamin Nelson
2.2 Talcott Parsons

3. Vergleich beider Autoren

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Renaissance stellt in der westlichen Ideengeschichte eine wichtige Epoche dar. Mit ihr setzt der Beginn der politischen Neuzeit ein, in der antikes griechisches Denken wieder entdeckt wird. Der Mensch befreit sich zunehmend aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, er rückt immer weiter in den Mittelpunkt der Welt und das Politische gerät immer mehr in den Vordergrund, indem es sich durch die Säkularisierung zunehmend von dem Religiösen distanziert.

Doch wie und vor allem auf welche Art und Weise sind diese Entwicklungen zustande gekommen? Wie nähert man sich der Thematik der Modernisierung am sinnvollsten, wenn man den Prozess einer gesellschaftlichen Entwicklung untersuchen will? Welche Prozesse oder Ereignisse führten zu der zunehmenden Rationalisierung ganzer Gesellschaften? Dies sind nur einige Fragen, die sich Soziologen bereits seit einigen Jahrzehnten stellen und zu beantworten versuchen. Während der Ursachensuche sind unterschiedliche Erklärungsansätze entstanden, die anhand verschiedener Anknüpfungspunkte versuchen darzustellen, wie und mit welchen Begleitprozessen sich Gesellschaften entwickelt haben.

Es ist feststellbar, dass sich viele Autoren auf unterschiedliche Weise an die vergleichende Analyse historischer Wandlungen annähern (vgl. Bendix in Zapf 1971, S. 177). Im Zuge der vorliegenden Arbeit sollen zwei Ansatzpunkte vorgestellt werden, um zum einen ihre Vor- und Nachteile und zum anderen ihre gemeinsamen oder auch unterschiedlichen Bezugspunkte im Hinblick auf die Thematik der gesellschaftlichen Rationalisierung aufzeigen zu können.

Dazu sollen hier die Ausarbeitungen von Benjamin Nelson und Talcott Parsons genutzt werden, die sich hinsichtlich ihrer Ausführungen fundamental unterscheiden. Während Nelson eine vergleichende historische Analyse der Zivilisationsmuster und interzivilisatorischen Begegnungen in Anlehnung an Joseph Needham und Max Weber anstrebt, versucht Parsons eine allgemeine Analyse der Strukturen vorzunehmen, indem er sich an evolutionären Universalien orientiert, die zur Klassifikation verschiedener Entwicklungsstufen von Gesellschaften dienen.

2. Gegenüberstellung der Autoren

2.1 Benjamin Nelson

Nelsons Untersuchung erfolgt während zwei entscheidender Perioden, in denen sich die Zivilisationen China und Europa begegnet sind: im zwölften und dreizehnten Jahrhundert (spätmittelalterliche Renaissance) und dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert (wissenschaftliche Revolution). Das 12. Jahrhundert steht dabei für rationalisierende und rationalisierte Bewusstseinsstrukturen. Die Bedeutung von Schöpfung und Schöpfer wird verdrängt von dem Bedürfnis und der Fähigkeit des Menschen, den eigenen Glauben zu erkennen und zu begründen, die Natur durch die Naturphilosophie zu begreifen und zu erklären und somit eigene Handlungen und Meinungen zu reflektieren. Nelson strebt Erkenntnisse in der vergleichend historischen, differentiellen Soziologie der Zivilisationsmuster und interzivilisatorischen Begegnungen an, wobei er einen besonders starken Bezug zur Wissenschaft herstellt. Diese ist dabei immer mit Bewusstseins- und Gewissensstrukturen verbunden, die durch unterschiedliche Entwicklungen und teilweise Vermischung der unterschiedlichen Gesellschaften entstehen. Eine deutlich wichtige Rolle spielen soziokulturelle und religiöse Faktoren bei der unterschiedlichen Entfaltung von Wissenschaft (vgl. Nelson 1986, S. 8).

Für Nelson bedeutet Rationalismus, dass eine gewisse Zahl von Menschen versucht, die partikularistischen Beschränkungen von Familie, Verwandtschaft, Klasse und/oder Kaste zu überschreiten. Sie sollten sich dabei nicht zu sehr politisch, religiös oder traditionell beeinflussen lassen, sondern sich ihre eigene Meinung bilden. Rationalisierung des Denkens setzt daneben voraus, dass eine gewisse Anzahl an Menschen genau dazu ermächtigt wird und psychologisch dazu in der Lage ist (vgl. a.a.O. S. 28). Universalismus ist dabei der Vorrang des Allgemeinen, Ganzen vor dem Besonderen, Einzelnen, wobei er durch die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Denken und Handeln in den verschiedenen Bereichen sozialer Beziehungen und Kulturen entsteht.

Zur Verdeutlichung seiner Untersuchung versucht Nelson die unterschiedlichen wissenschaftlichen Entwicklungen in China und Europa zu vergleichen, wobei er sich die Frage stellte, wie es zu den unterschiedlichen Entwicklungen kam.

Den Chinesen wurden bahnbrechende Erkenntnisse von Kopernikus und Galilei in Physik und Astronomie vorenthalten und ihnen erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts bekannt gemacht (vgl. a.a.O. S. 12). Innerhalb dieser Zeitspanne wurden sie in dem bibelfreundlichen geoheliozentrischem System des Tycho Brahes durch die Jesuiten unterrichtet. China hatte zwar zwischen dem zweiten und sechzehnten Jahrhundert ein hohes Niveau an Technologie jedoch nicht an Wissenschaft. Durch diesen Sachverhalt insgesamt trennten sich die Wege der Entwicklungen in Ost und West und werden erst im 19. Jh. Wieder zusammen finden (vgl. a.a.O. S. 13).

Die westliche wissenschaftliche Revolution begann hingegen mit dem Durchbruch von Kopernikus bis zu Newton. Dieses neue Bild des Universums war jedoch nur eine Hypothese die von den Gläubigen nicht ohne weiteres angenommen wurde, wobei diese versuchten Galilei mit der Inquisition daran zu hindern seinen „Dialog über die zwei Weltsysteme“ an die Öffentlichkeit zu bringen. Trotz dieser Bemühungen ein solches fortschrittliches Denken zu unterbinden, drang die wissenschaftliche Aufklärung hier immer tiefer in verschiedene Bereiche ein. Um nun diese unterschiedlichen Entwicklungswege zu erklären, fügt Nelson an, dass die Wiederbelebung des griechischen Erbes im zwölften und dreizehnten Jahrhundert (wissenschaftliche Revolution) Europa im Hinblick auf den mathematischen, physikalischen und auch logischen Bereich einen großen Schritt nach vorne brachte. „Zwischen dem ersten und dem fünfzehnten Jahrhundert waren die Chinesen, […], Europa weit voraus und dies völlig unabhängig von den großen Ideen und Systemen der Griechen“ (a.a.O. S. 16), jedoch fehlte ihnen ohne dieses griechische Erbe, die Grundlage für die Erfindung der galileischen Wissenschaft.

Ab dem 15. Jahrhundert erfolgte im Westen nicht nur technischer Fortschritt, sondern auch die sozialen Strukturen veränderten sich durch neue Entdeckungen und Erfindungen, die unter anderem von China ausgingen und viel Einfluss hatten. Anhand dieser Tatsachen versucht Nelson deutlich zu machen, welchen Einfluss interzivilisatorische Begegnungen auf die Entwicklung der beiden Kulturen hatten.

Im weiteren Erklärungsprozess geht Nelson auf die fünf Punkte Needhams ein, die untereinander verbundene Systeme ansprechen sollen, womit sich die Veränderungen der soziokulturellen Muster beschreiben lassen könnten (vgl. a.a.O. S. 19). Der erste Punkt beinhaltet die Umwelt und die geographische Lage. Die geographischen Umweltbedingungen Chinas waren durch Isolation der Zivilisation gekennzeichnet, denn China war eine gewaltige Landmasse. Europa und China weisen zwar ähnliche Klimabereiche auf, jedoch gibt es nur in China eine Monsunzeit. Der zweite Punkt beschreibt die sozioökonomischen Strukturen. Im mittelalterlichen China herrschte eine nicht-erbliche Feudal-Bürokratie auf agrarischer Ebene, wobei es kein organisiertes System der Sklaverei gab (vgl. a.a.O. S. 20). Der dritte Punkt schließt die kulturellen Ontologien und philosophischen Prinzipien ein. Die kulturelle Struktur in China war durch den Konfuzianismus und Taoismus bestimmt, wobei beide die Vorstellung von Harmonie und einer wechselseitigen Verbundenheit aller Erscheinungen im Universum teilten. Die Taoisten charakterisierte jedoch eher der Rückzug aus der Welt mit einer weltabgewandten Naturbetrachtung. Die Konfuzianer waren dagegen offen für Wissenschaft und Bildung. Der vierte Punkt beinhaltet symbolische Technologien, insbesondere linguistische Muster der geschriebenen und gesprochenen Sprache, wobei China komplizierte Strukturen der Sprache aufwies, durch welche „[…] die frühe Erfindung eines echten Dezimal-Systems“ ermöglicht wurde (a.a.O. S. 20). Der fünfte und letzte Punkt beschreibt die Gemeinschafts- und Verbandsmuster und –werte, einschließlich der Verhaltensnormen. Die Gemeinschafts- und Verbandsstrukturen umfassen dabei Verpflichtungen und Normen hinsichtlich des Verhaltens. Diese ergeben sich aus Traditionen der Familie, der Clans und anderer Gesellschaftsformen (vgl. a.a.O. S. 20).

Aufgrund dieser fünf Punkte versucht Nelson nun vier Phänomene zu beschreiben. Zuerst geht er dabei auf „die deutliche Überlegenheit Chinas über den Westen in Bezug auf technologischen Erfindungsreichtum vom zweiten bis zum sechzehnten Jahrhundert ein“ (vgl. a.a.O. S. 21) ein. Das Fehlen von Sklaverei in China war dabei sehr wichtig und gab unter anderen den Anreiz für die Erfindung arbeitssparender Vorrichtungen. Die Anwendung solcher Erfindungen hätte im damaligen Europa dazu geführt, dass die Gesellschaftsschicht der Sklaven überflüssig geworden wäre, was eine Veränderung der Gesellschaftsstrukturen bewirkt hätte, was in China nicht der Fall war. Weiter verhalf die taoistische Praxis der Naturbetrachtung zu Fortschritten in Pharmakologie, Alchemie, Medizin und Physik. Die Konfuzianer, die im Dienst der Feudal-Bürokratie standen, förderten hingegen die Entwicklungen in der Astronomie (Kalender) und Hydrodynamik, auch auf Grund der Monsunzeit und der Fluss-Systeme, welche als Verbindungswege dienten (vgl. a.a.O. S. 22). Das zweite Phänomen stellt das Fehlen von empirischen Wissenschaftlern und Kaufleuten in China dar, wobei das Fehlen von Kaufleuten die Feudal-Bürokratie zu verschulden hatte: in China regierte der bürokratische Vertreter des Kaisers die Stadt (nicht wie in Europa der Bürgermeister mit den Gilden zusammen). Die Kaufleute hatten hier den untersten Rang der Gesellschaft, nach den Gelehrten, Bauern und Handwerkern. Die Handwerker und Kaufleute besaßen dabei am meisten Potential für Erfindungen. Jedoch entstand auf Grund des geringen Status der Handwerker und Kaufleute das Problem, dass „aufgeweckte junge Männer infolgedessen dem Handwerk entzogen wurden und sich der Bürokratie zuwandten, wo sie ihre Intelligenz auf die Lehrstudien verwandten, […], und nicht auf Erfindungen“ (a.a.O. S. 23). Auch der mangelnde Ausdruck der Handwerker und Kaufleute und das mangelnde literarische Verständnis machte es ihnen unmöglich für ihre Erfindungen Verständnis aufzubringen oder diese beim Kaiser vorzutragen. Das dritte Phänomen beschreibt das Fehlen einer Idee des Naturgesetzes. Die Vorstellungen von Gesetz waren im Osten und Westen sehr verschieden, denn Rom benötigte ein enorm differenziertes Rechtssystem um alle gegensätzlichen Gruppen der verschiedenen Völker, die unter römischer Herrschaft standen, abzudecken, hier gab es einen göttlichen Gesetzgeber. China hingegen war isoliert und brauchte dies nicht; hier war die Vorstellung vorherrschend, dass alle Dinge einer Regelmäßigkeit der Natur unterworfen waren (vgl. a.a.O. S. 24). Das letzte Phänomen beinhaltet die Unfähigkeit zum mathematischen-experimentellen Verfahren durchzustoßen. Beobachtet wurde dabei, dass Algebra und Geometrie sich getrennt entwickelt hatten, Algebra bei den Indern und Chinesen und Geometrie bei den Griechen. Griechenland wandte dabei eine logisch-deduktive Geometrie an, wobei die Chinesen geometrische Probleme immer algebraisch betrachteten. Diesbezüglich herrschten zwischen China und Europa große Differenzen (vgl. Nelson, S. 25). Die neue experimentelle Philosophie war gekennzeichnet „[…] durch die Suche nach messbaren Elementen in den Erscheinungen und Anwendung mathematischer Methoden […]“ (a.a.O. S. 26), wobei im Zuge dieser Entwicklung die Notwendigkeit der praktischen Hypothesenprüfung erkannt wurde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Benjamin Nelson und Talcott Parsons: Zwei Ansätze zur Beschreibung der gesellschaftlichen Rationalisierung
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für SOziologie und Demographie)
Veranstaltung
Gesellschaftliche Rationalisierung
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V82139
ISBN (eBook)
9783638890564
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benjamin, Nelson, Talcott, Parsons, Zwei, Ansätze, Beschreibung, Rationalisierung, Gesellschaftliche, Rationalisierung
Arbeit zitieren
Stefanie Vigerske (Autor), 2007, Benjamin Nelson und Talcott Parsons: Zwei Ansätze zur Beschreibung der gesellschaftlichen Rationalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82139

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