Schizophrenie - Eine soziologische Analyse aus phänomenologischer Sicht


Hausarbeit, 2003
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diagnostik der Schizophrenie

3. Die Alltagswelt
3.1 Ein Überblick
3.2 Typisierung der Sozialwelt
3.2.1 Die soziale Umwelt
3.2.1.1 Umweltliche soziale Beziehung
3.2.1.2 Umweltliche Beobachtung
3.2.2 Die soziale Mitwelt
3.2.2.1 Übergang von der sozialen Umwelt zur sozialen Mitwelt
3.2.3 Schizophrene Umwelt und Mitwelt
3.3.3 Die Phantasiewelt
3.3.3.1 Skizzierung der Phantasiewelt
3.3.3.2 Vergleich mit der Alltagswelt
3.3.3.3 Schizophrenie – Leben zwischen Alltags- und Phantasiewelt?

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf den ersten Blick scheint Schizophrenie als Thema einer soziologischen Arbeit kaum in Betracht zu kommen. Als psychische Störung bekannt, ist sie in erster Linie Gegenstand der Psychiatrie und somit von psychologischer Bedeutung. Doch auch zwischen Soziologie und Schizophrenie kann - mindestens - eine Verbindung hergestellt werden, wenngleich diese nicht sofort ersichtlich ist. Hierbei ist es wichtig klarzustellen, dass die Blickweise respektive die Richtung der verschiedenen innerhalb der Soziologie entstandenen Theorien eine entscheidende Rolle spielt. Für die Bedeutung der eben angesprochenen Verbindung bietet sich die phänomenologische Soziologie Alfred Schütz’ an, der er sich u.a. zur Aufgabe machte, das Leben der Individuen in der sozialen Wirklichkeit zu beschreiben und hierzu Strukturen, „d.h. die jeder alltäglichen Sinndeutung und Sinnsetzung durch bewußtseinsbegabte Individuen und Gruppen zugrundeliegenden Ordnungsprinzipien (…) aufzudecken“ (Morel et al. 1997: 71). Hierbei untersucht er u.a. die soziale Umwelt und die soziale Mitwelt auf die jeweiligen Beobachtungen und sozialen Beziehungen der in ihr lebenden Individuen hin. Bezogen auf das Thema der Arbeit legt dies die Frage nahe, ob sich die Beobachtungen und sozialen Beziehungen von an Schizophrenie Erkrankten von denjenigen Individuen, auf die sich Schütz’ Analyse bezieht, unterscheiden[1]. Da der „menschliche Geist (…) auch in anderen Bereichen zu Hause (ist)“ (ebd.: 72) hat Schütz neben seiner Theorie der Lebenswelt die Theorie der mannigfaltigen Wirklichkeiten erarbeitet, welche sich mit der menschlichen Sinndeutung und Sinnsetzung innerhalb der anderen Sinnprovinzen „Phantasiewelt“, „Traumwelt“ und „Welt der wissenschaftlichen Theorie“ befasst. Eine Analyse der Traumwelt und der Welt der wissenschaftlichen Theorie wir hier außen vor gelassen, doch bietet sich an zu fragen, inwieweit Schizophrenie-Patienten in der Phantasiewelt leben.

Im Folgenden soll versucht werden, durch Untersuchung der oben erwähnten Theorien Schütz’ Antworten auf diese Fragen zu finden. Dabei wird zu Beginn die Krankheit Schizophrenie kurz vorgestellt und eingegrenzt. Sodann werden die soziale Umwelt und die soziale Mitwelt als Typen der Alltagswelt im Einzelnen behandelt, wobei dies zunächst allgemein geschieht, um anschließend jeweils Bezug zur Schizophrenie bzw. zu Schizophrenie-Kranken zu nehmen. Daraufhin folgen die Darstellung der Phantasiewelt und ein Vergleich dieser mit der Alltagswelt, wonach auch hier eine Verbindung mit der Krankheit hergestellt wird.

2. Diagnostik der Schizophrenie

In diesem Abschnitt soll kurz und dennoch so präzise wie nötig dargestellt werden, wann die Diagnose der Schizophrenie gerechtfertigt ist und durch welche Symptome sich diese Krankheit äußert.

Laut ICD-10[2] kann die Diagnose der Schizophrenie schon gestellt werden, sobald eines der folgenden vier Kriterien eindeutig zutrifft. Dabei muss sich die Symptomatik mindestens einen Monat fast ständig ausgewirkt haben. 1. das Gefühl, in seinen Gedanken beeinflusst oder kontrolliert zu sein, 2. Wahnvorstellungen, die Kontrolle und Beeinflussung beinhalten, 3. Hören von Stimmen, die sich über den Kranken unterhalten und 4. wahnhafter Glaube, übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen. Bei den weiteren durch die IDC-10 gestellten Kriterien (5-8) genügt zur Diagnose das Auftreten zweier Symptome; sie seien hier stichpunktartig aufgeführt: 5. Halluzinationen, 6. formale Denkstörungen (Inkohärenz[3] des Denkens), 7. katatone Symptomatik, z.B. Stupor[4], 8. negative Symptome wie Affektverminderung und Antriebslosigkeit.

Wie klar zu sehen ist, stehen die Wahnvorstellungen und „die Idee der externen Verfügbarkeit über die eigenen Gedanken“ (Köhler 1998: 71) bei der Diagnose im Vordergrund. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass auch die paranoide Schizophrenie v.a. durch das Auftreten dieser Symptomatik begründet wird: „Die paranoide Schizophrenie (...) ist die häufigste Form und durch Wahnerleben sowie zumeist akustische Halluzinationen (Stimmen) gekennzeichnet“ (Köhler 1998: 71). Negative Symptome, formale Denkstörungen oder katatone Symptomatik treten hier in den Hintergrund und rechtfertigen eher die Diagnose der hebephrenen bzw. der katatonen Schizophrenie. Diese Arbeit bezieht sich nicht auf diese oder weitere bekannte Unterformen, sondern behandelt ausschließlich die paranoide Schizophrenie (vgl. Köhler 1998: 67-71).

3. Die Alltagswelt

3.1 Ein Überblick

Um einen Eindruck über Schütz’ Theorie der Alltagswelt zu erhalten, wird zunächst ein Überblick über diese Thematik gegeben. Eine umfassende Ausführung, die nötig wäre, um sein Verständnis von der Welt des Alltags vollständig zu begreifen, ist hier aufgrund des vorgegeben Rahmens nicht möglich, doch sollte eine im Vergleich zur gesamten Analyse relativ knappe Vorstellung ausreichen, um später die Beantwortung der eingangs gestellten Fragen[5] nachvollziehen zu können.

Welcher Bereich gemeint ist, wenn Schütz von Alltagswelt spricht, soll folgendes Zitat zeigen: „Unter alltäglicher Lebenswelt soll jener Wirklichkeitsbereich verstanden werden, den der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet“ (Schütz/Luckmann 1975: 23). Das heißt also, dass das Individuum in seiner sog. natürlichen Einstellung die Existenz der Lebenswelt als fraglos gegeben annimmt. Ebenso selbstverständlich ist für ihn die Möglichkeit, in ihr zu handeln und sie so zu verändern. Hierzu muss der Mensch seine Wirklichkeit erkennen und interpretieren, was von Schütz als „Definition der Situation“ bezeichnet wird. Dies geschieht durch das jeweils vorhandenen Wissen, welches dem Individuum seitens seiner Eltern oder genauer: seines Umfeldes vermittelt wurde (vgl. Morel et al. 1997: 73). Dem Mensch erscheint die Alltagswelt dadurch nicht chaotisch, sondern geordnet und gewissermaßen vertraut: „Dem natürlichen Menschen sind nun seine Erfahrungen (und zwar in der Weise des Wissens und Vorwissens) ‚geordnet’ vorgegeben, wie ihm die ganze gegenständliche Welt geordnet vorgegeben ist“ (Schütz 1960: 87). Welche spezifische Ordnung das Individuum vorfindet, ist abhängig von seiner biographischen Situation, so dass er „...die Alltagswelt (...) also in verschiedenen Graden räumlicher und zeitlicher Nähe und Ferne (erlebt)“ (Amann 1996: 228). Sollte der vorhandene Wissensvorrat einmal nicht zu Interpretation der Situation ausreichen, bedeutet dies, „...(d)aß ein Phänomen (...) in die Schemata der Erfahrung als fraglos gegebene Gegenständlichkeiten nicht eingeordnet werden kann“ (Schütz 1960: 91) und somit die Situation zunächst als problematisch gilt. Schütz bezeichnet das interessierende unbekannte Element dabei als „thematisch relevant“ geworden. Zur Lösung des Problems müssen die sog. auslegungs- oder interpretationsrelevanten Teile des Wissens herangezogen werden, durch deren Hilfe das Unbekannte gedeutet wird (vgl. Morel et al. 1997: 75). Letztendlich „...paßt (er) jeweils die neuen Erfahrungen in die bereits für ihn gegebenen und gewohnten Ordnungen ein“ (Amann 1996: 231), erweitert also seinen Wissensvorrat.

Zur Definition der Situation sei noch zu erwähnen, dass durch sie die Möglichkeit gegeben wird, handelnd auf die Umwelt zu wirken (vgl. Morel et al. 1997: 75). Dabei versteht Schütz unter „Handeln“ ein Verhalten, das sich nach einem zuvor entworfenen Plan vollzieht: „Was das Handeln von dem Verhalten unterscheidet, ist also das Entworfensein der Handlung, die durch das Handeln zur Selbstgegebenheit gelangen soll“ (Schütz 1960: 59). Der Entwurf des Handelns kann dabei auch von der tatsächlichen Handlung, die von Schütz als Ergebnis des Handelns definiert wird, abweichen. In diesem Fall ist der Entwurf nicht erfüllt.

Schließlich soll in diesem Abschnitt noch kurz von der Intersubjektivität der Wirklichkeit der Alltagswelt die Rede sein. Die Wirklichkeit der Alltagswelt ist intersubjektiv in dem Sinne, dass sie nicht nur für mich als Individuum wirklich ist, sondern auch für die anderen. Hervorzuheben sei dazu folgender Satz, auf den zunächst nicht näher eingegangen wird: „...diese Intersubjektivität trennt die Wirklichkeit der Alltagswelt scharf von anderen Wirklichkeiten wie Träumen, religiösen Erlebnissen, para-psychologischen Wirklichkeiten oder Wahnvorstellungen“ (Amann 1996: 228).

Wie bereits erwähnt, könnte dieser Überblick noch um unzählige Seiten erweitert werden, doch bei dieser groben Vorstellung der Alltagswelt soll es zunächst belassen werden. Die Bedeutung dieses Abschnitts wird zu einem späteren Zeitpunkt[6] klar, wenn die Alltagswelt mit der Phantasiewelt verglichen und ein Bezug zur Schizophrenie hergestellt wird. Doch zunächst werden auch die nächsten Abschnitte von der Alltagswelt handeln, genauer: von der Sozialwelt und ihrer Typisierung.

[...]


[1] Die Verfasserin nimmt an, dass in Schütz’ Analysen keine schizophrenen Menschen einbezogen sind.

[2] Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation für Krankheiten in der 10. Fassung, 1991.

[3] Zusammenhanglosigkeit

[4] „Zustand körperlicher Unbeweglichkeit und völliger Reaktionsunfähigkeit bei enthaltenem Bewusstsein“ (Hermann et al. 1996: 899)

[5] Vgl. Einleitung

[6] Vgl. S.16

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Schizophrenie - Eine soziologische Analyse aus phänomenologischer Sicht
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V82213
ISBN (eBook)
9783638877954
ISBN (Buch)
9783638878135
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit löst den hohen selbstgestellten Anspruch in kritischer und überlegter Manier ein. Eine genaue und komplexe Darstellung der Schütz'schen Theorie ermöglicht eine überragende Anwendung auf den Gegenstand, die ein soziologisch relevantes Ergebnis vorweisen kann. Dass weitere Betrachtungen zur Definition der Situation unter Einbezug des Wissensbegriffs angestellt hätten werden können, die eine Erklärung der Sozialität von schizophrenen Egos evtl. ermöglicht hätten, tut der Güte dieser Arbeit keinen Abbruch.
Schlagworte
Schizophrenie, Eine, Analyse, Sicht
Arbeit zitieren
Manuela Pelzl (Autor), 2003, Schizophrenie - Eine soziologische Analyse aus phänomenologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82213

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