Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Der Beitrag Sozialer Arbeit im Mehrgenerationenhaus


Diplomarbeit, 2005
102 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zum Begriff und Wandel der Familie in Deutschland
1.1 Gesellschaftliche Bedingungen
1.2 Zum Begriff der Familie
1.3 Zur Funktion und Bedeutung der Familie
1.4 Zu Geschichte und Wandel der Familie
1.5 Familie heute

2 Zum Begriff und der Bedeutung von Beruf
2.1 Der Begriff
2.2 Die Bedeutung

3 Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Ein Frauenthema?
3.1 Weibliche Sozialisationsfaktoren
3.2 Männerwelt Beruf – Frauenwelt Familie
3.3 Problemlagen von Frauen
3.4 Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
3.4.1 Was Vereinbarkeit bedeutet
3.4.2 Warum Vereinbarkeit wichtig ist
3.4.3 Was Vereinbarkeit behindert
3.4.4 Was Familien brauchen

4 Das Mehrgenerationenhaus
4.1 Mehrgenerationenhäuser in Niedersachsen
4.2 Konzept der Mehrgenerationenhäuser in Niedersachsen
4.2.1 Allgemeine Zielsetzung
4.2.2 Zielgruppe
4.2.3 Arbeitsweisen und Methoden
4.2.4 Rahmenbedingungen
4.3 Konzept des Mehrgenerationenhaus Pattensen
4.3.1 Entstehung und Geschichte
4.3.2 Finanzierung
4.3.3 Räumlichkeiten
4.3.4 Ziele
4.3.5 MitarbeiterInnen
4.3.6 Angebote und familienunterstützende Dienstleistungen
4.4 Aufgaben der Sozialarbeiterin im Mehrgenerationenhaus Pattensen
4.5 Aufgabenbeschreibung für die geschäftsführende und leitende Tätigkeit der Vorsitzenden des Vorstandes
4.6 Chancen und Grenzen des Mehrgenerationenhaus Pattensen
4.6.1 Chancen der Familienbildung und des Mehrgenerationenhauses
4.6.2 Grenzen der Familienbildung und des Mehrgenerationenhauses

5 Und was ist daran Soziale Arbeit? – Empowerment im Sozialen Raum
5.1 Der Soziale Raum
5.2 Empowerment
5.2.1 Definition
5.2.2 Menschenbild und Grundwerte
5.2.3 Ebenen der Empowermentpraxis
5.2.4 Zielstationen
5.2.5 Politisches Empowerment als Politische Partizipation und Umweltgestaltung
5.2.6 Selbsthilfe
5.2.7 Anforderungen an die SozialarbeiterInnen
5.2.8 Chancen und Grenzen von Empowermentprozessen

6 Der Beitrag Sozialer Arbeit im Mehrgenerationenhaus – Ein Resümee

7 Literaturverzeichnis

Einleitung

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs: die Globalisierung fordert von Menschen und Märkten ein hohes Maß an Mobilität. Mit den Formen der Wirtschaft verändern sich auch die Formen des Zusammenlebens. Doch mitten in allen Umwälzungen und Neuerungen gibt es eine Konstante. Das ist die Familie.[1] Um diese Kostante, ihre Bedeutung und Möglichkeit oder Unmöglichkeit sie in Verbindung mit Erwerbstätigkeit der Eltern zu leben geht es in dieser Arbeit. Das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist schon seit einiger Zeit, vermehrt seit etwa einem halben Jahr, in aller Munde. Es vergeht kaum ein Tag ohne neue Berichterstattungen über die angestrebte Familienfreundlichkeit Deutschlands, fehlende Kinderbetreuung, Geburtenrückgang und somit unser überaltertes Land. Zeitungsartikel mit den Schlagzeilen „Wohin mit den Kleinsten?“, „Kinder als Gewinn – wo Eltern sorglos arbeiten“, „Gemeinsam für Familien“, „Beruf und Familie? So geht´ s!“, “Stadt bietet Ausbildung für Tagesmütter“, „Beruf und Baby – wie geht das?“, „Krippenkinder, Rabenmütter?“, „Familienfreundlichkeit rechnet sich“, „Busemann: Weniger Pillen, mehr Erziehung“ oder auch „Land ohne Kinder“ gehören fast schon zur Tagesordnung. Auch Gerhard Schröder mit seiner Grundsatzrede zur nachhaltigen Familienpolitik im April 2005 hat genau diesen Nerv getroffen. Er beschreibt dort die Familie als Erfolgsfaktor für die Wirtschaft und fordert von den Unternehmen, mehr zur Vereinbarkeit beizutragen, denn die Unternehmen setzten sich seiner Ansicht nach nicht genug für das Wachstum von Familien ein. Es sei Aufgabe von Politik, Wirtschaft und allen Gruppen der Gesellschaft zusammen, dass in Deutschland genügend Kinder geboren und gut ausgebildet würden. „Wir müssen auf jeden Fall die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessern.“[2] Die Steigerung der Geburtenrate in Deutschland bezeichnete Schröder als „strategische Aufgabe ersten Ranges“. Die Bundesregierung wolle Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts zum familienfreundlichsten Land in Europa machen. Dies solle sich nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Familien auszahlen. Konkret fordert der Kanzler mehr Unterstützung der Unternehmen bei der Kinderbetreuung. Vor allem Frauen im Westen hätten Angst, dass sie wegen fehlender Betreuungsplätze für Kinder nur schwer oder gar nicht wieder in ihren Beruf zurückkehren könnten. „Wir dürfen aber nicht zulassen, dass sich eine junge Frau gegen ein Kind entscheidet, nur weil sie vor die Alternative Kind oder Karriere gestellt wird“[3], sagte Schröder. Auch müsse dafür gesorgt werden, dass Familien mit Normaleinkommen nicht der Kosten wegen, die Kinder nun einmal verursachen, auf ein solches verzichten.[4]

Meiner Ansicht nach, und das ist mein Hauptanliegen, sollte es hier aber nicht um die Wirtschaft sondern um die Entscheidungsfreiheit für oder gegen Kinder, sowie um die Zufriedenheit und Gesundheit von Familien bzw. Menschen gehen. Interessant oder besser erschreckend empfinde ich es, wenn in einem Bericht über die Vereinbarkeitsproblematik in Deutschland im Vergleich zu der in Frankreich ganz klar wird, dass es diese dort gar nicht gibt. Das Wort Kinderfeindlichkeit existiert im Französischen nicht[5], genauso wie „Fremdbetreuung“, „Kinder abgeben“, „sich Kinder anschaffen“ in Frankreich unbekannte Begriffe sind.[6] Die Frage dort sei nicht, ob man bzw. Frau ein Kind bekommt, sondern lediglich ob zwei, drei oder vier.[7]

Dies alles hat mein Interesse an der Auseinandersetzung mit diesem Thema zwar nicht geweckt, wenn doch verstärkt. Angefangen hat es eigentlich damit, dass aus meinem Bekanntenkreis vermehrt laut wurde, dass Mütter keiner oder nur sehr eingeschränkter Arbeit nachgehen konnten aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder. Weiterhin ging es darum, dass man rechnen müsse, ob man sich ein Kind leisten könne, ob der finanziellen Einbußen und des Bruchs der Erwerbsbiographie der Frau. Dies mündete in die Aussage, dass der Geburtenrückgang auch dadurch bedingt sei, dass immer weniger Familien u.a. aus finanziellen Gründen Kinder bekommen können – vielleicht doch aber gerne würden. Es sollten also durch eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Familie und somit verbesserte Rahmenbedingungen all diejenigen Kinder bekommen können, die es sich wünschen.

Auf die Mehrgenerationenhäuser bin ich durch einen Zeitungsartikel aufmerksam geworden. Da die ältere Bevölkerung zunimmt und dabei aktiv bleibt halte ich dieses Projekt für gut und zukunftsträchtig. Hier geht es nun jedoch weniger um die älteren Menschen, sondern um die jungen Familien und die Unterstützungsmöglichkeiten durch ein Mehrgenerationenhaus. Um mehr Informationen über Mehrgenerationenhäuser zu bekommen und ein konkretes vorstellen zu können, bin ich nach Pattensen gefahren und habe mir vor Ort die Einrichtung und Arbeit angesehen.

„Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Der Beitrag Sozialer Arbeit im Mehrgenerationenhaus“. Um sich diesem äußerst spannenden wie umfangreichen Thema anzunähern und einen bestimmten Fokus in der Bearbeitung zu legen lauten meine erkenntnisleitenden Fragen:

- Was bedeutet Vereinbarkeit von Beruf und Familie und wodurch wird sie erschwert?
- Warum sehen sich vorwiegend Frauen vor diese Schwierigkeit gestellt?
- Was brauchen bzw. was entlastet Familien?
- Welchen Beitrag kann das Mehrgenerationenhaus zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf leisten und wo liegen seine Grenzen?

Aufgrund der Aktualität des Themas Vereinbarkeit habe ich auch auf Internetseiten zugegriffen, da dort die aktuellsten Zusammenfassungen, die teils noch nicht in Buchform vorgelegen haben, zu finden waren. Auch zum Thema Mehrgenerationenhaus gibt es keine Literatur, daher der Rückgriff auf das Internet.

Aufgrund der Breite des Themas und der Fülle der dazu vorhandenen Literatur habe ich es noch weiter eingrenzen müssen. Es soll in dieser Arbeit ausschließlich auf die Vereinbarkeit von Kind und Beruf eingegangen werden und nicht auf den Fall der Versorgung von Hilfe- und Pflegebedürftiger. Auch diese besondere Lebenssituation erfordert besondere Maßnahmen, die hier allerdings nicht diskutiert werden sollen und können. Wobei auch diese Aufgaben noch immer frauenspezifisch sind und eine weitere Belastung bzw. Aufgabe bedeuten.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollte ein Thema für beide Geschlechter sein und ist dies sicher auch schon vereinzelt. Es scheint jedoch ein Thema zu sein, dass überwiegend Frauen betrifft. Daher und aus Gründen der weiteren Eingrenzung der Thematik habe ich mich auf die Frauen in diesem Spannungsfeld beschränkt. Eine weitere Einschränkung ist der Blick auf die Familie im Sinne der traditionellen Kleinfamilie mit Vater, Mutter und Kind, egal ob die Eltern verheiratet sind oder nicht. Es ist klar, dass Alleinerziehende einer weiteren, spezifischeren, höheren, besonders finanziellen Belastung ausgesetzt sind, was hier allerdings nicht Schwerpunkt sein wird.

Zum Aufbau der Arbeit ist zu sagen, dass sie aus sechs Kapiteln besteht. Das erste beinhaltet eine Beschreibung der gesellschaftlichen Bedingungen, eine Klärung des Begriffs Familie und deren Bedeutung. Weiterhin wird dort auf die Geschichte der Familie als auch auf ihren Wandel bis heute eingegangen. Das zweite Kapitel beinhaltet eine Klärung des Begriffs und der Bedeutung von Berufstätigkeit. Im dritten Kapitel wird der Frage nachgegangen, ob die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein typisches Problem von Frauen ist und was unter Vereinbarkeit zu verstehen ist. Zur Klärung dieser Fragen werden die weiblichen Sozialisationsfaktoren und die traditionelle Arbeitsteilung und ihre Auswirkungen auf die Geschlechter beleuchtet, sowie die sich daraus ergebenden speziellen Problemlagen von Frauen beschrieben. Es geht auch darum, was Vereinbarkeit bedeutet, warum sie wichtig ist, was sie behindert und was Familien brauchen. Im vierten Kapitel werden Mehrgenerationenhäuser generell und speziell das Mehrgenerationenhaus Pattensen mit seinen Zielen, Angeboten und den Aufgaben – die praktische Arbeit - der dort tätigen Sozialarbeiterin vorgestellt. Es werden auch die Chancen und Grenzen des Mehrgenerationenhauses diskutiert. Im darauf folgenden fünften Kapitel wird das im Konzept der Mehrgenerationenhäuser schon angedeutete Arbeitsprinzip des Empowerment – also die Theorie – ausgeführt, sowie der Sozialraum definiert. Auch hier werden Möglichkeiten und Begrenzungen beleuchtet. Das sechste Kapitel ist als eine Zusammenführung zu verstehen, als ein Resümee der vorhergegangenen Kapitel. Hier wird der Beitrag der Sozialen Arbeit im Mehrgenerationenhaus dargestellt und reflektiert.

Um die Frauen auch in der schriftlichen Form mit zu berücksichtigen und sichtbar zu machen, verwende ich in dieser Arbeit das große „I“. Die wahrscheinlich am meisten Betroffenen sollten auch in der Schriftform erkennbar sein.

Um sich dem Thema anzunähern ist es hilfreich die wichtigsten Begriffe – Familie, Vereinbarkeit und Beruf – zu definieren, sie mit Inhalt zu füllen. Doch zuvor, sozusagen zur Einstimmung, noch Zitate von zwei Frauen, die sehr wahrscheinlich wissen, wovon sie sprechen:

„Keiner stellt infrage, dass Straßen von Steuergeldern finanziert werden müssen, damit Menschen zur Arbeit kommen. Das Gleiche gilt für Kinderbetreuung. Ohne die kommen Mütter nicht aus dem Haus.“[8] Inzwischen bleibt rund ein Drittel aller Frauen ohne Nachwuchs. Kinder bedeuten vielen Deutschen längst nicht mehr „ein Gefühl des tiefen Glücks und der Zuversicht, eine ganz einzigartige Antwort auf den Sinn des Lebens.“[9] Stattdessen gelten sie als „Armutsrisiko“, „Plage“ und „etwas ganz Fürchterliches“, das man besser gar nicht erst in die Welt setzt, wie Renate Schmidt in einem Interview bedauert. Die Elternschaft in Deutschland bedeutet, vor einer Aufgabe zu stehen, die man einerseits nur selbst erledigen kann, und an der man andererseits scheitern muss. Man schuldet seinem Kind all seine Zeit, all seinen Schlaf, all seine Liebe, all seine Mühe, und es ist doch nie genug. Eine gute deutsche Mutter ist eine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich trotzdem schuldig fühlt. Und wer fühlt sich schon gerne permanent schuldig?[10] „Außerhalb des Jobs ist man eine Rabenmutter, die ihre Kinder abgibt, im Job ist man jemand, ach Gott, auf die können wir gleich verzichten. Nach dem ersten Kind lautete das unterschwellige Urteil über mich im Kollegenkreis: Wissenschaftlich ist die eine Null, die kriegt ja Kinder. Die kann auf Station arbeiten. Als ich das dritte Kind erwartete, sagte der Oberarzt zu mir vor versammelter Mannschaft: Frau von der Leyen! Sie sind wohl zu faul zum Arbeiten!“[11]

1 Zum Begriff und Wandel der Familie in Deutschland

Um sich dem Begriff der heutigen Familie zu nähern, ist es wichtig, die gesellschaftlichen Bedingungen in denen sie existiert zu charakterisieren und die Auswirkungen dieser Bedingungen zu schildern. Es soll hier auch eine Klärung des Begriffs Familie stattfinden, ihre Funktion und Bedeutung beleuchtet und die für diese Arbeit bedeutenden Eckdaten aus der Geschichte und dem Wandel der Familie bis heute dargestellt werden.

1.1 Gesellschaftliche Bedingungen

Die sozialwissenschaftliche Diskussion zum Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland ist deutlich durch die Thematik der „Risikogesellschaft“ geprägt. Dieser Begriff verweist auf einen seit Ende des 19. Jahrhunderts anhaltenden gesellschaftlichen Prozess der Individualisierung, als Konsequenz beschleunigter ökonomischer und sozialer Arbeitsteilung, den Emile Durkheim schon damals beschrieben und Ulrich Beck fast hundert Jahre später systematisch neu gefasst hat. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die ganze Tragweite dieses Individualisierungsprozesses bewusst und in seinen Konsequenzen freigelegt.[12] Die Individualisierung als eine Folge des Modernisierungsprozesses wird von Beck in drei Dimensionen unterteilt:[13]

- Die Auflösung tradierter Sozial- und Kontrollbedingungen: die Herauslösung und Freisetzung des Individuums aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge von Familie, sozialem Milieu und Klassenkultur.
- Die Erosion normativer Sinnhorizonte: der Verlust von traditionellen Sicherheiten und festen Wertbindungen im Hinblick auf Handlungswissen, Glaubenssystemen und verpflichtenden Normen einer subjektiven Alltagsethik.
- Die Entstrukturierung der subjektiven Lebensläufe: die Auflösung festgefügter und sozial normierter Lebenswegprogramme, die Vervielfältigung der prinzipiell wahloffenen biographischen Optionen und die Suche nach neuen, sicherheitsspendenden Formen sozialer Einbindung.

Individualisierung bedeutet also Herauslösung bzw. Freisetzung, Stabilitäts- und Sicherheitsverlust sowie Wiedereinbindung in neue Systeme.[14] Im Individualisierungstheorem ist die These enthalten, dass die Menschen in solchen Prozessen der sozialen Freisetzung immer auch nach neuen Formen sozialer Integration suchen. Denn der moderne Mensch in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft ist existentiell auf andere angewiesen und kann nur lebendig sein, wenn er sozial irgendwie eingebunden ist.[15]

Die Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft verlangt ein kompliziertes Netz von Entscheidungen von jedem Einzelnen. Die Grundlagen des sozialen Zusammenlebens haben sich fundamental verändert. Es gibt sowohl Chancen als auch Risiken der beschriebenen Individualisierung. Jeder muss für sich entscheiden, wo er steht und welche Regeln für ihn gelten. Beck sagt, dass dadurch der Blick für das eigene Leben geschärft wird. Der Mensch wird nicht mehr, wie vor 10 bis 20 Jahren, durch den gesellschaftlichen Rahmen von Normen und Traditionen geleitet. Jede Biografie stellt den einzelnen vor immer mehr folgenreiche Entscheidungen, woraus sich eine Vielzahl von Biografievarianten ergibt. Dies beinhaltet auch den Zwang „basteln“ zu müssen; jeder hat die Verantwortung das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Dieser Anspruch, diese Anforderung wächst weiterhin. In der westlichen Welt steigt der Wunsch nach eigenem Leben. Als Grund für diesen Aufbruch wird der Mensch selbst angeführt, seine abnehmende Bereitschaft Vorgegebenes auszuführen, sich einzuordnen, zu verzichten usw. Menschen werden im dauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen z.T. unvereinbaren Verhaltenslogiken zerrieben bzw. hin und her gerissen. Um dies zusammenzubringen ist eigener Einsatz nötig, da es für diese neuartigen Anforderungen keine „traditionellen“ Lösungen gibt oder sie nicht mehr angemessen sind. Bindende Traditionen werden durch Vorgaben das eigene Leben zu organisieren ersetzt. Die Normalbiografie wird zur Wahlbiografie. Dies gilt auch für die weibliche Normalbiografie, was später noch weiter ausgeführt wird.

Menschen sind gezwungen sich selbst sowie die Traditionen und Werte neu zu definieren. Dem Menschen wird ein Leben zugemutet, das durch die unterschiedlichsten, einander widersprechender globaler und persönlicher Risiken und Anforderungen gekennzeichnet ist. Der Mensch muss aktiv sein und täglich Entscheidungen treffen, ist ständig unkalkulierbaren Unsicherheiten ausgesetzt. Es gibt immer mehr Entscheidungsmöglichkeiten und immer weniger „fremde Ursachen“.

Überlieferte Rollen sowie Rollenstereotypen (auch Geschlechterrollen) versagen, die Zukunft kann nicht mehr aus der Herkunft jedes Einzelnen abgeleitet werden. Dies bewirkt eine Unruhe des Zeitgeistes, weil niemand weiß, wie dies gelingt. Es besteht nicht nur die Möglichkeit, sondern regelrecht ein Zwang zu Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, welcher in Verzweiflung umschlagen kann. Nicht jeder Mensch ist „gemacht“ für Veränderungen. Dies kann eine dauerhafte, elementare Überforderung bedeuten. Das eigene Leben wird als Lebensform hoch bewertet und erzeugt auch das Ideal der Liebesehe als sozialemotionalen Rückhalt. Die Ehe wird nicht mehr traditionell und materiell gesehen, sondern emotional und individuell.[16]

Die Individualisierung und Pluralisierung nach Beck stürzt Menschen in Krisen, da Altbekanntes nicht mehr funktioniert oder sie mit völlig unbekanntem Neuen konfrontiert werden für das sie keine Bewältigungsstrategie haben. Daraus ergeben sich soziale Probleme.

1.2 Zum Begriff der Familie

In der Fachliteratur finden sich viele verschiedene Definitionen des Begriffs „Familie“. Die Komplexität, die dieser Begriff heute mit sich bringt, wird in dem Versuch einer Definition im Sinne dieser Arbeit sehr deutlich. Bei näherer Untersuchung stellt man fest, dass sich das Wort „Familie“ erst seit dem 17. Jahrhundert im deutschen Sprachgebrauch verbreitete, ausgehend von dem französischen Wort „famille“. Dieser neue Begriff ersetzte den älteren des „Hauses“. Damit wird also schon deutlich, dass die gesamte Gemeinschaft eines Hauses als Familie bezeichnet werden sollte, eine Einheit zu der auch das Gesinde gehörte. Auf näheres gehe ich später noch weiter ein. Aber man sieht schon das Problem dieser Definition. Es wird nur von zusammenwohnenden Personen gesprochen, ohne damit im geringsten unserer heutigen Auffassung von Familie zu entsprechen. Nicht die Kernfamilie wird dadurch definiert, sondern die „große Haushaltsfamilie“. Betrachten wir nun einmal die heutigen Definitionen des Begriffes „Familie“. So heißt es: „Eine Familie ist im weitesten Sinne eine Kleingruppe mit einem spezifischen Kooperations- und wechselseitigem Solidaritätsverhältnis, deren Hauptaufgabe in der biologischen und sozialen Reproduktion der Gesellschaftsmitglieder besteht“.[17] Oder die Feststellung Neidhardts: „Aus einer Ehe wird eine Familie aber erst dann, wenn die Ehepartner zu Eltern werden“.[18] Daraus ergibt sich dann wieder das Problem, ab wann man eine „Gruppe“ eine „Familie“ nennen kann. Eine ähnliche, etwas enger gefasste Definition findet Hermann L. Gukenbiehl:[19] „Familie [...] ist eine aus dem frz. „famille“ übernommene Bezeichnung für eine familiale Lebensform, die sich im städtischbürgerlichen Lebensraum des 19. Jahrhunderts ausprägte. Allgemein weist eine familiale Lebensform als Kern zumindest eine relativ dauerhafte und legitimierte Beziehung zwischen einer / einem Erwachsenen und einem Kind auf (Elternschaft / Kindschaft), wobei dem Erwachsenen die Hauptverantwortung für die Fürsorge und die Sozialisation des Kindes zukommt“.[20] „Als Familie im Sinne der amtlichen Statistik zählen... Ehepaare ohne oder mit Kindern, sowie alleinerziehende, ledige, verheiratete getrennt lebende, geschiedene und verwitwete, Väter und Mütter, die mit ihren ledigen Kindern im gleichen Haushalt zusammen leben“.[21] Ich kann mich mit einer Einschränkung an diese Definition anlehnen. Hier greife ich aus der Definition Gukenbiehls heraus, dass der Kern einer Familie mindestens aus einem Erwachsenen und einem Kind besteht und der Erwachsene die hauptsächliche Verantwortung für das Kind hat. Somit schränke ich die Definition des Statistischen Bundesamtes lediglich in soweit ein, dass kinderlose Ehepaare nicht zur Familie zählen. Für meine Arbeit macht dies in soweit Sinn, als das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erst dann voll zum tragen kommt, wenn ein Kind zu versorgen ist. Es ist klar, dass auch schon vorher Probleme entstehen können durch evtl. Ungleichverteilung der Familienarbeit. Dies beinhaltet jedoch nicht den wesentlichen Aspekt dieser Arbeit. Abschließen will ich diesen Teil mit folgender Definition, die wohl doch die treffendste ist. „Unser Familienbegriff“, so heißt es im aktuellen Koalitionsvertrag, „ist so vielfältig wie die Lebensumstände der Menschen: Familie ist für uns, wo Kinder sind. Uns geht es um die Kinder und die Eltern – unabhängig davon, in welcher Lebensgemeinschaft sie zusammenleben.“[22]

1.3 Zur Funktion und Bedeutung der Familie

Wie schon gesagt wird in der Fachliteratur die Komplexität des Themas Familie sehr deutlich. Es werden ihre Funktionen beleuchtet, Funktionsverlust und Funktionswandel werden thematisiert. Zu diesem Thema möchte ich nur kurz anmerken, dass für mich und meine Arbeit zwei beschriebene Funktionen besonders wichtig erscheinen. Dies ist zum einen die Solidaritätsfunktion. Sie bietet den Familienmitgliedern Sicherheit, Schutz und Geborgenheit. Dies geschieht zum Teil durch Hilfen bei Krankheit und Krisen. Zum zweiten die Funktion des Spannungsausgleichs , welche in der Familie dem Menschen die Möglichkeit zur Bewältigung von Problemen geben kann, welche im Zusammenhang mit der Öffentlichkeit und ihren geforderten Einstellungen und Verhaltensweisen wie Sachlichkeit und Rationalität steht. Die Familie bietet demgegenüber einen Ausgleich: Chance zur Selbstbestimmung, Selbstdarstellung, Gefühlsbetonung, Entfaltung und Verwirklichung.[23] So leistet die Familie einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der psychischen Gesundheit.[24] Sie bietet im allgemeinen auch ein Zuhause, Heimat, Rückenstärkung, Unterstützung und Hilfe, Arbeitsteilung und Erfahrungsaustausch. Somit ist die Funktion der emotionalen Stabilisierung und Unterstützung in einer Zeit der Schnelllebigkeit, dauernder schneller Veränderung, Leistungsgesellschaft, hoher immer steigender Anforderungen, Unsicherheit und Zukunftsangst, Arbeitslosigkeit und vielem mehr besonders wichtig. Es geht in dieser Arbeit nicht um wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte der Familie, sondern um Sinngebung, Geborgenheit, gesunde Menschen und Kinder, nicht um die Sicherung des Generationenvertrags oder anderen wirtschaftlichen Nutzen.

Weiterhin ist die Familie eine fundamentale Erfahrung. Sie prägt uns fürs Leben. In der Art des Charakters, in unseren Werten und Normen und in der Akzeptanz von Erlaubtem und Verbotenem, von Gut und Böse und sie bestimmt das Bild, dass wir von anderen und der Gesellschaft haben. Die Erfahrungen in der eigenen Familie statten nicht nur für das künftige Leben aus, sie prägen auch unsere Stellungnahmen zur Familie als Thema. Eine glückliche Kindheit lässt anders über Familie denken als entbehrte Wärme und Vertrautheit oder erlittene Kränkungen. Gerade solcher Schmerz birgt die Gefahr in sich, ein idealisiertes Bild von Familie zu entwerfen, das mit seinen Ansprüchen die konkret handelnden Personen überfordern kann. Die Veränderungen der familialen Realitäten bringen auch vielfältige Probleme mit sich. Die Anforderungen Familie zu leben, der Stellenwert und die Erwartungen, die an Familie geknüpft sind, stehen in direktem Widerspruch zu der Vorbereitung auf Ehe und Familie. Die Orientierung in familialen Lebensformen sind durch eine Grundspannung des Willens nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Bindung bestimmt. Während letzteres in den Familien gesuchten Werte wie Treue, Nähe, Wärme, Geborgenheit und Intimität zum Ausdruck kommen, äußert sich der Wille nach Freiheit in den Ansprüchen nach individueller, auch finanzieller, Unabhängigkeit und in dem Streben nach Selbstverwirklichung. Vorstellungen, die nicht einfach zu vereinbaren sind. Neben persönlichen Lebenswegentscheidungen und -gestaltungen müssen moderne Beziehungsformen auch immer in ihrer oben beschriebenen gesellschaftlichen Dimension gesehen werden, denn dadurch wirken hohe Erwartungen und Belastungen von außen auf die Beziehungen ein.[25]

1.4 Zu Geschichte und Wandel der Familie

Das in der Begriffsdefinition schon kurz erwähnte „ganze Haus“ war bis zur Industrialisierung das weitverbreitetste Wirtschafts- und Sozialgebilde. Es war sowohl eine Produktions- und Arbeitsgemeinschaft als auch eine Verbrauchs- und Versorgungsgemeinschaft.[26] Alle Mitglieder des „ganzen Hauses“ unterstanden dem gemeinsamen Ziel des Überlebens. Sie befanden sich meist am Rande des Existenzminimums. Der eigene Bedarf konnte nur gesichert werden, wenn alle fast rund um die Uhr mitarbeiteten. Somit waren die im „Haus“ vorherrschenden zweckmäßigen Beziehungen für das Überleben wichtiger als gefühlsmäßige.[27] Das „Haus“ der Handwerker und Bauern war eine Lebensgemeinschaft, zu der (wie oben schon angedeutet) sowohl Eltern, Kinder und oft unverheiratete Verwandte als auch Lehrlinge und Gesellen bzw. Mägde und Knechte gehörten. Die weit verbreitete Vorstellung, dass es in der vorindustriellen Zeit nur mehrgenerationelle Großfamilien gab, ist so nicht richtig (hohe Sterblichkeit, hohes Heiratsalter, niedrige Lebenserwartung).[28] Die Beziehungen unter den Mitgliedern des „Hauses“ waren, wie oben schon erwähnt, zweckmäßig. Dies fällt besonders im Verhältnis der Geschlechter und in der Stellung der Kinder auf. Für eine Heirat waren wirtschaftliche Aspekte und die Interessen des „ganzen Hauses“ ausschlaggebend.[29] Im Hinblick auf die Arbeits- und Aufgabenverteilung kann man sagen, dass der Mann das Oberhaupt und absolute Autoritätsperson des „ganzen Hauses“ war. Aber auch die Frau hatte ihre festen Aufgaben in der Hausgemeinschaft.[30] Sie hatte Hoheit und Machtbefugnisse über den häuslichen Bereich, sowie die finanzielle Verfügungsmacht. Die Kinder des „Hauses“ hatten ebenfalls ihre Funktion im Produktionsprozess. Sie mussten mitarbeiten und wie die anderen dem Zweck des Überlebens dienen. Ihre Kindheit dauerte nicht lange, und für ihre Erziehung und Pflege wurde nur wenig Zeit verwendet. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern spielten Gefühle keine große Rolle. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass viele Kinder noch im Säuglingsalter starben.[31]

Mit den großen wirtschaftlichen, technisch – industriellen und politischen Veränderungen im späten 18. und 19. Jahrhundert änderten sich die Handlungsorientierungen und -bedingungen der Menschen. Der starke Bevölkerungswachstum, die Verarmung der Landbevölkerung sowie die Bauernbefreiung führten zu starken Wanderungsbewegungen in andere Länder sowie in die Stadt. Als dritte Auswanderungsform kann man die alltägliche Wanderung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz bezeichnen.[32] Mit dem Produktionsanstieg hingen Faktoren zusammen wie Spezialisierung der Arbeit, Einsatz von Maschinen, anhaltender technischer Fortschritt, Mobilisierung von Kapital und eine deutliche Trennung zwischen lohnabhängigen Arbeitern und zwischen Besitzenden von Produktionsmitteln. Ein Heer von Arbeitskräften zusammenhängend mit der Agrarrevolution suchte Beschäftigung in den neuen Industrien. Die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Industrialisierung und andere Faktoren riefen auch ein neues Familienmodell hervor: das bürgerliche Familienmodell. Die bürgerliche Familie unterscheidet sich in folgenden Punkten von der Familie des „ganzen Hauses“:

- Trennung von Wohnung und Arbeit,
- Gesinde und Dienstboten sind räumlich getrennt und erhalten zunehmend Angestelltenstatus,
- die Familie wird privat und die Ehe wird emotionalisiert und intimisiert und hebt somit die Austauschbarkeit der Partner auf,
- die Polarisierung der Geschlechter: Die Frau wird auf die unbezahlte Haushaltsorganisation / Erziehung verwiesen und verliert die finanzielle Verfügungsmacht. Der Mann geht der bezahlten Erwerbsarbeit nach und hat die Machtposition in der Familie,
- Kindheit wird zu einer selbständigen, anerkannten Lebensphase.

Die bezahlte Erwerbsarbeit erfuhr eine immer stärkere gesellschaftliche Wertschätzung, während unbezahlte Tätigkeiten wie Hausarbeit, Kindererziehung oder häusliche Pflegetätigkeiten immer weniger als Arbeit und statt dessen als quasi – natürliche Beschäftigung von Frauen verstanden wurden. Auch das Verhältnis von Familie, von Männer- und Frauenrollen und vom Verhältnis der Geschlechter zueinander veränderte sich. Im individuellen Bewusstsein wie auch in den gesellschaftlichen Normen wurden die Erwerbsarbeit wie auch das öffentliche Leben noch deutlicher als in früheren Epochen zur „Männersache“, Haushalt und privates Leben dagegen zur „Frauensache“.[33] Diese bürgerliche Geschlechter- und Familienideologie stellte ein unhinterfragtes Leitbild dar, dem zufolge die „züchtige Hausfrau“ unter Zuhilfenahme von Dienstpersonal für den Haushalt, die Erziehung der Kinder und das Wohlbefinden des arbeitenden Mannes zu sorgen hatte, obwohl nur eine Minderheit der Familien tatsächlich einen solchen Lebensentwurf realisieren konnte.[34]

Besondere Auswirkungen hatte damit die Entwicklung der Trennung von Arbeits- und Familienstätte für die Frauen, weil sie gleichzeitig die hauswirtschaftlichen von den erwerbswirtschaftlichen Tätigkeiten schied und damit eine Gruppe von Frauen erstmalig allein auf den Innenbereich des Hauses verwiesen wurde. Durch die fehlende gesellschaftliche Anerkennung unbezahlter (Familien-) Arbeit und den Verlust der finanziellen Verfügungsmacht manifestierte sich eine Abwertung der Frau bzw. der Frauenrolle.[35]

1.5 Familie heute

Ein weiterer entscheidender Punkt des in Kapitel 1.1 beschriebenen Individualisierungsprozesses ist die Individualisierung des weiblichen Lebenslaufes. Mit dem verstärkten Übergreifen des Individualisierungsprozesses auf die Frau ist nicht mehr nur eine Person (der Mann) mit Entscheidungszwängen konfrontiert Die traditionelle Selbstverständlichkeit Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu sein, hat nachgelassen. Die Frau hat auch einen Anspruch auf Beruf bzw. Karriere und Selbstverwirklichung.[36] Ereignisse, die zur Veränderung der Rolle der Frau beigetragen haben, unter anderem:[37]

- die Reform des Ehe- und Familienrechts 1976 / 1977,
- die Studenten- und Frauenbewegung,
- verbesserte Planungsmöglichkeiten einer Schwangerschaft,
- Abgabe von Erziehungsaufgaben an Institutionen wie Kindergarten / Schule,
- Mechanisierung der Haushalte,
- Angleichung der Bildungschancen,
- Verändertes Selbstbewusstsein.

Von der Frauenbewegung wurden Veränderungen gefordert, die sich insbesondere auf die innerfamiliale Arbeitsteilung, auf die sexuellen Beziehungen, auf egalitärere Machtstrukturen und auf die Anerkennung der Erwerbstätigkeit von Müttern bezogen. Durch das verbesserte Schul-, Ausbildungs- und Berufssystem für Frauen gibt es heute eine hohe Zahl qualifiziert ausgebildeter Frauen wie noch nie, wodurch das Berufsengagement von Frauen steigt. Der Anteil erwerbstätiger Mütter ist vor allem seit den 1970er Jahren ständig angestiegen. 1950 war jede vierte Mutter von Kindern unter 18 Jahren, 1961 jede dritte, 1991 jede zweite erwerbstätig. Heute sind es zwei Drittel der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren. Ihr Anteil schwankt im Hinblick auf die Zahl der Kinder und Familienstand. Am häufigsten sind alleinerziehende Mütter erwerbstätig, meistens auch ganztags. Das Familiensystem aber, einschließlich der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, hat keine Veränderung in gleich starkem Maße erfahren. Dies gilt auch für den gesellschaftlichen / öffentlichen Bereich. Noch immer ist die Zahl von Krippen, Ganztagskindergärten und -schulen in Deutschland sehr gering; die Halbtagsschulen herrschen bei weitem vor.[38]

Verursachend für die fehlenden Infrastruktureinrichtungen für erwerbstätige Mütter sind nicht nur fehlende staatliche Unterstützungsmaßnahmen, sondern auch die in Deutschland vor allem in der alten Bundesrepublik noch gültige Ideologie, dass Mütter von Kleinst- und Kleinkindern nicht erwerbstätig sein sollten, weil sie die „besten Erzieherinnen“ ihrer Kinder wären. Die steigende Kinderlosigkeit in Deutschland ist also kein Indikator für die Ablehnung einer Familiengründung, sondern für die noch immer hohe Akzeptanz des bürgerlichen Familienideals bei gleichzeitig starker Berufsorientierung der Frauen und fehlenden Infrastruktureinrichtungen für die Betreuung von Kindern. Kulturvergleichende Untersuchungen bestätigen diese These, da diese hohe Kinderlosenquote für Frauen – z.B. in Schweden oder in Frankreich – nicht gegeben ist, für Länder also, in denen die Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinstkindern als selbstverständlich gilt und die Vereinbarkeitsproblematik nicht in dem Maße wie bei uns Gültigkeit besitzt.[39]

Die Veränderungen, die mit dem Individualisierungs- und Modernisierungsprozess einhergegangen sind, haben natürlich Auswirkungen auf das Ehe- und Familienleben. Es wird zunehmend belastet und erschwert. Heute müssen die Vorstellungen und Wünsche von zwei selbstständigen Individuen mit jeweils eigenen Lebensplänen und Zwängen koordiniert werden.[40]

Nach den 1960er Jahren stieg die Zahl anderer Familienformen als der traditionellen Familie an. Vor allem nahm die öffentliche Akzeptanz anderer Familienformen zu. Auch unter ökonomischen Gesichtspunkten wurden sie lebbar, was vorher nicht der Fall war. Dies gilt auch für die in der Gegenwart oft finanzielle sehr schlecht gestellten Mutter – Familien. In Deutschland und den meisten westlichen Ländern haben in den letzten 30 Jahren die nichtehelichen Lebensgemeinschaften stark zugenommen. In den letzten 10 Jahren hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt. Sie betrug 2000 2,1 Millionen. Diese Partnerschaftsform hat bewirkt, dass sich der Ablauf bis zur Ehegründung und die Sinnbelegung der Ehe verändert haben. Heute wird vorwiegend aus drei Gründen geheiratet: wegen Schwangerschaft, eines Kinderwunsches oder wegen Vorhandensein eines Kindes. Deshalb wird auch von einer kindorientierten Ehegründung gesprochen. Die Heirat hat heute die zwingende Notwendigkeit zur Erfüllung bestimmter grundlegender Bedürfnisse sowie als ökonomische Versorgungsinstanz (vor allem für Frauen) an Bedeutung verloren. Die Vermehrung der nichtehelichen Lebensgemeinschaften trug unter anderem zur Abnahme der Eheschließungen und dem Ansteigen des Heiratsalters bei. Die subjektive Wertschätzung von Ehe und Familie (Eltern – Familie) hat jedoch nicht abgenommen. Die meisten, die in einer anderen Lebensform leben, würden die Eltern – Familie bevorzugen und haben ihre derzeitige Lebensform nicht willentlich als Alternative gewählt.[41]

Für immer mehr Kinder haben sich jedoch die Sozialisationsbedingungen durch fehlende Geschwistergemeinschaften und nachbarschaftliche Spielgruppen gewandelt. Das Einzelkind ist also nicht nur in der Familie, sondern auch in der näheren Umgebung allein. Darum wird es nötig, Kinder überhaupt miteinander in Kontakt zu bringen. Mütter werden daher zu „Transporteurinnen“ für ihre Kinder, die sie von ihrer „Insel“ nach außen in Kontakt bringt.

In einer Debatte des Bundestages Anfang der 1980er Jahre wurde erste Sorge über die Familie zum Ausdruck gebracht. Ihr Stellenwert in unserer Gesellschaft sei gering, ideologisch werde sie abgewertet und gerade auch von vielen Frauen missachtet. Mehrere Sprecher deuteten an, wichtigster Urheber der heutigen Familienprobleme sei die Frauenemanzipation. Zu viele Frauen, so wird auch in der weiteren Öffentlichkeit oft gesagt, seien zu sehr auf ihre Selbständigkeit bedacht, zu egozentrisch, zu wenig bereit, sich den Ansprüchen der Familie unterzuordnen. Damit trügen sie dazu bei, die Familie zu schwächen. Ihre Emanzipationswünsche gingen zu Lasten der Familie, in erster Linie zu Lasten der Kinder.[42] Vor allem die Berufstätigkeit von Frauen und generell ihr Verlangen nach Unabhängigkeit seien verantwortlich für zahlreiche Schwierigkeiten: Anstieg der Scheidungsrate, Geburtenrückgang, Verhaltensstörungen von Schulkindern, Jugendkriminalität. Die Frauenemanzipation, so eine geläufige Schlussfolgerung, habe für die Familie mehr Nachteile als Vorteile gebracht, sie wirke sich zerstörerisch aus und müsse eingedämmt werden.[43]

Erneut wurde der Vorwurf, frauenpolitische Belange vor den Grundsatz des Kindeswohls zu stellen, nach der Wiedervereinigung laut, und zwar im Rahmen der Diskussion um den Erhalt der Krippenplätze in der DDR. „Krippen bleiben indessen, auch dort, wo sie für Elternteile in Notsituationen hilfreich sind, Institutionen der Gefährdungsbetreuung“.[44] Die Abschaffung der Krippenplätze nach der Wende wurde mit den negativen Erfahrungen mit der in der DDR gemachten kollektiven Fremdbetreuung begründet.

Die psychisch gesunde Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern – so wird argumentiert[45] – ist nur dann gewährleistet, wenn das Kind in den ersten drei Jahren unter ausschließlicher Pflege und Obhut der Mutter heranwächst, weil nur diese Daseinsform ihm die notwendige Sicherheit und die Entwicklung von Bindungsfähigkeit ermöglicht.[46] „Müssen wir aber unsere Kinder Trennungsängste und Verlusterfahrungen durchleiden lassen, die sie ihr ganzes Leben lang mit seelischen Schäden belasten können?“.[47] Inzwischen liegen zahlreiche empirische Untersuchungen und theoretische Abhandlungen über die Folgen der mütterlichen Erwerbstätigkeit für ihre Kinder vor, die zeigen, dass die pauschale Abwertung, wie sie aus dem zuvor wiedergegebenen Zitat zu entnehmen ist – sowohl gegenüber der mütterlichen Erwerbstätigkeit als auch gegenüber der institutionellen Kleinkindbetreuung – nicht haltbar ist. Weiterhin haben viele Forschungsergebnisse mittlerweile bewiesen, dass ein eindimensionaler Blick auf den doch sehr komplexen Sozialisationsprozess nicht alle Faktoren berücksichtigt. Schon 1956 (deutsche Erstveröffentlichung erschien 1960) fassten Myrdal und Klein[48], anerkannte Expertinnen in Bezug auf die Auswirkungen mütterlicher Erwerbstätigkeit, ihre Analyse zusammen: „Es kann gar nicht genug betont werden, dass der allerwichtigste Faktor bei der Erziehung des Kleinkindes die Einstellung und Persönlichkeit der Mutter ist und nicht etwa die Länge der Zeit, die sie mit dem Kind verbringt“.[49] Laut Nave – Herz zeigen neueste demoskopische Umfragen, dass die Mehrzahl (75%) der Bevölkerung noch immer der Meinung ist, dass Mütter von Kindern unter drei Jahren nicht erwerbstätig sein sollten bzw. mindestens ein Elternteil ganz beim Kind bleiben soll.[50]

Ein Blick in die Geschichte jedoch zeigt, dass sowohl die exklusive Mutter – Kind – Beziehung als auch die Versorgung des Kleinstkindes durch seine Mutter – ein völlig neues Phänomen ist. Mitterauer[51] schreibt: In Haushalten des traditionalen Europa haben vor allem Dienstboten und ältere Geschwister für die Kindererziehung eine große Rolle gespielt. Dennoch sind doch wohl nicht alle unsere Vorväter und -mütter psychisch gestörte und / oder bindungsschwache Menschen gewesen, wie aus dem Zitat von Richter ableitbar wäre.

So sind Frauen dem Druck ausgesetzt der Gesellschaft gegenüber ihr „nicht – tun“ im Haushalt zu verteidigen – vor allem gegenüber älteren Generationen – gute Arbeit zu leisten und den Mann dazu zu bewegen, mitzuhelfen. Das heißt auch, Auseinandersetzungen über dieses Thema aber auch einen nicht perfekten Haushalt auszuhalten. Sie müssen sich erklären, warum sie arbeiten wollen, was der Mann nicht müsste. Vielleicht kommt noch ein schlechtes Gewissen dem Kind gegenüber dazu. Sie kämpfen also an verschiedenen Fronten gleichzeitig, was jedes für sich schon viel Kraft und Zeit kostet.[52]

In diesem Kapitel hat sich gezeigt, dass sich die Gesellschaft in einem Prozess der Individualisierung befindet, welcher gekennzeichnet ist durch den Verlust von vorgegebenen Traditionen, Geschlechterrollen und Lebenswegen wie auch einem Verlust an Sicherheiten. Dies bedeutet Chance und Risiko zu gleich. Der Begriff der Familie ist schwer zu begrenzen. Für diese Arbeit ist Familie mindestens ein Erziehungsberechtigter mit Kind. Die Wichtigkeit von Familie äußert sich in deren Funktionen und Bedeutung. Sie bietet einen Halt und Hilfe, ein Zuhause und emotionale Unterstützung, welche gerade in Zeiten der Individualisierung einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit von Menschen hat. Weiterhin wurde deutlich, dass durch die Trennung von Wohnen und Arbeit während der Industrialisierung die Zuweisung der Frau auf den Innenbereich stattgefunden hat. Diese Tatsache, die fehlende Anerkennung der Familienarbeit und der Verlust ihrer finanziellen Verfügungsmacht führte zur Abwertung der Frauenrolle. Familie heute beinhaltet viele verschiedene auch neue Lebensformen. Frauen nehmen ihr eigenes Leben in die Hände, sind qualifiziert und wollen erwerbstätig sein. Sie werden weiterhin für die Familienarbeit verantwortlich gemacht. Zusammenfassend kann auch festgehalten werden, dass Frauen in Deutschland nach wie vor ein schlechtes Gewissen gemacht wird, wenn sie ihre Kinder (früh) in Fremdbetreuung geben, um erwerbstätig zu sein oder zu bleiben.

2 Zum Begriff und der Bedeutung von Beruf

Um den Begriff Beruf bzw. Berufstätigkeit zu klären und einen kurzen Überblick darüber zu geben, was Berufstätigkeit für Menschen bedeutet, wie sie Menschen beeinflusst, und warum sie daraus folgend wichtig für sie ist, gehe ich hier nun auf diese Begrifflichkeiten ein. Es soll geklärt werden, mit welcher Bedeutung diese im weiteren Verlauf der Arbeit verwendeten Begriffe belegt sind.

2.1 Der Begriff

„Unter dem Beruf versteht man diejenige Tätigkeit, die ein Mensch für (a) finanzielle oder (b) herkömmliche Gegenleistungen oder (c) im Dienste Dritter regelmäßig erbringt, bzw. für die er ausgebildet, erzogen oder berufen ist. Im Allgemeinen dient die Ausübung eines Berufes der Sicherung des Lebensunterhaltes. Die erwirtschafteten Geld-, Sach- oder Tauschleistungen dienen der Stillung der persönlichen Bedürfnisse oder denen der sozialen Gemeinschaft (z.B. der Familie), der der Ausübende angehört. Dazu gehören in erster Linie die Ernährung, die Bekleidung, der (häusliche) Schutz vor Gefahr und Krankheit und die Vorratsbildung“.[53] Unter Beruf ist also „jede wirtschaftlich sinnvolle, erlaubte, in selbständiger oder unselbständiger Stellung ausgeübte Tätigkeit zu verstehen, die für den“[54] Menschen „Lebensaufgabe und Lebensgrundlage ist und durch die er zugleich seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Gesamtleistung erbringt“.[55]

Berufstätigkeit übersetze ich mit im (erlernten) Beruf tätig sein. Unter dem Schlagwort Berufstätigkeit erscheint im Internet – Lexikon Wikipedia aber auch ein Querverweis zu Erwerbstätigkeit, Lohnarbeit oder Erwerbsarbeit. Darunter wird ein Handel verstanden, bei dem die Arbeitskraft eines Menschen (meist gegen Geld) eingetauscht wird. Als andere Formen der Arbeit wird das Ehrenamt und die unbezahlte Haus- und Familienarbeit genannt. Erwähnt wird außerdem, dass Mischformen möglich sind.[56] „Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik“ definiert Erwerbstätigkeit als „alle arbeitsvertraglich geregelten, selbständigen oder freiberuflichen Tätigkeiten, unabhängig von Arbeitszeit bzw. Einkommen, also auch geringfügig Beschäftigte“.[57] Arbeit wiederum wird als eine auf ein Ziel gerichtete und an einen Zweck gebundene von einem Menschen ausgeführte Aufgabe bezeichnet.[58] Arbeit umfasst geschichtlich betrachtet die gegensätzlichen Anforderungen Freiheit und Mühe, Selbstverwirklichung und Selbstentfremdung, Produktivität und Ausbeutung. Heute ist sie eine in das System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Berufe eingefügte, nutzbringende Tätigkeit.[59]

Unter Beruf kann und soll in dieser Arbeit also auch Erwerbstätigkeit / Erwerbsarbeit verstanden werden bzw. eine notwendige Arbeit, mit welcher der Lebensunterhalt erwirtschaftet wird.

2.2 Die Bedeutung

Die Arbeitswelt beeinflusst über verschiedene Wege die Lebensführung, Wertorientierung und Persönlichkeit der Menschen. Durch Zeitaufwand und Inhalte der ausgeübten Arbeit werden die Betätigungen in der Freizeit beeinflusst. Auch längere und unfreiwillige Erwerbslosigkeit wirkt sich mit den damit verbundenen mit materiellen und sozialen Abstiegsprozessen auf die Betroffenen psychisch stark belastend aus. Die Persönlichkeit kann sich über Erwerbsarbeit nur begrenzt selbst verwirklichen, sie bietet jedoch Möglichkeiten, die dazu beitragen können, das Leben zeitlich, sozial und inhaltlich zu strukturieren.[60] Erwerbsarbeit ist fremdbestimmt und bedeutet Leistungsaufwand. Sie ist daher mit Mühe und Anstrengung verbunden. Sie kann den Menschen über- oder unterfordern, zu Leistungsabfall, Gleichgültigkeit und zu körperlichen sowie psychischen Störungen führen. Erwerbsarbeit hat demnach nicht nur materielle Folgen (Lebensstandard) und sozialkulturelle Auswirkungen (Lebensweise), sie prägt auch „Weltbild und Selbstbild der Arbeitenden und ist Grundlage ihrer Identität“.[61] Berufsbezogene Lern- und Entwicklungsprozesse beinhalten also nicht nur die Qualifizierung für Arbeitstätigkeiten, sondern auch die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Die Erfahrungen, die im betrieblichen Arbeitsprozess gemacht werden, können sich auf das Leben sowohl bewusstseinsbildend, persönlichkeitsfördernd aber auch –zerstörend auswirken.[62] Die Sozialisation für und durch die Erwerbsarbeit formt die Identität der Beschäftigten nicht ohne Mitwirkung des Individuums. Sie ist ein Interaktionsprozess zwischen Ausbildungs- und Arbeitsstrukturen und der durch Elternhaus und Schule vorgeprägten Persönlichkeit. Die entstehende Kontinuität oder Diskontinuität von Berufsbiographie prägt die Persönlichkeitsstrukturen, beeinflusst die Lebensführung und die Bewertung von Berufsarbeit.[63] Die Autonomie bei der Arbeitstätigkeit ist besonders wichtig für die Wertvorstellungen, die gesellschaftliche Orientierung und das Selbstkonzept der Beschäftigten. Selbstbestimmte Arbeit bewirkt geistige Beweglichkeit und selbständige gesellschaftliche Orientierung.[64] Es besteht ein Zusammenhang zwischen Selbstbestimmung am Arbeitsplatz und Selbstvertrauen (psychologischer Ansatz der Kontrollüberzeugung). Weiterhin findet eine subjektive Sinnstiftung über die Arbeit statt.

Eine besondere Problematik ergibt sich für die Sozialisation durch Arbeit für berufstätige Frauen. Es sind auch für sie Merkmale der beruflichen Selbstbestimmung, die das Selbstkonzept, die gesellschaftlichen Orientierungen und die intellektuelle Flexibilität berufstätiger Frauen beeinflussen. Sie sind jedoch durch Berufs- und Familienarbeit in widersprüchliche Handlungsbereiche und somit konflikthafte Anforderungen eingebunden. In einer qualitativen Studie wurde untersucht, wie die in einer Fabrik arbeitenden Mütter mit den widersprüchlichen Erwartungen und zeitlichen Verpflichtungen umgehen. Die befragten Frauen erleben die Fabrikarbeit als wichtig für ihre finanzielle Unabhängigkeit; sie erleben sich als sozial anerkannt und sind stolz auf ihre Leistungsfähigkeit als Arbeiterin. Es werden aber auch ganz klar negative Seiten der Erwerbsarbeit geäußert, vor allem Zeitdruck, Monotonie, hohe Leistungsanforderungen und Konkurrenz. In der Familie dagegen erleben Frauen einen großen Handlungsspielraum, Abwechslung und emotionale Unterstützung, aber auch Eintönigkeit, Belastung, mangelnde Anerkennung und fehlende Sozialkontakte.[65] Aus der Sicht der Erwerbsarbeit wirkt die Familie selbstbestimmt, aus dem Blickwinkel der Familie wird die Erwerbsarbeit als Möglichkeit sozialer Unabhängigkeit und Anerkennung gesehen.[66] Auch Elisabeth Beck – Gernsheim[67] versteht Beruf und Arbeit nicht nur als Bezeichnung einer Tätigkeit sondern als einen ´Lebenszusammenhang`, als einen `zentralen Bezugsrahmen der Biografie`. Wird Arbeit nach dem Geschlecht aufgeteilt, ergeben sich daraus für Männer und Frauen spezifische Chancen und Grenzen für die Entwicklung ihrer Kompetenzen und Fähigkeiten, denn: „Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern steckt gewissermaßen den Horizont ab, innerhalb dessen sich der Lebensentwurf von Männern / Frauen ausformt...“.[68] „Berufliche Sozialisationsprozesse und die Chancen und Risiken von Erwerbsbiografien werden durch die geschlechtsbezogene Zuweisung von Familien- und Erwerbsarbeit beeinflusst“.[69] Hierzu mehr im Kapitel 3.2.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Arbeit bzw. Erwerbsarbeit eine große Auswirkung auf das Leben von Menschen hat. Sie sichert Existenz und finanzielle Unabhängigkeit / Sicherheit, strukturiert den Tagesablauf ist aber auch sinnstiftend und Identitätsbildend. Sie bietet Abwechslung, gibt Bestätigung und Anerkennung. Der Mensch kann sich, wenn auch begrenzt, selbst und seine Interessen in der Arbeit verwirklichen. Die Sozialisation für und in der Arbeit wird als ein wichtiger Bestandteil der männlichen und weiblichen Biografie gewertet, in dessen Verlauf spezifische Fähigkeiten erlernt werden. Besonders für Frauen bedeutet Erwerbstätigkeit einen Konflikt mit der ihr sozialisationsbedingt zugeschriebenen Familienarbeit.

3 Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Ein Frauenthema?

Um die Zusammenhänge der heutigen Vereinbarkeitsproblematik zu verstehen und um herauszufinden, ob – und wenn ja warum – vorwiegend Frauen vor diesem Problem stehen werden die weiblichen Sozialisationsfaktoren und ihre Auswirkungen, die eine Rolle spielen können beleuchtet. Weiterhin werden die Auswirkungen der Zuweisung von Mann und Frau auf je einen Zuständigkeitsbereich (Beruf und Familie) erläutert. Die sich ergebenden Problemlagen von Frauen werden beschrieben. Im Anschluss daran soll den Fragen nachgegangen werden was Vereinbarkeit bedeutet, warum sie wichtig ist, was sie behindert und vor allem was Familien brauchen.

3.1 Weibliche Sozialisationsfaktoren

Kinder lernen bereits in den ersten Lebensjahren, dass sie Mädchen oder Jungen und das alle Menschen in ihrer Umgebung als weiblich oder männlich zu klassifizieren sind: männlich hart und weiblich weich. Frauen beziehen häufiger als Männer ihr Selbstwertgefühl aus ihrer körperlichen Attraktivität, die sie an den medial vermittelten Schönheitsidealen messen. Mädchen und Jungen, Frauen und Männer entsprechen immer weniger den historisch überkommenen Geschlechterstereotypen und prägen eine große Bandbreite von Fähigkeiten und Verhaltensmustern, sowie Persönlichkeitsmerkmalen aus. Andererseits werden Geschlechterstereotypen von weiblichen und männlichen Jugendlichen und Erwachsenen in ihren Selbst- und Fremdwahrnehmungen, in ihrem Alltag und in ihren Lebensentscheidungen immer wieder „in die Tat“ umgesetzt und „verkörpert“.[70]

Im Gegensatz zu Jungen erhalten Mädchen in ihrer Beziehung zur Mutter in der Kindheit eher Möglichkeiten der Identifikation, erfahren aber dafür mehr restriktive und abwertende Geschlechtszuschreibungen und werden im Verhalten anders als Jungen kontrolliert und beschränkt. Sie werden eher auf sich und ihre Befindlichkeit verwiesen und angehalten, auf andere Rücksicht zu nehmen, als das bei den Jungen der Fall ist. Schwierigkeiten müssen sie aushalten, dürfen klagen und Gefühle zeigen, müssen die Konflikte mit anderen aber nicht selten mit sich selbst ausmachen. Diese Widersprüchlichkeit wird noch einmal kompliziert durch die neuen Mädchenbilder, die auch für Mädchen und junge Frauen Durchsetzungswillen und Problemlosigkeit signalisieren – sie gesellschaftlich in ihren eigenwilligen Wünschen, Problemen und Lösungswegen aber kaum wahrnehmen. Mädchen sind von früher Kindheit an mehr an die Familie gebunden und es wird von ihnen erwartet, dass sie diese ambivalente Bindung gestalten. Zum einen können sie graduell immer noch weniger sozialräumliche Kompetenz entwickeln, zum anderen ist die Familie vor allem für Mädchen nicht der Ort des Schutzes, als der sie allgemein gilt. Der ambivalente Mechanismus von Schutz und Kontrolle, der von vielen Eltern aufgebaut wird, kann dann sozialräumliches Experimentierverhalten von Mädchen durch eine insgeheim sexualisierende Umdeutung einengen. Übergriffe gegen sie in der Familie und in der Öffentlichkeit werden dagegen tabuisiert.[71] Die Sozialisationsbedingungen von Mädchen unterscheiden sich daher darin, wie viel familiärer Rückhalt, Anerkennung und Eigenwillen ihnen gegeben werden. Gerade weil wir wissen, wie wichtig die Aneignung der räumlichen Umgebung und (später) jugendkultureller Räume für die Entwicklung sozialer Schlüsselkompetenzen der Selbstbehauptung und Interessendurchsetzung ist und dass Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule, sondern auch über selbstbestimmbare Räume und Beziehungen lernen, wiegt eine sozialräumliche Benachteiligung von Mädchen besonders schwer. Sie können in der binnenzentrierten Schule noch so oft bessere Leistungen als die Jungen erbringen, im offenen Übergang in den Beruf unterliegen sie oft zwangsläufig der – am Arbeitsmarkt abgesicherten – Durchsetzungs- und Verdrängungs`kompetenz` der Jungen und Männer. In der mittleren Jugendphase drängen die Mädchen genauso wie die Jungen nach Eigenständigkeit, versuchen sich kulturell in ihrer Familie selbständig zu machen und merken, dass ihnen diese Eigenständigkeit – mehr als bei den Jungen – verwehrt oder ihnen nur zögernd und mit vielen Befürchtungen von den Eltern zugestanden wird. Eltern wollen Mädchen mehr vor dem draußen schützen, was von diesen als Kontrolle empfunden werden kann. Mädchen und junge Frauen machen sich vermehrt abhängig von den Erwartungen von außen. Sie sollen sich auf der einen Seite reizvoll zeigen, sie sollen sich aber auch gleichzeitig zurückhalten.[72]

[...]


[1] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2003: Seite 5

[2] Gerhard Schröder in http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/newsausgabe.htm?id=13528 / Zugriff am 13.04.2005

[3] Gerhard Schröder in http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/newsausgabe.htm?id=13528 / Zugriff am 13.04.1005

[4] vgl. http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/newsausgabe.htm?id=13528 / Zugriff am 13.04.1005

[5] vgl. Rosenkranz,2005: Seite 29

[6] vgl. ebenda: Seite 37

[7] vgl. ebenda: Seite 29

[8] zit. Ursula von der Leyen in: Rosenkranz,2005: Seite 29

[9] zit. Ursula von der Leyen ebenda

[10] vgl. Rosenkranz,2005: Seite 29

[11] zit. Ursula von der Leyen in: Rosenkranz,2005: Seite 36

[12] vgl. Beck und Beck – Gernsheim, 1994: Klappentext

[13] vgl. Beck, 1986: Seite 206

[14] vgl. Beck, 1986: Seite 206

[15] vgl. ebenda

[16] vgl. Beck et al; 1995: Seite 5 und 9 bis 17

[17] zit. Geißler, 1996: Seite 306

[18] zit. Neidhardt, 1975: Seite 9

[19] zit. Gukenbiehl in Schäfers, 1998: Seite 80

[20] zit. Schäfers ebenda

[21] zit. Familie (Definition), www-zr.destatis.de, Statistisches Bundesamt, 28.07.2005

[22] zit. Nöthen, 2005: Seite 33

[23] vgl. Hamann, 1988: Seite 31

[24] vgl. Textor, 1991, o. Seite

[25] vgl. Textor, 1991, o. Seite

[26] vgl. Meyer, 1992: Seite 31

[27] vgl. Textor, 1991: o. Seite

[28] vgl. Textor, 1991: o. Seite

[29] vgl. Meyer, 1992: Seite 33 f.

[30] vgl. Meyer, 1992: Seite 35

[31] vgl. Textor, 1991: o. Seite / Meyer, 1992: Seite 36 f.

[32] vgl. Rerrich, 1998: Seite 34

[33] vgl. Mogge – Grotjahn, 2004: Seite 15 bis 23

[34] vgl. ebenda

[35] vgl. Nave – Herz, 2004: Seite 40 bis 52 / Mogge – Grotjahn, 2004: Seite 15 bis 23

[36] vgl. Peuckert 2004: Seite 253

[37] vgl. Peuckert 2004: Seite 198

[38] vgl. Nave – Herz, 2002a: Seite 37 bis 43

[39] vgl. Nave – Herz, 2002b: Seite 45 bis 62

[40] vgl. Peuckert 2004: Seite 256

[41] vgl. Nave – Herz, 2002a: Seite 13 bis 20

[42] vgl. Nave – Herz, 2002a: Seite 37 bis 43

[43] vgl. Pross, 1981 in: Nave – Herz 2002a: Seite 37 bis 43

[44] zit. Pechstein, 1990 in: Nave – Herz 2002a: Seite 37 bis 43

[45] vgl. Pechstein, 1990 ebenda

[46] vgl. Nave – Herz, 2002a: Seite 57 bis 63

[47] zit. Richter (Präsident der Deutschen Liga für das Kind), 1990 ebenda

[48] vgl. Nave – Herz 2002a: Seite 44 bis 48

[49] zit. Myrdal / Klein, 1962 in: ebenda: Seite 44 bis 48

[50] vgl. Nave – Herz 2002a: Seite 57 bis 63

[51] vgl. Mitterauer, 1989 in: ebenda: Seite 60

[52] vgl. ebenda: Seite 57 bis 63

[53] zit. http://de.wikipedia.org/wiki/Beruf#Siehe_auch; letzter Zugriff: 20.07.2005

[54] zit. Heinz, 1995: Seite 18

[55] zit. ebenda

[56] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Erwerbsarbeit; letzter Zugriff: 20.07.2005

[57] zit. Engstler / Menning, 2003: Seite 105

[58] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit; letzter Zugriff: 20.07.2005

[59] vgl. Heinz, 1995: Seite 17

[60] vgl. Heinz in: Hurrelmann / Ulich, 1991: Seite 397

[61] zit. Heinz, 1995: Seite 22

[62] vgl. Heinz in: Hurrelmann / Ulich, 1991: Seite 398

[63] vgl. ebenda: Seite 404

[64] vgl. ebenda: Seite 412

[65] vgl. Heinz in: Hurrelmann / Ulich, 1991: Seite 413

[66] vgl. ebenda: Seite 414

[67] vgl. Beck – Gernsheim in: Heinz, 1995: Seite 23

[68] zit. Heinz, 1995: Seite 23

[69] zit. ebenda

[70] vgl. Mogge – Grotjahn, 2004: Seite 93

[71] vgl. Mogge – Grotjahn, 2004: Seite 94

[72] vgl. ebenda: Seite 95

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Der Beitrag Sozialer Arbeit im Mehrgenerationenhaus
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
102
Katalognummer
V82237
ISBN (eBook)
9783638858915
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vereinbarkeit, Beruf, Familie, Beitrag, Sozialer, Arbeit, Mehrgenerationenhaus
Arbeit zitieren
Andrea Warda (Autor), 2005, Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Der Beitrag Sozialer Arbeit im Mehrgenerationenhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82237

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