Die Verwendung von Ironie in Leopoldo Alas „Claríns“ Roman „La Regenta“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: La Regenta – ein Roman in der Kritik

2. Das Stilmittel „Ironie“
2.1 Die Definition des Begriffs „Ironie“
2.2 Die Ironie: ein geschichtsphilosophischer Überblick

3. Verschiedene Aspekte ironischer Darstellung in La Regenta
3.1 Die ironische Beschreibung der Stadt Vetusta
3.2 Die ironische Charakterisierung der Bewohner Vetustas
3.2.1 Die subtile Ironie gibt die beschriebenen Figuren der Lächerlichkeit preis
3.2.1.1 Ironische Charakterisierung der Personen durch deren Lektüre
3.2.1.2 Die wörtliche Rede der Figuren zur Bloßlegung ihrer Unbildung
3.2.1.3 Die eigene Redeweise jeder Figur
3.2.2 Drei Hauptfiguren des Romans und ihre kritische Charakterisierung mit Hilfe der Ironie
3.2.2.1 Don Álvaro
3.2.2.2 Don Fermín
3.2.2.3 Don Víctor Quintanar

4. Das Ziel des Autors bei der Verwendung von Ironie
4.1. Ironie als Gesellschaftskritik
4.2 Ironie als humorvoller Weg zur Selbstkritik des Lesers

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: La Regenta – ein Roman in der Kritik

Leopoldo Alas´ „Claríns“[1] Roman La Regenta (1884/85) ist eines der wichtigsten Werke der spanischen Literatur im 19. Jahrhundert. Das zweibändige Werk umfasst etwa tausend Seiten. Es ist Claríns größter Erfolg (er schrieb nur einen weiteren Roman) und gleichzeitig sein am meisten kritisiertes Werk, da die Schilderungen der dekadenten, ungebildeten, machthungrigen und heuchlerischen Fin-de-Siècle-Gesellschaft der Roman-Stadt Vetusta von Lesern und Kritikern als Gesellschafts- und Schlüsselroman verstanden wurden[2] und dem Autor heftige Anfeindungen einbrachten. Clarín „war zwar schon zu Lebzeiten berühmt, aber dieser Ruhm beruhte mehr auf dem Skandalerfolg des Buchs als auf der Würdigung der künstlerischen Leistung, die nur von wenigen Zeitgenossen konstatiert wurde“[3].

Allgegenwärtig im Roman ist das Stilmittel der Ironie, derer Clarín sich meisterhaft und virtuos bedient und ohne die der Roman nicht zu dem geworden wäre, was er ist: ein Skandal für die einen, ein außerordentliches Kunstwerk für die anderen. Ironie findet sich auf jeder Seite, in nahezu jedem Absatz des Romans, weshalb die hier zitierten Stellen nur kleine Stichproben sein können.

Der Autor selbst sieht sein Werk als moralisch durchdacht und konzipiert an: „yo creo que mi novela es moral, porque es sátira de malas costumbres“[4]. Eine Gesellschaftssatire also, die sich vor allem der überall durchschimmernden Ironie als Stilmittel bedient.

Im Folgenden soll näher auf die Beschaffenheit und den Zweck der Ironie in der Regenta eingegangen werden: Wo und auf welche Art und Weise setzt Clarín Ironie ein? Im Anschluss soll aufgezeigt werden, zu welchem Zweck Clarín die Ironie überhaupt verwendet und was das ständige Aufblitzen der Ironie beim Leser bewirkt.

2. Das Stilmittel „Ironie“

2.1 Die Definition des Begriffs „Ironie“

Der Begriff „Ironie“ kommt aus dem Griechischen (eironeia) und steht für „erheuchelte Unwissenheit“[5]. In der Literatur und in der gesprochenen Sprache bezeichnet Ironie im wörtlichen Sinn Verstellung und

Ausdruck einer Sache durch ein deren Gegenteil bezeichnendes Wort. […] Diese erkennt man entweder am Ton, in dem sie gesprochen wird, oder an der betreffenden Person oder am Wesen der Sache; denn wenn etwas hiervon dem gesprochenen Wort widerspricht, so ist es klar, daß die Rede etwas Verschiedenes besagen will[6]

Der Sprecher oder Schreiber meint also, verwendet er Ironie, das Gegenteil dessen, was er sagt, oder er stimmt einem anderen Sprecher scheinbar zu, drückt aber in der ironischen Zustimmung genau das Gegenteil, also seine Ablehnung, aus. Im Gegensatz zum Humor ist die Ironie kritisch und meist nur aus dem Gesamtzusammenhang des Geschehens verständlich.[7]

2.2 Die Ironie: ein geschichtsphilosophischer Überblick

Zuerst wurde die Ironie als solche bezeichnet und wissentlich verwendet von den griechischen Philosophen der Antike: „The word eironeia was first used to refer to artful double meaning in the Socratic dialogues of Plato, where the word is used both as pejorative – in the sense of lying – and affirmatively, to refer to Socrates´ capacity to conceal what he really means.”[8]

Für den Philosophen Sokrates war Ironie eine Lebenseinstellung, die dazu diente, den Alltag und das Leben nicht einfach hinzunehmen, sondern vielmehr ständig zu hinterfragen: „His irony, or his capacity not to accept everyday values and concepts but live in a state of perpetual question, is the birth of philosophy, ethics and consciousness.”[9]

Jahrhundertelang wurde Ironie nicht als eigenständiges Stilmittel, sondern als Unterart der Allegorie betrachtet:

Before the explicit and extended theorisation of irony in the nineteenth century, irony was a recognised but minor and subordinate figure of speech. […] Until the Renaissance, irony was theorised within rhetoric and was often listed as a type of allegory: as one way among others for saying one thing and meaning another.[10]

Im 19. Jahrhundert wird die Ironie eine „ästhetische Verarbeitungsform gesellschaftlicher Widersprüche“[11]. Clarín ist ein Autor des 19. Jahrhunderts, der die Gesellschaft, die Menschen und alle Bereiche des Lebens ironisch betrachtet und beschreibt. Sein Roman La Regenta, verfasst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ist ein Beispiel für eine ironische Sicht auf die Welt, die den Autor umgibt. „At a certain point in history, particularly with the self-conscious recognition of being modern in the eighteenth and nineteenth centuries, irony was seen to characterise life as a whole.“[12]

Im Folgenden sollen nun die einzelnen Bereiche des Lebens, die Clarín ironisch darstellt, genauer untersucht werden.

3. Verschiedene Aspekte ironischer Darstellung in La Regenta

3.1 Die ironische Beschreibung der Stadt Vetusta

In der Fantasiestadt Vetusta, in der der Roman spielt, erkannten die Leser der damaligen Zeit sogleich die reale spanische Stadt Oviedo[13].

Schon der erste Satz ist ein ironischer Paukenschlag: „La heroica ciudad dormía la siesta.“[14] Das Paradoxon der Worte „heroica“ und „dormía la siesta“ geht Hand in Hand mit dem Paradoxon, einen Roman mit völligem Stillstand beginnen zu lassen. Die Leser der damaligen Zeit müssen gestutzt haben: Was ist das für ein Roman, der ohne jede Handlung beginnt? Wie kann eine Stadt, die im Mittagsschlaf versunken ist, heldenhaft sein? Die Ironie, die hier gleich zu Anfang schon aufblitzt, ist eingebettet in einen reichen Schatz verwandter Stilmittel und in die detailverliebte Sprache Claríns:

Leopoldo Alas´ rhetorical exuberance in La Regenta seems completely out of tune with Clarín´s devaluation of unnecessary ornament. From the first sentence […] metonymy, metaphor, oxymoron and soon figures of speech as well, dominate the text.[15]

Die Ironie, mit der die Stadt Vetusta beschrieben wird, ähnelt der Ironie Cervantes´ und wurde von den Lesern auch sogleich als Anspielung auf den Don Quijote verstanden[16]. Wie Cervantes zum Beispiel über die Verdauung der Ritter schreibt (natürlich ein Tabu-Thema in den traditionellen Heldenepen), so schreibt auch Clarín gleich zu Beginn über Vetusta: „Vetusta, la muy noble y leal ciudad, corte en lejano siglo, hacía la digestión del cocido y de la olla podrida“ (R1, S.135f.).

Des öfteren wird sogar das Wort „ironía“ selbst verwendet, wie zum Beispiel das ständig schlechte Wetter in Vetusta einmal mit „Puede decirse que es una ironía de buen tiempo lo que se llama el veranillo de San Martín.“[17] beschrieben wird und somit klar wird, dass es alles andere als verano ist, der in Vetusta herrscht.

In der ironischen Erzählweise des allwissenden Erzählers, den Clarín sprechen lässt, folgt oft Prosaisches nach hochtrabenden Beschreibungen, woraus sich die Ironie des Gesagten ergibt. Zum Beispiel läuft die in schillernden Worten geschilderte Pracht des Kirchturms von Vetusta in der nüchternen Erwähnung des Blitzableiters, also eines zutiefst profanen, weltlichen Elements, aus, das über all diesem thront: „y sobre ésta una cruz de hierro que acababa en pararrayos.“ (R1, S. 138)

An einigen Stellen deutet die ironische Darstellung von Vetusta schon auf einen weiteren Bereich hin, auf welchen Clarín bei seiner ironischen Beschreibung das größte Augenmerk legt: die Bewohner Vetustas. So ergibt sich eine ironische Anspielung auf das dekadente Leben der Vetustenser aus dem prunkvollen Anblick der Kirche, denn der Kirchturm „perdía con estas galas la inefable elegancia de su perfil y tomaba los contornos de una enorme botella de champaña.“ (R1, S. 138)

3.2 Die ironische Charakterisierung der Bewohner Vetustas

3.2.1 Die subtile Ironie gibt die beschriebenen Figuren der Lächerlichkeit preis

Claríns Ironie ist nur an wenigen Stellen offensichtlich, etwa wenn das Kulturprogramm, das Ana Ozores zur Genesung nahegelegt wird und sie doch stattdessen dem Verführer Mesía in die Arme treibt, als „Aquel programa famoso de distracciones y placeres“ (R2, S. 70) beschrieben wird.

Vielmehr bedient sich der Autor mit dem „talento superior para descubrir la estupidez humana en todas sus especies“[18] einer subtilen Ironie in der Personencharakterisierung: Oft beschreibt er Vorgänge und Handlungsweisen von Personen, die diese automatisch der Lächerlichkeit preisgeben, ohne dass der allwissende Erzähler explizit seine Meinung über jene kritisierten Personen kundtun müsste. Beispiele hierfür sind in Hülle und Fülle zu finden. Eine Randfigur, einen Herr, der stets nur englische Zeitungen liest, kommentiert der Erzähler beispielsweise mit „un caballero apoplético, que había llevado granos a Inglaterra y se creía en la obligación de leer la prensa extranjera.” (R1, S. 328) Wenig später folgt der kurze, trockene Nachsatz: „se averiguó que no sabía inglés.” (R1, S. 329)

[...]


[1] Im weiteren Verlauf der Hausarbeit wird der Autor, der eigentlich Leopoldo Alas heißt, der Einfachheit halber als Clarín bezeichnet. Dies ist der Künstlername, den er sich gab und unter dem er auch bekannt wurde – der gelernte Journalist unterzeichnete seine feuilletonistischen und weiteren Artikel stets mit dem Kürzel „Clarín“.

[2] Insbesondere von Seiten des Klerus schlug Clarín harsche Kritik entgegen, da seine negative Darstellung des Magistrals Don Fermín, einer der Hauptfiguren des Buches, im streng religiösen Spanien fast an Gotteslästerung grenzte. Vgl.: Neuschäfer, Hans-Jörg (Hg.): Spanische Literaturgeschichte, Stuttgart/Weimar 2001, S. 289.

[3] Neuschäfer, Hans-Jörg (Hg.): Spanische Literaturgeschichte, S. 288.

[4] Martinez Cachero, José Maria: Recepción de « La Regenta » in vita de Leopoldo Alas, in: Clarín y La Regenta En Su Tiempo, actas del simposio internacional, Oviedo 1984, S.72.

[5] Glück, Helmut (Hg.) : Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart/Weimar 2000, S. 319.

[6] Glück, Helmut (Hg.) : Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart/Weimar 2000, S. 319.

[7] Vgl.: Halder, Alois/ Müller, Max (Hg.): Kleines Philosophisches Wörterbuch, Freiburg 1971, S. 135.

[8] Colebrook, Claire : Irony, London 2004, S.2.

[9] Ebd.: S.7.

[10] Ebd.: S.6f.

[11] Schnell, Ralf: Die verkehrte Welt. Literarische Ironie im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1989, S.2.

[12] Colebrook, Claire: Irony, S.8.

[13] Heute ist Oviedo die Hauptstadt der autonomen Region Asturien in Nordspanien.

[14] Alas „Clarín“, Leopoldo: La Regenta I, Edición de Juan Oleza, Madrid 2004, S. 135. Im Folgenden werden Zitate aus dem ersten Band der Regenta nicht mit Fußnoten, sondern im Fließtext mit der Bezeichnung “R1” und der jeweiligen Seitenzahl nachgewiesen.

[15] Luxemburg, Jan van: Rhetoric and Pleasure, Readings in Realist Literature, Frankfurt am Main 1992, S. 55.

[16] Clarín konnte davon ausgehen, dass alle seine Leser den Don Quijote, das Werk seines berühmten Vorgängers Cervantes, gelesen hatten und daher auch seine ironischen Anspielungen in parallel formulierten Passagen wiedererkannten.

[17] Alas „Clarín“, Leopoldo: La Regenta II, Edición de Juan Oleza, Madrid 2004, S. 63. Im Folgenden werden Zitate aus dem zweiten Band im Fließtext mit der Bezeichnung “R2” und der jeweiligen Seitenzahl nachgewiesen.

[18] Martinez Cachero, José Maria: Recepción de « La Regenta » in vita de Leopoldo Alas, in: Clarín y La Regenta En Su Tiempo, actas del simposio internacional, Oviedo 1984, S. 80.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Verwendung von Ironie in Leopoldo Alas „Claríns“ Roman „La Regenta“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Neuere Philologien-Institut für Romanische Sprachen)
Veranstaltung
La Regenta
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V82317
ISBN (eBook)
9783638891547
ISBN (Buch)
9783638891592
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwendung, Ironie, Leopoldo, Alas, Roman, Regenta“, Regenta, Ana Ozores, Literatur, 19. Jahrhundert, Vetusta
Arbeit zitieren
Susanne Hasenstab (Autor), 2007, Die Verwendung von Ironie in Leopoldo Alas „Claríns“ Roman „La Regenta“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82317

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