Der Einfluss von Religion auf die öffentlichen Schulen in den USA


Seminararbeit, 2007
41 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Die USA und Religion
2.1 Was ist Religion?
2.2 civil religion
2.3 Gesetzliche Regelungen

3 Schulbildung und Religion in den USA - geschichtliche Betrachtungen

4 Teaching Religion und Teaching About Religion

5 Konsequenzen für Schüler und Lehrer

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Religion ist ein wichtiger soziokultureller Aspekt in der menschlichen Gesellschaft: Mehr als die Hälfte der 500 Millionen EU-Bürger erachtet Religion für wichtig, so eine Studie des Statistikamts Eurostat (Luxemburg) („Jedem zweiten EU-Bürger ist Religion wichtig“). In den USA fragen sich Journalisten, ob das Land einen Präsidenten wählen könne, der nicht einer traditionellen christlichen Kirche angehört (Sabo). Die USA gilt als „the most religiously diverse nation in the world - and one of the most religious“ („Teaching About Religion in Public Schools“ 5). 2005 waren dort die vier größten religiösen Gruppen die Protestanten mit 100 Millionen Menschen, die Katholiken mit 67 Millionen, Juden und Muslime mit je sechs Millionen („Religions of America“). Daneben gibt es unter den Top Twenty Religions 2001 in Amerika noch Buddhisten, Hindus, Angehörige der Wiccan und Baha’i und z.B. Auffassungen von Agnostikern und Atheisten („Top Twenty Religions“). Diese Vielfalt an religiösen Gruppen findet sich auch in den öffentlichen Schulen wieder, denn „school, from the earliest days of the first colonies to the present, reflected the wide religious, cultural, and ethnic diversity of the people who came to these shores“ (Davis 159). Die USA, ihre communities und Schulbezirke „are religiously pluralistic. [They] are a nation of the most varied kinds of Christians and Jews, plus Humanists, Muslims, Buddhists, Hindus, Confucianists, Bahais, and many other groups” (Menendez und Doerr 8). Im Jahr 2000 gab es in den USA ca. 83.700 traditionelle öffentliche Schulen mit rund drei Millionen Lehrern und 82.800 Direktoren sowie ca. 45,1 Millionen Schülern („A Brief Profile of America’s Public Schools“ 3). In diesen Schulen gibt es muslimische Gebetsräume (z.B. in Chicago), muslimische Schüler in Kalifornien, die zeremonielle Messer im Schulgebäude tragen dürfen, Buddhisten, die in Iowa für die Schule ein culture kit zusammenstellen (Kniker Religious Pluralism 3), darüber hinaus konservative Christen in Florida, die eine Hochschule mit Kleinstadt bauen, in der ein „eherner Moralkodex“ gilt (Goeßmann).

In den USA scheint Religion also im größeren Maße das gesellschaftliche Leben zu durchdringen als z.B. in Deutschland. Religion spielte schon eine „constitutive role in the thought of the early American statesmen“ (Bellah 3). „The popular culture market has hijacked religious symbolism and has brought religious rhetoric as added moral value into the secular sphere [today]“ (Ostendorf 174). Die Gebiete public policy, Religion und Bildungspolitik sind seit der Zeit der ersten Kolonisten eng mit einander verbunden (Davis 159). Kein Wunder also, dass in Amerika über Religion und deren Verbindung mit der öffentlichen Erziehung debattiert wird. Unter anderem beinhalten diese Debatten die Fragen: Sollten Lehrer zusammen mit Schülern beten dürfen (Webb)? Darf man Halloween in der Schule feiern (Johnson)?1 Kann man diese und andere Probleme durch Gesetze regeln? In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, welche Verbindung zwischen Religion und staatlicher schulischer Bildung in den USA besteht, damit Nicht- Amerikaner die Brisanz der oben genannten Debatten verstehen können. Hat Religion Einfluss in den öffentlichen Schulen und wenn ja, wie drückt sich dieser Einfluss aus? Zunächst soll geklärt werden, wie sich Religion überhaupt definiert und welche gesetzlichen Festlegungen es zum Verhältnis von Staat und Religion gibt. Es folgt ein zusammenfassender historischer Überblick über die Verbindungen von Religion und Schulbildung. Während meiner Recherche zum Thema Religion und Schule in den USA wurde ich ständig mit den Schlagworten teaching religion und teaching about religion konfrontiert. Was bedeuten diese Wendungen und welche Konsequenzen ergeben sich für Schüler und Lehrer aus der vorgegebenen Trennung beider Bereiche - private Religionsausübung und Normen- und Wertevermittlung in der Schule? Als Fazit soll ein Ausblick gegeben werden, wie Religion die moralische Wertebildung der Kinder und Jugendlichen beeinflussen kann und damit auch die Einstellungen und Handlungsweisen der amerikanischen Bevölkerung. Der status-quo in Bezug auf Religion an amerikanischen öffentlichen Schulen wird ebenfalls kurz dargestellt. Die religiöse Strömung des Kreationismus oder des Intelligent Design soll hier nicht besprochen werden, da dieses umfassende Thema den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2 Die USA und Religion

2.1 Was ist Religion?

Es gibt auf der Erde keine Gruppe von Menschen, die das Konzept von Religion nicht kennt (Haviland 311). Nach William A. HAVILAND definiert sich Religion als „beliefs and patters of behavior by which humans try to deal with what they view as important problems that cannot be solved through the application of known technology or techniques of organization“ (310). William KORNBLUM sieht dies ähnlich und beschreibt Religion als „any set of coherent answers to the dilemmas of human existence that makes the world meaningful“ (500). Religion „is how human beings express their feelings about such ultimate concerns as sickness or death“ (Kornblum 500). Menschen versuchen sich mit Hilfe von Religion das Universum zu erklären und es „fassbar“ zu machen (Haviland 313). Nun könnte man annehmen, dass die Wissenschaft einen großen Teil dazu beigetragen hat, die Fragen, die das Universum uns stellt, zu entmystifizieren und dem Menschen damit seine Angst vor dem Unbekannten - z.B. dem Tod - zu nehmen. Doch „[s]cience […] may have contributed to the creation of a veritable religious boom [by] creating […] a host of new problems“ (Haviland 313). Je mehr Theorien durch Wissenschaftler aufgeworfen werden, desto mehr existentielle Fragen werden auch gestellt. Die logische Schlussfolgerung ist aber nicht, dass jeder Mensch auf der Erde tief religiös ist, um auf seine Fragen eine befriedigende Antwort zu erhalten. Religion in modernen westlichen Zivilisationen tendiert dazu, nur auf bestimmte Anlässe beschränkt zu sein (Haviland 313), um eine Art Gruppengefühl zu inszenieren. Dies bezieht sich vor allem auf religiöse Festtage, die sich auch im säkularen Kalender wiederfinden und auf den Lebenslauf bezogene Initiationsriten. Kulturelle Institutionen „are devoted to symbolizing, supporting, and maintaining the essential patterns of cultural behavior in a society“ (Kornblum 496). Zu diesen kulturellen Institutionen (Erziehung, Kommunikation, künstlerische Institutionen) zählt KORNBLUM auch die Religion (496). Stirbt jemand aus dem engen Verwandten- oder Bekanntenkreis ist die Trauer meist so groß, dass Menschen Zuflucht im Gebet finden. Wird ein Kind geboren, so danken viele Eltern Gott, dass er ihnen einen gesunden Sprössling geschenkt hat. Vor allem in Extremsituationen, wie es auch Naturkatastrophen oder Gewaltakte sein können, scheint sich ein großer Teil der westlichen Bevölkerung an ein höheres Wesen zu wenden. Naturvölker verhalten sich in dieser Hinsicht anders. Sie sehen sich als Teil der Natur und praktizieren eine Religion, die mit allen Lebensbereichen verbunden ist (Haviland 313). Doch wie unterschiedlich die Praxis der Religionsausübung auch sein mag, gibt es einheitliche Merkmale, um den Terminus Religion zu definieren. So hat jede Religion ihre speziellen Rituale, durch die Menschen mit höheren Wesen kommunizieren (Haviland 322). HAVILAND bezeichnet diese Rituale auch als „religion in action“ (313). Diese Rituale verringern die Angst und sind vertrauensbildend (Haviland 313), sei die Furcht nur momentan vorherrschend wie bei einem Todesfall oder allgegenwärtig, wie bei den Naturvölkern z.B. die Angst vor einer schlechten Ernte. Somit wird den Menschen nie die psychische Kraft genommen, ihr Leben auch trotz einer schweren Bewährungsprobe zu meistern (Haviland 313). Rituale können aber nicht nur Sicherheit und Hoffnung geben. Sie verstärken auch die soziale Bindung einer Gruppe (Haviland 322), die derselben Religion angehört.

Ein weiteres Merkmal von Religionen sind der Glaube an übernatürliche Wesen und Kräfte, welche sich als Götter, Geister, animisms oder animatisms zeigen (Haviland 314ff.) Mit diesen Wesen können alle Anhänger dieser Religion kommunizieren; besonders sind aber ganz bestimmte Menschen dazu berufen. Diese Personen, „who are especially skilled at dealing with these beings and powers“ (Haviland 310), können z.B. Priester, Pfarrer oder Schamanen sein (Haviland 318ff.).

Die Funktionen von Religion erschöpfen sich nicht auf die oben genannten Aspekte. Die religiöse Gemeinschaft erhält die soziale Kontrolle über ihre Mitglieder (Haviland 332), indem sie Ansichten darüber liefert, was falsch oder richtig ist und zeigt Beispielfälle für akzeptable und inakzeptable Verhaltensweisen (Haviland 310). Damit bekräftigt sie Gruppennormen und stellt moralische Sanktionen bereit (Haviland 311). Durch die Solidarität unter den Gläubigen wird das individuelle Leben bedeutungsvoll (Haviland 311). Religion fördert außerdem die mündliche Tradition (Haviland 310) und sichert somit das Wissen einer nonliterate culture (Haviland 332). Religion kann ein „model of the universe“ (Haviland 329) bieten, welches den Menschen unbekannte Dinge verständlich machen kann. Sie verringert so die Angst vor diesem Unbekannten und kann Trost spenden (Haviland 310). Religion kann den Menschen den Tod weniger gravierend darstellen, da sie ein Leben nach dem Tod möglich machen kann (Haviland 311). Da eine Religion den Menschen viele Lebensmuster vorgibt, kann sie die Entscheidungslast von einem nehmen, der nicht mit individuellen Entscheidungen ringt, sondern die höhere Macht entscheiden lässt (Haviland 310). Eine Religion kann auch den Moralkodex einer Gesellschaft festlegen (Haviland 329), an den sich alle Menschen zu halten haben. Zusammenfassend erkenne ich in der Funktionsbeschreibung durch HAVILAND vier Funktionen, die ich als psychologische Funktion, wertebildende Funktion, weltanschauliche Funktion und soziokulturelle Funktion definieren würde.

Nach Max Weber gibt es nun sechs Weltreligionen, wobei die letztgenannte gesondert zu sehen ist: Christentum, Konfuzianismus, Hinduismus, Buddhismus, Islam und Judentum. Die jüdische Religion als erste monotheistische Offenbarungsreligion hat das Christentum, den Islam und alle westlichen Normen und Werte stark beeinflusst (Kornblum 501). Neben diesen Weltreligionen gibt es noch zahlreiche andere organisierte Glaubensgemeinschaften. Diese reichen von einer einzelnen Kirche über den Zusammenschluss in Sekten, kleineren Glaubensgemeinschaften und Kulten hin zu großen Konfessionen (Kornblum 505). Doch nicht alle Menschen sind religiös im traditionellen Sinn, d.h. in eine kirchlichen Glaubensgemeinschaft integriert. Neben der Institution gibt es auch die Religiosität des einzelnen Menschen, die „depth of a person’s religious feelings“ (Kornblum 501f.). So müssen religiöse Menschen nicht immer einer Institution angehören, sondern können auch ihren ganz eigenen Glauben individuell ausüben, der losgelöst sein kann von allen bekannten Religionen und Glaubensgemeinschaften. Es gibt auch Atheisten, die nur den rationellen Ergebnissen der Wissenschaft vertrauen oder Agnostiker, die sich nicht der Frage des Letzt-Beweises der Existenz eines oder mehrerer Götter stellen. Auch diese Menschen glauben an etwas, aber nicht unbedingt an ein höheres Wesen, sie vertrauen z.B. in ihre eigene Kraft, die Kraft von wissenschaftlichen Methoden oder darauf, dass andere Menschen Entscheidungen treffen. Die wohl bekannteste Kraft in den USA, die sich an alle Amerikaner richtet, unabhängig ihrer religiösen Zugehörigkeit, ist die civil religion.

2.2 civil religion

Nach BELLAH ist civil religion, die konkret eine American civil religion ist, „a genuine apprehension of universal and transcendent religious reality, revealed through the experience of the American people“ (6). Für Rousseau beinhaltet civil religion die folgenden Merkmale: die Existenz eines Gottes, die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod, die Belohnung von Tugend, die Bestrafung von Lasterhaftigkeit und die Ablehnung von religiöser Intoleranz (Bellah 3). Civil religion überhöht wichtige Elemente monotheistischer Religionen, verallgemeinert diese, um die nationale Solidarität aufrecht zu erhalten und die Menschen zum Erreichen nationaler Ziele zu motivieren (Bellah 6). Das zentrale Symbol ist der allen monotheistischen Religionen gemeinsame Gott (Bellah 7). Biblische Stereotypen sind z.B. der Exodus, Chosen People, Promised Land, New Jerusalem, Sacrificial Death und Rebirth (Bellah 9). Civil religion soll eine Religion nicht ersetzen (Bellah 4), sondern über diese allgemeinen Merkmale das Nationalbewusstsein fördern, sie hat „only a ceremonial significance“ (Bellah 2). Die Idee eines Gottes spielte schon bei den Staatsmännern eine Rolle, die die amerikanische Verfassung festsetzten (Bellah 3). In der Declaration of Independence gibt es vier Verweise auf Gott: „Laws of Nature and of Nature’s God“; „[…] are endowed by their Creator with certain inalienable Rights […]“, „[…] the Supreme Judge of the world for the rectitude of our intentions […]“; „[…] a firm reliance on the protection of divine Providence […]“ (Bellah 3). Die Äußerungen und Taten der Gründungsväter formten die civil religion (Bellah 4) und machten Amerika zu einer „nation with the soul of a church“ (Ostendorf 169). In diesem Einwanderungsland konnten sich somit Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften über den einen Gott als Gemeinschaft definieren. Die Vereinigten Staaten seien sogar „the most religiously diverse society in the world, and, among developed nations, the most religious“ („Religious Liberty in American Life“).

Erkennbar ist also, dass Religion im weiten und engen Sinne in den USA eine sehr große Rolle im gesellschaftlichen Leben spielt. Sie trägt zu wichtiger Gruppenbildungen bei, reduziert Ängste und schafft communities. Die meisten konservativ denkenden Amerikaner vertreten die Ansicht, dass ihr Land auf dem christlich-jüdischen Glauben basiert (Nord xiii) und ohne diesen seine moralischen Grundwerte verlieren würde (Kniker Religious Practices 38). Die meisten liberalen Amerikaner sind dagegen der Meinung, dass Amerika ein säkulares, in religiöser Hinsicht neutrales Land ist (Nord xiii). Trotzdem wird in allen politischen Kreisen die civil religion, die auf christlichen Werten basiert und mit christlichen Symbolen arbeitet, gelebt. Somit ist Religion der Grundstein dieser Nation, auf der alle anderen Institutionen basieren - auch die Bildung und mit ihr die öffentlichen Schulen, die aus religiösen Schulen erwachsen sind und heutzutage die Werte und Normen des U.S. amerikanischen Staates weitertragen sollen. Welche gesetzlichen Regelungen gibt es zum Verhältnis von Staat und Religion in den USA, die das gesellschaftliche Leben beeinflussen?

[...]


1 Sehr eindrucksvoll dazu auch eine Folge der erfolgreichen Justizserie Boston Legal, im Anhang zu finden.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Religion auf die öffentlichen Schulen in den USA
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für fremdsprachliche Philologien)
Veranstaltung
„A Nation with the Soul of a Church“: Religion in American Politics and Culture
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
41
Katalognummer
V82357
ISBN (eBook)
9783638873079
ISBN (Buch)
9783638873109
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Doppelter Zeilenabstand!
Schlagworte
Einfluss, Religion, Schulen, Nation, Soul, Church“, American, Politics, Culture, teaching religion, teaching about religion, Religionsausübung, Kreationismus, Intelligent Design
Arbeit zitieren
Juliane Schicker (Autor), 2007, Der Einfluss von Religion auf die öffentlichen Schulen in den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82357

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