Italien in Eichendorffs Marmorbild


Hausarbeit, 2006

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung zum Thema dieser Arbeit

2 Italienbild in der Romantik
2.1 Frühromantik
2.2 Mittel- und Spätromantik

3 Italien in Eichendorffs Novelle: Das Marmorbild
3.1 Venus – die auferstandene Göttin
3.2 Der dämonische Donati
3.3 Die Spezifität der Tageszeiten im mediterranen Klima
3.3.1 Der südliche Mittag
3.3.2 Laue Abende und Nächte

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

Quellen

Darstellungen

1 Einführung zum Thema dieser Arbeit

Joseph Freiherr von Eichendorffs Novelle Das Marmorbild ist ein Werk der Spätromantik. Ort und Zeit des Geschehens ist Italien, genauer gesagt im Umkreis der mittelalterlichen Stadt Lucca, „irgendwann in der Renaissance und mitten im Frühling“[1]. Eichendorffs Beweggründe die Novelle zu schreiben hat er selbst in einem Brief an seinen Verleger Friedrich de la Motte-Fouque festgehalten:

Da mir nunmehr die Gegenwart in tausend verdrießlichen und eigentlich für alle Welt unersprießlichen Geschäften in eine fast lächerliche Nähe gerückt ist, [...] habe ich in vorliegendem Mährchen versucht, mich in die Vergangenheit und in einen fremden Himmelsstrich zu flüchten, und betrachte dasselbe als einen Spaziergang in amtsfreien Stunden ins Freie hinaus.[2]

Das Ziel seiner Flucht, der fremde Himmelsstrich, von dem er spricht, ist wohl Italien. Es klingt nach einer gewissen Sehnsucht nach diesem „fremden“ Land. Diese Vermutung liegt noch viel näher, bedenkt man, dass in vielen Werken Eichendorffs Italien eine wesentliche Rolle spielt. Überhaupt nimmt Italien in der romantischen Literatur eine zentrale Stellung ein.

Ein ausreichender Grund, das Italienbild in Eichendorffs Marmorbild genauer zu untersuchen. Zu diesem Zweck soll zunächst das sich wandelnde Italienbild der Romantik dargestellt werden. Von diesem Überblick ausgehend soll geprüft werden, welche gängigen Bilder, Vorstellungen und Topoi der mittleren und Spätromantik sich in dem Werk Das Marmorbild wiederfinden lassen. Die Rolle Italiens als Ort des Geschehens und die Bedeutung für die Handlung sollen in der folgenden Arbeit, anhand einzelner Aspekte, herausgearbeitet werden.

2 Italienbild in der Romantik

2.1 Frühromantik

Ein Schwerpunkt der deutschen Romantik, besonders der Frühromantik, liegt in der Rezeption der italienischen Renaissance. Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck[3] schreiben der italienischen Kunst der Renaissance, vor allem der Malerei Raffaels, eine „religiöse Erlebnisfunktion“[4] zu, die das Göttliche versinnliche.[5] Die Kunst ersetzt damit sogar die Heilige Schrift und jede dogmatische Religion.[6] Italien, als „das gelobte Land der Kunst“[7] wird zum Idealland erklärt. Die Sehnsucht nach Italien ist groß. Die Zeitgenossen erwarten, dort die Kunst zu finden und damit Gott zu erleben. Natürlich ist dies auch weiterhin mit einem Interesse an der Antike verbunden, schließlich ist die Idealisierung der Antike das Wesensmerkmal der Renaissance.

2.2 Mittel- und Spätromantik

Das Italienbild in Deutschland wandelt sich jedoch noch in der Romantik. Die mittlere Romantik entwirft das Bild des „unheimlichen Italiens“[8], oder besser gesagt, sie greift das Bild erneut auf, denn es hat bereits eine lange Tradition in der Literatur.[9]

Die mittlere Romantik ist stark christlich geprägt und orientiert sich am vorreformatorischen deutschen Mittelalter. Während die Frühromantik die italienische Renaissance noch verherrlichte, entwertet die mittlere Romantik die Antike und die Reanissance. Italien wird dämonisiert, als Exil der alten Götter verstanden.[10] Ihr versunkenes heidnisches Reich liegt unter den verwilderten und blühenden Gärten Italiens begraben.[11]

Es gibt drei Momente, die laut Cresti das unheimliche Italien der mittleren und der Spätromantik kennzeichnen:

a) Zunächst das Bild von den Bewohnern Italiens: Italien ist ausschließlich von Künstlern, Bediensteten oder Verbrechern bewohnt. Eine „Halbwelt“, in der das Nicht-Gesellschaftliche dominiert.[12]
b) Verfallene Sitten sind die Konsequenz aus dieser Gesellschaft. Die dortige „Halbwelt“ lebt ohne Moral, heidnisch und ohne christliche Schuldgefühle ein unreflektiertes Leben.[13]
c) Italien als Gefahr, das durch Verführung Künstler, Abenteurer und labile Menschen anlockt und verzaubert. Die Verführung geht von der Schönheit des Landes selbst, dem Klima, „schönen, sinnlichen und gewissenlosen Frauen“ oder „wahren Teufeln“ aus. Die Gefahr besteht vor allen Dingen darin, dass die Verführung „in diesem Land fast schicksalhaft-übernatürlich herrscht und den Willen der von ihr bezauberten deutschen Gestalten lähmt“.[14]

Italien übt einen „täuschenden und verderblichen Zauber“[15] aus, symbolisiert das Exotische, das Verführerische. Die Rettung vor dieser Verführung ist in dieser Vorstellung nur im christlichen Glauben zu finden.[16]

3 Italien in Eichendorffs Novelle: Das Marmorbild

3.1 Venus – die auferstandene Göttin

Die Göttin Venus ist vielen Werken der Romantik gemeinsam. Dazu schreibt Pabst:

[...] ein beständiges Wiederkehren und Fortzeugen des alten Themas vom Liebesverlangen der toten oder degradierten Göttin, die aus der Tiefe emporsteigt und den Kampf mit den Lebenden und ihrem neuen Gott aufnimmt. [...], ihre Zeit ist die Nacht, ihr Aufenthalt ist unter der Erde, im Stein, im verschlossenen, unbetretbaren, dunklen Raum. Ihre Heimat ist in der Mehrzahl der Fälle Italien, die römische Campagna, die Toskana, die Welt des Mittelmeers.[17]

Wie bereits erwähnt, orientiert sich die Spätromantik stark am vorreformatorischen Mittelalter. Aus dieser Zeit stammt auch das Motiv der auferstandenen heidnischen Götter. Im Mittelalter wurden eben diese antiken Götter, besonders die Göttinnen Venus und Diana, zu wahren Teufeln erklärt, die als Gespenster zu bestimmten Zeiten ihre Gräber verlassen und Verderben bringen. In dieser Vorstellung werden Venus und Diana oft miteinander verschmolzen. Von beiden sagt man, dass sie nach dem Sieg des Christentums zu liebestollen Teufelinnen geworden seien.[18] Die auferstandene Venus ist auch das dominierender Motiv in Eichendorffs Novelle Das Marmorbild, wobei sich auch hier eindeutige Wesenszüge der Diana in der Venusfigur wiederfinden[19], besonders auffällig in dem Moment, in der die Dame von der Jagd heimkehrt (S. 37).

Der junge Florio trifft auf Venus zunächst in der Gestalt einer Marmorstatur. Es ist seine erste Nacht in Lucca, also in der Toskana, an einem von Bäumen umgebenen Weiher, als er sie erblickt: „[...] ein marmornes Venusbild, das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, als wäre die Göttin soeben erst aus den Wellen aufgetaucht“(S. 18)[20]. Florio wird sofort in ihren Bann gezogen, es erscheint ihm, als sei sie eine „plötzlich erkannte Geliebte“ (S. 18) und langsam scheint sich Leben in ihr zu regen: „Je länger er hinsah, je mehr schien es ihm, als schlüge es die seelenvollen Augen langsam auf, als blühe Leben wie ein lieblicher Gesang erwärmend durch die schönen Glieder herauf.“ (S. 18) Doch dem entzückenden Zauber folgt das Unheimliche. Alles wirkt plötzlich gespenstisch und ein „nie gefühltes Grausen“ (S. 18) überfällt Florio.

Schon am nächsten Tag begegnet er der lebendigen Venus in einem „prächtigen Lustgarten“ (S. 21). Dass es sich hier tatsächlich um die Venus handelt wird im Text deutlich. Die „hohe schlanke Dame von wundersamer [Hervorhebung des Verf.] Schönheit“ (S. 22), der Florio in dem Garten begegnet, hat „unverkennbar die Züge, die Gestalt des schönen Venusbildes“ (S.23). Was passiert ist, drückt Florio während des Rückritts in seinen Gedanken aus:

Das schöne Marmorbild war ja lebend geworden und von seinem Steine in den Frühling hinunter gestiegen, der stille Weiher plötzlich verwandelt zur unermesslichen Landschaft, die Sterne darin zu Blumen und der ganze Frühling ein Bild der Schönen. (S. 25)

Der Frühling und der blühende Garten, der sich an der Stelle befindet, an der in der Nacht noch der stille Weiher lag, stehen in einem engen Zusammenhang mit ihrem Erscheinen. Venus selbst klagt den Frühling an: „Was weckst du, Frühling, mich von neuem wieder?“ (S. 23) Der Garten ist ebenso rätselhaft wie die Erscheinung der Venus. Er scheint aus einer anderen Zeit zu stammen:

Florio betrachtete verwundert Bäume, Brunnen und Blumen, denn es war ihm als sei das alles lange versunken, und über ihm ginge der Strom der Tage mit leichten, klaren Wellen, und unten läge nur der Garten gebunden und verzaubert und träumte von dem vergangenen Leben. (S. 22)

Zu der wunderbaren Erscheinung des Gartens gehört auch, dass er so plötzlich dort auftaucht, wo er in der Nacht zuvor noch nicht gewesen war und dass er in den nächsten Tagen für Florio unauffindbar sein wird (S. 38). Zumindest am folgenden Tag scheint der Garten tatsächlich „wie versunken“ (S.28) zu sein und ein Besuch der Dame ist nicht möglich, was Donati damit begründet, dass es Sonntag ist (S. 26). Am Sonntag, dem Tag des Christentums, scheint die heidnische Göttin Venus nicht präsent zu sein. Erst in der Nacht zum Montag begegnet er ihr auf dem Fest bei Pietro wieder. Der Garten taucht jedoch erst einige Tage später wieder auf, wenn Florio, zusammen mit Donati, der Einladung der schönen Dame folgt.

[...]


[1] Vgl. Volker Klotz, Venus Maria, S. 47.

[2] Eichendorff: Briefe, S.76.

[3] Vgl. Tieck: Sternbalds Wanderungen (1798).

[4] Eilert: Wilhelm Müllers Rom, S. 68.

[5] Vgl. ebd. Bezieht sich auf Wackenroder und Tieck.

[6] Vgl. Battafarno: Deutsche Romantik-Sehnsucht, S. 372.

[7] Wackenroder: Herzensergießungen, S. 59.

[8] Pabst: Venus und die missverstandene Dido, S. 7.

[9] Vgl. ebd., S. 7-21.

[10] Vgl. Cresti: Italienbild, S. 127

[11] Vgl. Lucks: Wesen und Formen, S.83.

[12] Vgl. ebd., S. 127 f.

[13] Vgl. Ebd., S. 128.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Lucks: Wesen und Formen, S. 83.

[16] Cresti: Italienbild, S.128.

[17] Pabst: Venus und die missverstandene Dido, S. 134.

[18] Woesler: Frau Venus und das schöne Mädchen, S. 36f.

[19] Zur näheren Erläuterung der Wesensvermischung von Venus und Diana in Das Marmorbild vgl. Woesler: Frau Venus und das schöne Mädchen, S. 36-37.

[20] Eichendorff: Das Marmorbild, S. 18. Im Folgenden werden die Seiten dieses Textes in Klammern nachgewiesen.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Italien in Eichendorffs Marmorbild
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur )
Veranstaltung
Novelle
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V82512
ISBN (eBook)
9783638898157
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italien, Eichendorffs, Marmorbild, Novelle
Arbeit zitieren
Sarah Monschau (Autor), 2006, Italien in Eichendorffs Marmorbild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82512

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