Peter Singers Potentialitätsargument und dessen Problematisierung


Hausarbeit, 2005

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen

3. Singers Ausführungen zum P-Argument und Einwände
3.1 Das Kronprinzessinproblem
3.2 Der Embryo oder Fetus als bloßes Mittel
3.3 Das Gametenproblem oder das Reductioargument

4. Das Abgrenzungsproblem der Potentialität
4.1 Possibilität
4.2 Probabilität
4.3 Dispositionelle Möglichkeit
4.4 Aktives inhärentes Potential

5. Zusammenfassung und weitere Aspekte

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Peter Singer versucht zu zeigen, dass die bloße Potentialität ein rationales, selbstbewusstes Wesen zu werden nicht als Grund gelten kann, diesem einen Lebensschutz zu zusprechen. Er verfolgt also das Ziel, das Potentialitätsargument (P-Argument) zu entkräften, da eben nur aktuale Personen[1] durch ihre Personen-Eigenschaften ein Lebensrecht haben.

Oberflächlich gesehen ist Singers Argumentation lückenhaft. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass er vieles impliziert, dass nicht explizit erwähnt wird. Ich versuche in der Arbeit, die teilweise grob dargestellten Schritte zu rekonstruieren resp. Einwände gegen sie anzuführen. Da ich mich nicht mit dem Potentialitätsargument generell beschäftige, sondern nur mit Singers Einwänden dazu, bleiben einige Aspekte, die Singer selbst nicht berücksichtigt, ungenannt.

Eine umfassende Kritik seines Utilitarismus, der sich auch als grundlegend für die Bewertung von potentiellen Personen erweist, ist hier nicht möglich. Ich werde stattdessen an entsprechenden Stellen die Probleme markieren, die eine solche Ethik mit sich bringt.

Zum Schluss dieser Arbeit führe ich ein Argument an, dass m. E. die Probleme des P-Arguments löst und realistische Schlussfolgerungen bieten kann.

2. Vorüberlegungen

Bevor ich Singers Ausführung zum Potentialitätsargument (P-Argument) darstelle, möchte ich zwei grundlegende Beurteilungskriterien erwähnen, die ich als sinnvolle Diskussionsbasis erachte. Diese Kriterien – im Sinne des so genannten „Überlegungsgleichgewichts“ – vermitteln zwischen theoretischen Einsichten und intuitiven Einzelurteilen:[2]

(1) Das P-Argument sollte unabhängig von der Statusfrage menschlicher Embryonen und Feten kohärenztheoretisch akzeptabel und dadurch plausibel sein. So soll eine ergebnisorientierte (oder ad hoc) Argumentation zur Beantwortung vermieden werden.
(2) Bewertungen, die (intuitiv) hochgradig absurd sind, sollten nicht zu deren konsequentialistischen Akzeptanz nötigen. Solche Konsequenzen können in diesem „kohärentistischen“ Verfahren nicht gelten, zumal es zu einem hinreichend vernünftigen Statusurteil führen soll.[3]

Auch Singer unterscheidet (nach R. M. Hare) die kritische von der intuitiven Moralebene, kommt jedoch zu dem Schluss, die intuitiven (alltägliche) Moralvorstellungen zu vernachlässigen.[4] Das mag verständlich sein in einer konsequentialistischen Ethik, kann aber zu akzeptierten absurden Ergebnissen führen (z. B., dass das Neugeborene kein Lebensrecht habe). Um solche Resultate auszuschließen, werde ich mich Singer in diesem Punkt nur teilweise anschließen und das oben beschriebene kohärentistische Verfahren bevorzugen.

3. Singers Ausführungen zum P-Argument und Einwände

Singers formalisiertes P-Argument ist durch folgenden Syllogismus repräsentiert:[5]

Prämisse 1: (1) Jedes Wesen, das potentiell Φ ist, hat WürdeM.

Prämisse 2: (2) Jeder menschliche Embryo ist ein Wesen, das potentiell Φ ist.

Konklusion: (3) Jeder menschliche Embryo hat WürdeM.

Wie man schnell erkennen kann, ist nicht der gültige Syllogismus das Problem des P-Argumentes, sondern seine zwei Prämissen sind problematisch. Vor allem die erste Prämisse macht unvermittelt von einer akzeptierten Voraussetzung gebrauch: Es geht um den Übergang (der das eigentliche Potentialitätsprinzip ist) von aktualen zu potentiellen Φ-seienden Wesen, denen durch die Übertragung des moralischen Status WürdeM zugesprochen wird. Auch nach Singer gibt es „keine Regel, die besagt, daß ein potentielles X denselben Wert oder alle Rechte von [einem aktualen] X hat.“[6]

3.1 Das Kronprinzessinproblem

Dieser Einwand gegen die erste Prämisse wird durch das Kronprinzessin- resp. Kronprinzenproblem (oder ähnlich gelagerte Beispiele) zugespitzt: Ein Prinz, der potentiell König ist, hat de facto nicht die gleichen Rechte wie der herrschende König. Ein Gegeneinwand gesteht zwar diesen Beispielen seine Plausibilität zu, betont aber, dass dies nicht für alle Fälle gelte. Schließlich gestehen wir dem reversiblen Komatösen, ob seiner nicht-realisierten Fähigkeit (Φ zu sein und nur das Vermögen dazu habend), die gleichen Rechte zu wie einem Wesen, das Φ aktual realisiert hat.[7] Eine andere Erwiderung sieht den logischen Fehler in dem Schluss den moralischen Wert, den das aktuale Φ-sein eines Wesens hat, identisch zu dem moralischen Wert zu betrachten, den das Potenzial hat, Φ zu werden. Obgleich die Identität zwischen aktualem Φ-sein und dem Potenzial dazu nicht gegeben ist, so M. Quante, ziele das Argument aber eigentlich darauf, dass die Bewertung des moralischen Status durchaus auch bei verschiedenen Dingen gleich sein kann. Insofern fehle den Befürwortern des P-Arguments für diese Wertaussage aber eine ethische Begründung. Mit anderen Worten ist durch diesen „Lösungsansatz“ des Logischen-Fehler-Arguments gezeigt, dass es möglich ist, Embryonen und aktuale Personen gleich zu behandeln; die Begründung kann jedoch nicht aus einer Identität des moralischen Werts erfolgen.[8]

[...]


[1] Obwohl der Begriff der Person umstritten ist, verwende ich ihn hier, da Singer unter ihn bestimmte Eigenschaften zusammenfasst, die grundlegend für seine Argumentation sind.

[2] Vgl. Schöne-Seifert, Bettina: Contra Potentialitätsargument. Probleme einer traditionellen Begründung für embryonalen Lebensschutz. In: Damschen, Gregor und Dieter Schönecker (Hrsg.): Der moralische Status menschlicher Embryonen. Pro und contra Spezies-, Kontinuums-, Identitäts- und Potentialitätsargument. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. 2002. S. 173f.

[3] Dieser Ansatz ist nicht ganz unproblematisch: Zunächst stellt sich die Frage, warum hier die Intuition eine gleichberechtigte Rolle zu theoretischen Einsichten in den Überlegungen spielen soll. Ich nehme an, dass sie davor bewahren soll, reductio ad absurdum-Argumente durch einen modus ponens in konsequentialistischer Weise zu bewerten. (Daraus könnte schließlich die Überzeugung einer Zeugungspflicht oder eines Schutzes von Gameten resultieren. Diese Konsequenz zieht Hare, dazu aber weiter unten.) Dennoch sollte man sich darüber bewusst sein, dass Intuitionen durch Erziehung nach tradierten, diskursiven Überzeugungen entstehen und keine mystischen Eingebungen sind. (Zur Zeit der Sklaverei kamen nur wenige Sklavenbesitzer intuitiv auf die Idee, jene Versklavte als ebenbürtige Menschen zu behandeln. Obwohl Beispiele „hinken“, soll dieses verdeutlichen, dass Intuitionen auch mit „falschen“ Überzeugungen einhergehen können.) Da jedoch die bloßen theoretischen Erwägungen zu jenen absurden (kontraintuitiven) Ergebnissen führen können, plädiere ich schließlich für die Theorie des „Überlegungsgleichgewichts“.

[4] Vgl. Singer, Peter: Praktische Ethik. 2. rev. und erw. Auflage 1994. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co 2004. S.222, 257, 412. Ich denke, er klammert die Intuition aus ähnlichen Gründen aus wie in Fußnote 3. Singer argumentiert in diese Richtung, indem er unsere Intuitionen einseitig von christlichen Vorstellungen geprägt sieht: „Aber es ist nicht so leicht, mit Zuversicht zu behaupten, wir seien zivilisierter als die besten griechischen und römischen Moralisten [, die Infantizid praktizierten].“ (Ebd. S. 223)

[5] Damschen, Gregor und Dieter Schönecker: Argumente und Probleme in der Embryonendebatte – ein Überblick. In: Damschen/ Schönecker (wie Anm. 2), S. 5. Obwohl sich Singers Syllogismus auf Feten bezieht und Damschen/ Schöneckers auf Embryonen, ist durch das hier aufgegriffene Argument die WürdeM von Feten mit eingeschlossen. Die Termini in den Syllogismen unterscheiden sich zwar, sagen aber im Grunde das gleiche aus resp. leisten die hier verwendeten mehr. Singer meint mit menschlichen Wesen seinen Personenbegriff, der durch Eigenschaften gekennzeichnet ist, die hier unter Φ gefasst sind und im Folgenden auch so unter Φ verstanden werden: Personen als distinkte Entitäten mit Zeitbewusstsein oder als rationale, selbstbewusste Wesen. Auch ist gleichzeitig ein Speziesismus schon im Ansatz vermieden, da Φ nicht nur Menschen zukommen kann, sondern auch anderen Wesen. WürdeM und das Tötungsverbot sind hier im engeren Sinne (nach den Urhebern) als extensional äquivalent zu verstehen.

[6] Singer (wie Anm. 4), S. 199. Dieser Einwand wird bei Quante auch als das „Logische-Fehler-Argument“ bezeichnet.

[7] Damschen, Gregor und Dieter Schönecker: In dubio pro embryone. Neue Argumente zum moralischen Status menschlicher Embryonen. In: Damschen/ Schönecker (wie Anm. 2), S. 239.

[8] Vgl. Quante, Michael: Personales Leben und Menschlicher Tod. Personale Identität als Prinzip der biomedizinischen Ethik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002. S. 97f. Das Problem der Identität der moralischen Werte basiert wiederum u. a. auf dem so genannten Identitätsargument. Um die moralische Identität zu behaupten, muss auch die Identität eines Individuums geklärt und abgegrenzt sein. Das Argument kann hier jedoch nicht weiter verfolgt werden, da es in der Arbeit um das P-Argument geht.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Peter Singers Potentialitätsargument und dessen Problematisierung
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Der Begriff der Person und sein Gebrauch in den Problemfeldern der Medizin- und Bioethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V82552
ISBN (eBook)
9783638888059
ISBN (Buch)
9783640749287
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bewertung: "Eine sehr gelungene Arbeit, sprachlich wie argumentativ, mit der Sie zeigen, dass Sie sich intensiv und mit sehr gutem Ergebnis mit dem Potentialitätsargument auseinander gesetzt haben"
Schlagworte
Peter, Singers, Potentialitätsargument, Problematisierung, Begriff, Person, Gebrauch, Problemfeldern, Medizin-, Bioethik
Arbeit zitieren
Johannes Key (Autor), 2005, Peter Singers Potentialitätsargument und dessen Problematisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82552

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