Steuerbarkeit der Verwaltung durch die Politik bei angenommener Autopoiesis von Organisationen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Ist politische Planung möglich?


Seminararbeit, 2007
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführende Grundlagen und Begriffsklärungen
2.1. Konzept der autopoietischen Systeme
2.2. Organisationen als Typ sozialer Systeme
2.3. Gesellschaft und Stellung der Politik & Verwaltung
2.4. Organisationen und Teilsysteme
2.5. Zur Nichtsteuerbarkeit von Organisationen

3. Politische Planung
3.1. Begriff der Planung
3.2. Formen politischer Planung
3.3. Möglichkeiten der Verwaltungssteuerung

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Verhältnis zwischen Politik und Verwaltung ist für viele politikwissenschaftliche Analysen wichtig und interessant. Luhmanns Systematik folgend, können sowohl Politik, als auch Verwaltung als soziale Systeme betrachtet werden. Folgt man diesem Ansatz, ergeben sich daraus Konsequenzen, die das Zusammenspiel beider als fast unmöglich oder zumindest erschwert erscheinen lassen.

Diese Arbeit wird sich zunächst mit Begriffsklärungen aus Luhmanns Systemtheorie beschäftigen, so werden das Konzept der Autopoiesis sozialer Systeme, Organisationen und die ausdifferenzierte Gesellschaft und die damit einhergehende Stellung der Politik und Verwaltung thematisiert werden. Nach Klärung der Grundlagen wird die politische Planung als Prozess innerhalb des politischen Systems vorgestellt.

Selbstredend kann die vorliegende Arbeit nur einen Bruchteil der Systemtheorie Luhmanns behandeln, daher wird das Konzept der strukturellen Kopplung zwischen dem System der Politik mit anderen Funktionssystemen bzw. das Ergebnis der politischen Planung des Systems der Politik und seine Bedeutung und Wirkung auf andere Funktionssysteme nicht behandeln werden können. Es lässt sich sagen, dass die Steuerungsproblematik also nur auf der Ebene des politischen Systems und nicht zwischen den Systemen thematisiert werden kann.

Es wird die Frage behandelt werden, in welchem Verhältnis Politik und Verwaltung zueinander stehen und ob bzw. wie Politik in der Lage ist, Verwaltung zu steuern und somit politische Vorstellungen über einen wünschenswerten Zustand implementieren zu lassen.

2. Einführende Grundlagen und Begriffsklärungen

2.1. Konzept der autopoietischen Systeme

System kann als Synonym für Einheit aufgefasst werden.[1] Das System erhält sich selbst in einer Differenzierung zur Umwelt. Umwelt ist alles, was nicht System ist. Somit wird die Grenze zur Umwelt vom System selbst gezogen und die Umwelt damit vom System konstituiert.[2] Diese System/Umwelt-Differenzierung bildet Luhmanns Leitunterscheidung und zieht sich durch seine gesamte Systemtheorie. Diese Unterscheidung dient jedoch nicht nur der Konstituierung einer System/Umwelt-Grenze, sondern sie beschreibt auch ein Komplexitätsgefälle. Die Umwelt ist immer komplexer[3] als das System. Aus einer Vielzahl möglicher Ereignisse selektiert das System eine überschaubare und handhabbare Zahl und verweist andere Möglichkeiten in den Hintergrund.[4] Dies bedeutet für das System, dass seine, das System konstituierenden, Elemente nur temporär auftreten dürfen, um eine permanente Veränderbarkeit des Systems zu gewährleisten, das sich so der komplexen Umwelt anzupassen versucht.[5]

Von maschinellen, organischen und psychischen Systemen werden soziale Systeme unterschieden. Diese bestehen aus Kommunikationen[6] und nur aus Kommunikationen als basale Operationen.[7] Luhmann unterscheidet drei Arten sozialer Systeme: Gesellschaft, Interaktion und Organisationen. Sie werden nach der in ihnen stattfindenden Kommunikation unterschieden. In Interaktionen beschränkt sich Kommunikation auf direkt Anwesende. Organisationen hingegen lassen eine höhere Komplexität als Interaktionen zu, da Kommunikation nicht mehr auf Anwesende beschränkt ist, sondern auch zwischen unmittelbar unerreichbaren Menschen stattfindet. Gesellschaft schließlich kann als Weltgesellschaft aufgefasst werden – Kommunikation findet in den entsprechenden Teilsystemen (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft) global statt.[8]

Kommunikation kann immer nur aus sich selbst heraus entstehen. Sie ist immer Reaktion auf vergangene oder erwartete Kommunikation. Soziale Systeme reproduzieren sich also als Zusammenhang rekursiv aufeinander bezogener Kommunikationen und ziehen somit die Grenze zu ihrer nicht-sozialen Umwelt. Dieses Konzept der Selbstproduktion bzw. den Umstand, dass Systeme die Operationen, aus denen sie bestehen, durch die Operationen, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren, wird Autopoiesis genannt.[9] Sie sind operativ geschlossen, was jedoch nicht meint, dass Systeme nicht mit der Umwelt in Kontakt treten können, sondern dass das System nur im Kontext seiner eigenen Operationen operieren kann und somit auf die Strukturen angewiesen ist, die es sich durch seine eigenen Operationen geschaffen hat.[10] Dies erzeugt einen binären Code, der für jedes System einzigartig ist, durch den geprüft wird, ob ein Ereignis für das System als richtig bzw. falsch anzusehen ist. Ihre Operationen können nur aufgreifen, was sich in den eigenen Code der Systeme fügt. Systeme handeln somit tautologisch, da sie nur sehen, was sie sehen können bzw. nur das sehen, was ihr eigener, spezifischer Code erlaubt. Desweiteren handeln sie paradox, da sie sich auf eine Umwelt beziehen, die sie durch ihre eigene Umcodierung bereits zur Systemwelt gemacht haben.[11]

2.2. Organisationen als Typ sozialer Systeme

Organisationen stellen einen Untertyp sozialer Systeme dar und bestehen aus Entscheidungen bzw. der Kommunikation von Entscheidungen.[12] Entscheidungen werden dabei verstanden als besondere Art der Kommunikation, die den Organisationen eigen sind. Kommuniziert wird eine Selektion aus, als explizit als solche bekannten Alternativen. Es wird ebenfalls kommuniziert, dass auch anders hätte entschieden werden können. Somit sind Entscheidungen als Transformationen von Kontingenz[13] zu betrachten. Aus „Dieses-oder-jenes“ wird mittels Entscheidung „Dieses-und-nicht-jenes“.[14] Organisationen sind autopoietische soziale Systeme, reproduzieren sich also selbst. Sie besitzen Strukturen, die ihren Fortbestand sichern und Komplexität reduzieren, da mögliche Verknüpfungen der Kommunikationen untereinander reduziert werden. Luhmann vertritt einen funktionalistischen Strukturbegriff, demnach alles Struktur ist, was der Funktion der Fortsetzung und Kanalisierung der Kommunikation dient: häufig wiederholte Kommunikationsbeziehungen und damit zusammenhängende Erwartungen sowie Unterscheidungen, die die Orientierung der Kommunikation steuern und schließlich Beschreibungen von Kommunikationszusammenhängen.[15] Strukturen von Organisation müssen Handlungsereignisse verknüpfen, welche kurzlebig sind, also nur kurzen Bestand haben. Beispielsweise müssen Entscheidungen bestimmter Gremien wiederum auf anderer Hierarchieebene aufgenommen und verarbeitet werden. Strukturen schaffen also Verknüpfungen zwischen Handlungsereignissen, welche wiederum andere Handlungen hervorrufen und die Organisation somit stabilisieren.[16]

[...]


[1] J. Dieckmann: Luhmann-Lehrbuch, 1. Auflage, München 2004, S. 234

[2] J. Koch: Organisation und Differenz, 1. Auflage, Wiesbaden 2003, S. 188

[3] Komplexität bezeichnet hierbei den Umstand, dass nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft werden kann. Dadurch können Elemente (z.B. Handlungen) nur selektiv verknüpft werden., vgl. ebda., S. 227

[4] D. Nohlen/R.-O. Schultze (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Band 2 N-Z, 3. Auflage, München 2005, S. 1002f.

[5] vgl. A. Brodocz: Die politische Theorie autopoietischer Systeme: Niklas Luhmann, in: A. Brodocz/ G. S. Schaal (Hrsg.), Politische Theorien der Gegenwart II, 2. Auflage, Stuttgart 2006, S. 499-528, hier S. 502

[6] Luhmann versteht Kommunikation als Ganzheit der Operationen „Selektion von Information“, „Mitteilung“ und „Verstehen“., vgl. Dieckmann a.a.O., S. 227

[7] W. Martens/ G. Ortmann: Organisationen in Luhmanns Systemtheorie, in: A. Kieser/ M. Ebers (Hrsg.), Organisationstheorien, 6. Auflage, Stuttgart 2006, S. 427-461, hier S. 433

[8] vgl. ebda., S. 431

[9] vgl. J. Dieckmann a.a.O., S. 219 und Brodocz a.a.O., S. 503

[10] D. Seidl, in: D. Seidl/ K. H. Becker(Hrsg.): Niklas Luhmann and Organization Studies, 1. Auflage, Kopenhagen 2005, S. 59

[11] vgl. D. Nohlen/R.-O. Schultze a.a.O., S. 1003

[12] D. Seidl a.a.O., S. 408

[13] Kontingent ist eine Situation, bei der verschiedene Alternativen möglich sind., vgl. W. Martens/ G. Ortmann a.a.O., S. 428

[14] vgl. ebda., S. 437

[15] vgl. ebda., S. 438

[16] vgl. ebda., S. 439

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Steuerbarkeit der Verwaltung durch die Politik bei angenommener Autopoiesis von Organisationen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Ist politische Planung möglich?
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät: Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation)
Veranstaltung
Klassiker der Organisations- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V82593
ISBN (eBook)
9783638896665
ISBN (Buch)
9783638896702
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Steuerbarkeit, Verwaltung, Politik, Autopoiesis, Organisationen, Luhmanns, Theorie, Systeme, Planung, Klassiker, Organisations-, Verwaltungswissenschaften
Arbeit zitieren
Thomas Danken (Autor), 2007, Steuerbarkeit der Verwaltung durch die Politik bei angenommener Autopoiesis von Organisationen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Ist politische Planung möglich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82593

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