Diese Arbeit ist der Versuch einer komparativen Analyse der Wortprofile von bonheur
und joie im Sinne der kognitiven Semantik, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Wort
bonheur liegt. Den theoretischen Hintergrund bilden Wittgenstein, der die Wichtigkeit
des Gebrauchs der Worte unterstreicht, sowie Lakoff und Johnsons konzeptuelle
Metaphern. Ziel ist einerseits die Beschreibung der Konzeptualisierung der Referenten
der Begriffe bonheur und joie in der französischen Sprache, und, damit
zusammenhängend, andererseits die Untersuchung, inwieweit es sich dabei um
Synonyme handelt.
Inhaltsverzeichnis
1 Theoretische Einordnung
1.1 Interdependenz zwischen Inhalt und Umgebung
1.2 Synonymie
2 Ist Glück kurz oder von Dauer?
2.1 bonheur - statische Konzeption
2.2 bonheur - dynamische, projektive Konzeption „Glücksrad“
3 bonheur ↔ joie
4 „jardin privatif“ von joie
5 bonheur ↔ malheur
6 Verwendung von bonheur und joie in Umstandsangabe
6.1 avec
6.2 à
6.3 dans
7 Des eigenen Glückes Schmied oder dreht sich das Glücksrad?
7.1 Externe vs. interne Welt
7.2 Koordination und Idiome
8 Conclusion
9 Beispiel-Liste
10 Quellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt eine komparative Analyse der Wortprofile von bonheur und joie im Kontext der kognitiven Semantik, wobei das Hauptaugenmerk auf bonheur liegt. Ziel ist die Beschreibung der Konzeptualisierung dieser Begriffe im Französischen, um zu klären, inwieweit eine synonyme Beziehung zwischen ihnen besteht.
- Kognitive Semantik und Wortprofilanalyse
- Vergleich der Konzepte von bonheur und joie
- Anwendung von Metaphern-Modellen (z.B. SOURCE-PATH-GOAL)
- Untersuchung von Kollokationen zur Bedeutungsdifferenzierung
- Syntaktische und konzeptuelle Umgebung von Glücksbegriffen
Auszug aus dem Buch
2.2 bonheur - dynamische, projektive Konzeption ‚Glücksrad’
Da sich mit Hilfe der typischsten Wörter sämtliche Elemente der Vor- und Nachgeschichte des Basiswortes belegen lassen (vgl. Blumenthal 2006b: 33), wurden in der folgenden Tabelle die Kollokatoren von bonheur entsprechend der Idee einer Kausalkette in die Kategorien Erhoffen/Warten, Glücksauslöser, Glücksmoment, Erinnern/Warten/Erhoffen eingeordnet. Der Rang der Kollokatoren wurde in Klammern dahinter gesetzt. Dieses ‚Glücksrad’ soll anschaulich die These stützen, dass Glück eher dynamisch (instant) als statisch (temps) konzeptualisiert ist, da die Zahl der Kollokatoren und Beispiele an dieser Stelle stark überwiegen.
Demzufolge leben Menschen grundsätzlich in einem Zustand, den sie nicht als glücklich empfinden. Glück wird als potentieller Zustand erhofft, gesucht, erwartet. Es gibt immer wieder (interne/externe?) Auslöser für das Glücksgefühl, das sich dann aktuell und kurz einstellt, (manchmal unbewusst oder erst später) genossen wird; danach tritt der Ursprungszustand wieder ein, und es wird wieder gehofft und gewartet; an das alte Glück erinnert man sich. Daraus ergibt sich, dass bonheur die Tendenz hat, Zielzustand zu sein „Le bonheur est alors un espoir, […] une marche vers un but“ (Clavier/Rey: 991).
Es bietet sich an, ‚Glück als Zielzustand’ direkt mit Lakoffs Conceptual Metaphor SOURCE-PATH-GOAL-Schema zu vergleichen:
Bodily experience: Every time we move anywhere there is a place we start from, a place we wind up at, a sequence of contiguous locations connecting the starting points and ending points, and a direction. We will use the term ‘destination’ as opposed to ‘goal’ when we are referring to a specifically spatial ending point. Structural elements: A SOURCE, a DESTINATION, a PATH and a DIRECTION. Metaphors (in English): One may go a long way toward achieving ones’s purposes, one may get sidetracked, or find something getting in one’s way. (vgl. Lakoff, 1988: 144).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theoretische Einordnung: Dieses Kapitel legt den theoretischen Grundstein durch Wittgenstein, Lakoff und Johnson, um die Bedeutung von Wörtern aus deren Gebrauch und Umgebung in Text-Korpora abzuleiten.
1.1 Interdependenz zwischen Inhalt und Umgebung: Hier wird erläutert, wie ein komplexer Inhalt durch die statistische Häufigkeit von Wörtern in der Umgebung eines Basiswortes in Text-Korpora sichtbar gemacht werden kann.
1.2 Synonymie: Es wird diskutiert, wie die Analyse von Wortumgebungen (voisinage) hilft, Synonyme zu vergleichen und Bedeutungsgrenzen sowie Nuancen durch unterschiedliche Konzeptualisierungen zu identifizieren.
2 Ist Glück kurz oder von Dauer?: Dieses Kapitel untersucht die Dichotomie zwischen einer dynamischen (kurzfristigen) und einer statischen (langfristigen) Konzeption von Glück.
2.1 bonheur - statische Konzeption: Hier wird das statische Glück als ein dauerhafter Zustand betrachtet, der häufig mit familiären und sozialen Bezügen assoziiert wird.
2.2 bonheur - dynamische, projektive Konzeption „Glücksrad“: Dieses Kapitel führt das ‚Glücksrad’-Modell ein, das bonheur als dynamischen, zirkulären Prozess konzeptualisiert, in dem Glück als Zielzustand erhofft wird.
3 bonheur ↔ joie: Eine quantitative und qualitative Untersuchung der Gemeinsamkeiten in den Kollokatoren zeigt, dass es sich bei den Begriffen um partielle Synonyme handelt.
4 „jardin privatif“ von joie: Die Analyse der spezifischen Verwendung von joie zeigt, dass es intensiver konzeptualisiert ist als bonheur und häufig als nach außen gerichtete Manifestation auftritt.
5 bonheur ↔ malheur: Hier wird die syntagmatische Verbindung von bonheur mit seinem Antonym malheur untersucht, die das Glücksrad-Konzept stützt.
6 Verwendung von bonheur und joie in Umstandsangabe: Dieses Kapitel analysiert die spezifischen Kollokationen mit Präpositionen wie avec, à und dans, um die konzeptuelle Einbettung der Glücksbegriffe zu verdeutlichen.
6.1 avec: Die Analyse zeigt, dass avec bonheur stark mit Erfolg und Talent verknüpft ist, während avec joie formellere Register bedient.
6.2 à: Dieser Abschnitt beschreibt deskriptiv die Verwendung von à zur Bildung von Komposita oder in festen Wendungen.
6.3 dans: Hier wird durch das CONTAINER-Schema nach Lakoff erklärt, wie bonheur und joie räumlich konzeptualisiert werden.
7 Des eigenen Glückes Schmied oder dreht sich das Glücksrad?: Die Gegenüberstellung von internen und externen Faktoren zeigt, dass das Glücksrad-Modell den allgemeinen Sprachgebrauch dominiert.
7.1 Externe vs. interne Welt: Die Untersuchung der Kollokatoren offenbart, dass bonheur trotz internen Empfindens meist durch externe Auslöser bedingt ist.
7.2 Koordination und Idiome: Durch die Analyse von Sprichwörtern wird verdeutlicht, dass das Glück als intern empfundenes Gefühl gilt, obwohl der Sprachgebrauch auf eine externe Ausrichtung hindeutet.
8 Conclusion: Zusammenfassend wird bestätigt, dass bonheur und joie partielle Synonyme sind, die sich durch unterschiedliche konzeptuelle Schemata und Intensitäten auszeichnen.
9 Beispiel-Liste: Dieser Abschnitt dient als Anhang, der alle für die Analyse herangezogenen Beispielsätze auflistet.
10 Quellen: Auflistung der verwendeten Korpora, Wörterbücher und Fachliteratur.
Schlüsselwörter
bonheur, joie, kognitive Semantik, Wortprofil, Korpusanalyse, Metaphern, Glücksrad, Synonymie, Kollokationen, Wittgenstein, Lakoff, Konzeptualisierung, Semantik, Sprache, Sprachgebrauch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der französischen Wörter bonheur und joie auf Basis einer korpuslinguistischen Analyse, um ihre semantischen Profile zu bestimmen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind kognitive Semantik, die Konzeptualisierung von Gefühlen, die Analyse von Wortkollokationen sowie der Vergleich von Glückskonzepten in Sprache und Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die detaillierte Beschreibung der Konzeptualisierung der Referenten von bonheur und joie sowie die Beantwortung der Frage, inwieweit es sich um Synonyme handelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine korpusbasierte Analyse der Wortumgebungen (Kollokatoren) im Korpus Le Monde 2002 durchgeführt, ergänzt durch Theorien der kognitiven Semantik (Metaphern) und lexikographische Vergleiche.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Im Hauptteil werden das ‚Glücksrad’-Modell als dynamische Konzeption von bonheur eingeführt, die Abgrenzung zu joie mittels Kollokatoren vorgenommen und räumliche Schemata (CONTAINER) diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie bonheur, joie, kognitive Semantik, Wortprofil, Korpusanalyse, Metaphern und Glücksrad charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Konzeption von bonheur und joie laut der Arbeit?
Während bonheur oft als eher abstraktes, statisches Gefühl oder Zielzustand konzeptualisiert wird, ist joie als intensiveres, auf körperliche Erfahrung basierendes und nach außen manifestiertes Gefühl einzuordnen.
Welche Bedeutung hat das „Glücksrad“-Modell?
Das Modell stützt die These, dass Glück im Französischen dynamisch konzeptualisiert ist: Es beschreibt einen zirkulären Prozess aus Warten, Erwarten, dem kurzzeitigen Eintreten und Genießen des Glücksmoments sowie der Rückkehr zum Ausgangszustand.
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- Nadine Hemel (Author), 2006, Konzeptualisierung des Referenten von 'bonheur', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82611