Im Zeitraum zwischen 1850 und 1900 hat der Lyrikmarkt (auf Seiten der Produktion und Distribution) nachweislich einen enormen Aufschwung erlebt. Die Anzahl der Lyrik-Anfertigungen in diesen Jahrzehnten ist so gewaltig, dass man heute nur noch den kleinsten Teil der dazugehörigen Dichternamen kennt. Trotz der massenhaften Herstellung kann im lyrischen Bereich nur wenig Schöpferisches und Innovatives in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefunden werden. Stattdessen bestehen viele Anthologien jener Zeit aus einer Fülle an Triviallyrik. Häufig wird in wissenschaftlichen Untersuchungen dennoch besonders den wenigen großen Autoren Aufmerksamkeit gewidmet. Die Betonung ihrer grandiosen, jedoch – alles in allem gesehen – untypischen Werke ohne breite Resonanz verfälscht allerdings das Lyrikbild der Zeit massiv.
Es gibt verschiedene Arbeiten, die sich mit der Trivialisierung der Lyrik der damaligen Zeit befassen. Hierbei fällt auf, dass die Theorien sich teilweise widersprechen, dass sie verschiedenen Faktoren eine unterschiedliche Gewichtung zukommen lassen und dass sich andere Analysen wiederum ergänzen. Günter Häntzschel beispielsweise in seinen zahlreichen Studien hauptsächlich verschiedene Aspekte der sozialgeschichtlichen Komponente, während andere Forscher sich ausschließlich der Epigonenthese widmen, so etwa Claude David. Und die Darstellung des Literaturwissenschaftlers Jörg Schönert hebt den Aspekt der Distribuenten und der Präsentation der Texte hervor.
Die vorliegende Arbeit intendiert, jene Ursachen, die an dem Phänomen der Lyriktrivialisierung ab etwa 1850 mitwirken, aufzuzeigen. Hierbei werden die vorangegangene Epoche und die Theorie des Epigonentums ebenso einzubeziehen sein wie soziale Umstände, so zum Beispiel die (geschlechterbezogene) Schulbildung oder die sich ausbreitende Industrialisierung. Außerdem müssen sowohl die Anteile, welche die Produzenten an der Entwicklung hatten, als auch der Part der Rezipienten und der Distribuenten aufgeschlüsselt und kombiniert werden, um die Beziehungen und Abhängigkeiten der drei Mitwirkenden am Lyrikmarkt herauszustellen.
Ziel der Arbeit ist es, das vertrackte Geflecht der Faktoren, die schließlich unumgänglich zur Trivialisierung der damaligen Lyrikproduktionen geführt haben, zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
A. Einführung und Ziel der Arbeit
B. Trivialliteratur im Allgemeinen – Was kennzeichnet diesen Sammelbegriff?
C. Die Produzenten trivialer Lyrik, Teil 1: Die Epigonenthese
II. Sozialgeschichtliche Faktoren: Der situative Kontext
A. Der Umbruch von der ersten zur zweiten Jahrhunderthälfte
B. ‚Männlein vs. Weiblein’ – Die Geschlechterfrage
C. Bildung und das weibliche Geschlecht
1. Die Höhere Töchterschule
2. Die Frau nach der Schulzeit
III. Auswirkungen der sozialen Faktoren auf den Lyrikmarkt
A. Folgen für die Lyrikproduktion – Die Produzenten, Teil 2
B. Die Situation der Distribuenten und ihre Organe
1. Anthologien
2. Deklamatorien
3. Lyrik in Zeitschriften am Beispiel des Familienblattes „Gartenlaube“
IV. Zusammenfassung und Schlusswort
V. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Ursachen für die Trivialisierung der Lyrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und untersucht das komplexe Zusammenspiel von Produzenten, Distribuenten und Rezipienten im literarischen Markt.
- Sozialgeschichtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Wandel
- Die Rolle der geschlechterspezifischen Erziehung und Bildung
- Mechanismen der Lyriktrivialisierung in Anthologien
- Der Einfluss von Illustrationen und Verkaufsstrategien
- Funktionalisierung von Lyrik in Vereinen und Zeitschriften
Auszug aus dem Buch
II.C.1 Die Höhere Töchterschule
Interessant für meine Analyse ist vor allem das Prinzip der Höheren Töchterschule, welches vorab kurz erläutert werden muss, da es sonst missverstanden werden könnte.
Das Attribut „höher“ darf in diesem Zusammenhang nicht verwechselt werden mit einer qualitativen Einstufung des Instituts als Hochschule, die auf ein universitäres Studium vorbereitet. Vielmehr indiziert der Titel der Schule, dass lediglich Töchter aus höherem Hause eine derartige Ausbildung vonnöten haben – und natürlich, dass nur Eltern dieser Mädchen es sich überhaupt leisten können, ihrem Kind den Besuch an einer der Eliteanstalten zu ermöglichen. Die Höheren Töchterschulen liegen nämlich nicht in der Hand des Staates, sondern sind aus privater, kirchlicher oder kommunaler Initiative heraus entstanden. „Höher“ benennt demnach einzig und allein den privilegierten Status der Familien der Mädchen, nicht aber die Art der Schulbildung.
Was sind jedoch die Ziele der „höheren“ Mädchenbildung (wenn nicht die Vorbereitung auf eine universitäre Laufbahn), und wie werden sie vermittelt?
Werfen wir zur Beantwortung dieser Fragen zunächst einmal einen Blick auf die dominanten Unterrichtsbedingungen: Weil die Mädchenschulen eben nicht unter öffentlicher, sondern privater Aufsicht stehen, bleiben jegliche Unterrichtsinhalte sowie die Organisationsschemata unüberwacht und mehr oder weniger willkürlich. Dennoch lassen sich diesbezüglich entscheidende Gemeinsamkeiten feststellen, die in allen Instituten gleich sind. Von außerordentlicher Bedeutsamkeit ist, dass wissenschaftliche Fächer wie Biologie, Mathematik, Chemie oder Geografie im Curriculum der Töchterschulen fehlen. Stattdessen besteht der Stundenplan der Mädchen hauptsächlich aus musischen Fächern wie Religion, französischer Konversation, Handarbeit und Deutschunterricht. Diese Lehrauswahl beinhaltet alles, was die Frau für ihre spätere Rolle als gute heimische Seele und Gefährtin des arbeitenden Mannes benötigt – und sie lässt alle weiterführenden Inhalte aus. Lediglich sittliche, moralische und ästhetische Werte werden den Mädchen vermittelt, und das in einem höchst emotionalen Duktus, welcher besonders gut durch die Beschäftigung mit Literatur zu erreichen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit stellt den paradoxen Aufschwung des Lyrikmarktes bei gleichzeitigem Sinken des künstlerischen Niveaus dar und führt die Forschungsfrage ein.
II. Sozialgeschichtliche Faktoren: Der situative Kontext: Es werden die gesellschaftlichen Umbrüche und die geschlechterspezifische Erziehung analysiert, die maßgeblich zur Trivialisierung beitragen.
III. Auswirkungen der sozialen Faktoren auf den Lyrikmarkt: Dieser Abschnitt untersucht, wie Produzenten und Distribuenten durch Anpassung an die Rezipientennachfrage und den Einsatz spezifischer Medien (Anthologien, Zeitschriften) den Trivialisierungsprozess vorantreiben.
IV. Zusammenfassung und Schlusswort: Die Untersuchungsergebnisse werden synthetisiert und die bleibende Relevanz der Analyse für das Verständnis des Systems Schriftsteller-Buchhandel-Leserschaft hervorgehoben.
V. Bibliographie: Ein umfassendes Verzeichnis der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Lyriktrivialisierung, 19. Jahrhundert, Epigonenthese, Sozialgeschichte, Mädchenbildung, Höhere Töchterschule, Anthologien, Lyrikrezeption, Familienblatt, Gartenlaube, Deklamatorium, Anpassungsliteratur, Marketing-Strategien, Geschlechterrollen, Literaturmarkt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Lyriktrivialisierung im späten 19. Jahrhundert und analysiert, warum die Qualität der Lyrikproduktion in dieser Zeit massiv abnahm.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichem Wandel, geschlechterspezifischer Bildung und der kommerziellen Struktur des damaligen Literaturmarktes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das komplexe Geflecht aus sozialen Faktoren, Produzenteninteressen und Rezipientenverhalten aufzuschlüsseln, das zur Entstehung und Verbreitung trivialer Lyrik führte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-sozialgeschichtliche Herangehensweise, ergänzt durch rezeptionsästhetische Ansätze, um die Produktion und Distribution von Lyrik zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den sozialen Faktoren, wie dem Umbruch der Gesellschaft und der Mädchenbildung, sowie deren Auswirkungen auf die Lyrikproduktion und die Distributionswege wie Anthologien und Zeitschriften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lyriktrivialisierung, Epigonenthese, Geschlechterrollen, Anthologien und die Rolle der Gartenlaube.
Warum wird die „Höhere Töchterschule“ gesondert analysiert?
Sie gilt als entscheidender Faktor für die Prägung eines trivialen Leseverhaltens bei der weiblichen Leserschaft, da hier durch inhaltlich reduzierte Lehrpläne eine kritische Auseinandersetzung mit Literatur unterdrückt wurde.
Welche Rolle spielen Illustrationen bei der Trivialisierung?
Illustrationen steuern die Interpretation der Gedichte maßgeblich und dienen oft dazu, mangelnde künstlerische Qualität zu kaschieren, wodurch komplexe Werke für eine breite Masse popularisiert und gleichzeitig vereinfacht werden.
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- Sabine Buchholz (Author), 2004, Zeit richtungsloser Dichtung - Zur Lyriktrivialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82617