Erste grundsätzliche Stellungnahme zu und Erweiterung der Trias von Emil Staiger auf eine vierte "publikumsbezogene" Grundhaltung, in der alle übrigen Gattungen untergebracht werden können.
Inhaltsverzeichnis
Reflexion über die Grundhaltungen in der Poetik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Emil Staigers etablierter poetologischer Dreiheit (lyrisch, episch, dramatisch) auseinander und schlägt deren Erweiterung um eine vierte, "artistische" Grundhaltung vor. Ziel ist es, insbesondere bei Vortragsgattungen und Werken, die einen starken Publikumsbezug aufweisen, eine präzisere Analyse und Einordnung zu ermöglichen, ohne das bewährte System Staigers zu verwerfen, sondern es vielmehr durch diese neue Kategorie zu ergänzen.
- Kritische Reflexion der Staigerschen Grundbegriffe der Poetik
- Einführung und theoretische Fundierung der vierten, "artistischen" Grundhaltung
- Analyse des Publikumsbezugs in Literatur und mimischen Künsten
- Interdisziplinäre Betrachtung unter Einbeziehung der Sprechkunde und Psychologie
- Überprüfung der Universalität poetologischer Systeme anhand konkreter Textbeispiele
Auszug aus dem Buch
Reflexion über die Grundhaltungen in der Poetik
Die Drei ist uns eine angenehme, fast heilige Zahl. Gern sehen wir sie in der Umwelt bestätigt; unwillkürlich überzeugt sie uns, wo wir ihr begegnen. "Antike – Mittelalter - Neuzeit", "das Leibliche - das Seelische - das Geistige", "das Lyrische - das Epische - das Dramatische", das sind solche Dreiheiten, die keiner mehr anzuzweifeln wagt, obwohl sie höchst fragwürdig sind. Wir selbst haben im vorigen Satz unwillkürlich drei Beispiele gewählt, denn "aller guten Dinge sind drei." Es wohnt der Dreizahl ein eigener, abgerundeter, befriedigender (schon wieder drei Attribute!) Rhythmus inne, der Dreitakt; und wer das nicht glaubt, möge Sätze mit zwei oder vier veranschaulichenden Beispielen bilden und sie sich laut vorlesen. Er wird fast körperlich spüren, dass er entweder nur ein Beispiel geben darf oder drei; zwei aber sind zu wenig, vier zu viel. Häufig aber stimmt es mit diesen unwidersprochenen Dreiheiten doch nicht, man muss sie nur einmal gründlich anzweifeln. Das möchte ich an der Dreiheit "lyrisch-episch dramatisch," wie sie uns Emil Staiger in seinem Buch Grundbegriffe der Poetik beschreibt, tun.
Als Gegenthese sei behauptet, dass sich in der Dichtung vier menschliche Grundeinstellungen spiegeln: die lyrische, epische, dramatische und die "artistische," so sei die neue vorläufig genannt. Als Zeugnis für diese Behauptung möchte ich Beobachtungen an den Vortragsgattungen, besonders am literarischen Chanson, anführen-und Staiger selbst.
Zusammenfassung der Kapitel
Reflexion über die Grundhaltungen in der Poetik: Der einleitende Text hinterfragt die klassische poetologische Einteilung nach Staiger und führt die "artistische" Grundhaltung als notwendige Ergänzung ein, um den Publikumsbezug in der Dichtung adäquat erfassen zu können.
Schlüsselwörter
Poetik, Grundhaltungen, Emil Staiger, Artistik, Publikumsbezug, Lyrik, Epik, Dramatik, Chanson, Sprechkunde, Vortragsgattungen, Literaturwissenschaft, Ästhetik, mimische Künste, Grundbegriffe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Text primär?
Der Text beschäftigt sich mit einer kritischen Erweiterung der poetologischen Systematik von Emil Staiger, indem er das Konzept der "artistischen" Grundhaltung neben das Lyrische, Epische und Dramatische stellt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die poetologische Klassifikation, die Bedeutung des Publikumsbezugs für die Dichtung, die Rolle des Vortragskünstlers sowie die methodischen Grenzen literaturwissenschaftlicher Interpretationsmodelle.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass eine vierte Grundhaltung existiert, die notwendig ist, um die Wirkungsweise bestimmter Textarten, insbesondere der Vortragsgattungen, wissenschaftlich präzise zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Der Autor verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch sprechkundliche Ansätze und eine psychologische Perspektivierung ergänzt wird, um die dichterische Grundhaltung neu zu bewerten.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil setzt sich intensiv mit Staigers "Grundbegriffen der Poetik" auseinander, prüft diese an Beispielen aus der Weltliteratur und integriert den Publikumsbezug als konstitutives Element der artistischen Grundhaltung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind Poetik, Grundhaltungen, Artistik, Publikumsbezug, Lyrik, Epik, Dramatik sowie Vortragsgattungen.
Warum hält der Autor die bisherige Dreiheit von Staiger für unzureichend?
Der Autor argumentiert, dass Staigers Modell den Kontakt zwischen Dichter und Publikum, wie er besonders in Vortragsgattungen auftritt, nicht ausreichend berücksichtigt und deshalb durch das "Artistische" ergänzt werden muss.
Welche Rolle spielt das Chanson in der Argumentation?
Das literarische Chanson dient als idealtypisches Studienobjekt für die artistische Grundhaltung, da hier der Publikumsbezug und die mimische Komponente besonders stark ausgeprägt sind.
Wie verhält sich die artistische Grundhaltung zu den anderen Begriffen?
Der Autor ordnet die artistische Grundhaltung gleichberechtigt neben die drei anderen Begriffe ein, betont jedoch, dass sie in der Hierarchie der Reflexion und Bewusstheit eine übergeordnete Rolle einnimmt.
- Citation du texte
- Dr. Wolfgang Ruttkowski (Auteur), 1975, Reflexion über die 'Grundhaltungen' in der Poetik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82639