In dieser Arbeit wird untersucht, wie sich die literarische Kommunikation unter dem Einfluss von Medien verändert hat. Die besonderen Schwerpunkte sind vor allem Kittlers Aufschreibesysteme und deren Wirkung auf die Literatur 1800-1900. Als Beispiel für Aufschreibesystem 1800 wird das Werk „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang Goethe angeführt, was vor allem die Bedeutung der schriftlichen Kommunikation und die des Individuums in Literatur 1800 zeigen soll. Für Aufschreibesystem 1900, wo der Literatur unter dem Einfluss von neuen Medien Grammophon und Film bloß ein enger Bereich des Symbolischen bleibt, wird das Gedicht „Ein Wort“ von Gottfried Benn interpretiert, was die Unterschiede zwischen zwei Aufschreibesystemen demonstrieren soll.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in Friedrich Kittlers Medientheorien
Aufschreibesysteme
1. Aufschreibesystem 1800
1.1. Alphabetisierung
1.2. Institutionen um 1800: die Universität und der Staat
1.3. Dichtung als wichtigste Kulturträger und Funktion des Autors
1.4. Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“
2. Aufschreibesysteme 1900
2.1. Die neue Wissenschaft Psychophysik
2.2. Technische Datenspeicherung
2.3. Psychoanalyse und Literatur
2.4. Gottfried Benns Gedicht „Ein Wort“
Schlussfolgerungen
Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss medientechnischer Umbrüche um 1800 und 1900 auf die literarische Kommunikation, basierend auf der Medientheorie von Friedrich Kittler. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie technologische Speichermedien und Institutionen das Verständnis von Autorschaft, Literatur und Subjektivität grundlegend transformiert haben.
- Kittlers Theorie der Aufschreibesysteme 1800 und 1900
- Die Rolle der Alphabetisierung und der Buchkultur um 1800
- Transformationen durch technische Medien wie Grammophon und Film
- Die psychophysiologische Vermessung des Menschen um 1900
- Literarische Fallanalysen von Goethe bis Gottfried Benn
Auszug aus dem Buch
1.1. Alphabetisierung
Kittler versucht die Form der verbreitenden Alphabetisierung und Bildung zu verstehen, und den Diskursursprung zu finden, was das Bedeutungselement des Aufschreibesystems 1800 ausmacht. Wichtige Verschiebungen im Bildungssystem führten Ende des 18. Jahrhunderts zur „Einsetzung von Müttern an den Diskursursprung“. So entdeckte die Pädagogik Mütter als primäre Instanz der Erziehung, und es entstand eine vorher nicht vorhandene „von Natur her legitimierte Zentralstelle für Kulturisation“.
Die neue Form der Alphabetisierung stellt nicht nur eine Veränderung in der Pädagogik dar, sondern markiert einen kulturellen Bruch. „Die Revolution des europäischen Alphabets ist eine Oralisierung.“ So verschwand um 1800 mit der Oralität die Materialität von Sprache. Der Text wird als lautliches Zeichen wahrgenommen und wegen der Lautiermethode wird das Lesen zu einer Routine, weil die Buchstaben als solche unbemerkt überflogen werden. Die Selbstverständlichkeit der Zeichen macht sie durchsichtig für den alphabetisierten Menschen. Er richtet seine Aufmerksamkeit direkt auf die Bedeutung der Zeichen. So wird die Sprache nicht mehr in der ihr eigenen Dichte und Materialität wahrgenommen, sie fungiert nur als bloßer Kanal. So entstand um 1800 eine neue Ebene hinter Sprache: das Verstehen bezieht sich nicht mehr auf Sprache selbst, sondern auf einen hinter ihr liegenden Sinn.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung in Friedrich Kittlers Medientheorien: Einführung in den medientheoretischen Ansatz von Friedrich Kittler und Abgrenzung gegenüber klassischen hermeneutischen oder literatursoziologischen Methoden.
Aufschreibesysteme: Darstellung der theoretischen Grundlagen für Informationsnetzwerke und die Untersuchung kultureller Umbruchssituationen.
1. Aufschreibesystem 1800: Analyse des auf allgemeiner Alphabetisierung basierenden Systems, in dem das Buch als primäres Speichermedium fungiert.
1.1. Alphabetisierung: Untersuchung der neuen Lehrmethoden, die die Mutter als Erziehungsinstanz etablierten und die Sprache zum bloßen Bedeutungsträger machten.
1.2. Institutionen um 1800: die Universität und der Staat: Analyse der Rolle von Universität und staatlicher Bildung bei der Formierung des modernen Subjektbegriffs.
1.3. Dichtung als wichtigste Kulturträger und Funktion des Autors: Betrachtung der Sonderstellung der Dichtung und der Etablierung des Autors als Individuum.
1.4. Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“: Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf ein konkretes literarisches Beispiel der Epoche 1800.
2. Aufschreibesysteme 1900: Beschreibung des Epochenumbruchs durch neue technische Medien und den Zerfall des klassischen Sinnzusammenhangs.
2.1. Die neue Wissenschaft Psychophysik: Untersuchung, wie psychophysiologische Messungen das Menschenbild und das Verständnis kognitiver Prozesse veränderten.
2.2. Technische Datenspeicherung: Analyse des Einflusses von Grammophon und Film auf die Aufzeichnung von Sinnesdaten.
2.3. Psychoanalyse und Literatur: Diskussion darüber, wie diese Diskurse den modernen Menschen in isolierte Funktionen auflösten.
2.4. Gottfried Benns Gedicht „Ein Wort“: Interpretation eines literarischen Werkes um 1900 zur Veranschaulichung der Materialität der Sprache.
Schlussfolgerungen: Synthese der Ergebnisse über den medientechnisch bedingten Wandel von der Sinnzentrierung hin zur technischen Datenverarbeitung.
Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Aufschreibesysteme, Friedrich Kittler, Medientheorie, Alphabetisierung, Literaturgeschichte, Psychophysik, Datenspeicherung, 1800, 1900, Kommunikation, Mediengeschichte, Subjektivität, Materialität der Sprache, Diskursanalyse, Johann Wolfgang von Goethe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie sich die Literatur und die literarische Kommunikation durch mediale Veränderungen in den Epochen 1800 und 1900 gewandelt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Medientheorien von Friedrich Kittler, die Rolle von Speichertechnologien sowie die Auswirkungen wissenschaftlicher und pädagogischer Entwicklungen auf die Literaturproduktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss von technischen Medien auf die Transformation der literarischen Kommunikation und die Konstruktion des Individuums zwischen 1800 und 1900 nachzuweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine medientheoretische Außenperspektive eingenommen, die literarische Texte als Datenansammlungen betrachtet und sich methodisch an Michel Foucaults Diskursanalyse orientiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Aufschreibesystems 1800 (Alphabetisierung, Buchkultur) und des Systems 1900 (Psychophysik, Grammophon, Film) anhand konkreter Beispiele wie Werther und Benn.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Aufschreibesysteme, Medialität, Diskursursprung, Datenverarbeitung, Sinnzusammenhang und technisierte Kommunikation geprägt.
Warum wird Goethes „Werther“ als Beispiel für 1800 herangezogen?
Der Roman verkörpert die Bedeutung der schriftlichen Kommunikation und das Verständnis des Individuums als Träger von Gefühlen, was charakteristisch für das Aufschreibesystem 1800 ist.
Welche Rolle spielt Gottfried Benns Lyrik für die Analyse um 1900?
Benns Gedichte dienen als Beleg dafür, wie die Literatur im Jahr 1900 die Materialität der Sprache in den Fokus rückt und sich vom klassischen, sinnorientierten Weltbild entfernt.
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- Ausra Dvarionaite (Author), Serghei Ghetiu (Author), 2007, Veränderung der literarischen Kommunikation in den Umbruchssituationen von 1800 und 1900 unter Betrachtung von Kittlers Aufschreibesystemen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82681