Die vorliegende Arbeit stellt die Frage, ob es sinnvoll ist, ein europäisches Lehrkonzept mit dem Ziel des Lesenlernens auf Schulen für Kinder mit geistiger Behinderung in Ruanda zu übertragen. Bei dieser Fragestellung wird der Blick darauf gerichtet, ob das Lesenlernen im Sinne des erweiterten Lesebegriffs einen sinnvollen Beitrag zur Partizipation der Schüler mit geistiger Behinderung leistet. Es wird diskutiert, welche Modifikationen für die Anwendung in Ruanda sinnvoll sind. Die Arbeit hat das Ziel, weitere Untersuchungen zu diesem Thema anzuregen.
Lesenlernen wird in dieser Arbeit anhand des erweiterten Lesebegriffs definiert. Das zweite Kapitel stellt diese Definition vor und erläutert das zugrunde liegende Stufenmodell von Hublow und Wolfshagen. Zur begrifflichen Abgrenzung schließt sich die Definition von Behinderung und Partizipation an. Dabei werden Besonderheiten aufgezeigt, die bei der Verwendung des Begriffs Behinderung im Zusammenhang mit Ländern der so genannten Dritten Welt auftreten. Die Ausführungen des dritten Kapitels zeigen fünf Lebensbereiche auf und diskutiert, inwieweit Schüler mit geistiger Behinderung in diesen partizipieren können. Die diskutierten Fragestellungen und aufgezeigten Problemfelder werden in der Schlussbetrachtung zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
2.1. Der erweiterte Lesebegriff
2.2. Behinderung im Kontext
2.3. Partizipation
2.4. Bio-psycho-soziales System
3. Partizipation der Geistigbehinderten in Ruanda
3.1. Partizipation an Mobilität
3.2. Partizipation an sozialen Beziehungen
3.3. Partizipation am häuslichen Leben und an der Hilfe für andere
3.4. Partizipation an Bildung und Ausbildung
3.5. Partizipation an Erwerbsarbeit und Beschäftigung
4. Unterstützt Lesenlernen die Partizipation von Schülern mit geistiger Behinderung in Ruanda?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die Übertragung europäischer Lehrkonzepte zum Lesenlernen auf Schulen für Kinder mit geistiger Behinderung in Ruanda sinnvoll ist und welchen Beitrag diese Bildung zur Partizipation der betroffenen Schüler im ruandischen Alltag leisten kann.
- Analyse des erweiterten Lesebegriffs nach Hublow und Wolfshagen.
- Definition von Behinderung und Partizipation im Kontext der sogenannten Dritten Welt.
- Untersuchung von fünf Lebensbereichen bezüglich der Partizipationsmöglichkeiten.
- Diskussion der Bedeutung von Schriftspracherwerb für Menschen mit geistiger Behinderung in Ruanda.
- Reflektion über utilitaristische versus inklusive Bildungsansätze.
Auszug aus dem Buch
3.1. Partizipation an Mobilität
Unter Mobilität wird verstanden, sich in seinen Wohnräumen umher zu bewegen, in die unmittelbare Nachbarschaft zu gelangen und sich dort umher zu bewegen oder mit Transportmitteln zu reisen. Die Möglichkeiten der Mobilität sind abhängig vom Grad der Körperfunktionen und werden bestimmt durch Charakteristika der physikalischen und sozialen Umwelt.
Problematisch ist hier, dass in Ruanda keine ausreichende Versorgung mit orthopädischen Hilfsmitteln zur Verfügung steht. Die Mobilität mit privaten Verkehrsmitteln steht nur einem sehr geringen Prozentsatz der Bevölkerung zur Verfügung. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist aufgrund der minimalistischen Ausstattung und typischen Überfüllung für die meisten Menschen mit Behinderungen, besonders mit Gehbehinderungen, nicht möglich.
Fahrpläne existieren in Ruanda nicht in schriftlicher Form, Fahrtziel und Fahrpreise werden typischerweise beim Busfahrer erfragt. Da es kaum Orientierungshilfen durch Beschilderungen mit Symbolen, Straßennamen etc. gibt, erleichtert auch das Symbollesen die Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die historische und strukturelle Situation Ruandas sowie die Ausgangslage für Schüler mit geistiger Behinderung im Kontext eines akuten Lehrermangels.
2. Begriffsklärung: Erläutert den erweiterten Lesebegriff, das bio-psycho-soziale System der WHO sowie die Definitionen von Behinderung und Partizipation.
3. Partizipation der Geistigbehinderten in Ruanda: Analysiert exemplarisch fünf Lebensbereiche wie Mobilität, soziale Beziehungen und Bildung, um den Nutzen von Lesekompetenzen für Menschen mit Behinderung zu prüfen.
4. Unterstützt Lesenlernen die Partizipation von Schülern mit geistiger Behinderung in Ruanda?: Fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass lebenspraktische Fertigkeiten Vorrang vor dem Schriftspracherwerb haben sollten.
Schlüsselwörter
Ruanda, geistige Behinderung, Lesenlernen, Partizipation, erweiterter Lesebegriff, Sonderpädagogik, Lebensbereiche, Mobilität, soziale Beziehungen, Bildung, Analphabetismus, WHO, ICF, Teilhabe, Entwicklungszusammenarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Nutzen und die Sinnhaftigkeit der Förderung des Lesens bei Schülern mit geistiger Behinderung in Ruanda, insbesondere im Hinblick auf deren gesellschaftliche Teilhabe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verbindet sonderpädagogische Konzepte mit entwicklungspolitischen Fragen, insbesondere in den Bereichen Mobilität, Bildung, häusliches Leben und soziale Beziehungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Es soll diskutiert werden, ob ein europäisches Konzept zur Leseerziehung in Ruanda direkt übertragbar ist und ob es tatsächlich die Lebensqualität und Partizipation der Schüler verbessert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie die Anwendung theoretischer Modelle (wie des bio-psycho-sozialen Systems der WHO) auf den soziokulturellen Kontext Ruandas.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsklärung und eine detaillierte Untersuchung der Partizipationsmöglichkeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Lebensbereichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind geistige Behinderung, Partizipation, erweiterter Lesebegriff, Lebenspraxis und der sozioökonomische Kontext Ruandas.
Wie bewertet der Autor den Nutzen des klassischen Schriftspracherwerbs in Ruanda?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das „Lesen im engen Sinne“ in Ruanda aufgrund struktureller Mängel aktuell kaum zur Partizipation beiträgt und daher nicht als vorrangiges Lernziel gelten sollte.
Welche Rolle spielt das soziale Umfeld für Menschen mit geistiger Behinderung in Ruanda?
Das soziale Umfeld, insbesondere die Familie, ist zentral, da die meisten Menschen mit geistiger Behinderung ihr Leben lang in der Großfamilie verbleiben, wo ihre Wertschätzung oft an ihre produktive Leistungsfähigkeit geknüpft ist.
- Quote paper
- David Grupe (Author), 2006, Lesenlernen für Schüler mit geistiger Behinderung in Ruanda - Ein Beitrag zur Partizipation?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82847