Die vorliegende Arbeit will den Versuch unternehmen, an bestimmten Beispielen herauszufinden wie Lexikalisierung vonstatten geht, welchen Bedingungen sie unterworfen ist und welche Möglichkeiten sich an diese Bedingungen knüpfen. Anhand dieser Beispiele sollen bereits bestehende Lexikalisierungstheorien überprüft sowie methodische Alternativen erkannt und diskutiert werden.
Zunächst werden dazu aus Texten die hierfür nötigen Beispiele extrahiert. Die verwendeten Texte stammen alle aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, um eine eventuell eingesetzte Lexikalisierung anhand von (bereits erschienenen) Nachschlagewerken überprüfen zu können.
Bevor diese Arbeit jedoch beginnt, ist es vorerst wichtig die Terminologie für den Begriff ‚Lexikalisierung’ zu klären.
Für Motsch ist es zunächst ein Auswahlprozess der Sprachgemeinschaft, den er über diverse Prinzipien, Grundformen und Beschränkungen, welche diese Auswahl steuern, erläutert und definiert.
Fleischer entwickelt eine Dichotomie aus Speicherung und Demotivation, wobei Speicherung die dauerhafte Ablegung im mentalen Lexikon des Sprechers meint und Demotivation die Schwächung der Einzelbedeutung der Wortkomponenten bei der Wortbildung bezeichnet. Er betont, dass diese beiden Prozesse bei der Lexikalisierung nicht notwendig aneinander gebunden sein müssen, sondern auch getrennt voneinander vorkommen können, jedoch nur in ihrer Dichotomie als Lexikalisierung bezeichnet werden können.
Für die vorliegende Arbeit soll der Begriff Lexikalisierung an diese Interpretation angelehnt, jedoch etwas allgemeiner gefasst und die Demotivation in den Hintergrund gerückt werden, um Platz für neue mögliche Ansätze zu lassen.
Lexikalisierung heißt hier demnach die Übernahme und Speicherung von neuen Benennungen im mentalen Lexikon, d.h. im Gedächtnis, und deren Usualisierung, also ‚Üblichwerdung’.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Typologisierung
1.1 Wortbildung
1.2 Irregularität/Abweichung
2. Lexikalisiert oder nicht?
3. Ergebnisuntersuchung und -auswertung an bereits bekannten Lexikalisierungsthesen
4. Mögliche neue Ansätze der Lexikologie
Fazit
Literatur
Anhang 1 - Kontexte
Anhang 2 - Okkasionalismenliste
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess der Lexikalisierung anhand eines Korpus von Wortneubildungen, die aus Texten der 1950er Jahre extrahiert wurden. Ziel ist es, die Bedingungen für die Aufnahme solcher Neologismen in das mentale Lexikon zu erforschen, bestehende Lexikalisierungstheorien kritisch zu überprüfen und methodische sowie psychologische Ansätze für das Verständnis dieses Sprachwandels zu diskutieren.
- Analyse und Typologisierung von Wortneubildungen (Okkasionalismen und Neologismen)
- Überprüfung der Lexikalisierung anhand zeitgenössischer Nachschlagewerke
- Diskussion etablierter Lexikalisierungsthesen (u.a. von Motsch, Fleischer, Plank)
- Exploration psychologischer Faktoren bei der Lexikalisierung von Wortneubildungen
Auszug aus dem Buch
1.2 Irregularität/Abweichung
Modifikation ist ein Beispiel für Abweichung, die ein grundlegendes Merkmal von Okkasionalismen ist und sehr großen Einfluss auf die potenzielle Lexikalisierung eines Begriffes ausübt.
Man bezeichnet ein Wort als abweichend, wenn es die durch den Leser an sich gestellt Erwartungshaltung nicht erfüllt.
Ein weiteres Beispiel aus dem Untersuchungskorpus wäre die ‚Feldmarschallin’. Der ursprünglich lexikalisierte Begriff ‚Feldmarschall’ wird durch ‚-in’ feminisiert und erhält den Bedeutungszusatz weiblich. Die ursprüngliche Erwartung des Lesers wird jedoch nicht erfüllt, weil es keinen weiblichen Feldmarschall gibt, denn eigentlich ist die Frau des Feldmarschalls gemeint, die eigentlich als ‚Frau Feldmarschall’ bezeichnet werden müsste und nicht abweichend mit ‚Feldmarschallin’.
Man unterscheidet zunächst zwei Arten der Abweichung:
1. die formale Abweichung und
2. die semantisch/pragmatische Abweichung.
Die formale Abweichung lässt sich noch in die morphologische und phonologische Abweichung unterteilen. ‚Feldmarschallin’ wäre ein Beispiel für die morphologische Abweichung, weil das Endprodukt nicht regulär ist: der Begriff Feldmarschall ist als Einzelwort nur maskulin möglich.
Die oben erwähnte ‚Fahrt ins Graue’ ist ein Beispiel für die semantisch/pragmatische Abweichung, bei der die eigentliche Bedeutung modifiziert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der Lexikalisierung und Definition der grundlegenden Terminologie unter Einbeziehung linguistischer Ansätze wie der Dichotomie von Speicherung und Demotivation.
1. Typologisierung: Klassifizierung der Wortneubildungen nach morphologischen Wortbildungsarten wie Komposition, Derivation und Konversion sowie Erläuterung der Rolle von Abweichungen.
2. Lexikalisiert oder nicht?: Empirische Untersuchung der aus dem Korpus stammenden Wörter mittels Duden-Gegenprobe zur Feststellung ihres Lexikalisierungsstatus.
3. Ergebnisuntersuchung und -auswertung an bereits bekannten Lexikalisierungsthesen: Diskussion der Ergebnisse anhand bestehender Theorien zur Lexikalisierung und Analyse von Beschränkungsfaktoren wie Relevanz-, Klarheits- und Knappheitsprinzip.
4. Mögliche neue Ansätze der Lexikologie: Vorstellung einer neuen Perspektive, die Lexikalisierung über die reine Linguistik hinaus stärker aus individual- und gruppenpsychologischer Sicht betrachtet.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, welche zeigen, dass deutlich weniger Wortneubildungen ins Lexikon übernommen wurden als erwartet, und Ausblick auf psychologische Einflussfaktoren.
Schlüsselwörter
Lexikalisierung, Wortneubildung, Okkasionalismen, Neologismen, Wortbildung, Sprachwandel, mentales Lexikon, linguistische Abweichung, Lexikologie, Sprachgemeinschaft, Psycholinguistik, Morphologie, Produktivität, Benennungslücken, Sprachnorm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Prozess der Lexikalisierung von Wortneubildungen, also wie neue Wörter in den festen Sprachgebrauch und das mentale Lexikon aufgenommen werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die morphologische Wortbildung, die Typologisierung von Neologismen, die Analyse von Lexikalisierungsbeschränkungen und die Bedeutung psychologischer Faktoren bei der Sprachveränderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, unter welchen Bedingungen Wortneubildungen lexikalisiert werden, und bestehende linguistische Theorien anhand eines selbst erstellten Korpus zu überprüfen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird ein korpusbasierter Ansatz verfolgt, bei dem Wortneubildungen aus Texten der 1950er Jahre extrahiert, linguistisch typologisiert und mittels eines Wörterbuchs (Duden) auf ihre tatsächliche Lexikalisierung überprüft werden.
Was behandelt der Hauptteil?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die Einteilung der Wörter in Wortbildungsarten, gefolgt von einer kritischen Prüfung gegen bekannte Lexikalisierungsthesen wie das Relevanz- oder Knappheitsprinzip.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Lexikalisierung, Wortneubildung, Okkasionalismen, Neologismen, Wortbildung und psycholinguistische Ansätze.
Warum spielt die Unterscheidung von Abweichungen eine Rolle?
Die Abweichung (Irregularität) eines Wortes ist ein entscheidendes Kriterium, da stark abweichende Wörter schwieriger aus sich selbst heraus zu verstehen sind und somit geringere Chancen haben, ins Lexikon aufgenommen zu werden.
Welchen neuen Ansatz schlägt der Autor vor?
Der Autor schlägt vor, Lexikalisierung nicht nur linguistisch zu betrachten, sondern auch durch psychologische Aspekte (Individual- und Gruppenpsychologie) zu ergänzen, um die Übernahme- und Anpassungsmechanismen in einer Sprachgemeinschaft besser zu verstehen.
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- MA Björn Fischer (Author), 2006, Zur Lexikalisierung von Wortneubildungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82859