Interpretation einer literarischen und einer epigraphischen Quelle


Seminararbeit, 2000

11 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. LITERARISCHE QUELLE
1. Literarische Quelle
2. Interpretation
2.1 Zum Autor und seiner politischen Einstellung
2.2 Übersetzung des unterstrichenen Textabschnitts
2.3 Die politische Tradition, in der das Verhalten des Augustus gegenüber Iulus
Antonius stand
2.4 Warum das Vergehen Iulias besonders schlimm für Augustus war (persönliche und politische Gründe)

II. EPIGRAPHISCHE QUELLE
1. Epigraphische Quelle
2. Interpretation

III. LITERATUR
1. Benutzte Literatur

1. Literarische Quelle

At in urbe eo ipso anno, quo magnificentissimis

gladiatorii muneris naumachiaeque spectaculis divus

Augustus abhinc annos triginta se et Gallo Caninio

consulibus, dedicato Martis templo animos oculosque

populi Romani repleverat, foeda dictu memoriaque

horrenda in ipsius domo tempestas erupit. Quippe

filia eius Iulia, per omnia tanti parentis ac viri immemor,

nihil, quod facere aut pati turpiter posset

femina, luxuria libidineve infectum reliquit magnitudinemque

fortunae suae peccandi licentia metiebatur,

quidquid liberet pro licito vindicans.

Tum Iulus Antonius, singulare exemplum clementiae

Caesaris, violator eius domus, ipse sceleris a se

commissi ultor fuit (quem victo eius patre non tantum

incolumitate donaverat, sed sacerdotio, praetura,

consulatu, provinciis honoratum, etiam matrimonio

sororis suae filiae in artissimam adfinitatem receperat).

Iulia relegata in insulam patriaeque et parentum subducta

oculis, quam tarnen comitata mater Scribonia voluntaria

exilii permansit comes.

2 Interpretation

2.1. Zum Autor und seiner politischen Einstellung

Der Text stammt von Velleius Paterculus, einem römischen Geschichtsschreiber des 1. Jahrhunderts (aus dessen Werk Historiae Romanae). Velleius, aus dem Munizipialadel, hatte als Offizier unter dem späteren Kaiser Tiberius in Germanien und Pannonien gedient und war insofern befangen, als er der Schicht von homines novi angehörte, die unter Augustus und Tiberius zu politischer Geltung gelangten. Er erweist sich in seinem Geschichtsurteil als Repräsentant der neuen, dem Kaiserhaus treu ergebenen Offiziers- und Beamtenschicht, der Ruhe, Ordnung und Sicherheit des Reiches als der Idealzustand erscheinen. Wir dürfen ihn, seine politische Einstellung und seine Geschichtsschreibung als streng optimatisch und kaisertreu bezeichnen.[1]

2.2 Übersetzung des unterstrichenen Textabschnitts

»Iulus Antonius, ein einzigartiges Beispiel für die Milde Cäsars, <nunmehr> der Schänder seines Hauses, wurde daraufhin der eigene Rächer seines Verbrechens. Diesem hatte Augustus nach dem Sieg über seinen Vater nicht nur Amnestie gewährt, sondern, nachdem er ihn noch durch ein Priesteramt, die Prätur, das Konsulat und Provinzstatthalterschaften geehrt hatte, sogar in seine engste Verwandtschaft aufgenommen, ... .«

2.3. Die politische Tradition, in der das Verhalten des Augustus gegenüber Iulus

Antonius stand

Augustus zeichnete Iulus Antonius, als der in einer Situation der Schwäche war, mit verschiedenen Ämtern (Priesteramt, Prätur, Konsulat, Verwaltung von Provinzen) aus. Diese großmütige Haltung steht in einer langen Tradition: dem Konzept der Clementia später Clementia Caesaris. Seit Plato wurde sie dem wahren Staatsmann oder dem König über den Idealstaat zugeschrieben. Sie war in erster Linie den Mitbürgen entgegengebrachte Milde, dann aber auch den besiegten Feinden gegenüber. Die Römer entnahmen sie nicht der griechischer Theorie, vielmehr entwickelten sie dieses Konzept – eine der beiden möglichen Reaktionen auf den Sieg über den Gegner – aus politischer Erfahrung. Über die Geschichtsschreiber Q. Fabius Pictor, P. Rutilius Rufus, die Generäle Marcellus und Scipio, den Älteren, wurde sie fortgeführt bis hin zu Cäsars Sieg über die Pompeianer in Corfinium, dessen großmütige Freilassung der Gefangenen in Corfinium durch Vermittlung Ciceros den Terminus Clementia Caesaris prägte: der Senat ließ dem Divus Iulius und der vergöttlichten Clementia einen gemeinsamen Tempel bauen, in dem Cäsar und die Göttin sich die Hände reichend dargestellt waren. Von den vier Tugenden des Staatsmannes, virtus, clementia, iustitia, pietas war die clementia die wichtigste. Auf dem clupeus aureus des Augustus ist Clementia eine der vier ihm zugeschriebenen Tugenden.[2]

2.4. Warum das Vergehen Iulias besonders schlimm für Augustus war (persönliche und politische Gründe)

Persönlich bedeutete Iulias Vergehen für Augustus eine Kränkung: zum einen – wie Velleius selbst betont – lag für Augustus ein glanzvolles Jahr zurück, in dem er Herz und Augen der Römer durch die Darbietung eines großartigen Gladiatorenspiels und einer Seeschlacht erfüllt habe, außerdem weihte er den Mars-Ultor-Tempel in diesem Jahr ein, da waren diese Negativ-Schlagzeilen eine Blamage und persönliche Verletzung. Zum anderen wurde Augustus hierdurch als Vater und Erzieher öffentlich kompromittiert - dreimal hatte Augustus seiner Tochter einen geeigneten Gemahl gewählt, dreimal hatte er erleben müssen, wie seine Fürsorge durch Schicksal, Tod und Ehescheitern zunichte gemacht wurde (Marcellus und Agrippa sterben, die Ehe mit Tiberius löste der Prinzeps aufgrund des Skandals selbst auf). Politisch war ihr Verhalten in vierfacher Hinsicht ein Affront gegenüber Augustus: 1. sie handelte seiner Ehe- und Sittengesetzgebung zuwider, deren Autorität sie dadurch nicht nur schwächte, sondern seine Propaganda altrömischer Werte (u.a. eben Ehe und Familie) dadurch zunichte machte, daß Augustus in seiner eigenen Familie das nicht erreichte, was er dem Staat als ideellen Wert vermitteln wollte; 2. ihr Fehlverhalten geschah genau in dem Moment, als Augustus zum pater patriae erhoben worden war, was seiner politische Inszenierung als Vater der Nation in einem delikaten Moment Schaden zuzufügen drohte; drittens gefährdete sie durch diesen Skandal die dynastischen Pläne des Augustus: zum einen durch eventuellen Nachwuchs aus ihren Eskapaden, zum anderen war Tiberius, der doch Augustus letzte Hoffnung für einen Nachfolger war, nunmehr nur noch sein Stiefsohn,[3] und der Prinzeps mußte erst einige Hindernisse überwinden – durch die Adoption des Germanicus durch Tiberius –, um diese Falte auszubügeln. Und schließlich gefährdete Iulia in ungeahnter Weise seine Legitimation der Apotheose, gründete diese sich doch auf Weltherrschaft und Euergetismus,[4] wobei er sich für letzteres nicht wie der megasthenische Dionysus, hekatäische Osiris oder euhemerische Zeus als Begründer der Zivilisation stilisieren konnte, jedoch durch seine Sittengesetzgebung als Wiederbegründer der mos maiorum.[5] Und genau dieses legitimatorische Argument machte seine Tochter zunichte, indem sie ihn als Sittengesetzgeber öffentlich kompromittierte.

[...]


[1] Ähnlich wie bei Cicero ist es manchmal zu beobachten, daß sich der homo novus in seinen konservativen politischen Ansichten als oft noch rigider als der gebürtige Senator erweist.

[2] Vgl. S. Weinstock, Divus Julius, Oxford 1971, 234ff., angegeben in R. Bloch, Clementia, Der kleine Pauly 3, Stuttgart, Weimar 1997, S. 33.

[3] J. Bleicken, Augustus, Berlin 1998, S. 111.

[4] B. Bosworth, Augustus, the Res Gestae and hellenistic Theories of Apotheosis, JRS 89, 1999, 1-18.

[5] Ders. 16f., wo der Verfasser ausführt: »Augustus could hardly represent himself as the originator of Roman society or Roman agriculture, but he did insist on the importance of his moral legislation, which restored many of the lost institutions of ancient Rome. He practically re-established the mores maiorum (RG 8.5).«

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Details

Titel
Interpretation einer literarischen und einer epigraphischen Quelle
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Einführung in die römische Geschichte
Note
1,5
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V82966
ISBN (eBook)
9783638896757
ISBN (Buch)
9783638904926
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Quelle, Einführung, Geschichte
Arbeit zitieren
Kai-Uwe Heinz (Autor), 2000, Interpretation einer literarischen und einer epigraphischen Quelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82966

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