Zu: Sallust - "Bellum Catilinae"

Das Proömium


Seminararbeit, 1996
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zur Theorie des Erzählens

3 Typus der Ich-Erzählung
3.1 Der Erzähler bei Stanzel
3.2 Die Stimme bei Genette
3.3 Die Ich-Erzählung nach Forstreuter

4 Der Ich-Erzähler als Protagonist der Erzählung

5 Der Ich-Erzähler in Thomas Bernhards Erzählung
5.1 Charakterisierung der Protagonisten
5.1.1 Der Erzähler
5.1.2 Der Fremde
5.1.3 Die Fremde
5.2 Die Reihenfolge der Geschehnisse aus der Sicht des Ich-Erzählers
5.3 Analyse der Geschehnisse

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit beleuchtet Thomas Bernhards 1969 erschienene Erzählung An der Baumgrenze im Hinblick auf den Ich-Erzähler. Zu Anfang sollen Grundbeg­riffe der Erzähltheorie und dem Typus des Erzählers, unter anderem nach, den in unserem Seminar bearbeiteten Werken von Stanzel und Genette gegeben werden. Hierbei soll besonderes Augenmerk auf dem Erzähler liegen. Im Anschluss daran, wird der Ich-Erzähler als Protagonist der Erzählung näher beleuchtet. Daraufhin soll ein Interpretationsansatz zur Erzählung in Hinblick auf die Hauptcharaktere und der Erzählsituation geliefert werden. Im Anschluss werden die Geschehnisse aus Sicht des Ich-Erzählers in Bernhards Erzählung chronologisch in Form eines Zeitstrahls angeordnet und im Folgenden analysiert. Die Ergebnisse werden in ei­ner Schlussbetrachtung gesichert.

2 Zur Theorie des Erzählens

Nach Genette lässt sich dem Begriff der Erzählung dreierlei Bedeutung nachsagen. Ers­tens „bezeichnet Erzählung die narrative Aussage, den mündlichen oder schriftlichen Diskurs, der von einem Ereignis oder einer Reihe von Ereignissen berichtet“[1]. Zweitens „bezeichnet Erzählung die Abfolge der realen oder fiktiven Ereignisse, die den Gegen­stand dieser Rede ausmachen, und ihre unterschiedlichen Beziehungen zueinander“[2] und drittens „bezeichnet Erzählung noch ein anderes Ereignis: diesmal nicht mehr das, von dem erzählt wird, sondern das, das darin besteht, daß jemand etwas erzählt: den Akt der Narration selber“[3].

Genettes Untersuchung bezieht sich auf die Erzählung im geläufigsten Sinn, nämlich auf den narrativen Diskurs. Geschichte und Narration existieren für uns nur, wenn diese durch einen Erzähler vermittelt werden. Im umgekehrten Fall ist der narrative Diskurs oder die Erzählung nur was sie ist, sofern sie eine Geschichte erzählt. Narrativ ist die Erzählung durch den Bezug auf die Geschichte und ein Diskurs ist sie durch den Bezug zur Narration.

Die Analyse des narrativen Diskurses ist für uns also im wesentlichen die Untersu­chung der Beziehungen zwischen Erzählung und Geschichte, zwischen Erzählung und Narration sowie [...] zwischen Geschichte und Narration.[4]

Genette unterteilt Kategorien, um eine Analyse des narrativen Diskurses durchzuführen (entlehnt aus der Grammatik des Verbs) in Ordnung, Dauer, Frequenz, Modus und Stimme. Daraus folgt die Erkenntnis, dass sich die Klassen der Untersuchungsfelder der Erzählung mit der Bedeutung des Wortes Erzählung auf komplexe Weise überschnei­den.

Die Zeit und der Modus spielen beide auf der Ebene der Beziehungen zwischen Geschichte und Erzählung, während die Stimme sowohl die Beziehung zwischen Narration und Erzählung wie die zwischen Narration und Geschichte umfaßt.[5]

Genette unterteilt seinen Diskurs der Erzählung in Ordnung, Dauer, Frequenz, Modus und Stimme. In dem Kapitel der Stimme widmet sich Genette der narrativen Instanz der Erzählung, sowie dem Erzähler. Unter dem Überbegriff der Stimme widmet sich Genet­te der Frage „Wer spricht?“. Hierbei können Gestalt und Erzähler nicht nur getrennt voneinander auftreten, sondern sich auch überschneiden.

Die Perspektive des Ich-Erzählers soll, wie bereits in der Einleitung angesprochen, Kern dieser Arbeit sein. Wenn man an dieser Stelle versucht, Bernhards Erzählung „An der Baumgrenze“ einzuordnen, so lässt sich als dominante Erzählsituation die Ich- Erzählsituation festhalten. Nach dieser Kurzen Einführung in die Theorie des Erzählens soll nun eine Vertiefung der Thematik erfolgen.

3 Typus der Ich-Erzählung

3.1 Der Erzähler bei Stanzel

Die wohl bekannteste und gängigste Methode der Analyse von Erzählsituationen und -perspektiven geht auf Franz K. Stanzel zurück. Er unterscheidet drei verschiedene Er­zählsituationen. Diese sind die auktoriale Erzählsituation, die personale Erzählsituation sowie die Ich-Erzählsituation.[6]

Nach Stanzel nimmt der auktoriale Erzähler eine Position zwischen der Welt der Erzäh­lung und dem Leser ein. Er äußert sich in Kommentaren, ist jedoch keinesfalls mit dem Autor gleichzusetzen sondern eine Gestalt, die vom Autor geschaffen ist. Der Ich­Erzähler gehört eindeutig zur Welt der Erzählung und berichtet aus dieser Position von Geschehnissen an denen er direkt oder indirekt beteiligt war oder von ihnen gehört hat. Kennzeichen für die Ich-Erzählung ist, „daß die Mittelbarkeit des Erzählens ihren Ort ganz in der fiktionalen Welt der Romanfiguren hat: der Mittler, das ist der Ich­Erzähler, ist ebenso Charakter dieser Welt wie die anderen Charaktere des Ro­mans“[7]. Der Leser betrachtet das Geschehen durch die Augen des personalen Erzählers. Dies wird dadurch erreicht, dass der personale Erzähler soweit zurücktritt, dass beim Lesen eine gewisse Unmittelbarkeit des Erlebens entsteht.

3.2 Die Stimme bei Genette

Bei der Erzählstimme wird, wie bereits unter Punkt 2 kurz angedeutet, hinterfragt, wer der Erzähler ist. Dabei kann dieser selbst an den Geschehnissen teilhaben oder den Pro­tagonisten verkörpern. Hierbei ist darauf zu achten, ob der Erzähler allwissend ist und das Ganze kritisch beurteilt, oder ob er nur als neutraler und objektiver Beobachter an dem Geschehen teilnimmt. Bei der Innenansicht gewährt der Erzähler dem Leser Ein­blick in die Gefühlswelt des Charakters, bei der Außenansicht hingegen, muss der Leser sich durch äußere Faktoren ein Bild über die Figuren bilden. Wenn der Erzähler selbst Teil der dargestellten Welt ist, erzählt er zum Teil auch über sich selbst: er, das erzäh­lende Ich, blickt zurück auf seine eigene Vergangenheit, auf sein früheres, erlebendes Ich. Er ist also zugleich Erzähler und Gestalt, über die er naturgemäß mit „ich“ redet, daher auch die Bezeichnung Ich-Erzähler. Da hier der Erzähler über seine eigene Welt berichtet, spricht Genette - als Gegenmöglichkeit zur Heterodiegese - von Homodiege- se.[8]

Der Ich-Erzähler als angeblich realer Mensch, dem die Geschichte widerfahren ist, der sie und ihre Gestalten nicht selber erfand, hat per definitionem was die anderen beteilig­ten Gestalten betrifft, nur äußere Sicht. Er hat daneben innere Sicht im Hinblick auf sich selbst, folglich auch die Möglichkeit der Selbstanalyse. Hier bezieht sich Horn auf Mar­cel Prousts al la recherche du temps perdu.[9]

Ich-Erzählungen haben den ästhetischen Vorteil der größeren formalen Glaubwürdig­keit; sie erwecken den Schein der Autobiographie, des eigenen wirklichen Erlebnisses im Gegensatz zur Fiktivität.[10]

3.3 Die Ich-Erzählung nach Forstreuter

Forstreuter unterteilt die Ich-Erzählung in innere und äußere Form. Den ersten Ty­pus des Ich-Romans nennt Forstreuter den subjektiven Ich-Roman. Er geht hier von dem Verhältnis des Dichters zur Person des Ich-Erzählers aus.[11] Im subjektiven Ich-Roman erzählt der Dichter entweder unter seinem eigenen Namen oder unter einem Pseudonym. Der erste Fall ist einfacher zu verstehen, der Zweite tritt jedoch häufiger auf. Rein technischen Zwecken dient die Ich-Erzählung des Dichters, wenn er in Rahmenerzählungen als Erzähler des Rahmens oder als Herausgeber eines Manuskriptes auftritt. Wenn der Erzähler seinen Namen nicht nennt, so gerät man in Versuchung, den Dichter für den Ich-Erzähler zu halten. Wie Lyrik sind auch Lehre und Kritik Ausdrucksarten eines Ich und bevorzugen deshalb auch in der Epik die Ichform.[12] Wie Lyrik und Satire, so ist auch der Humor eine Lebens­stimmung, zu deren Ausdruck der Epiker sich der Ichform bedient. Im subjektiven Ich-Roman kommt es dem Dichter oft mehr auf den Ausdruck seiner Lebensstim- mung als auf die gegenständliche Handlung an.[13]

Die objektive Ich-Erzählung hat laut Forstreuter einen doppelten Sinn: Das Ich des Dichters wird verhüllt und ein anderes Ich wird konzipiert.[14] Da sich in der Ich- Erzählung alles auf einen Menschen bezieht, wird die Dichtung geschlossener. Die Einheit des Aufbaus wird durch die Ichform in doppelter Weise gefördert. Die Ein­heit des Blickwinkels bewirkt, dass „eine Einheit des stetigen Nacheinander er­zielt“[15]. wird. Ort und Handlung können wechseln, der Erzähler jedoch bleibt als Konstante erhalten.

In der Ichform wirkt der Vorgang des Erzählens viel lebendiger als in der dritten Person Singular. Der Er-Erzähler fungiert als außenstehender Beobachter. Im Ge­gensatz dazu unterliegt der Ich-Erzähler der Handlung als ein Mensch von Fleisch und Blut. Der Ich-Erzähler behauptet, selbst Erlebtes vorzutragen. Eine bessere Glaubhaftigkeit des Wahrheitsgehaltes existiert nicht. Dass die Ichform eine stärke­re Illusion der Wirklichkeit untermauert, wird durch die Tatsache belegt, dass be­sonders wirklichkeitsferne Sachverhalte besonders häufig in der Ich-Form darge­stellt werden.[16].

4 Der Ich-Erzähler als Protagonist der Erzählung

Der Ich-Erzähler berichtet über die Ereignisse seiner erzählten Welt und beschreibt die in ihr auftretenden Personen in der ersten Person Singular. Bei der Ich-Erzählung han­delt es sich um eine epische Form, in welcher der Erzähler eigene Erlebnisse vor­trägt.[17] Der Erzähler hat die erzählte Welt somit zugleich auch selbst erlebt, hat an den Ereignissen teilgenommen und die Personen der Erzählung persönlich erlebt. Der Ich­Erzähler ist somit Bestandteil seiner Welt und kann wie ein Augenzeuge über die Ge­schehnisse berichten. Daraus resultiert das Problem, dass der Leser dem Ich-Erzähler nur insoweit vertrauen kann, wie man einem Augenzeugenbericht vertraut, der eine Aussage über irgendwelche Vorfälle und die darin verwickelten Personen trifft. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass es sich um eine subjektive Aussage handelt, die nur einen Ausschnitt der Vorfälle erfasst und nur einen sehr persönlichen Eindruck vermit­telt. Der Leser kann sich nicht zwangsläufig darauf verlassen, dass der Ich-Erzähler Einsicht in alle Geschehnisse und Zusammenhänge hat, wie dies zum Beispiel beim auktorialen Erzähler der Fall ist und dessen Schilderungen man sich als Leser ohne Zweifel anvertraut.[18]

Der wesentliche Unterschied zwischen der Ich-Erzählung im Vergleich zur Er- Erzählung ist begründet in der Art und Weise, wie die Begebenheiten einer Geschichte vom Erzähler betrachtet werden und in der Art der Motivierung der Auswahl dessen, was erzählt wird. Alles was in der Ich-Form erzählt wird, ist von existentieller Relevanz für den Ich-Erzähler. Für diese Relevanz des Erzählten für den Ich-Erzähler gibt es in der Er-Erzählung keine vergleichbare Sinndimension.[19]

Von der Person des Erzählers hängt die Art ab, wie er erlebt, sein inneres und äuße­res Verhältnis zur Welt. Ist der Erzähler Hauptperson, dann verhält er sich meist stark aktiv. Seine Taten sind seine Erlebnisse. Im zweiten Fall ist der Erzähler pas­siv und besinnlich. Er steht abseits vom Leben, um es besser beobachten zu kön­nen. Das Blickfeld des Erzählers muss sich um ihn in erwünschter Weise ordnen.

Diese Ordnung des Blickfeldes bedeutet umso mehr, je weniger der Erzähler im Gefüge der Handlung bedeutet. [20]

5 Der Ich-Erzähler in Thomas Bernhards Erzählung

Der Verlauf der Erzählung muss in den Lebenslauf des Erzählers eingeordnet wer­den. Beides deckt sich nicht, sondern geht zeitlich nebeneinander her. Der einfachs­te und häufigste Fall ist, dass das Erleben und das Geschehen in ein und demselben Zeitpunkt zusammenfallen. Der Erzähler beobachtet das Ereignis in dem Augen­blick, in dem es geschieht. Dieses Verfahren liegt in der Ich-Erzählung so nahe, dass es erst dann auffällt, wenn es den Erzähler in unwahrscheinliche Situationen, die seine Beobachtung ermöglichen müssen, hineinbringt.[21]

Eine weitere Art der zeitlichen Verknüpfung von Ereignis und Erlebnis lässt sich als die Erfahrung des Erzählers bezeichnen. Die Erfahrung bedeutet nicht ein be­stimmtes einzelnes Erlebnis, sondern sie bezeichnet den allgemeinen Zustand des Wissens und der Erfahrungen des Erzählers zur Zeit der Niederschrift. Auch in die­sem Fall hat der Erzähler nur einen Reflex des Ereignisses erlebt. Er stellt aber nicht dar, wie und wann er das Ereignis wahrnahm, sondern er sagt nur in einer Zwischenrede, dass er es später erfahren habe. Er reiht das Ereignis chronologisch, aber unabhängig von seinem Blickwinkel, in die Erzählung ein.[22]

Im Brief und Tagebuchroman erfolgt die Niederschrift so kurz nach dem Erlebnis, dass der Erzähler nicht viel Zeit hat, Erfahrungen zu sammeln. Oft beruht das Wis­sen des Erzählers nur auf einer Vermutung. Die Vermutung ist die einfachste Art, sein Wissen zu begründen. Dieses halbe Wissen tritt als Ersatz dort ein, wo der Er- zähler eigentlich überhaupt nichts wissen kann.[23]

Im Folgenden soll nun eine Charakterisierung der Protagonisten und eine Analyse der Geschehnisse, unter folgenden Gesichtspunkt durchgeführt werden:

- Was sagt der Ich-Erzähler über sich und die weiteren Protagonisten aus?
- Wie verändert sich der Protagonist durch seine Erlebnisse?
- Wie verhält er sich seinen Mitmenschen und seiner Umwelt gegenüber?

[...]


[1] Genette, G. (1998):S. 15.

[2] Ebd. S. 15.

[3] Ebd. S. 15.

[4] Ebd. S. 17.

[5] Genette, G. (1998): S. 19f.

[6] Vgl. Stanzel, F. (2001): S. 15f.

[7] Stanzel, F. (2001): S. 15.

[8] Vgl. Horn, Andreas (1998): S. 125.

[9] Vgl. ebd. S. 125.

[10] Vgl. ebd. S. 125-126.

[11] Vgl. Forstreuter, (1967): S. 40.

[12] Vgl. ebd. S. 43.

[13] Vgl. ebd. S. 44.

[14] Vgl. ebd. S. 45.

[15] Ebd. S. 45.

[16] Vgl. Forstreuter (1967): S. 49.

[17] Vgl. ebd. S.1.

[18] Vgl. ebd. S.1.

[19] Vgl. Stanzel: S. 129f.

[20] Vgl. Forstreuter (1967): S. 60.

[21] Vgl. ebd. S. 62.

[22] Vgl. ebd. S. 63.

[23] Vgl. ebd. S. 65f.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Zu: Sallust - "Bellum Catilinae"
Untertitel
Das Proömium
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Sallust - De coniuratione Catilinae
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
37
Katalognummer
V82967
ISBN (eBook)
9783638896764
ISBN (Buch)
9783638904933
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sallust, Bellum, Catilinae
Arbeit zitieren
Kai-Uwe Heinz (Autor), 1996, Zu: Sallust - "Bellum Catilinae", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82967

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