Das Catilina-Proömium war seit jeher ein Stein des Anstoßes: sei es durch den, wie D.C. Earl nachwies, für Geschichtswerke spektakulär unüblichen Beginn, der Sallusts Zeitgenossen sicher überrascht haben muß. Sei es dass Quintilian daran Anstoß nahm und darin keinen Bezug zum eigentlichen Werk zu sehen schien, oder sei es, dass noch in heutiger Zeit daran Anstoß genommen wird und Latinisten wie La Penna in der praefatio zum Bellum Catilinae nur ein Flickwerk von verschiedensten "abgedroschenen" Gemeinplätzen griechischer Proömienliteratur sah, Boissier jeglichen Zusammenhang zum Geschichtswerk bestreitet bis hin zu Willy Theiler, der glaubt, feststellen zu können, daß im Prolog "kein einziger selbständiger Gedanke zu finden sei".
Sallust betritt mit der Historiographie persönliches Neuland. In dem Proömium zu seinem Erstlingswerk stellt er sich und sein Werk in einzigartiger Weise vor. Traditionelle Elemente wie Exordialtopoi, proömiale Suchformeln aus der Rhetorik zusammen mit individuellen Zügen wie Stil, Komposition dienen seiner stringenten Argumentation, die seine Tätigkeit nicht nur rechtfertigen, sondern sie zugleich zu einer echt römischen virtus erheben, mit der er persönlichen Ruhm erstrebt.
Auf diese traditionellen, für das römische Bewußtsein vorauszusetzenden Elemente soll im ersten Kapitel speziell eingegangen werden, die individuelle Realisierung soll in der Interpretation erfaßt werden im Anschluß an einen Überblick über die Forschung zum Catilina-Proömium im zweiten Kapitel. Zum Abschluß sollen die wichtigsten Publikationen zum Prolog des Bellum Catilinae aufgelistet werden.
Inhaltsverzeichnis
1.0 EINLEITUNG
2.0 DAS PROÖMIUM
2.1 Traditionelle Ziele des Prologes
2.2 Tradition und Topik
2.3 Zum römischen Verständnis von Individualität und Stil
3.0 FORSCHUNG ÜBER DAS CATILINA-PROÖMIUM
3.1 Quellenfrage
3.1.1 Poseidonios
3.1.2 Plato
3.1.3 Stoische Quelle
3.1.4 Thukydides
3.1.5 Andere Quellen
3.2Relevanz des Proömiums für die Erzählung
3.2.1 Inkohärenz zwischen Proömium und Erzählung
3.2.2 Kohärenz zwischen Prolog und Erzählung
3.2.3 Der virtus-Begriff in der Praefatio
4.0 DAS CATILINA-PROÖMIUM
4.1 Übersetzung
4.2 Interpretation
4.3 Schlußbetrachtungen
5.0 BIBLIOGRAPHIE
6.0 AUSWAHLLITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Proömium zu Sallusts "Bellum Catilinae" vor dem Hintergrund seiner literarischen Tradition und historischen Rezeptionsgeschichte. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie Sallust traditionelle rhetorische Topoi verwendet und durch individuelle Gestaltung neu interpretiert, um sein Werk als bedeutende historiographische Leistung zu legitimieren.
- Analyse der rhetorischen Tradition und Zielsetzung von Prologen in der antiken Historiographie.
- Untersuchung der quellenkritischen Debatte hinsichtlich der philosophischen Einflüsse auf Sallust.
- Erörterung der Kohärenz zwischen dem philosophisch geprägten Proömium und der historischen Erzählung.
- Interpretation der zentralen Sallustischen Begriffe "virtus" und "ingenium" im Kontext der römischen Gesellschaft.
- Stilistische Untersuchung der Sallustischen Kompositionstechnik.
Auszug aus dem Buch
2.3 Zum römischen Verständnis von Individualität und Stil
Die reiche Proömientradition, so stellten wir bereits fest, gab also den Rahmen vor, innerhalb dessen sich die persönliche Gestaltung der Einleitung bewegen konnte - oder mußte? War die tradierte Form nicht ein aufgezwungenes Schema, das zu konformer Strukturierung des eigenen Werkes zwang? Wenn Sallust, wie wir im folgenden Kapitel 2.0 sehen werden, auf so viele antike Autoren anspielt, ist dies dann nicht Plagiat?
Hier prallen zwei Konzepte aufeinander: die moderne Vorstellung von persönlichem Stil und individueller Note, des Genies, und die antike Auffassung. Mit dem Ziel, Sallust eigentliche Leistung, das Neue an seinem Prolog zum Bellum Catilinae zu spüren und dadurch auch Aussagen wie die eingangs zitierte des Latinisten EARL, Sallust habe einen Hang zum Überraschenden, Schockierenden, (wo er doch - naiv gesehen - nur althergebrachte Motive und Gedanken anderer benutzt) zu verstehen, soll in diesem Abschnitt kurz auf das römische Verständnis von Individualität und Stil eingegangen werden.
Die Berufung auf den mos maiorum in Krieg und Politik als Rechtfertigung für gegenwärtiges Handeln ist bekanntlich eines der Hauptmerkmale der römischen Kultur. Man spricht von einem "Anlehnungsbedürfnis" der Römer. Das Verhältnis zur Tradition war ein ganz anderes als heute. Der Begriff des Génie, von dem wir heute sprechen, Neues, nie Dagewesenes schafft, kommt erst im 18. Jahrhundert auf.
Die Antike sah sich weniger als eigenständige Kultur und suchte daher nicht Abgrenzung von der früheren Zeit, sondern sah sich als Fortsetzung derselben. Diese Traditionsgebundenheit manifestierte sich in allen Lebensbereichen, so auch in der Literatur. Dementsprechend steht auch Sallusts Proömium in einer Tradition. Es entsprang dem römischen "Lebensgefühl". Selbstverständlich konnte die Antike bei dieser Geisteshaltung nicht den Begriff des Plagiats im Gegenteil, man empfand es als Ehre, sich auf berühmte Vorgänger berufen zu können, was gleichzeitig ebenso Legitimation bedeutete.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik des Sallustschen Proömiums ein und stellt das Ziel der Untersuchung dar, die individuelle Leistung des Autors innerhalb der rhetorischen Tradition zu würdigen.
2.0 DAS PROÖMIUM: Dieses Kapitel erläutert die rhetorischen Grundlagen und die traditionelle Zielsetzung von Prologen sowie das römische Verständnis von Originalität und Stil.
3.0 FORSCHUNG ÜBER DAS CATILINA-PROÖMIUM: Es wird ein Überblick über die Forschungsgeschichte gegeben, wobei insbesondere die Quellenfrage und die Relevanz des Prologs für den Rest des Werkes erörtert werden.
4.0 DAS CATILINA-PROÖMIUM: Dieses Kapitel enthält eine Neuübersetzung des Proömiums sowie eine detaillierte textnahe Interpretation der einzelnen Absätze.
5.0 BIBLIOGRAPHIE: Ein umfassendes Verzeichnis der in der Arbeit zitierten und relevanten wissenschaftlichen Quellen.
6.0 AUSWAHLLITERATUR: Eine Auswahl der wichtigsten weiterführenden Publikationen, die sich mit dem Catilina-Proömium befassen.
Schlüsselwörter
Sallust, Bellum Catilinae, Proömium, Historiographie, Rhetorik, Topik, virtus, ingenium, Quellenforschung, antike Literatur, Tradition, Individualität, Stil, Interpretation, Catilina.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Einleitung (Proömium) von Sallusts Werk "Bellum Catilinae" unter Berücksichtigung literarischer Traditionen und historischer Interpretationen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Themen umfassen die rhetorische Topik der Antike, die quellenkritische Forschung, die Interpretation zentraler Sallustischer Begriffe wie "virtus" sowie die Frage nach der Originalität antiker Autoren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sallust trotz der Nutzung traditioneller rhetorischer Formeln ein höchst individuelles und stilistisch raffiniertes Proömium schuf, das sein Werk legitimiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Kombination aus quellenkritischer Literaturanalyse und einer textnahen philologischen Interpretation der Sallustschen Originalpassagen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Forschungsübersicht, eine methodische Herleitung der Tradition und eine detaillierte Interpretation der Sätze 1,1 bis 4,5 des Proömiums.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Sallust, Bellum Catilinae, Historiographie, rhetorische Topik, virtus und literarische Tradition charakterisieren.
Warum wird Sallusts Stil als "schockierend" oder "ungewöhnlich" bezeichnet?
Einige Forscher kritisierten das Proömium als Flickwerk von Allgemeinplätzen, während andere Sallusts bewusste Brechung dieser Traditionen durch archaisierende Sprache und komplexe Komposition als künstlerische Innovation hervorheben.
Wie definiert die Arbeit das Verhältnis von "virtus" und "ingenium" bei Sallust?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Sallust virtus als Handlungsfähigkeit des ingeniums begreift, das sich idealerweise in der Historiographie als Form des Dienstes an der res publica verwirklicht.
Welche Bedeutung hat die Quellenfrage für das Verständnis des Prologs?
Die Quellenfrage ist zentral, um zu klären, inwieweit Sallust direkt aus griechischen philosophischen Vorbildern wie Plato oder Poseidonios schöpfte oder ob er diese Einflüsse im Sinne einer römischen Tradition eigenständig verarbeitete.
- Citation du texte
- Kai-Uwe Heinz (Auteur), 1996, Zu: Sallust - "Bellum Catilinae", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82967