Unter den Problemen, die die marxistische Literaturwissenschaft besonders gern diskutiert hat, gibt es einige "für den Hausgebrauch" und einige, die auch die "bürgerliche" Literaturwissenschaft immer wieder beschäftigt haben. Zur ersten Gruppe von Fragen, die hauptsächlich in der marxistisch denkenden Welt für interessant gehalten wurden, gehören die sogen. "Realismus-Kontroverse" (hauptsächlich zwischen Brecht und Lukacs) und das richtige Verständnis des "sozialistischen Realismus,“ sowie der Zusammenhang von realistischer Schreibweise und Darstellung des "Typischen" , außerdem die Begriffe "Volksverbundenheit", "Volkstümlichkeit" und "proletarische Literatur", schließlich die Aneignung des "literarischen Erbes".
Zur zweiten Gruppe von Fragen, die auch in den nicht-marxistischen Ländern interessieren, gehören die nach der sogen. "Autonomie" literarischer Werke , bezw. nach ihrer Determiniertheit durch sozioökonomische und gesellschaftliche Faktoren, und, damit eng verbunden, die nach, der Wertung, bezw. von "Objektivität" oder "Parteilichkeit", bei Literaturproduktion, -vermittlung, und -rezeption, letztere besonders in der Wissenschaft. Auf diese entscheidenden und unterscheidenden Fragen (zwischen bürgerlicher und marxistischer Literaturwissenschaft) müssen wir uns hier beschränken.
(Vortrag vor dem Jap. Germanistenverband, Nihon Toshi Center, Tokyo, 17.5.1988; In: Acta Humanistica 18/4, Humanities S. No. 16, 1989, 156-182)
Inhaltsverzeichnis
Reichweite des Autonomiebegriffs
Soziologische Methoden
Bedeutungen des Autonomiebegriffs
Autonomie und andere ästhetische Qualitäten
Autonomie und Schichtenmodell
Autonomieproblem und Wertproblem
Relativität von Wertkriterien
Stilumschwünge als Umwertungen
Wertrelativität und "offenes Konzept" von Kunst
Subjektivität und Parteilichkeit
Objektivität als heuristisches Ideal
Gegenseitige Ergänzung angeblich antagonistischer Forschungsrichtungen
Gemeinsame Trends
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der sogenannten Autonomie literarischer Werke und ihrer gesellschaftlichen Determiniertheit, wobei insbesondere die methodologischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen bürgerlicher und marxistischer Literaturwissenschaft kritisch hinterfragt werden.
- Verhältnis zwischen literarischer Autonomie und sozioökonomischen Faktoren
- Objektivität und Parteilichkeit in der Literaturwissenschaft
- Relativität von Wertkriterien bei der Interpretation von Literatur
- Methodenpluralismus und synthetische Interpretationsansätze
- Wechselwirkungen zwischen Literaturproduktion, Vermittlung und Rezeption
Auszug aus dem Buch
Bedeutungen des Autonomiebegriffs
Was aber ist mit dem Autonomiebegriff gemeint? - Er muss zunächst von dem der "Autarkie" abgegrenzt werden. Niemand wird im Ernst behaupten wollen, dass das Kunstwerk in keinerlei Relation zur Außenwelt stünde, also autark wäre. - Andererseits hat bekanntlich Karl Marx selbst ausdrücklich "das inegale Verhältnis der Entwicklung der materiellen Produktion zur künstlerischen" anerkannt. Inzwischen hat man sich weithin darauf geeinigt, dass sich zwischen "Basis" und "Überbau" vermittelnde Instanzen einschalten können, die eine Verzögerung der Reaktion des Überbaus auf Veränderungen in der Basis bewirken, z. B. die Macht von Traditionen. - Man kann Kunstwerke auch in dem Sinne als "autonom" bezeichnen, dass sie sich nicht auf eine spezielle Wirklichkeit beziehen, sondern entweder auf eine fiktive Welt oder auf allgemeine Phänomene der Umwelt, die sie "exemplarisch" gestalten. Lukacs hat ähnliches mit seinem Begriff des "Typischen" in der Literatur gemeint. Speziell in der Dichtung kann Autonomie auch mit der sogen. "Autoreflexivität" ihrer Sprache begründet werden. Angeblich unterscheidet sich die dichterische Sprache von der mitteilenden des Alltags durch ihren ästhetischen Selbstzweck-Charakter. Das trifft zweifellos für große Bereiche der Lyrik (in Frankreich seit etwa 1870, in Deutschland seit der Jahrhundertwende) zu, - aber doch wohl nur für diese.
Zusammenfassung der Kapitel
Reichweite des Autonomiebegriffs: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung des Autonomieprinzips für verschiedene literaturtheoretische Strömungen, vom russischen Formalismus bis hin zur Frankfurter Schule.
Soziologische Methoden: Hier werden diverse Ansätze der Literatursoziologie klassifiziert und hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Vorstellungen von Autonomie untersucht.
Bedeutungen des Autonomiebegriffs: Die Abgrenzung des Begriffs zur Autarkie sowie verschiedene Begründungsmodelle für eine relative Autonomie der Kunst werden analysiert.
Autonomie und andere ästhetische Qualitäten: Es wird diskutiert, inwiefern Autonomie lediglich eine uns zugeschriebene ästhetische Eigenschaft darstellt.
Autonomie und Schichtenmodell: Die Untersuchung befasst sich mit der Anwendung strukturalistischer Schichtenmodelle auf die Analyse von Literatur.
Autonomieproblem und Wertproblem: Der Text beleuchtet den inneren Zusammenhang zwischen der Autonomie von Kunst und der Frage nach ihrer Bewertung.
Relativität von Wertkriterien: Die Problematik subjektiver versus objektiver Bewertungskriterien in der Literaturkritik bildet den Kern dieses Kapitels.
Stilumschwünge als Umwertungen: Hier wird anhand historischer Beispiele gezeigt, wie sich Wertmaßstäbe durch kulturelle Prozesse im Laufe der Zeit wandeln.
Wertrelativität und "offenes Konzept" von Kunst: Die Auffassung von Kunst als ein sich stetig veränderndes, offenes Konzept wird erörtert.
Subjektivität und Parteilichkeit: Das Kapitel reflektiert die Unausweichlichkeit subjektiver Werturteile und die methodische Rolle von Parteilichkeit.
Objektivität als heuristisches Ideal: Trotz der Anerkennung von Subjektivität wird für den Erhalt von Objektivität als wissenschaftlichem Heuristik-Ideal plädiert.
Gegenseitige Ergänzung angeblich antagonistischer Forschungsrichtungen: Es wird die Möglichkeit einer Synthese verschiedener methodischer Ansätze zur Erforschung der Literaturwirkung diskutiert.
Gemeinsame Trends: Der Abschluss stellt die konsequente Herausstellung der relationalen Existenzweise des literarischen Werkes als gemeinsamen Trend der Literaturforschung heraus.
Schlüsselwörter
Autonomiebegriff, Literatursoziologie, Wertproblem, Marxismus, Strukturalismus, Rezeptionstheorie, Objektivität, Parteilichkeit, Hermeneutik, Literaturtheorie, Werterwartungen, Stilumschwung, Komparatistik, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert über die soziologische Methode in der Literaturwissenschaft und hinterfragt das Spannungsverhältnis zwischen dem Autonomieanspruch der Kunst und ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind der Autonomiebegriff, das Wertproblem in der Literaturkritik, das Verhältnis von Literatur zur Gesellschaft sowie die methodologischen Ansätze der Literatursoziologie und des Strukturalismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die künstliche Trennung zwischen bürgerlichen und marxistischen Methoden aufzuheben und für einen synthetischen, wissenschaftlich fundierten Interpretationsansatz zu werben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine wissenschaftsgeschichtliche und komparatistische Methode, die sich auf den Dialog zwischen verschiedenen literaturtheoretischen Schulen stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische und systematische Entwicklung von Autonomie- und Wertvorstellungen und diskutiert den Nutzen von Methodenpluralismus in der literarischen Analyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Autonomie, Literatursoziologie, Wertrelativität, Rezeption, Strukturalismus und Parteilichkeit.
Inwieweit spielt die marxistische Literaturwissenschaft eine Rolle?
Der Autor integriert marxistische Ansätze als wertvolle Teilaspekte der Literaturanalyse, ohne jedoch deren weltanschauliche Exklusivität als alleinseligmachende Methode zu akzeptieren.
Was versteht der Autor unter einer "relationalen Existenzweise" eines Werkes?
Das Werk existiert nicht isoliert, sondern steht in ständiger Beziehung zu seinem Rezipienten, der Gesellschaft und den historischen Konventionen, in denen es rezipiert wird.
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- Dr. Wolfgang Ruttkowski (Author), 1989, Nachträgliche Überlegungen zur soziologischen Methode, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8297