Diese Studie leistet einen Beitrag, den Aufstieg der NS-Bewegung vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs oder vielmehr der ideologischen Inanspruchnahme des Weltkriegserlebnisses verstehbar zu machen. "Kriegsbriefe" im Ersten Weltkrieg gefallener Soldaten wurden im Dienste "geistiger Aufrüstung" selektiv ediert und das zunehmend am Ende der 20er-Jahre. Zeigt ein unvoreingenommener Blick auf die Edition Philipp Witkops, die im Mittelpunkt der Analyse steht, ein durchaus differenziertes Bild – von hymnischer Kriegsbegeisterung bis zu erklärtem Pazifismus –, so waren Feldpostbriefe dennoch besonders geeignet, die Mythisierung des Krieges voranzutreiben. Als authentisches Zeugnis der jungen Gefallenen stilisierten sie den "Opfertod" zum Vermächtnis für die Überlebenden: Soll ihr Opfer nicht vergebens gewesen sein, verpflichtet es für die Zukunft – und erfüllt damit vor allem in der Orientierungslosigkeit der Krisenjahren am Ende der Weimarer Republik eine sinnstiftende Funktion, von der die NS-Bewegung profitieren konnte. Die besonders ausführliche Quellen- und Forschungsbibliographie mag für jeden hilfreich sein, der sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt.
Inhalt
I. Fragestellung
II. Die „Ideen von 1914“ und der Krieg als „Bildungserlebnis“
III. „Für das neue, größere, bessere Vaterland...“
IV. Kultur, Nation und Religion: Sinnstiftung in Krieg und „Nachkrieg“
V. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die Feldpostbriefe der Sammlung von Philipp Witkop zur Mythenbildung des „Augusterlebnisses“ von 1914 beitrugen und inwiefern diese Narrative als „geistige Aufrüstung“ den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung ideologisch vorbereiteten.
- Analyse des „Augusterlebnisses“ als persönliches Kriegserlebnis und kollektiver Mythos.
- Untersuchung der Sinnstiftung durch den „Krieg der Geister“ und die „Ideen von 1914“.
- Reflexion über die Instrumentalisierung von Feldpostbriefen in der Weimarer Republik.
- Zusammenhang zwischen dem Trauma der Kriegsniederlage und der NS-Volksgemeinschaftsideologie.
Auszug aus dem Buch
I. Fragestellung
„Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, daß ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, daß er mir das Glück geschenkt, zu dieser Zeit leben zu dürfen. Ein Freiheitskampf war angebrochen, wie die Erde noch keinen gewaltigeren bisher gesehen.“
Dieser Versuch, das Unfaßbare – nämlich die Stimmungen und Gefühle beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges als persönliches „Augusterlebnis“ – in Worte zu fassen, der in den Memoiren vieler stehen könnte, die im Jahre 1914 auf der Schwelle zwischen Jugend- und Erwachsenenalter standen, stammt aus der Feder eines damals 25-jährigen Kriegsfreiwilligen namens Adolf Hitler. Gerade in der Euphorie zu Kriegsbeginn, die für den späteren Betrachter schwer verständlich erscheint, wird für Joachim Fest „etwas von der intensiv korrespondierenden Beziehung zwischen Hitler und seiner Zeit greifbar“ die nämlich den Krieg – im Glauben an seine Unausweichlichkeit – geradezu als einen Läuterungsprozeß betrachtete, ja als Aufbruch aus „dem Elend der Normalität“ ins große Abenteuer einer Bewährungsprobe und einer Existenz außerhalb bürgerlicher Konventionen, was sich vor allem die junge Generation erhoffte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Fragestellung: Das Kapitel führt in die Thematik des „Augusterlebnisses“ ein und hinterfragt die Authentizität und Instrumentalisierung von Feldpostbriefen als historische Quelle.
II. Die „Ideen von 1914“ und der Krieg als „Bildungserlebnis“: Es wird analysiert, wie zeitgenössische Intellektuelle den Krieg als kathartisches Ereignis und „Kulturkrieg“ gegen westliche Zivilisation deuteten.
III. „Für das neue, größere, bessere Vaterland...“: Das Kapitel beleuchtet die Rolle der Opferbereitschaft und die Transformation der Feldpostbriefe in ein politisches Vermächtnis in der Weimarer Republik.
IV. Kultur, Nation und Religion: Sinnstiftung in Krieg und „Nachkrieg“: Hier wird untersucht, wie die NSDAP das Fronterlebnis als säkulare Religion nutzte, um Sinn in die Niederlage von 1918 zu bringen.
V. Ergebnisse: Das Fazit stellt fest, dass der Mythos vom Weltkrieg als Aspekt der Suche nach Sinn dazu beitrug, Identifikationsmuster für die NS-Ideologie zu schaffen.
Schlüsselwörter
Erster Weltkrieg, Augusterlebnis, Feldpostbriefe, Philipp Witkop, Nationalsozialismus, Volksgemeinschaft, Geist von 1914, Weimarer Republik, Sinnstiftung, Mythenbildung, Kriegserlebnis, Ideologie, Fronterlebnis, Dolchstoßlegende, Propaganda.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Bedeutung und die politische Instrumentalisierung von Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg in Bezug auf den Aufstieg des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die mentalitätsgeschichtliche Wahrnehmung des Krieges, die Konstruktion von Mythen, der Begriff der „Volksgemeinschaft“ sowie die Rolle von Kriegsliteratur in der Weimarer Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie die Darstellung des Weltkrieges als Mythos und das „Augusterlebnis“ als ideologisches Repertoire zur „geistigen Aufrüstung“ beigetragen haben, die der NS-Bewegung den Weg ebnete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse der Feldpostedition von Philipp Witkop vorgenommen, eingebettet in den Kontext der neueren Weltkriegs- und Mentalitätsforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Ideengeschichte („Ideen von 1914“), der Sinnstiftung durch Fronterlebnisse, religiösen Deutungsmustern des Krieges und der späteren politisierten Wahrnehmung dieser Dokumente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Augusterlebnis“, „Volksgemeinschaft“, „Sinnstiftung“, „Kriegsbegeisterung“ und „instrumentalisierte Erinnerung“ charakterisieren.
Inwiefern spielten die Briefe eine Rolle für das „Dritte Reich“?
Die Briefe lieferten ein „historisches Rohmaterial“, das als Vermächtnis umgedeutet wurde, um die Niederlage von 1918 zu überwinden und ein neues, „besseres“ Vaterland als Ziel zu propagieren.
Warum wird speziell die Edition von Philipp Witkop analysiert?
Weil diese Edition ab 1918 weit verbreitet war und durch ihre gezielte Auswahl von Briefen maßgeblich dazu beitrug, ein arrangiertes „Kriegserlebnis“ zu vermitteln, das von einer Ablehnung der Realität hin zur Glorifizierung führte.
Wie unterscheidet sich die Sicht von Hitler von der anderer Soldaten?
Während Hitler den Krieg als Läuterung und größte Zeit seines Lebens verklärte, zeigen andere Quellen eine differenziertere Sicht, einschließlich pazifistischer Töne, die jedoch in der offiziellen Edition zunehmend ausgeblendet wurden.
- Citation du texte
- Christian Krepold (Auteur), 2004, Der Weltkrieg als Mythos - Vom 'Augusterlebnis' zur 'Volksgemeinschaft', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82992