Lange hat in der Europadiskussion die Frage nach der Legitimität der Europäischen Union keine Rolle gespielt. Man war sich einig, dass das Integrationsprojekt EU eine notwendige Konsequenz aus der leidvollen Konfliktgeschichte der europäischen Staaten ist. (vgl. Kielmannsegg 2003: 50)
Die Frage nach einem Legitimations- bzw. - Demokratiedefizit gewann erst mit der fortschreitenden Entwicklung und Integration in der EU an Bedeutung. Seit dem Maastricher (1992) und Amsterdamer Vertrag 1997 wurden die Kompetenzen der EU kontinuierlich ausgebaut. In dem Maße, in dem die EU den nationalen Parlamenten Kompetenzen entzieht, nimmt sie sich dieser an, ohne sich jedoch selbst zu legitimieren. (vgl. Weidenfeld/Wessels, 2000: 389)
Somit tauchte unter einigen Politik- und Sozialwissenschaftlern der Ruf nach einer verstärkten demokratischen Legitimation der Union auf.
Mit der Diskussion über den Verfassungskonvent beschäftigen sich momentan die führenden Köpfe der Mitgliedstaaten mit dem zukünftigen Status der Europäischen Union. Auch hier spielt die Frage und der Umgang mit dem Demokratiedefizit eine große Rolle.
Dass ein solches vorhanden ist, wird unter den Wissenschaftlern nicht bestritten. Vielmehr geht es um die Frage, ob eine Legitimation der EU- Organe überhaupt nötig ist. Und wenn ja, ob sie möglich ist. Und kann die Legitimation der Mitgliedstaaten überhaupt auf die Union übertragen werden?(vgl. Grunauer 2002: 39)
Mit diesen Fragen und einigen möglichen Antworten beschäftigt sich, vor dem aktuellen Hintergrund des Konvents und der EU- Osterweiterung, diese Arbeit.
Um die Frage zu klären, ob und wenn ja, in welchem Ausmaß ein Legitimations- und Demokratiedefizit in der Europäischen Union vorhanden ist, stelle ich nach einer Einführung in das europäische Rechtssystem, zuerst die politikwissenschaftlichen Ansätze zur Thematik dar.
Es folgt eine nähere Betrachtung der Begriffe Demokratie und Legitimität.
Schließlich wird anhand der einzelnen Institutionen der EU deren demokratische Legitimität überprüft. Anschließend skizziere ich ein mögliches substantielles Defizit, wie auch die Rolle der EU in der Sozialpolitik.
Abschließend folgt ein themenbezogener Ausblick auf die aktuelle Entwicklung im europäischen Integrationsprozess im Kontext zur Demokratie.
Gliederung
1. Einleitung
2. Das Europäische Rechtssystem
3. Forschungsstand
3. 1. Realismus
3. 2. Intergouvernementalismus
3. 3. Funktionalismus
4. Begriffsklärung
4. 1. Demokratie
4. 2. Legitimität
5. Frage nach dem institutionellen Defizit der EU
5. 1. Das Europäische Parlament
5. 2. Die Europäische Kommission
5. 3. Der Ministerrat und der Rat der Europäischen Union
5. 4. Der Europäische Gerichtshof
6. Das substantielle Defizit
7. Die sozialpolitische Frage
8. Ausblick
8. 1. Die EU- Osterweiterung
8. 2. Der Verfassungskonvent
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das viel diskutierte Demokratiedefizit der Europäischen Union. Ziel ist es, unter Berücksichtigung des Verfassungskonvents und der EU-Osterweiterung zu klären, ob und in welchem Ausmaß ein Legitimationsdefizit in der Union besteht und welche Rollen die zentralen Institutionen dabei spielen.
- Politikwissenschaftliche Integrationstheorien (Realismus, Intergouvernementalismus, Funktionalismus)
- Begriffsbestimmung von Demokratie und Legitimität im EU-Kontext
- Institutionelle Analyse von Parlament, Kommission, Ministerrat und Gerichtshof
- Substantielles Defizit und sozialpolitische Kompetenzen
- Herausforderungen durch die EU-Osterweiterung und den Verfassungskonvent
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„ Jegliche politische Herrschaft als Herrschaft von Menschen über Menschen bedarf der rechtfertigenden Herleitung, einer Legitimation. Die Legitimation ist (…) notwendig für die Funktionsfähigkeit und Dauerhaftigkeit der Demokratie, und sie ist zugleich auch Grenze für demokratische Prinzipien.“ (vgl. Grunauer 2002: 7) Lange hat in der Europadiskussion die Frage nach der Legitimität der Europäischen Union keine Rolle gespielt. Man war sich einig, dass das Integrationsprojekt EU eine notwendige Konsequenz aus der leidvollen Konfliktgeschichte der europäischen Staaten ist. (vgl. Kielmannsegg 2003: 50)
Die Frage nach einem Legitimations- bzw. - Demokratiedefizit gewann erst mit der fortschreitenden Entwicklung und Integration in der EU an Bedeutung. Seit dem Maastricher (1992) und Amsterdamer Vertrag 1997 wurden die Kompetenzen der EU kontinuierlich ausgebaut. In dem Maße, in dem die EU den nationalen Parlamenten Kompetenzen entzieht, nimmt sie sich dieser an, ohne sich jedoch selbst zu legitimieren. (vgl. Weidenfeld/Wessels, 2000: 389)
Somit tauchte unter einigen Politik- und Sozialwissenschaftlern der Ruf nach einer verstärkten demokratischen Legitimation der Union auf. Mit der Diskussion über den Verfassungskonvent beschäftigen sich momentan die führenden Köpfe der Mitgliedstaaten mit dem zukünftigen Status der Europäischen Union. Auch hier spielt die Frage und der Umgang mit dem Demokratiedefizit eine große Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die Notwendigkeit politischer Legitimation und führt in die Fragestellung nach dem Demokratiedefizit der Europäischen Union ein.
2. Das Europäische Rechtssystem: Hier werden die Grundlagen des europäischen Rechts sowie die drei Säulen der EU und deren rechtliche Einordnung erläutert.
3. Forschungsstand: Dieses Kapitel stellt verschiedene politikwissenschaftliche Theorien wie den Realismus, den Intergouvernementalismus und den Funktionalismus vor, um das Verhältnis von Integration und Demokratie zu beleuchten.
4. Begriffsklärung: Hier erfolgt eine Definition der zentralen Konzepte Demokratie und Legitimität, inklusive der Unterscheidung zwischen input- und outputorientierter Legitimation.
5. Frage nach dem institutionellen Defizit der EU: Das Kapitel analysiert die demokratische Legitimation der Hauptorgane Parlament, Kommission, Ministerrat und Gerichtshof auf ihre demokratische Leistungsfähigkeit hin.
6. Das substantielle Defizit: Untersucht wird die Frage nach einer europäischen Identität und dem Fehlen eines europäischen Volkes als Voraussetzung für Volkssouveränität.
7. Die sozialpolitische Frage: Es wird analysiert, inwieweit die EU sozialpolitische Belange an sich gezogen hat und welche legitimatorischen Herausforderungen dies mit sich bringt.
8. Ausblick: Der Abschnitt betrachtet die Auswirkungen der EU-Osterweiterung sowie die Zielsetzungen des Verfassungskonvents im Hinblick auf das institutionelle Gefüge.
9. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass eine stärkere Bürgerorientierung und Transparenz notwendig sind, um die Legitimation der EU langfristig sicherzustellen.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Demokratiedefizit, Legitimität, Europäisches Parlament, Europäische Kommission, Integrationstheorien, Verfassungskonvent, EU-Osterweiterung, Politische Herrschaft, Supranationalität, Intergouvernementalismus, Volkssouveränität, Institutionelle Analyse, Expertokratie, Sozialpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der demokratischen Legitimation der Europäischen Union und der Frage, ob ein Demokratiedefizit innerhalb der europäischen Institutionen existiert.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Analyse der EU-Institutionen, die Debatte um eine europäische Identität, der Einfluss der EU-Osterweiterung sowie die Rolle des Verfassungskonvents für die Zukunft der Union.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Dokuments?
Die zentrale Frage lautet, ob und in welchem Ausmaß ein Legitimations- und Demokratiedefizit in der Europäischen Union vorhanden ist und ob eine Übertragung nationalstaatlicher Legitimitätskonzepte auf die EU möglich ist.
Welche wissenschaftlichen Ansätze oder Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit nutzt politikwissenschaftliche Integrationstheorien, insbesondere den Realismus, Intergouvernementalismus und Funktionalismus, um die komplexen Entscheidungsprozesse und das Mehrebenensystem der EU theoretisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die institutionellen Arrangements, darunter das Parlament, die Kommission und der Ministerrat, sowie die substantielle Problematik eines fehlenden europäischen Volkes und die sozialpolitische Rolle der EU.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Demokratiedefizit, Legitimität, Institutionen der EU, Europäische Identität, Kompetenzübertragung und die verschiedenen Integrationstheorien.
Inwieweit spielt die Osterweiterung eine Rolle für das Demokratiedefizit?
Die Autorin argumentiert, dass die Osterweiterung die Heterogenität innerhalb der EU vergrößert und die Bildung einer kollektiven europäischen Identität erschwert, was die Diagnose eines Demokratiedefizits weiter verschärfen könnte.
Was schlägt die Autorin zur Lösung des Legitimationsproblems vor?
Die Autorin betont, dass eine bloße Kompetenzerweiterung des Parlaments nicht ausreicht. Stattdessen müsse bei den Bürgern angesetzt werden, indem EU-Prozesse transparenter gestaltet werden, um eine europäische Zivilgesellschaft zu fördern.
- Quote paper
- M.A. Claudia Engelmann (Author), 2003, Die Europäische Union , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83018