Der Blick auf die Historie von Währungskrisen lässt den Schluss zu, dass diese in den letzten Jahren mit zunehmender Häufigkeit aufgetreten sind. Die Auswirkungen waren immer tiefgreifender und die betroffenen Länder wie auch die Weltwirtschaft hatten in der Folge mit immer bedeutenderen Problemen zu kämpfen. Währungskrisen sind zwar auf keinen bestimmten Typus von Ländern beschränkt, die Häufigkeit und Stärke ist in Emerging Markets aber besonders verheerend.
Es gibt verschiedene Definitionen und Ansichten darüber, ab wann von einer Währungskrise gesprochen werden kann. Es kann der reale Wechselkurs herangezogen werden, bei dessen Abwertung um einen bestimmten prozentualen Anteil relativ zur Vorperiode von einer Krise gesprochen wird. Ein anderer Ansatz sieht vor, einen Krisenindex bestehend aus Wechselkurs, Währungsreserven sowie entweder mit oder ohne Zinssatz zu konstruieren. Bei Überschreiten eines definierten Schwellenwertes kann von einer Währungskrise gesprochen werden.
In Bezug auf die Krisenvorbeugung liegt es im Interesse des Ökonomen und der Politik im Besonderen, potentielle Krisen möglichst frühzeitig zu erkennen, um geeignete Gegenmaßnahmen zur Krisenabwehr ergreifen und dadurch potentielle volkswirtschaftliche Defizite beseitigen zu können. Hierbei kommt Frühwarnindikatoren eine bedeutende Rolle zu.
Ex post betrachtet verschlechtern sich vor Ausbruch von Währungskrisen viele ökonomische Aggregate. Je nach verwendetem Modell, kann mittels logisch deduktiver oder ökonometrischer Verfahren versucht werden, Frühwarnindikatoren zu identifizieren, so dass Währungskrisen mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit prognostiziert werden können.
Die Darstellung von Ansätzen zur Prognose von Währungskrisen mittels Frühwarnindikatoren ist Gegenstand dieser Arbeit. Im zweiten Kapitel werden der Begriff und die Historie von Währungskrisen dargestellt sowie die Eigenschaften von Frühwarnindikatoren definiert. Im dritten Kapitel werden die traditionellen Ansätze zur Erklärung von Währungskrisen erster und zweiter Generation dargestellt. Hieran schließt sich das vierte Kapitel mit Darstellung neuerer, gerade für Emerging Markets relevanter, Währungskrisenmodellansätze an. Im fünften Kapitel werden verschiedene Ansätze für Frühwarnindikatoren zur Krisenprognose dargestellt; eigene Ergebnisse in Form eines Logit-Modells exemplifizieren das Vorgehen bei multivariaten Wahrscheinlichkeitsmodellen. Das sechste Kapitel schließt mit einem Resümee.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 BEGRIFFLICHKEIT UND HISTORIE
2.1 Definition des Begriffs Währungskrise
2.2 Historie von Währungskrisen
2.3 Besonderheiten von Währungskrisen in Emerging Markets
2.4 Zur Definition von Frühwarnindikatoren
2.4.1 Eigenschaften von Frühwarnindikatoren
2.4.2 Adressaten von Frühwarnindikatoren
2.4.3 (Politische) Implikationen von Frühwarnindikatoren
3 TRADITIONELLE WÄHRUNGSKRISENMODELLE
3.1 Modelle der ersten Generation
3.1.1 Kanonisches Ursprungsmodell von KRUGMAN
3.1.2 Flood/Garber Modell
3.1.3 Implikationen aus den Modellen der ersten Generation für Frühwarnindikatoren
3.2 Modelle der zweiten Generation
3.2.1 OBSTFELD Modell
3.2.2 Modell von JEANNE
3.2.3 Implikationen aus den Modellen der zweiten Generation für Frühwarnindikatoren
4 NEUERE WÄHRUNGSKRISENMODELLE
4.1 Modell der dritten Generation
4.1.1 Bankenkrisen
4.1.1.1 Moral Hazard
4.1.1.2 Overborrowing und internationaler Kapitalmarkt
4.1.2 Twin crises
4.2 Implikationen aus dem Modell der dritten Generation für Frühwarnindikatoren
4.3 Modell der „vierten Generation“
4.4 Zwischenfazit
4.5 Zum Problem der Modellgenerationen
5 FRÜHWARNINDIKATOREN ZUR KRISENPROGNOSE
5.1 Krisendefinition: Wahl der endogenen Variable
5.1.1 Exchange market pressure index (EMPI)
5.1.1.1 Krisendefinition mittels EMPI nach EICHENGREEN / ROSE / WYPLOSZ
5.1.1.2 Krisendefinition mittels EMPI nach KAMINSKY / LIZONDO / REINHART
5.1.1.3 Vereinfachung des EMPI
5.1.2 Krisendefinition nach ZHANG
5.1.3 Krisendefinition nach FRANKEL / ROSE
5.1.4 Vergleich der Krisendefinitionen
5.1.5 Zwischenfazit
5.2 Modellauswahl
5.2.1 Signal-Ansatz
5.2.2 Multivariate Wahrscheinlichkeitsmodelle
5.2.2.1 Logit-Modell
5.2.2.2 Probit-Modell
5.2.2.3 Exkurs: Nested Logit-Modell
5.3 Inhaltliche Modellkonstruktion
5.3.1 Datenauswahl
5.3.1.1 Regionale und zeitliche Datenauswahl
5.3.1.2 Paneldaten
5.3.2 Indikatorenauswahl: Wahl der exogenen Variablen
5.3.2.1 Ökonomische Indikatoren
5.3.2.2 Institutionelle Indikatoren
5.4 Zeithorizont der Eintrittswahrscheinlichkeit
5.5 Ergebnisse aus den Modellen
5.5.1 Ergebnisse aus dem Signal-Ansatz
5.5.2 Ergebnisse aus den Probit- / Logit-Modellen
5.5.3 Eigene Ergebnisse aus einem Logit-Modell
5.6 Empirische Evidenz
5.7 Soziale Kosten der Falschprognose
6 SCHLUSSBEMERKUNGEN
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, die theoretischen Ansätze zur Erklärung von Währungskrisen darzustellen und auf dieser Basis Frühwarnindikatoren für die Prognose von Währungskrisen zu identifizieren. Dabei wird insbesondere untersucht, wie ökonometrische Modelle zur Identifikation solcher Indikatoren genutzt werden können, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den Besonderheiten von Emerging Markets liegt.
- Entwicklung und Historie von Währungskrisenmodellen (Generationen 1 bis 4)
- Methodische Ansätze zur Definition und Messung von Währungskrisen
- Konstruktion von Frühwarnsystemen mittels Signal-Ansatz und multivariaten Modellen
- Einbeziehung ökonomischer und institutioneller Indikatoren in die Krisenprognose
- Empirische Anwendung von Logit-Modellen anhand von Daten asiatischer Schwellenländer
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Kanonisches Ursprungsmodell von KRUGMAN
KRUGMAN legt in seinem Modell dar, dass es zu einer Währungskrise kommen kann, wenn eine defizitäre Wirtschaftspolitik realisiert wird, die nicht mit einem Wechselkursziel vereinbar ist. Die Basis für KRUGMANS Argumentation über spekulative Attacken gegen Währungen bildet die Arbeit von SALANT UND HENDERSON aus dem Jahre 1978 mit einem Modell für spekulative Attacken auf einen staatlich kontrollierten Goldpreis. SALANT UND HENDERSON entwickelten ihr Modell ausgehend von der Arbeit HOTELLINGS aus dem Jahre 1931 über die Preisentwicklung erschöpfbarer Ressourcen. Krugman übertrug diese Modelle auf ein System fester Wechselkurse, wobei nicht Gold, sondern die Devisenreserven der Notenbank die erschöpfbare Ressource darstellen.
KRUGMAN entwickelte ein Modell einer kleinen offenen Volkswirtschaft, die ihren Wechselkurs gegenüber einer großen Volkswirtschaft fixiert. Es werden folgende Annahmen getroffen: (i) Vollbeschäftigung; (ii) vollständige Voraussicht der Wirtschaftssubjekte; (iii) Produktion nur eines handelbaren Gutes; (iv) Unterstellung von Kaufkraftparität und ungedeckter Zinsparität; (v) Finanzierung von Haushaltsdefiziten ausschließlich über die Ausweitung der inländischen Geldmenge oder über einen Abbau der Devisenreserven; (vi) private inländische Wirtschaftssubjekte haben nur die Möglichkeit, ihr Realvermögen in in- oder ausländischem Geld anzulegen; (vii) ausländische Wirtschaftssubjekte halten kein inländisches Geld; (viii) es existieren keine zinstragenden Schuldtitel.
Die letzten beiden Annahmen haben zur Folge, dass anlagebedingte Kapitaltransaktionen ausbleiben und somit, bei dem angenommenen festen Wechselkurs, die Veränderung des Devisenbestandes stets dem Saldo der Leistungsbilanz entspricht. Als Ausgangspunkt wird angenommen, dass Währungskrisen Fehlentwicklungen in den Staatshaushalten vorausgehen. Der Staat betreibt eine expansive Fiskalpolitik und finanziert sein Haushaltsdefizit über eine Geldmengenausweitung. Bei Annahme einer konstanten Geldnachfrage führt die Geldmengenausweitung zu einem Angebotsüberschuss auf dem Geldmarkt. Die konstante Geldnachfrage resultiert aus der Abwesenheit von Vermögenseffekten; sollten diese Berücksichtigung finden, sind die Wirtschaftssubjekte bereit, einen Teil des additional zur Verfügung stehenden Geldes als Kasse zu halten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung gibt einen Überblick über die zunehmende Häufigkeit von Währungskrisen und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, verschiedene Modellansätze zur Krisenprognose mittels Frühwarnindikatoren darzustellen.
2 BEGRIFFLICHKEIT UND HISTORIE: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Währungskrise, grenzt ihn von allgemeineren Finanzkrisen ab und bietet einen historischen Abriss sowie eine Analyse der Besonderheiten von Krisen in Emerging Markets.
3 TRADITIONELLE WÄHRUNGSKRISENMODELLE: Es werden die theoretischen Grundlagen der Modelle der ersten und zweiten Generation vorgestellt, wobei insbesondere der Fokus auf die Auslöser (Fundamentalfaktoren vs. sich selbst erfüllende Erwartungen) gelegt wird.
4 NEUERE WÄHRUNGSKRISENMODELLE: Dieses Kapitel erweitert die theoretische Basis um Modelle der dritten und vierten Generation, welche mikroökonomische Fragilitäten des Bankensektors sowie institutionelle Defizite integrieren.
5 FRÜHWARNINDIKATOREN ZUR KRISENPROGNOSE: Der Schwerpunkt der Arbeit bildet die statistische Krisendefinition (z.B. mittels EMPI) und die methodische Auswahl sowie Anwendung multivariater Modelle (Logit/Probit) zur praktischen Krisenprognose.
6 SCHLUSSBEMERKUNGEN: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Krisenprognose sowie der Notwendigkeit einer soliden Datenbasis für fundierte wirtschaftspolitische Entscheidungen.
Schlüsselwörter
Währungskrisen, Emerging Markets, Frühwarnindikatoren, Modell der ersten Generation, Modell der zweiten Generation, Modell der dritten Generation, Modell der vierten Generation, Krisenprognose, Exchange Market Pressure Index, Logit-Modell, Probit-Modell, Finanzmarktfragilität, Institutionelle Indikatoren, Bankenkrisen, Kapitalmobilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Ursachen von Währungskrisen und untersucht, wie mithilfe ökonometrischer Methoden Frühwarnindikatoren entwickelt werden können, um solche Krisen rechtzeitig vorherzusagen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretische Modellentwicklung von Währungskrisen, die statistische Definition von Krisen mittels Indizes wie dem EMPI und die Anwendung statistischer Verfahren wie der Logit-Regression.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Darstellung von Ansätzen zur Prognose von Währungskrisen und die Identifizierung signifikanter Indikatoren, um politischen Entscheidungsträgern ein Instrumentarium zur Krisenvorbeugung an die Hand zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet sowohl eine theoretische Analyse der Literatur als auch eine empirische Untersuchung durch eine eigene Logit-Regression unter Verwendung von Paneldaten asiatischer Schwellenländer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sukzessive die verschiedenen Generationen von Währungskrisenmodellen erläutert, die methodische Konstruktion von Frühwarnindikatoren hergeleitet und schließlich eigene empirische Ergebnisse für ein Logit-Modell präsentiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Währungskrisen, Emerging Markets, Frühwarnindikatoren, Krisenprognose, Logit-Modelle, Bankenkrisen und institutionelle Indikatoren.
Inwiefern unterscheiden sich die Modellgenerationen voneinander?
Die Modelle der ersten Generation basieren auf schlechten fundamentalen Daten; die zweite Generation betont sich selbst erfüllende Erwartungen; die dritte Generation fokussiert auf Bankenkrisen und Twin-Crises; die vierte Generation ergänzt dies um institutionelle Faktoren.
Warum ist das "Nested Logit-Modell" ein spezieller Exkurs?
Es wird als Exkurs behandelt, da es ermöglicht, zwischen einer erfolgreichen Abwehr und dem tatsächlichen Eintreten einer Krise zu differenzieren, was über das Standard-Logit-Modell hinausgeht, aber empirisch schwieriger zu interpretieren ist.
Welche Rolle spielt die Datenbasis für die Qualität der Ergebnisse?
Eine gute Datenbasis ist essenziell. Der Autor betont, dass internationale Datensätze (wie IFS des IWF) zu bevorzugen sind, da nationale Daten oft nicht vergleichbar oder verzerrt sind.
- Quote paper
- Marcel Hartmann (Author), 2006, Währungskrisen in Emerging Markets – Ansätze zur Krisenprognose mittels Frühwarnindikatoren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83065