Die Emigration polnischer Arbeitskräfte in den EU-Raum und ihre Auswirkung auf die Entwicklung Polens


Masterarbeit, 2007

60 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemdarstellung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Migration
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.2 Die Ansätze zur Analyse
2.2.1 Die Startphase
2.2.2 Die Reisephase
2.2.3 Die Aufenthaltsphase

3 Der polnische Arbeitsmarkt
3.1 Besonderheiten
3.2 Entwicklungen der Migration
3.3 Wanderungstendenzen nach EU-Beitritt
3.3.1 Das Bild des polnischen Emigranten und Motive

4 Auswirkungen auf die Entwicklung Polens
4.1 Wachstum
4.2 Arbeitsmarkt
4.3 Geldtransfer
4.4 Außenhandel
4.5 Entwicklungen von Regionen
4.6 Ausblick zur zukünftigen Situation

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungen

2.1 - Die vier Phasen von Migration

3.1 - Einwohnerzahl in Polen (1946-2006)

3.2 - Bevölkerungszuwachs in Polen (1950-2006)

3.3 - Arbeitslosenquote in Polen (1990-2007)

3.4 - Durchschnittlicher Brutto-Lohn in zł. in Polen (1990-2007)

3.5 - Alter, Ausbildung und Sprachkenntnisse der Migranten 30,

3.6 - Branche und Charakter der Arbeit 31,

3.7 - Verbindung mit der Heimat

3.8 - Monatliches Gehalt in Großbritannien und Irland 33,

3.9 - Die Absichten der Emigranten 34,

4.1 - Die Gründe für die Ablehnung der Bewerber bei der Arbeitsuche

4.2 - Freie Arbeitsplätze in Unternehmen

4.3 - Geldtransfer in Mio. Euro

4.4 - Die Richtung des Transferzwecks

4.5 - Die Art der Ausgaben

4.6 - Negative Auswirkungen der Migration im Exportsektor

4.7 - Negative Auswirkungen des polnischen Währungskurses auf den Export

4.8 - Die Zufriedenheit mit dem Lohn

4.9 - Die Zufriedenheit

Tabellen

2.1 - Push- und Pull-Faktoren bei freiwilliger Migration

2.2 - Push- und Pull-Faktoren bei unfreiwilliger Migration

4.1 - Mangel im Medizinsektor in Polen

1 Einleitung

„Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und satten. Die satten bleiben zu vergnügt zu Haus, die Hungrigen aber wandern aus.“

Heinrich Heine Die EU-Osterweiterung am 1. Mai 2004 machte zehn neue Mitgliedstaaten zu einem Teil des Binnenmarktes. Polen gehört in dieser Gruppe zu dem größten Beitrittsland und spielt eine besondere Rolle.

„ […] situation of Polish workers in the EU countries has changed after the 1st of May 2004, when Poland became a member of the EU. Polish citizens automatically acquired the right to move and reside on the territory of the 25 EU member states“1.

Die steigende Nachfrage und der Zugang zum Markt der öffentlichen Aufträge wirkt sich positiv aus. Alle Firmen haben einen besseren Zugang zu bestimmten Gütern und Dienstleistungen, verfügen über bessere Qualität und größere Auswahl. Dazu ist die vorteilhaft ausfallende Bilanz im Handel, Export, zu bemerken. Damit Polen die positiven Auswirkungen jedoch vollkommen nutzen kann, braucht es Arbeitskräfte. Die Öffnung der Arbeitsmärkte der EU-Länder führt zu einer starken Emigration und sinkenden Zahl qualifizierter Arbeitskräfte, die in Polen zur Verfügung stehen. Die Regierung kann aber ihre Bürger nicht daran hindern, ins Ausland auszuwandern beziehungsweise sie zwingen, in bestimmten Gegenden zu wohnen, da die demokratischen Gesellschaften das Recht auf Auswanderung garantieren2. Am meisten profitiert haben von dieser Situation die Länder, die das bestqualifizierte Personal durch freien Zugang zu ihren Märkten angezogen haben3. Die bisherige Tendenz in den alten Mitgliedstaaten, saisonal zu arbeiten, hat sich verfestigt. Diese negativen Auswirkungen sollten sehr genau untersucht werden und der polnische Staat sollte die notwendigen Schritte unternehmen, um diese steigende Tendenz zu stoppen.

1.1 Problemdarstellung

Die Emigration hat in Polen eine lange Geschichte; nach dem Ersten Weltkrieg ist es wieder ein unabhängiger Staat geworden und seit diesem Zeitpunkt bezeichnet man Polen als Emigrationsland. Die Statistiken zeigen nur einen Teil der Emigrationsrealität, weil sie nicht die illegale Auswanderung berücksichtigen4. Das führt bei jeder Untersuchung zu einer Ungenauigkeit, da sie nicht die gesamte Realität darstellen kann. Es gibt aber Einschätzungen, die dieses Problem nahe bringen können. Im Blickpunkt dieser Arbeit steht die Analyse der polnischen Emigration nach dem 01.05.2004 und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung Polens.

Die EU-Osterweiterung im Jahre 2004 hat die Tendenz der Arbeitsauswanderung verschärft. Die polnischen Bürger haben dies als neue Möglichkeiten für unbeschränkte Freizügigkeit von Dienstleistungen und Arbeitnehmern in den alten EU-Mitgliedstaaten angesehen. Seit dem 1. Mai 2004 können polnische Dienstleister in anderen EU-Ländern eine grenzüberschreitende Dienstleistung beliefern. Zurzeit gibt es noch in manchen EU-Ländern die Einschränkungen in Form einer Übergangsregelung5, die für Arbeitnehmer und ihr Recht zu arbeiten gilt. Die Schutzregelungen entfallen jedoch nach spätestens sieben Jahren. Zurzeit machen viele bürokratische Einschränkungen, z. B. in Deutschland, Österreich, die Einstellung der polnischen Bürger kompliziert und in manchen Fallen unmöglich6. Die Einwanderungsländer haben stets versucht, durch Erlaubnisse, Einschränkungen oder Ausschlüsse Migrationsströme zu kontrollieren7. Das hat die Richtung der polnischen Emigration beeinflusst, denn die Länder, in denen noch Einschränkungen gelten, sind für polnische Bürger weniger attraktiv.

Als Folge der Migration ist die Veränderung der wirtschaftlichen Lage Polens zu sehen. Viele negative Auswirkungen auf die Entwicklung werden erst in der Zukunft zu merken sein. Die polnische Wirtschaft ist angesichts ihres Wirtschaftswachstums von 6,5 %8 und steigender Zahl von Arbeitsplätzen an der Emigration seiner Arbeitskräfte interessiert. Es gibt bereits viele Arbeitsplätze, die nicht besetzt sein können. Insbesondere im Technologiebereich spricht vieles gegen den sogenannten „Brain Drain“9, der für die wirtschaftliche Entwicklung eine große Bedrohung darstellt. Außerdem sind die Kosten für die Qualifizierung sehr hoch und somit würden sie sich nicht amortisieren.

Es entstehen die Fragen, welche Motive polnische Migranten haben und welche Auswirkungen die gegenwärtige Migration10 auf die Entwicklung Polens zeigt? In der folgenden vierteiligen Masterarbeit werden sie beantwortet und gleichzeitig analysiert und interpretiert.

Migration aus theoretischer Sicht wird in Kapitel zwei untersucht werden. Dieses Kapitel liefert theoretische Grundlagen, die für diese Analyse notwendig sind. Nach einer Ausführung werden die bedeutendsten Migrationsmotive präsentiert. Im dritten Kapitel wird der polnische Arbeitsmarkt aus Sicht der Migration dargestellt werden. Darauf folgt eine Untersuchung der historischen Entwicklung und Wanderungstendenzen. Das Bild und die Erklärungen von Motiven der gegenwärtigen Migranten schließen dieses Kapitel ab Außerdem wird die Frage beantwortet, ob die bereits in anderen EU-Ländern arbeitenden Polen zurückkehren werden.

Das letzte Kapitel skizziert die Auswirkungen auf die Entwicklung Polens. Es werden die wichtigsten wirtschaftlichen Faktoren untersucht werden, wie: Wachstum, Arbeitsmarkt, Geldtransfer, Außenhandel. Das Kapitel endet mit dem Ausblick auf die zukünftige Situation.

2 Theoretische Grundlagen

Die Situation in mittel- und osteuropäischen Staaten unterscheidet sich im Vergleich zu den westeuropäischen hinsichtlich Einkommen und sozialer Absicherung. Viele Bürger fragen sich, ob sie in ihrem Land arbeiten sollen, wenn sie anderswo in Europa wesentlich besser verdienen können11. Alle Ost-Länder haben auf ihrem Weg von den ehemaligen Formen der Zentralverwaltungswirtschaft zu marktwirtschaftlichen Strukturen die gleichen Probleme mit der Migration der Bürger. Sie sind gegenwärtig zu einem Zentrum verschiedenartiger Migrationsformen geworden12. Seit der EU- Osterweiterung unterstützt die EU sie bei diesem Reformprozess. Dennoch werden die Unterschiede hinsichtlich Einkommen und Sozialhilfe über Jahre bestehen. Die deutsche Wiedervereinigung selber zeigt, dass die dortige Wirtschaft und Infrastruktur trotz jahrelanger Investitionen nicht das westdeutsche Niveau erreichen kann. Die Solidarpakte können diese Probleme nur teilweise lösen.

Die meisten theoretischen Ansätze nennen als wichtigen Faktor für die Emigration die Suche nach Arbeit und höheren Löhnen. Interessant ist jedoch, dass für manche Länder die Migrationsrate viel höher ist als bei anderen, z. B. ist die polnische Migrationsrate derzeit fast so hoch wie jene von einer der ärmsten Regionen - Bangladesch13. Es handelt sich bei der Wanderungsentscheidung nicht um eine bei Vorliegen bestimmter Bedingungen mechanisch ausgelöste Reaktionsform; Person A wird wandern, während Person B bei gleichen Ausgangsbedingungen nicht wandern wird14. Man sollte deswegen die Frage stellen, warum viele verarmte Bevölkerungen nicht in die Industrieländer auswandern. Die Unregelmäßigkeit zwischen einzelnen Regionen zeigt, dass es noch andere Faktoren gibt, die diese Situation beeinflussen kann. Die Ungleichheiten können nicht nur mit Lohnunterschieden und Arbeitslosigkeit erklärt werden15. Für die Interpretation benötigt man die Theorien, die hilfreich für die Komplexität der Migrationsbewegungen sein können. Es gibt nicht nur ökonomisch-rationale Entscheidungen, die zur Wanderung führen16. Daher wird in diesem Kapitel allgemein ein Überblick über die Migration vorgestellt werden. Folgender Abschnitt liefert sowohl die Definition, Haupttypen als auch die Ansätze zur Analyse von Migration.

2.1 Migration

Die Europäisierung der Welt und die in den letzten Jahrzehnten beschleunigte Globalisierung haben die Formen, Ursachen und Folgen der internationalen Migration verändert17. Die Revolution des Verkehrswesens vergrößerte die Mobilität. Die Flugreise von New York nach Barcelona benötigt weniger Zeit18. Niemals in der Geschichte konnten die Menschen in so kurzer Zeit so weite Wege zurücklegen. Zweitens hat die Globalisierung der Arbeitsstrukturen eine soziale Klassendifferenzierung der Migration hervorgebracht19. Führungspersonal, Ingenieure, Manager20 zirkulieren als hoch bezahlte Beschäftigte. Die multinationalen Unternehmen und internationalen Organisationen verstärken das Phänomen der Migration. Viertens fördert die Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung die Elitenmigration21. Die Industrieländer picken aus allen Weltregionen die besten Köpfe heraus, fördern durch Stiftungen und Universitäten. Es kommt zu einem Wettbewerb um die besten Leute22. So entsteht „Brain Drain“, der in den Herkunftsländern zu einem Substanzverlust an Humankapital führt. Die Globalisierung der Telekommunikation und steigende Vernetzung der Welt transportieren das internationale Wohlstandsgefühl und auch die ungewollte Migrationsanreize. Je schlechter die Lebensbedingungen sind, desto größere Sogwirkungen haben solche Bilder. Oft verschweigen die medial konstruierten Scheinwelten die Schwierigkeiten der Migration und zeigen nicht immer ein realistisches Bild23.

2.1.1 Begriffsbestimmung

Das Begriff der Migration stammt von dem lateinischen Wort „migare bzw. migratio“ (wandern, wegziehen, Wanderung)24. Wanderungsprozesse sind komplex: betreffen nicht nur die wandernden Menschen, sondern auch die Gesellschaften und Regionen, zwischen denen diese Menschen sich bewegen, deswegen befassen sich mit Migration zahlreiche andere wissenschaftliche Disziplinen25. Ökonomische Ursachen beschreiben die Wirtschaftswissenschaften. In der Rechtswissenschaft werden die Fragen der Rechtsformen im Kontext des Verfassungs-, Europa- und Völkerrechts diskutiert. Demografie beschreibt Migration im Zusammenhang von Prognosen und Untersuchungen zur Bevölkerungsentwicklung. In der Geografie untersucht man die Veränderung von Regionen und Städten als Ursache. Für die Politikwissenschaft stehen die ausländerrechtliche und -politische Entwicklung in Mittelpunkt. Die Psychologie untersucht persönlichkeitsbedingte Ursachen. Folgen der Migration stehen im Mittelpunkt der Soziologie.

Die zahlreichen mit diesem Thema beschäftigten Disziplinen bewirken, dass der Begriff „Migration“ zahlreiche Definitionen aufweist und nicht leicht zu definieren ist. Sie unterscheiden sich nach vielen Aspekten26:

a) unter räumlichen Aspekten wird zwischen internationalen oder externen (kontinentalen oder interkontinentalen) unterschieden;
b) bezüglich zeitlicher Aspekte wird zwischen begrenzter, temporärer, dauerhafter, permanenter Wanderung unterschieden;
c) im Bezug auf Wanderungsentscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener27 ;
d) unter dem Umfang wird zwischen Einzel-, Individual-, Gruppen-, Kollektiv-, Massenwanderung unterschieden.

Die erste Stufe der Migrationsbewegung ist ein Motiv28. Man kann vier Hauptprobleme nennen, in denen Frustration und Unzufriedenheit Anlass zur Wanderung geben können29:

a) die physische Existenz des Wanderers und seiner Familie ist nicht mehr gesichert;
b) die institutionelle Struktur kann die materiellen, insbesondere ökonomischen Ziele nicht mehr gewährleisten;
c) der politisch-ideologische Bereich (mangelnde Identifikation und Solidarität mit den Werten bzw. Mitgliedern der Gesellschaft);
d) Lebensvorstellungen können nicht verwirklicht werden.

Man kann also ein Fazit ziehen, dass man unter Migration den Wechsel des gewöhnlichen Wohnsitzes einer Person, Familie oder Haushaltes, das Verlassen einer Heimat und die Überquerung mindestens einer Staatsgrenze versteht30. Die Wanderungen über die Staatsgrenzen hinweg sind mit einer politisch-administrativen Reaktion verbunden und verändern den rechtlichen Status des Migranten; er wird vom In- zum Ausländer31. Dabei können viele Einflussfaktoren genannt werden, wo als das wichtigste Motiv der Wanderungsbewegung die Verbesserung der Lebensumstände gesehen wird32. Zielregionen sind im Prinzip die westlichen Industrieländer, die Wachstumregionen sowie Enklaven überall auf der Welt mit anlockenden Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. So verstandene Migration setzt erwerbs-, familienbedingte, politische oder biografisch bedingte Wanderungsmotive und einen relativ dauerhaften Aufenthalt in der neuen Region oder Gesellschaft voraus; sie schließt den mehr oder weniger kurzfristigen Aufenthalt zu touristischen Zwecken aus33. Die Wanderung ist ein individueller Entscheidungsprozess, in dem alternative Möglichkeiten ein Grund dafür sind, einen anderen Wohnsitz zu wählen. In der Regel verliert das Abwanderungsland und das Aufnahmeland profitiert34. Das Ausmaß der Migration kann den Arbeitsmarkt, das Handelsvolumen, die Einkommenverteilung, Entwicklung von Regionen und das Wachstum beeinflussen. Neben legaler Migration entsteht auch die illegale35. Es bedeutet, dass der Grenzübertritt und Aufenthalt im Zielland nicht nach vorgeschriebenen Regeln erfolgt36.

Die Globalisierung wird in den nächsten Jahrzehnten das Ausmaß und die Richtung von Wanderungsbewegungen veranlassen. Die vier Haupttendenzen im weltweiten Migrationsgeschehen sind37:

a) die Einbeziehung von immer mehr Ländern;
b) eine weitere Zunahme der Migrationsströme und Verschärfung von Schubfaktoren;
c) eine zunehmende Feminisierung der Migration.

Diese Prognose entsteht auf der Grundlage der historischen Erfahrung, dass Migration Folgeerscheinung von weltwirtschaftlicher Strukturveränderung war38.

2.2 Die Ansätze zur Analyse

Alle Formen von Migration können in vier Phasen zerlegt werden, um der Komplexität der Materie gerecht zu werden: Startphase, Reisephase, Ankunfts- und Aufenthaltsphase39. Die wichtigste Phase, die bei der Analyse von Migration ein großes Gewicht hat, ist die Startphase. Sie umfasst nämlich den Gesamthintergrund für die Entscheidung, abzuwandern. Die Reisephase bescheibt den von den Migranten gewählten Weg. In der Ankunftsphase entscheidet sich, ob der Migrant in die neue Gesellschaft eingelassen wird. Die Aufenthaltsphase ist stark mit der Ankunftsphase verbunden und in gewissem Maße auch von der Startphase abhängig, weil sie den Status der Migranten in der Aufnahmegesellschaft betrifft. Die Abbildung 2.1 zeigt alle Phasen:

Abbildung 2.1 Die vier Phasen von Migration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Bearbeitung auf Grundlage von Demuth (1992), S. 12.

2.2.1 Die Startphase

Wichtigste Basis bei der Analyse ist der Akteur; bei der Migration spielt eine solche Rolle der Mensch. Die Hauptfrage in dieser Phase lautet: „Um welche Art (freiwillige oder zwangweise40 ) der Migration handelt es sich?“. Zunächst sollte beantwortet werden: „Welche Faktoren (Schub-, Zug-, Push-, Pull-) haben die Entscheidung beeinflusst?“ In der Regel stehen mehrere Faktoren in Zusammenhang, bevor der Entschluss zur Migration erfolgt41. Dieses Fortschreiten trotz manches Mangels liefert ein erklärungsfähiges Grundmuster für Migrationsmotive42.

Bei der freiwilligen Migration sind es überwiegend ökonomische Motive, also der Wunsch nach verbesserten sozialen Lebensbedingungen, höherem Einkommen, sicherer Arbeit und besseren individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, die als auslösende Faktoren zu betrachten sind43. Der freiwillige Migrant wiegt Vor- und Nachteile der Abwanderung ab. Wichtig aber ist, dass es sich um eine Entscheidung unter Ungewissheit handelt, der nur Wahrscheinlichkeiten hinsichtlich der zu erwartenden Lebenssituation im Zielland zugrundeliegen. Es wird auch die Abwägung der Kostenvor- und -nachteile44 unter dem Gesichtspunkt der Wohlfahrtssteigerung vorgenommen45. Oft werden die Alternativen nicht in direkten zurechenbaren Erträgen gemessen, sondern in Opportunitätskosten, die sich aus dem Verzicht auf andere Alternativen ergeben46. Der Entscheidungsprozess freiwilliger Migration hat drei Phasen:

1) Ein Subjekt formt dank ihm verfügbarer Informationsquellen (migrant-stock- variable47 ) ein Bild über die wirtschaftliche, politische und kulturelle Situation der Zielregion.
2) Der Migrant bildet eine Analyse über das Verbleiben in der Heimat und die Wanderung in die Zielregion. Es werden Vor- und Nachteile abgewogen und eine Kosten-Nutzen-Untersuchung entstehen. Zu den wichtigsten Komponenten gehören nicht nur die Beschäftigungschance (job-vacancy- Hypothese), Lebenskosten und Arbeitslohn (income-differentials-Hypothese), sondern auch nichtmaterielle Gesichtspunkte: ethnische und soziale Vernetzungen48. Sehr wichtig sind auch die psychologischen Faktoren wie die individuelle Risikobereitschaft beim Nichteintreten49, Zeitdimensionen etc.;
3) Die Migration erfolgt, wenn eine Verbesserung der Lebensverhältnisse gemäß der Präferenzordnung zu erwarten ist.

Diese Form von Migranten bezieht sich auf Menschen, die ihre angestammte Heimat ohne jegliche Form von Druck oder Zwang verlassen: z. B. Wissenschaftler, die im Rahmen ihrer Forschung in ein fremdes Land gehen, Studenten, die im Ausland studieren50, Manager einer Firma und auch Familienangehörige, die zu den Verwandten ziehen und dadurch Schutz und Starthilfe bekommen51. Für diese Gruppe sind die Alternativen vorhanden, die deswegen über die Migrationsbereitschaft entscheiden.

Im Unterschied zur freiwilligen Migration gibt es bei der Zwangswanderung keine Entscheidungsalternative. Der Flüchtling ist zur Flucht direkt oder indirekt gezwungen. Man kann zwei wichtigste Ursachen der Zwangswanderung nennen52:

1) „man made causes“, also durch menschliches Handeln im weiteren Sinne verursachte Migration;
2) „natural disasters“, also durch natürliche Katastrophen im weiteren Sinne verursachte Migration.

Der erste Ursachenkomplex nimmt Bezug auf direkt gerichtete Verfolgungsmaßnahmen aufgrund von politischen, rassistischen oder religiösen Motiven. Diese Maßnahme kann gegen einzelne Personen oder eine Gruppe gerichtet werden. Hinzu kommen Kriege, Bürgerkriege, Gewalt, inter- oder intra-ethnische

Konflikte und direkte Vertreibung. Menschen fliehen aus ihrer Heimat, um ihr Leben zu retten und um dem Hungertod zu entgehen53. Sie sind politisch verfolgt, diskriminiert, gefoltert, gedemütigt, drangsaliert.

Mit den „natural disasters“ sind Naturkatastrophen gemeint: Überschwemmungen, Dürre, Hungersnöte, Umweltzerstörungen. Diese Ursachen machen es den Menschen unmöglich, an den Heimatorten, die unbewohnbar sind, zu verbleiben. In der Wanderungssituation findet man eine Vermischung der verschiedenen Migrationsursachen.

Im Wesentlichen entscheidet hier die Migrationsnotwendigkeit; da keine Alternative bleibt, wird die Entscheidung durch die Faktoren vorbestimmt54.

Bei der Analyse der Startphase sind die Push- und Pull-Faktoren sehr entscheidend. Es werden die persönliche Situation und die zu erwartende Verbesserung überprüft und dann die Entscheidung getroffen55. Grundsätzlich bevorzugen es die meisten Menschen, an ihrem Heimatort zu bleiben, solange die Bedingungen zu ertragen sind56. Hier ist der wichtigste Faktor die Hoffnung auf Verbesserung der Lage und die Akzeptant der Härte. Der hohe Stellenwert der Heimat bedeutet, dass die Entscheidung zur Migration nur dann getroffen wird, wenn die Heimatsituation nicht mehr tolerabel ist und es keine Hoffnung auf Verbesserung gibt. Sie wird auch nicht leichtfertig getroffen, weil es keine Garantie auf Verbesserung gibt. Natürlich sollte man hier erwähnen, dass die sofortige Abreise im Falle einer direkten Bedrohung von Leben nötig ist; dies kann auch mit Panik verbunden sein57.

Schubfaktoren sind eine Verkettung der Verhältnisse am Heimatort und der persönlichen Situation. Sie können unterschiedlich empfunden werden, was bedeutet, dass in derselben Situation ein Mensch bleiben kann bzw. die Entscheidung abzuwandern später trifft als der andere, der durch seine psychischen und physischen Eigenschaften stärker determiniert ist58.

Die Teilung in freiwillige und unfreiwillige Migration hat auch einen Einfluss auf die Push-Faktoren. Bei der freiwilligen Migration sind lebensbedrohliche Probleme nicht vorhanden. Sie beziehen sich grundsätzlich auf das Wohn-, Arbeitsumfeld, soziale Umstände, das Klima. Das Subjekt zieht um, weil es eine höherbezahlte Arbeitsstelle gefunden hat oder eine bessere Wohngegend bzw. klimatisch günstigere Gebiete. Zu den unfreiwilligen Push-Faktoren, die eine Wanderung notwendig machen, gehören: Kriege, politische, rassistische bzw. religiöse Verfolgung, Naturkatastrophen, Menschenverletzungen, Hungersnöte und andere Faktoren, die als Konsequenz menschlicher Aktivitäten zu nennen sind59. Sie werden als bedrohlich empfunden und zwingen Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Zu den augenfälligsten Push-Faktoren gehören die Kriege und Bürgerkriege. Seit 1945 sind weltweit nur drei Wochen ohne Krieg gewesen60. Millionen Menschen mussten in den Nachkriegszeiten der verschiedenen Kriege in der Folge der Auflösung des britischen Kolonialreiches nach Afrika, Asien, Lateinamerika, in das ehemalige Jugoslawien, nach Afghanistan, Irak fliehen.

Bei den Naturkatastrophen wie Lawinen, Vulkanausbrüchen, Überflutungen ist es notwendig, die betroffenen Gebiete sofort zu verlassen. Dazu kommen ein Völkerwachstum und der steigende Verbrauch von natürlichen Ressourcen und die Menge an Abfall. Das führt zur Zerstörung von tierischem und pflanzlichem Habit und zur Verringerung des zur Verfügung stehenden Raums. Es ist schwer zu sagen, ob das Bevölkerungswachstum ein direkter oder verschärfender Auslöser von der Migration der Umweltflüchtlinge ist, aber sicher ist, dass die Tendenz steigend ist und in der Zukunft noch einen größeren Einfluss haben wird61.

Es gibt in der Regel keinen einzelnen Fluchtgrund, sondern eine Mischung von Fluchtgründen, z. B. verbinden sich Kriege mit Hungersnöten (Sudan, Äthiopien); die manifeste Gewalt von Diktaturen; die aus Vietnam allein oder aus politischen Gründen fliehenden Menschen62.

[...]


1 Micevska (2007), S. 4.

2 Vgl. Angenendt (1997), S. 34.

3 z. B.: England, Irland.

4 Besonders Länder mit Übergangsfristen zögen illegale Zuwanderungen an. Man kann vermuten, dass es weniger Missbrauch gäbe, wenn ein leichter Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt würde.

5 Das 2+3+2 Modell. (1)Einführung der Beschränkung für 2 Jahre. (2) Überprüfung der Regelung nach Ablauf der 2 Jahre. Mögliche Verlängerung um 3 Jahre. (3) Erneute Überprüfung nach 5 Jahren. Verlängerung um weitere 2 Jahre nach besonderer Begründung. Volle Freizügigkeit nach 7 Jahren (2+3+2).

6 Knapp (1994), S. 49.

7 Bös (1997), S. 61.

8 O. V. (2007a).

9 Vgl. Thränhardt (2003), S. 58.

10 Laut Nuscheler (2004) und Treibel (1999) gibt es viele Faktoren, die sog. Arbeitsmigration stärker beeinflussen können als das zu erwartende Einkommensniveau - ökonomische Motive, deswegen seien Armut und Arbeitslosigkeit völlig unzureichende Erklärungen. Diese Faktoren werden in dieser Masterarbeit (Kapitel 2.2) präsentiert.

11 Vgl Angenendt (1997), S. 40.

12 Vgl. Sakson (1994), S. 64.

13 O. V. (2007b).

14 Santel (1995), S. 22 und vgl. Knapp (1994), S. 74.

15 Vgl. Nuscheler (2004), S. 102.

16 Treibel (1999), S. 41.

17 Vgl. Nuscheler (2004), S. 35 und vgl. Elgar (1996), S. 78.

18 Vgl. Thränhardt (2003), S. 13.

19 Vgl. Nuscheler (2004), S. 36.

20 Vgl. Angenendt (1997), S. 40.

21 Vgl. Fassman (1996), S. 27 und vgl. Fassman (1996), S. 27.

22 Vgl. Nuscheler (1995), S. 164.

23 Vgl. Treibel (1999), S. 41.

24 Han (2000), S. 7.

25 Treibel (1999).

26 Vgl. Treibel (1999), S. 21.

27 Mehr im Kapitel 2.1.1, S. 13.

28 Vgl. Knapp (1994), S. 72 und vgl. Han (2000), S. 171.

29 Treibel (1999), S. 43.

30 Wenn der Migrant innerhalb seines Herkunftsstaates bleibt, aber seinen Wohnsitz wechselt, handelt es sich um Binnenmigration. Bei der Binnenmigration können kulturelle Unterschiede größer sein als bei internationaler Migration. Laut Demuth (1992) waren die größten Binnenfluchtbewegungen aufgrund von Bürgerkriegen oder anderen Gründen 1989/90 in Kambodscha (4 Mio.).

31 Santel (1995), S. 21.

32 Mehr im Kapitel 2.1.1, S. 13.

33 Treibel (1999), S. 21.

34 Vgl. Steffen (1997), S. 34 und vgl. Knapp (1994), S. 78.

35 Vgl. Han (2000), S. 96.

36 Nuscheler (1995), S. 30.

37 Nuscheler (2004), S. 38.

38 Vgl. Nuscheler (2004), S. 38.

39 Demuth (1992), S. 11.

40 Vgl. Lucassen (1997), S. 11.

41 Vgl. Demuth (1992), S. 13.

42 Vgl. Nuscheler (2004), S. 102.

43 Santel (1995), S. 22.

44 Mit dem Wanderungsentscheid sind in aller Regel „sichere“ Fixkosten in der Gegenwart und „unsichere“ Erträge in der Zukunft verbunden. Vgl. Knapp (1994), S. 74.

45 Vgl. Santel (1995), S. 23.

46 Knapp (1994), S. 72.

47 Vgl. Treibel (1999), S. 40 und vgl. Knapp (1994), S. 73.

48 Chain Migration - eine Zuwanderungswelle ganzer Familien in die Metropolen und Gründung gemeinsamer Nachbarschaften. Vgl. Han (2000), S. 12.

49 Vgl. Knapp (1994), S. 73.

50 Vgl. Han (2000), S. 91.

51 Demuth (1992), S. 13 und Nuscheler (2004), S. 106.

52 Santel (1995), S. 24.

53 Treibel (1999), S. 21.

54 Demuth (1992), S. 14.

55 Vgl. Nuscheler (1995), S. 32.

56 Vgl. Demuth (1992), S. 15 und vgl. Straubhaar (1988), S. 69.

57 Vgl. Nuscheler (2004), S. 107.

58 Vgl. Knapp (1994), S. 73.

59 Dazu gehören: das Voranschreiten der Wüste, Anstieg der Meeresspiegel, Klimaveränderung, Brandrodungen der Urwälder, hochgiftige Industrieablagerungen im Boden, Schadstoffe in der Luft oder andere ökologische Überlastungen.

60 Demuth (1992), S. 17.

61 Vgl. Bös (1997), S. 64. und Vgl. Demuth (1992), S. 19 und vgl. Wöhlcke (1994), S. 90.

62 Nuscheler (2004), S. 108.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Die Emigration polnischer Arbeitskräfte in den EU-Raum und ihre Auswirkung auf die Entwicklung Polens
Hochschule
Universität Potsdam  (Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
60
Katalognummer
V83140
ISBN (eBook)
9783638859615
ISBN (Buch)
9783640686551
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emigration, Arbeitskräfte, EU-Raum, Auswirkung, Entwicklung, Polens
Arbeit zitieren
Mateusz Marcin Matuszkiewicz (Autor), 2007, Die Emigration polnischer Arbeitskräfte in den EU-Raum und ihre Auswirkung auf die Entwicklung Polens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83140

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