Die Normierung der deutschen Rechtschreibung im 19. Jahrhundert


Hausarbeit, 2002
25 Seiten, Note: sehr gut (1,2)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Begriffe ‚Sprachnorm’ und ‚Sprachnormierung’

2. Vorgeschichte – Die Grammatiker

3. Reforminitiativen im 19. Jahrhundert
3. 1 Gründe für das Streben nach Normierung
3. 2 Die historische Richtung
3. 3 Die phonetische Richtung
3. 3. 1 Der führende Vertreter der phonetischen Richtung: Rudolf von Raumer

4. Staatliche Normierungsbestrebungen
4. 1 Normierungsversuche der Schulbehörden einzelner Städte und Staaten
4. 2 Normierungsbestrebungen auf Reichsebene
4. 2. 1 Die I. Orthographische Konferenz (1876)
4. 2. 2 Die preußische Schulorthographie und die Schreibung des BGB
4. 2. 3 Die II. Orthographische Konferenz (1901)

5. Die Durchsetzung der deutschen Einheitsorthographie

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Eine weit verbreitete Annahme besteht darin, dass unsere Sprache sich ‚einfach so’ im Laufe der Zeit entwickelt habe. Das mag für die Anfänge von Sprache auch zutreffen, aber im Laufe der Zeit sind eine Vielzahl von Normierungen an der deutschen Sprache vorgenommen worden.

Die romantische sprachtheorie, nach der die sprache ein organisch gewachsenes darstellt, kann mit recht als überholt betrachtet werden. Gerade die Entwicklung der letzten hundert jahre hat gezeigt, dass die sprache – in schrift und lautung – als ein produkt expliziter regulierungsvorgänge anzusehen ist, in deren rahmen varianten auf dem weg zur standardisierten norm ausgeschieden sind[1] (BRAMMANN 1987, S. 7).

Das 19. Jahrhundert stellt in dieser Entwicklung einen Höhepunkt da – am Anfang des 19. Jahrhunderts steht eine erstmals relativ einheitliche deutsche Rechtschreibung, am Ende die gesetzliche Festlegung derselben. Eine Besonderheit des 19. Jahrhunderts ist es auch, dass sich erstmals die Obrigkeit in Belange der Rechtschreibung einmischte. Sprachnormierung war bis dahin meist durch Vorbild von Schreibenden (Luther, Goethe etc.) entstanden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts begannen immer mehr Sprachwissenschaftler, sich mit der Suche nach der ‚richtigen’ deutschen Orthographie zu beschäftigen und ihre Konzepte in Regelwerken darzulegen. Am Ende des Normierungsprozesses waren es jedoch die Behörden, die sich für die deutsche Einheitsorthographie ein- und sie letztendlich auch durchsetzten.

Dieser Prozess der Entstehung der einheitlichen deutschen Orthographie soll im Folgenden näher untersucht werden. Dabei wird der nahe verwandte Bereich ‚Lautung’ nicht explizit beleuchtet, da sich die ‚richtige’ Aussprache schwerlich per Gesetz regeln lässt und die Diskussion darüber folglich nie so stark geführt wurde. Nichtsdestotrotz ist auch die ‚richtige’ Aussprache ein Bereich, der oft Ziel von Normierungsbestrebungen war – allerdings eher durch subsistente Normen wie gesellschaftliches Ansehen bzw. gesellschaftliche Ächtung eines Dialekts etc. als durch in Form von Gesetzen statuierte Normen.

Eine chronologische Vorgehensweise erscheint mir bei der Beschäftigung mit der Schaffung der deutschen Einheitsorthographie am geeignetsten, da so die verschiedenen Stufen der Entwicklung deutlich werden.

1. Die Begriffe ‚Sprachnorm’ und ‚Sprachnormierung’

Um über Sprachnormierung schreiben zu können, muss zunächst einmal festgelegt werden, was unter dem Begriff ‚Sprachnormierung’ bzw. ‚Sprachnorm’ verstanden wird.

Dafür ist es wichtig zu wissen, dass Sprache sich nicht einfach auf natürliche Art und Weise entwickelt bzw. ‚wächst’, sondern dass sie bestimmten Normen unterworfen ist. Dabei gibt es zwei Arten von Normen: subsistente und statuierte Normen. Subsistente Normen existieren in jedem Individuum und müssen nicht besonders erlernt oder bewusst gemacht werden; man erwirbt sie mit dem Sozialisationsprozess im alltäglichen Leben. Zu dieser Art zählen die meisten Sprachnormen, die einfach festlegen, wie man sich sprachlich in welcher Situation angemessen verhält. Diese Art von Normen soll hier jedoch nicht untersucht werden, da es ja um Rechtschreibung geht. Diese fällt in den Bereich der sogenannten statuierten oder auch präskriptiven Normen, hiermit sind Sprachnormen gemeint, die von Institutionen in Form von Vorschriften und Gesetzen festgelegt werden. Den Prozess, diese statuierten Normen auszuarbeiten und einzuführen, beschreibt man mit dem Tätigkeitsbegriff ‚Sprachnormierung’. Für Sprache bedeutet das natürlich, dass bestimmte Varianten und Ausdruckformen bewusst zugunsten von anderen gestrichen werden (vgl. POLENZ 1999, S. 229-231). Mit dieser Sprachnormierung, die im 19. Jahrhundert erstmals eine wirkliche Rolle spielte, ihren Ursachen und ihrer Form beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.

2. Vorgeschichte – Die Grammatiker

Bereits zur Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert existierte eine relativ einheitliche deutsche Orthographie.

Maßgeblichen Anteil an der Verbreitung orthographischer Anweisungen hatten die in zahlreichen Auflagen erschienenen Schulgrammatiken (NERIUS 1989, S. 241).

Die einflussreichsten Grammatiker Anfang des 19. Jahrhunderts waren Heyse und Becker, und beide lehnten sich in ihren Orthographien stark an die Arbeiten des Grammatikers Adelung an (vgl. ebd.).

Adelung gab 1788 erstmalig seine ‚Vollständige Anweisung zur deutschen Orthographie’ heraus, die bis 1835 fünf mal neu aufgelegt wurde (vgl. NERIUS/MÖLLER 2000, S. 118). Diese Adelungsche Orthographie stellte „ein umfangreiches Werk für die Normierung der Schreibung“ dar, für das Adelung „die orthographischen Prinzipien, die sich im Laufe eines langen Entwicklungsprozesses herauskristallisiert hatten, sowie die am meisten verbreiteten Orthogramme erfasste, relativ systematisch beschrieb und zielgerichtet [...] verbreitete“ (ebd.). Dabei orientierte sich Adelung stark an der Schreibung zeitgenössischer Literatur und erhob diese zur Norm (vgl. BRAMANN 1987, S. 38). Weiterhin galten für ihn und die anderen Grammatiker folgende Prinzipien:

1. Schreibung nach der Aussprache,
2. Schreibung nach der Abstammung,
3. Schreibung nach dem Schreibgebrauch[2] (NERIUS/MÖLLER 2000, S. 120).

Das erste Prinzip verlangt eine Schreibung nach der ‚richtigen’ Aussprache, was aufgrund der zahlreichen Dialekte zu Problemen führte. Das zweite Prinzip verlangt eine entsprechende Schreibung verwandter Wörter, was auch nicht unproblematisch war, da auch über deren Schreibung oft keine Einigkeit herrschte. Aus dem gleichen Grund war auch die Umsetzung des dritten Prinzips sehr schwierig. Deshalb blieb es auf die Fälle beschränkt, bei denen die beiden ersten Prinzipien nicht weiterhalfen (vgl. NERIUS 1989, S. 241f.).

Die sogenannten Schulgrammatiken können zusammenfassend als Handbücher gewertet werden, die einerseits den Schreibgebrauch ihrer Zeit widerspiegeln, andererseits diesen aber auch nach Maßgabe des erreichten Erkenntnisstandes der Sprachwissenschaft zu beeinflussen suchten (NERIUS/MÖLLER 2000, S. 121).

Obwohl die Werke der Grammatiker großen Einfluss auf die Rechtschreibung im 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert hatten und noch lange nachwirkten, konnten sie doch nicht alle Probleme lösen.

Es gab noch zahlreiche Schwankungen, was verschiedene Gründe hatte:

- Es gab keine ausreichenden Begründungen für die Schreibungen, die empfohlen wurden, da die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprache noch nicht weit genug fortgeschritten war.
- Die Regeln, die vorgegeben wurden, waren nicht konsequent, bezogen sich nur auf einige Bereiche der Orthographie oder waren sogar in sich widersprüchlich.
- Zahlreiche Einzelwortschreibungen waren völlig ungeklärt.
- Es gab weder verbindliche noch in allen Punkten übereinstimmende Regelbücher.
- Dialekte bestimmten noch sehr stark die Schreibung (vgl. NERIUS 1989, S. 239).
- Es gab kein sprachliches Zentrum, das Impulse hätte geben können, wie etwa London oder Paris.
- Die Achtung vor Sprachverschiedenheit und Varianten war teilweise recht hoch, sodass Normierungsbestrebungen auf Ablehnung stießen und als Einschränkung der Freiheit gesehen wurden (vgl. POLENZ 1999, S. 234).

Diese Uneinheitlichkeiten beeinträchtigten zwar nicht die Verständlichkeit, sorgten aber für viel Verwirrung in Schulen, Druckereien, bei Schriftstellern etc.

So kam es vor, dass in ein und demselben Buch die verschiedensten Schreibweisen auftraten, so z.B. der Tod – der Tot – der Totfeind – tot – todschlagen – töten – tödtlich oder hantiren – hofiren – studiren – regiren – hausieren – stolzieren in Gustav Freytags ‚Die Geschwister (Ahnen)’, gedruckt 1878 in der Druckerei S. Hirzel in Leipzig. Ähnlich sah es überall aus; es gab sogar Wörter, die fünf oder sechs verschiedene Schreibweisen aufwiesen (z. B. Ernte – Ernde – Erndte – Ärnte – Ärnde – Ärndte). Insgesamt gab es bei ca. 900-1000 gebräuchlichen Wörtern derartige Schwankungen (vgl. WELLS 1990, S. 372f.).

Besonders häufig kamen Schwankungen bei der graphischen Kennzeichnung von langen Vokalen (wol – wohl, Har – Haar), beim Gebrauch von áiñ, áüñ oder áyñ (flistern – flüstern, beyde – beide), bei der Schreibung von s-Lauten (Ereigniß – Ereignis), bei den Worttrennungsregelungen (hak-ken – ha-cken, Karp-fen – Kar-pfen, La-sten – Las-ten, Stä-dte – Städ-te, set-zen – se-tzen), bei der Groß- und Kleinschreibung von Wörtern im Übergangsbereich von Substantiven und Nichtsubstantiven (morgens – Morgens), bei der Getrennt- und Zusammenschreibung (wieder sehen – wiedersehen, Preis geben – preisgeben, statt finden – stattfinden) und bei den Interpunktionsregeln; hier war besonders die Kommasetzung völlig willkürlich und in kaum einem Regelwerk präsent (vgl. NERIUS 1989, S. 240f.).

3. Reforminitiativen im 19. Jahrhundert

Wie beschrieben begannen im frühen 19. Jahrhundert vor allem Heyse und Becker, „sich mit den Widersprüchen und dem Mangel an systematischer Regelschreibung zu beschäftigen“ (POLENZ 1999, S. 238). Sie gingen dabei nach den oben beschriebenen Prinzipien vor. Doch schon bald begannen andere Wissenschaftler, sich gegen die Theorien der Grammatiker zu wenden. Es begann eine Zeit der heißen Debatten um die ‚richtige’ deutsche Rechtschreibung.

Dieses plötzlich stark gestiegene Bedürfnis nach Vereinheitlichung und Normierung der deutschen Rechtschreibung durch Reduzierung der Varianten hatte verschiedene Ursachen.

3.1 Gründe für das Streben nach Normierung

Die Gründe für ein verstärktes Streben nach der deutschen Einheitsorthographie im 19. Jahrhundert waren vielfältig.

Zunächst waren natürlich sprachliche Aspekte ausschlaggebend für die Beschäftigung mit der Orthographie. Viele zeitgenössische Sprachwissenschaftler, Schriftsteller, Drucker usw. beklagten den Zustand der deutschen Orthographie:

Die lateinische Schrift kam unsrer sprache schon vor alters von auszen her zu und nicht ohne gefahr ergieng ihre anwendung auf die deutsche laute; schlimm war, dasz ein nachlässiger und verkehrter schreibgebrauch, statt beide völlig auszugleichen, allmählich verwirrungen bereitete, die anfangs nirgends vorhanden waren. In den letzten drei jahrhunderten trägt die deutsche schreibung so schwankende und schimpfende unfolgerichtigkeit an sich, wie sie in keiner anderen sprache jemals statt gefunden hat, und nichts hält schwerer als diesen zustand zu heilen. [...] Das gebrechen liegt in unbefugter und regellos schwankender häufung der vocale wie consonanten, wodurch die deutsche schrift einen breiten, steifen und schleppenden eindruck macht[3] (GRIMM 1854, in: SCHLAEFER 1984, S. 14).

[...]


[1] Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches sah Bramann den Prozess der Reformierung der deutschen Rechtschreibung als keineswegs abgeschlossen an. Darum verfasste er es in gemäßigter Kleinschreibung (vgl. BRAMANN 1987, S. 7).

[2] In der Literatur finden sich widersprüchliche Angaben darüber, ob diese Prinzipien von den Grammatikern als gleichrangig betrachtet wurden oder ob die Nummerierung gleichzeitig eine Wertigkeit ausdrückt.

[3] Das Zitat von Grimm bietet einen guten Einblick in die Schreibung der historischen Richtung, deren Begründer er war (siehe auch 3.2, S.7f.).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Normierung der deutschen Rechtschreibung im 19. Jahrhundert
Hochschule
Universität Bielefeld  (Germanistik)
Veranstaltung
Seminar Geschichte der Standardisierung des Deutschen
Note
sehr gut (1,2)
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V8320
ISBN (eBook)
9783638153133
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtschreibnormierung, Sprachnormierung, Orthographie, Rechtschreibreform
Arbeit zitieren
Mirja Schnoor (Autor), 2002, Die Normierung der deutschen Rechtschreibung im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8320

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