Auch wenn die Entstehung von Goethes Faust I und Faust II nunmehr rund zwei Jahrhunderte zurückliegt, sind beide Werke von besonderer Aktualität. Insbesondere im zweiten Teil der Tragödie lassen sich Analogien in Bezug auf wirtschaftliche und dadurch bedingte gesellschaftliche Ordnungen erkennen. Natürlich konnte Goethe seinerzeit die Entwicklung nicht eindeutig voraussehen, dennoch sind die Beschreibungen in beeindruckender Art und Weise in die Wirklichkeit übertragen worden. Goethes Kritik an der wirtschaftlichen Entwicklung, deren Auswirkungen auf soziale, gesellschaftliche und technische Veränderungen, sind damals wie heute von prägnanter Aktualität. Auf Basis des Fauststoffes werden die Entwicklung der industriellen Revolution und die Etablierung kapitalistischen Wirtschaftens deutlich dargestellt. Goethe, der die Anfänge dieser Entwicklung selbst miterlebt hat – insbesondere auch als Geheimer Rat am Weimarer Hof, wo er mit wirtschaftlichen Fragen betraut war –, versetzt sie mit den beiden Faust-Dramen ins Reich der Magie, der Zauberei und der Alchemie.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reichtum und Sexualität in Faust I
3. Geld als bestimmendes Motiv in Faust II
4. Die Einführung des Papiergeldes
5. Unternehmertum und Fortschritt
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ökonomischen Dimensionen in Johann Wolfgang von Goethes Faust-Dramen, insbesondere die Verknüpfung von Kapitalismus, Unternehmertum und dem Motiv des Reichtums, um die anhaltende gesellschaftliche Relevanz des Werkes herauszuarbeiten.
- Die symbolische Verbindung von Geldgier, Sexualität und Teuflischem in Faust I.
- Die Darstellung wirtschaftlicher Krisen und deren Lösung durch Papiergeld im Faust II.
- Die allegorische Auseinandersetzung mit Inflation und der Eigendynamik von Kapital.
- Die Entwicklung Fausts vom Forscher zum unternehmerisch handelnden Subjekt.
- Die kritische Reflexion von Fortschrittsglauben und den gesellschaftlichen Kosten der Industrialisierung.
Auszug aus dem Buch
Die Einführung des Papiergeldes
Kaum ist der turbulente Mummenschanz vorbei, sehen der Kaiser und seine Berater alle Verbindlichkeiten des Landes getilgt, die Wirtschaft floriert und alle Menschen sind im Freuden taumel, denn Mephisto hat für den Kaiser das Papiergeld erfunden. „Zu wissen sei es jedem, ders begehrt: / Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. / Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand / Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland. [...]“ (V.6057ff.) Hier wird nun deutlich, auf welcher Grundlage diese Wechsel basieren. Es ist nämlich nur ein „gewisses Pfand“, das da im Boden ruhen soll, verbunden mit der Legalisierung durch des Kaisers Unterschrift; eine äußerst dubiose Gewähr, wenn man nicht weiß, wie viel es wirklich ist. Es ist ein vorgetäuschter Reichtum, der nun – im wahrsten Wortsinne – zum Schein geworden ist.
Zwar zweifelt der Kaiser kurz an der Wirksamkeit des Papiergeldes, wird aber schnell davon überzeugt, dass er damit seinem Volk zu Wohlstand verholfen hat: „So sehr michs wundert, muß ichs gelten lassen.“ (V.6085) Dennoch muss man bedenken, dass es Teufelswerk war, durch das das Papiergeld eingeführt wurde, denn es ist natürlich Zauberei beziehungsweise eine Art der Alchemie, die hier zum Tragen kam. Denn „für das eigentliche Anliegen der Alchemie im Sinne der Reichtumsvermehrung ist es ja nicht entscheiden, daß tatsächlich Blei in Gold transmutiert wird, sondern lediglich, daß sich eine wertlose Substanz in eine wertvollere verwandelt[...]“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Aktualität von Goethes Faust im Hinblick auf wirtschaftliche Zusammenhänge und die industrielle Revolution.
2. Reichtum und Sexualität in Faust I: Der Abschnitt analysiert die enge Verzahnung von monetärem Streben und erotischem Begehren als teuflische Versuchung im ersten Teil des Dramas.
3. Geld als bestimmendes Motiv in Faust II: Hier wird dargelegt, wie Geld im zweiten Teil von der privaten auf eine gesellschaftspolitische Ebene gehoben wird und die Industrialisierung widerspiegelt.
4. Die Einführung des Papiergeldes: Dieses Kapitel behandelt die Erfindung des Papiergeldes als metaphysischen Betrug, der die Wirtschaft vorübergehend belebt, aber auf einer inflationären Basis beruht.
5. Unternehmertum und Fortschritt: Der Fokus liegt auf Fausts Wandlung zum Unternehmer und die damit verbundenen moralischen Konflikte, wie sie am Beispiel von Philemon und Baucis verdeutlicht werden.
6. Fazit und Ausblick: Abschließend wird resümiert, dass Fausts Erlösung in einer Vision liegt, die das Schaffen in einer freien Gesellschaft jenseits der bloßen Magie betont.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust, Kapitalismus, Papiergeld, Unternehmertum, Industrialisierung, Reichtum, Gold, Alchemie, Mephistopheles, Gesellschaftskritik, Inflation, Moderne, Wirtschaft, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die ökonomischen Aspekte in Goethes Faust I und II und untersucht, wie wirtschaftliche Entwicklungen wie Kapitalismus und Industrialisierung literarisch verarbeitet werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Themen Geld, Kapital, Macht, Arbeit sowie die psychologischen und sozialen Auswirkungen von Reichtum im Kontext des Faust-Stoffes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Goethes Kritik an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit sowie die ungebrochene Aktualität dieser Thematik in der Moderne aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext (Goethes Faust) eng mit ökonomischer Theoriegeschichte verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet den Übergang vom persönlichen Reichtum in Faust I zur makroökonomischen Ebene des Papiergeldes und der unternehmerischen Expansion im zweiten Teil.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind Begriffe wie "Zauberblätter", Kapitalismus, unternehmerisches Handeln, Alchemie als Metapher für Geldvermehrung und die Entfremdung durch Fortschritt.
Warum spielt die Figur des Mephisto eine zentrale Rolle in der Wirtschaftsbetrachtung des Autors?
Mephisto agiert als Vermittler ökonomischer Prozesse, der durch Alchemie und Manipulation eine künstliche Wirtschaftswelt schafft, die den Kaiser und die Gesellschaft verblendet.
Inwiefern ist das Schicksal von Philemon und Baucis für die Argumentation relevant?
Ihr Schicksal verdeutlicht den moralischen Preis des kapitalistischen Fortschritts und zeigt den Konflikt zwischen traditioneller Lebensweise und moderner, brutaler Expansionslogik.
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- M.A. Florian Schneider (Author), 2006, „Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?“ Ein Essay über „Zauberblätter“, Kapitalismus und Unternehmertum in Goethes 'Faust', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83205