„Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?“ Ein Essay über „Zauberblätter“, Kapitalismus und Unternehmertum in Goethes 'Faust'


Essay, 2006

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Auch wenn die Entstehung von Goethes Faust I und Faust II nunmehr rund zwei Jahrhunderte zurückliegt, sind beide Werke von besonderer Aktualität. Insbesondere im zweiten Teil der Tragödie lassen sich Analogien in Bezug auf wirtschaftliche und dadurch bedingte gesellschaftliche Ordnungen erkennen. Natürlich konnte Goethe seinerzeit die Entwicklung nicht eindeutig voraussehen, dennoch sind die Beschreibungen in beeindruckender Art und Weise in die Wirklichkeit übertragen worden. Goethes Kritik an der wirtschaftlichen Entwicklung, deren Auswirkungen auf soziale, gesellschaftliche und technische Veränderungen, sind damals wie heute von prägnanter Aktualität. Auf Basis des Fauststoffes werden die Entwicklung der industriellen Revolution und die Etablierung kapitalistischen Wirtschaftens deutlich dargestellt. Goethe, der die Anfänge dieser Entwicklung selbst miterlebt hat – insbesondere auch als Geheimer Rat am Weimarer Hof, wo er mit wirtschaftlichen Fragen betraut war –, versetzt sie mit den beiden Faust -Dramen ins Reich der Magie, der Zauberei und der Alchemie.

Bereits im ersten Teil spielen Reichtum und Gold eine besondere Rolle. Der Wissenschaftler Faust geht, getrieben von unbändigem Forschungsdrang, den Pakt mit dem Teufel ein. Von da an geschieht alles mit Hilfe von Hexerei, denn es ist Mephistopheles, der die Ereignisse hervorruft und alles möglich macht: Faust wird verjüngt und verliebt sich in die unschuldige Margarethe, die er mit Mephistos Hilfe verführt und schließlich in den Tod treibt. Auslösendes Moment für die todbringende Liaison zwischen beiden sind Schmuck, Gold und Reichtum, denn Faust fordert bereits nach der ersten Begegnung mit dem Mädchen Mephisto auf, ihm ein Geschenk für sie zu besorgen (Vgl. V.2672ff.). Margarethe findet daraufhin ein Schmuckkästchen in ihrem Zimmer und erliegt sogleich der Versuchung: „Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. […]“ (V.2803ff.).

Fausts Verlangen nach Gretchen ist freilich nicht nur ehrbarer Natur; vielmehr ist es die Lust und der sexuelle Trieb, die das junge Mädchen für ihn interessant machen. Und so ist bereits im Faust I die Verknüpfung von Reichtum und Sexualität ein prägendes Leitmotiv, dass sich durch den gesamten ersten Teil zieht. Dass diese beiden Bereiche dem teuflischen und hexerischen Treiben zugerechnet werden müssen, und es auch seinerzeit (sowohl zu Lebzeiten des echten Doktor Faustus als auch zu Goethes Zeit) noch wurden, kann alleine schon mit der Verdammnis von Wollust und Habgier als Todsünde durch die Kirche erklärt werden. Sex und Geldgier sind demnach im Teuflischen, im Dunklen und Geheimen angesiedelt, so dass Faust ihnen auf seinem Weg mit Mephisto zwangsläufig begegnen muss.

Ist das Motiv in der Gretchenszene noch dezent, so tritt es schließlich umso heftiger in der Walpurgisnacht und insbesondere in den Paralipomena auf, wo Sexualtrieb und die Gier nach Gold klar thematisiert werden, denn hier sagt Satan zuerst zum männlichen Teil des Chors: „ Euch gibt es zwei Dinge / So herrlich und groß: / Das glänzende Gold / und der weibliche Schoß. / Das eine verschaffet, / das andre verschlingt; / Drum glücklich, wer beide / Zusammen erringt!“ Und an die Frauen gerichtet fährt er fort: „Für Euch sind zwei Dinge / Von köstlichem Glanz: / Das leuchtende Gold / und ein glänzender Schwanz. / Drum wißt euch, ihr Weiber, / am Gold zu ergetzen / und mehr als das Gold / Noch die Schwänze zu schätzen!“ (Paralipomena 52).

Und weil Faust ja auf der Suche danach ist, „[…]was die Welt / im Innersten zusammenhält“ (V. 382f.), begegnet er eben auch auf diese drastische Weise dem Motivkomplex Geld und Sexualität, der, bedingt durch Mephistos Stellung in der Welt, wie er im Prolog im Himmel erörtert wird, als Teil des Menschsein verstanden werden muss, und damit also als tiefste Natur des menschlichen Lebens.

In Faust II schließlich wird das Geld ein über weite Teile bestimmendes Motiv. Losgelöst von der sexuellen Komponente, eröffnet Goethe hier eine weitere, der Gesellschaft, der Industrialisierung und dem Kapitalismus zugewandte Dimension. Diese Verlagerung, die zu Zeiten der Entstehung des Werkes auch in der europäischen Entwicklung vollzogen wurde, ist deutlich bemerkbar.

Zu Beginn des zweiten Teils beklagen sich am Hof des noch jungen Kaisers dessen Berater über den desolaten Zustand des Reiches; die Welt, die hier skizziert wird, – und das macht die eingangs erwähnte Aktualität des Fauststoffes auch heute noch aus – ist aus den Fugen geraten: Der Kanzler fragt nach der Sicherheit im Land und beschreibt treffend eine vorrevolutionäre Situation, die, wie man im vierten Akt erfahren wird, in einem Bürgerkrieg endet. „Wenns fieberhaft durchaus im Staate wütet / Und Übel sich in Übel überbrütet? […] Der raubt sich Herde, der ein Weib, / Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare, […] Indessen wogt in grimmigem Schwalle / Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.“ (V.4780ff.). Und der Heermeister berichtet weiter: „Das Reich […] / Es liegt geplündert und verheert.“ (V.4825f.) In dieser prekären Situation erscheint Mephisto als Narr gekleidet dem Kaiser und seinem Hofstaat und weiß prompt Abhilfe: „Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt? / Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld. / […] In Bergesadern, Mauergründen / Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden, / Und fragt mich, wer es zutage schafft: / Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.“ (V.4889ff.). „Natur- und Geisteskraft“ sind natürlich die Bereiche, die für Faust prädestiniert sind, und die beim Kaiser auf empörte Ablehnung stoßen müssen: „Natur ist Sünde, Geist ist Teufel.“ (V.4900). In den folgenden Versen wird dann ein Grundprinzip des freien Wirtschaftens von Mephistopheles thematisiert, das dem Kaiser, aufgewachsen in einem feudalen System, natürlich nicht erschließbar ist. Der nämlich fordert ungeduldig den Narren-Teufel auf, unverzüglich die Bodenschätze zu fördern. Mephisto jedoch erwidert: „Nimm Hack und Spaten, grabe selber, / Die Bauernarbeit macht dich groß, [...] / Wie sich Verdienst und Glück verketten, / Das fällt den Toren niemals ein; / Wenn sie den Stein der Weisen hätten, / Der Weise mangelte dem Stein.“ (V.5039ff.) Mit der Referenz auf den Stein der Weisen wird hier auf den Einfluss der Alchemie, insbesondere bei der Erstellung von Gold und Reichtum, verwiesen. Wichtiger ist im Moment jedoch, dass der Teufel hier von Arbeit spricht, der Mensch aber (und dessen Wesen), dargestellt durch den Kaiser, sieht nur den schnellen und einfachen Reichtum und fordert die Schätze.

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Details

Titel
„Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?“ Ein Essay über „Zauberblätter“, Kapitalismus und Unternehmertum in Goethes 'Faust'
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Die Geschichte des Faust-Stoffes (I)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
9
Katalognummer
V83205
ISBN (eBook)
9783638895095
ISBN (Buch)
9783638895156
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Essay entstand im Rahmen zweier Lehrveranstaltungen. "Die Geschichte des Faust-Stoffes" und "Literatur und Ökonomie". Er befasst sich in erster Linie mit dem ökonomischen Aspekt in Goethes Faust.
Schlagworte
Geldes, Essay, Kapitalismus, Unternehmertum, Goethes, Faust, Hauptseminar, Geschichte, Faust-Stoffes
Arbeit zitieren
M.A. Florian Schneider (Autor), 2006, „Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?“ Ein Essay über „Zauberblätter“, Kapitalismus und Unternehmertum in Goethes 'Faust', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83205

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