Erscheinungsformen der Gewalt im Peru der achtziger Jahre


Seminararbeit, 2007

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Mario Vargas Llosa – ein erfolgreicher Schriftsteller, aber ein erfolgloser Präsidentschaftskandidat
1.2 Lituma en los Andes – Der Aufbau des Romans im Hinblick auf die „Dämonen“ des Autors
1.3 Politisch-soziale Hintergründe

2 Die politische Gewalt, ihre Akteure und ihre Opfer
2.1 Erscheinungsformen der Aufstandsgewalt unter Sendero Luminoso
2.1.1 Das Äußere der senderistas
2.1.2 Die Waffen der senderistas
2.1.3 Die Parolen der senderistas
2.2 Erscheinungsformen und Akteure der staatlichen Unterdrückungs-gewalt

3 Mögliche Ursachen der Gewalt

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll herausgestellt werden, welche Erscheinungsformen der politischen Gewalt im Peru der achtziger Jahre in dem Roman Lituma en los Andes von Mario Vargas Llosa realistisch dargestellt sind, welche Ausprägungen der politischen Gewalt nur angeschnitten und welche Aspekte ganz ausgeklammert werden. In der Einleitung wird der Autor kurz vorgestellt (1.1), darauf folgt ein Blick auf den Aufbau des Romans (1.2) und auf politisch-soziale Hintergründe (1.3).

Im Hauptteil soll an verschiedenen Textstellen aus Lituma en los Andes untersucht werden, inwiefern der Roman eine Darstellung der politischen Gewalt leistet und welche Interpretationsansätze er bietet. Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf die Erscheinungsformen zuerst der Aufstandsgewalt (2.1) und dann der staatlichen Gewalt (2.2) gelegt.

Im dritten Teil der Arbeit interessiert die Frage, welche möglichen Ursachen für den internen Krieg[1] in Peru in den achtziger Jahren der Roman liefert und welche er dem Leser schuldig bleibt. Auch hier werden Analyse und Interpretation von Textbeispielen aus Lituma en los Andes im Mittelpunkt stehen.

Ein kurzes Fazit fasst die Ergebnisse zusammen.

1.1 Mario Vargas Llosa – ein erfolgreicher Schriftsteller, aber ein erfolg-loser Präsidentschaftskandidat

Mario Vargas Llosa wurde im peruanischen Hochland in Arequipa geboren,[2] ist aber mittlerweile spanischer Staatsbürger und genießt das Ansehen eines Weltbürgers[3]. Er gehört zu den vier produktivsten, meist gelesenen Literaten Lateinamerikas und hat zahlreiche Preise gewonnen, zum Beispiel 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels[4]. Er hat mittlerweile neben unzähligen Zeitungsartikeln, 15 Essay-Sammlungen, sechs Theaterstücken, drei Erzählbänden und seinen Memoiren 15 Romane veröffentlicht[5].

Anders als sein Schriftstellerkollege Gabriel García Márquez wandte Mario Vargas Llosa schon früh dem Ideal des Sozialismus den Rücken und engagierte sich von da an leidenschaftlich „für Markt und westliche Demokratie”[6]. Als Präsidentschaftskandidat verlor er 1990 mit seinem „radikalliberalen” Programm gegen Alberto Fujimori, der das autoritaristische Regime seines Vorgängers Alan García übernahm und in neoliberalem Gewand weiterführte. Die Niederlage Mario Vargas Llosas lässt sich wohl dadurch erklären, dass sein Wahlprogramm eher die Interessen der ökonomischen Machtelite Perus als die der indigenen Mehrheit vertrat. Durch rassistische Äußerungen gegen eben diese Mehrheit, beispielsweise während der Leitung einer unabhängigen Untersuchungskommission – worauf später noch eingegangen wird–, verlor er den Großteil der Wählerschaft, denn in Peru sind 45% der Bevölkerung Indios und 37 % Mestizen[7].

1.2 Lituma en los Andes – Der Aufbau des Romans im Hinblick auf die „Dämonen” des Autors

Lituma en los Andes erschien nach Vargas Llosas Rückzug aus der Politik. Das lässt vermuten, dass dieses eher als Kriminalroman daherkommende, hochpolitische Werk nicht nur einen Blick auf die verschiedenen Gewaltausprägungen im Peru der achtziger Jahre zulässt, sondern auch eine Art Abrechnung mit denen, die gegen ihn stimmten, enthalten könnte. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Vargas Llosas Erlebnissen und der überwiegend pessimistischen Weltsicht des Romans deutet sich – rückblickend – in sehr grundsätzlichen Äußerungen des Autors aus dem Jahr 2004 an:

„Die Unterwelt mit ihren Dämonen zieht mich magisch an. Gute Menschen sind aus schriftstellerischer Sicht uninteressant. Das Unvorhersehbare, Gefährliche und Mysteriöse, von dem wir uns bedroht fühlen, erzeugt Literatur. Aus der persönlichen Konfrontation mit den dunklen Mächten speist sich meine Fantasie. Als der ungezogene Junge, der ich schon immer war, werde ich vom Chronisten zum Mittäter ihrer Konspirationen und schmutzigen Geschäfte. Meine Rechtfertigung lautet: Ich werde meine Erfahrungen zu Literatur verarbeiten. Sollte ein gutes Werk daraus entstehen, möge mir vergeben werden […][8]

Solche „Dämonen” und „persönlichen Konfrontationen” werden offensichtlich auch im Roman verarbeitet.

Lituma en los Andes ist relativ klar strukturiert aufgebaut. Der Roman besteht aus zwei Teilen, die jeweils aus fünf Kapiteln bestehen, wobei das letzte Kapitel als Epilog gefasst ist. Jedes Kapitel beinhaltet drei Abschnitte, die jeweils drei verschiedene Erzählstränge verfolgen.

Der erste Erzählstrang verfolgt die Ermittlung der Verbrechen, die Korporal Lituma und sein Amtshelfer Tomás Carreño in Naccos, einer verkommenen Bergarbeitersiedlung, aufklären sollen. Hier werden z.B. Verhöre von Verdächtigen und Gespräche beschrieben, in denen die beiden Hauptfiguren – der „costeño” Lituma und der „cusqueño” Tomasito –, ihre Beobachtungen besprechen. Gleich am Anfang dieser „Kriminalgeschichte” zeigt sich, dass Lituma – wie viele andere Küstenbewohner – ein sehr negatives Indiobild vertritt. Für ihn verkörpern deren „caras inexpresivas” und deren „ojitos glaciales” (S. 14) Trostlosigkeit und Ohnmacht. Bereits hier wird auch der Peruanismus „serrucho” (S. 13f.) für Indio eingeführt, der dem Peruanismus für Terrorist – „terruco” (S. 15), sein Erstgebrauch folgt unmittelbar – verdächtig ähnlich ist. Auch die Politik wird in der ersten rhetorischen Frage der Hauptfigur Lituma angesprochen: „¿Qué hacía en medio de la puna, entre serruchos hoscos y desconfiados que se mataban por la política y, para colmo, desaparecían?” (S. 14).

Am Anfang des zweiten Erzählstrangs bestätigt Alberto, Franzose und eins der ersten Sendero-Opfer, das negative Bild von den Hochlandbewohnern: „Pero de la gente de la sierra lo seperaba algo infranqueable” (S. 20). Dieser zweite Erzählstrang im ersten Teil des Romans beschreibt sehr detailliert fünf Massaker der Terrorgruppe Sendero Luminoso.

Er wird im zweiten Teil von Lituma en los Andes fortgesetzt. Auch hier geht es um „Dämonen”, aber die Thematik der politischen Gewalt wird abgelöst von den Erzählungen der Hexe und Hellseherin Doña Adriana aus ihrem Leben, Erzählungen von Berggeistern und Menschenopfern. Dieser Teil ist dem Aberglauben und den Mythen der Indios gewidmet.

Der dritte Erzählstrang im 1. bis 9. Kapitel gehört der Liebesgeschichte von Mercedes und Tomasito. Nacht für Nacht hört Lituma mal mit mehr, mal mit weniger Interesse dabei zu, wie der 23-jährige Polizist Carreño seinen vermeintlich ersten Liebeskummer durchlebt. Nur im 10. Kapitel, dem Epilog, ist die Reihenfolge der Erzählstränge umgekehrt. Hier fließen alle drei Erzählstränge zusammen. Im ersten Abschnitt wird ein Happy-End in der Liebesgeschichte geschaffen. Mercedes kommt ins Lager, um Carreño wieder zu sehen, woraufhin Lituma dem Pärchen die Hütte überlässt, in der er und sein Amtshelfer zusammen gewohnt und ihre Fälle besprochen hatten. Der zweite Abschnitt widmet sich Litumas letztem Abend in der Kantine des Lagers, das immer noch von den „dämonischen” Mestizen Doña Adriana und Dionisio bewirtet wird. Er hat den Ehrgeiz und die Neugier, das Verbrechen vollständig aufzuklären, und findet im Laufe dieses Abends heraus, was genau mit den drei Verschwundenen geschah. An dieser Stelle verschmilzt der Erzählstrang „Mythen und Aberglaube” mit dem Erzählstrang „Kriminalgeschichte” zur Aufdeckung des dunklen Geheimnisses der drei Verschwundenen. Denn im letzten Abschnitt befragt Lituma einen ebenso „dämonischen” betrunkenen Bergarbeiter, den er von der Kantine in dessen Hütte begleitet und der ihm schildert, was der Leser bereits weiß, nämlich dass die Bewohner von Naccos nachts in der Kantine, von Dionisio und Doña Adriana angeheizt, Menschen geopfert und deren Überreste gemeinsam verspeist hatten.

Der Roman endet noch trister als er beginnt, nämlich mit dem Frust des von den Indios endgültig angewiderten Helden Lituma.

1.3 Politisch-soziale Hintergründe

Gerade in den 1980-er Jahren, in denen der Roman spielt, nahm die Gewalt in Peru besonders viele Ausprägungen an, weil die 1970 von Abimael Guzmán alias Gonzalo gegründete Partido Comunista del Perú in den Untergrund gegangen war und als Terrorgruppe Sendero Luminoso Angst und Schrecken verbreitete.[9] Die Gegenreaktion der autoritären Regierung des damaligen Präsidenten Fernando Belaúnde war, in einigen Gebieten den Ausnahmezustand zu verhängen und so genannte Sinchis, also Spezialeinheiten zur Guerilla-Bekämpfung, auszusenden, die schon bald vom Militär unterstützt wurden und denen man völlig freie Hand ließ. Vom Staat wurde den so genannten Comandos Políticos Militares zu viel Macht übertragen. Die staatliche Unterdrückungsgewalt wurde folglich „institutionalisiert”[10].

Die Zivilbevölkerung wurde in den achtziger Jahren folglich von zwei Seiten terrorisiert. Entweder waren es die Comandos Políticos Militares, von denen sie verdächtigt wurde, mit den senderistas zusammenzuarbeiten, möglicherweise gefoltert, geplündert oder getötet wurde, oder es waren eben diese Rebellen, von denen sie unter Druck gesetzt, ausgeraubt oder hingerichtet wurde. Die Peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (Comisión de la verdad y de la reconciliación), die erst 2001 ins Leben gerufen wurde, geht von etwa 70.000 Opfern aus, wovon 75% indigener Herkunft sind. 54% waren Opfer der Aufstandsgewalt der Terrorgruppe Sendero Luminoso. 1,5% gingen auf das Konto des Movimiento Revolucionario Tupac Amaru, für die restlichen ist wohl der Staat verantwortlich.[11]

Michael Krennerich hat darauf hingewiesen, dass Gewaltverhältnisse und Gewalttaten eng miteinander verbunden und dass die Ursachen für politische Gewalt sehr komplex und vielfältig sind. Zwar sei „hinreichend belegt, dass soziale Missstände, wie etwa Armut, den Nährboden für Gewalt bilden können[, d]ie Tatsache jedoch, dass sich Länder und Regionen mit ähnlichen Armutsniveaus ganz wesentlich in ihrem Gewaltniveau untersch[ie]den”[12], verbiete Generalisierungen. So gesehen versucht Lituma en los Andes eine Lücke gesellschaftspolitischer Erklärungsversuche mit den Mitteln eines zwar fiktiven, aber auf die besondere politische Situation in Lateinamerika referierenden Romans zu schließen.

[...]


[1] Den Begriff „interner Krieg” – der spezifischer ist als z.B. „Bürgerkrieg” – in Übernahme von: Bernhard Jimi Merk; Elena Muguruza: „Bericht zur aktuellen Situation in Peru. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Peru (Teil V), URL: http://www.menschenrechte.org/beitraege/lateinamerika/beit0241a.htm.

[2] Vgl. Mario Vargas Llosa: „Pagina Web Oficial”, URL: http://www.mvargasllosa.com/.

[3] Z.B. bei Tobias Wenzel: „Ein Weltbürger”, URL: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ fazit/535435/.

[4] Dazu Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.): „Der Preisträger 1996. Mario Vargas

Llosa”, URL: http://www.freidenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/de/96671?pid=111696.

[5] Vgl. Mario Vargas Llosa: „Pagina Web Oficial”, URL: http://www.mvargasllosa.com/.

[6] Mario Vargas Llosa: „Freie Märkte sorgen für Gerechtigkeit. Ein Beitrag zur Debatte um die Thesen von George Soros”, URL: http://www.zeit.de/archiv/1997/08/llosa.txt.19970214.xml,.

[7] S. Peter Nausester: „Peru. Informationen über das Land”.

[8] Andrea Thilo (Hrsg.): „Ich habe einen Traum”,

URL: http://zeus.zeit.de/text/2004/24/Traum_2fLlosa_24.

[9] Vgl. Diego García-Sayán, „Politische Gewalt in Peru“, S. 102.

[10] Peter Waldmann zitiert nach Michael Krennerich: „Politische Gewalt in Lateinamerika“, S. 19.

[11] Comisión de la verdad y de la reconciliación (Hrsg.), URL: http://www.cverdad.org.pe/informacion/nprensa/notas.php?idnota=124.

[12] Vgl. Michael Krennerich, „Politische Gewalt in Lateinamerika”, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Erscheinungsformen der Gewalt im Peru der achtziger Jahre
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistisches Institut)
Veranstaltung
Das Phänomen der Gewalt in der hispano-amerikanischen Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V83326
ISBN (eBook)
9783638899185
ISBN (Buch)
9783638939621
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erscheinungsformen, Gewalt, Peru, Jahre, Phänomen, Literatur, Lituma en los Andes, Mario Vargas Llosa
Arbeit zitieren
Nele Bach (Autor), 2007, Erscheinungsformen der Gewalt im Peru der achtziger Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83326

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