Hitlers ideologische Ansätze in "Mein Kampf" und seinem "Zweiten Buch"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

39 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehungsgeschichte von „Mein Kampf“ und „Hitlers zweitem Buch“
2.1. „Mein Kampf“
2.2. „Hitlers zweites Buch“

3. Hitlers Weltanschauung und Ideologie in seinen Büchern
3.1. Aussagen in „Mein Kampf“
3.1.1. Kapitel 10: „Ursachen des Zusammenbruchs“
3.1.2. Kapitel 11: „Volk und Rasse“
1. Die Rassenfrage und ihre Bedeutung
2. Der Arier
3. Der Jude
3.2. Fazit: Hitlers Weltanschauung und Ideologie in „Mein Kampf“
3.3. Aussagen in „Hitlers zweitem Buch“
3.4. Fazit: Hitlers Weltanschauung und Ideologie in seinem „Zweiten Buch“

4. Hitlers Ideologie
4.1. Das allumfassende Gesellschaftsbild
4.2. Das revolutionäre Subjekt
4.3. Das Feindbild
4.4. Das Ziel: der konfliktfreie Zustand
4.5. Die Pseudowissenschaft
4.6. Die Pseudoreligion

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Es ist schwer festzustellen, wann man das Weltbild Hitlers als abgeschlossen betrachten kann und wann sich der Entschluss bildete, sein Weltbild und seine Ansichten in einem Buch niederzulegen. Werner Maser vertritt die Ansicht, dass dieser Entschluss bereits 1919 in ihm reifte. „Nicht unwesentlich ist in diesem Zusammenhang, dass seine [!Hitlers] mehrfach wiederholte Behauptung, dass seine „Weltanschauung“ bereits 1913 im wesentlichen „fertig“ und komplett gewesen sei, auch durch die Übereinstimmung von Ausführungen über „die Juden“ aus dem Jahre 1919 mit den entsprechenden Feststellungen in „Mein Kampf“ als tatsächlich zutreffend bezeichnet werden darf.“[1]

Othmar Plöckinger widerspricht dieser These, da das Konzept Masers nicht klar zuzuordnen und zu datieren sei und Hitlers Entschluss zu einem Buch nach Plöckingers Meinung erst viel später gefasst worden wäre. Er macht den wahrscheinlichen Arbeitsbeginn im Jahr 1922/1923 unter anderem an den Titeln der Reden Hitlers fest: „Hitlers Reden aus dem Jahre 1923 ähneln in ihren Titeln auffallend der genannten Kapitelüberschrift.“[2]

Wann Hitler nun genau den Entschluss zum Verfassen eines Buches gefasst hat, das ist aber wohl ohnehin nicht eindeutig zu klären. Die Grundzüge seiner Weltanschauung sind aber auf jeden Fall bereits spätestens in seinen Reden des Jahres 1920 ganz deutlich erkennbar. In der Rede am 13. August 1920 in München „Warum sind wir Antisemiten?“ legt er seine Weltsicht schonungslos offen: „Diese Rassen nun, die wir als Arier bezeichnen, waren in Wirklichkeit die Erwecker all der späteren großen Kulturen, die wir in der Geschichte heute noch verfolgen können.“[3] Er zieht hier sogar bereits die Parallele des Ariers mit Prometheus.[4] Das Judentum dagegen „[...] bedeutet egoistische Auffassung der Arbeit und dadurch Mammonismus und Materialismus, [...]. Und in dieser Eigenschaft, über die er nicht hinaus kann, die in seinem Blute liegt, [...], in dieser Eigenschaft allein schon liegt die Notwendigkeit für den Juden, unbedingt staatenzerstörend auftreten zu müssen.“[5] Es folgt nun eine Erläuterung des schädlichen Wirkens des Juden in der Weltgeschichte und eine Art Definition der Ziele und Aufgaben der NSDAP, welche darin gipfelt, dass man Sozialist sei und wenn man Sozialist sei, so müsse man auch Antisemit sein, da das Judentum das Gegenteil des Sozialismus verkörpere, nämlich Materialismus und Mammonismus.[6]

Man kann also feststellen, dass bereits 1920 das Weltbild Hitlers, welches er dann vier Jahre später in „Mein Kampf“ niederschrieb, gefestigt war und die Ähnlichkeiten dieser Rede mit dem elften Kapitel in mein Kampf lassen zwei Schlüsse zu: entweder Hitler hatte bereits 1920 mit den Überlegungen zu einem Buch begonnen, oder er nutzte Jahre später, beim Verfassen des Buches, diese Rede als eine der Grundlagen für das elfte Kapitel. Eine genaue Klärung ist jedoch nicht Thema dieser Arbeit, sondern es sollen nun die politischen und ideologischen Ansätze Hitlers, niedergeschrieben in „Mein Kampf“ und seinem unveröffentlichten zweiten Buch, herausgearbeitet und dargestellt werden.

2. Die Entstehungsgeschichte von „Mein Kampf“ und Hitlers zweitem Buch

2.1. „Mein Kampf“

Wie bereits erwähnt, behandelt Plöckinger sehr ausführlich die Vorstufen zur Entstehung von „Mein Kampf“ in den Jahren 1922 bis März 1924.[7] Die Arbeit begann dann im Jahre 1924 während Hitlers Festungshaft in Landsberg. Nach seiner Verhaftung und einem Hungerstreik von zehn Tagen begann Hitler wohl noch gegen Ende des Jahres 1923 mit seiner „literarischen“ Abrechnung. Dies lässt eine Stellungnahme vom 10. Dezember 1923 in den Münchner Neuesten Nachrichten annehmen, in welcher er auf den Verlauf des Putsches eingeht und „von der kommenden „Abrechnung“ mit den Gegnern“[8] spricht. Wie dieser Stellungnahme zu entnehmen ist, war von Hitler also zunächst eine Abrechnung mit seinen Gegnern geplant und nicht eine mehrbändige Biografie. Dies bestätigt auch eine Werbebroschüre des Eher-Verlags von Anfang Juni 1924: „Im Laufe des Monats Juli erscheint in unserem Verlag das Werk: 4 Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit. Eine Abrechnung von Adolf Hitler.“[9] Auch der in dieser Broschüre abgedruckte, zu erwartende Inhalt stand noch völlig unter dem Zeichen einer Abrechnung mit den Gegner des gescheiterten Putsches.[10]

Doch noch im Monat des Erscheinens der Broschüre muss sich bei Hitler ein Umdenken vollzogen haben. Er zog sich im Juni 1924 aus der politischen Arbeit zurück und versuchte sogar Besuche fernzuhalten, da sie ihn in seiner Arbeit störten: „[...] Ich wiederhole daher meine Bitte nochmals auf das dringlichste und kann Ausnahmen nur dann annehmen, wenn mir vorher der Zweck des Besuches mitgeteilt wird und meine Einwilligung durch Rückantwort stattfindet. In allen anderen Fällen bin ich, so Leid es mir tut, gezwungen, die Besuche abzuweisen.“[11]

Plöckinger sieht in diesem Zeitraum die Wende in der Ausrichtung des Buches. „War die Arbeit zunächst weitgehend als politische Rechtfertigungs- und Abrechnungsschrift konzipiert, wollte Hitler ihr nun auch biografische Elemente hinzufügen.“[12] Im Sommer 1924 arbeitete Hitler dann wohl sehr intensiv an der Biografie und eine Veröffentlichung war für den Herbst geplant. Im September ließ sich Hitler Angebote für den Kauf eines Wagens machen und es kursierten Werbepostkarten, welche ein Erscheinen des Buches in Kürze im Eher-Verlag ankündigten. Hitlers „Würdigung der Gefallenen des 9. Novembers 1923 auf den ersten Seiten des Buches datiert vom 16. Oktober 1924 und spricht für den Abschluss und die erwartete Drucklegung in dieser Zeit, zumal man kurzfristig sogar bereits daran ging, Anzeigen in Zeitungen zu schalten.“[13]

Doch die Veröffentlichung scheiterte zum einen aus finanzielle Gründen und zum anderen am Politikum von Hitlers Staatsbürgerschaft. Hitler war österreichischer Staatsbürger und so versuchte die bayrische Regierung ihn mit Ablauf seiner Haft nach Österreich abzuschieben, während die österreichische Regierung ihn mit einem Einreiseverbot belegte. Hitler sah sich selbst als Deutschen („[...] da ich mich nie als österreichischer Staatsbürger, sondern immer nur als Deutscher gefühlt habe.“[14] ) und so legte er auch alles darauf an, die Staatsbürgerschaft Österreichs aberkannt zu bekommen und die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. In diesem Tauziehen um die Staatsbürgerschaft, welches Hitler so belastete, dass er in „Mein Kampf“ ein eigenes, wenn auch nur vier Seiten langes Kapitel, zu dieser Thematik einbaute, schien es nicht ratsam, eine aggressive politische Abrechnung Hitlers mit dem „politischen Deutschland“ zu veröffentlichen.

Es ist davon auszugehen, dass er trotz der gescheiterten Veröffentlichung seines Buches in den letzten Monaten seiner Haft weiter an dem Manuskript arbeitete. Am 20. Dezember 1924 „[...] verließ er die Festungshaftanstalt nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Manuskript, das im wesentlichen abgeschlossen war [...]“[15]

Doch auch der zweite Versuch der Veröffentlichung, geplant für März/April 1925 scheiterte. Wahrscheinlich darf man auch hier wieder vor allem politische Gründe annehmen, da er, als Reaktion auf seine Rede zur Neugründung der NSDAP am 27. Februar 1925, von der bayrischen Regierung am 13. März mit einem Redeverbot belegt wurde. Die Gefahr der Ausweisung stand immer noch im Raum. Daher lässt sich dies als Grund für die erneute Verschiebung der Publikation annehmen, zumal die finanziellen Probleme gelöst schienen, da in der NSDAP Bestellungen für das Buch gesammelt worden waren und es auch schon einige Vorabdrucke gab. Es bleibt noch anzumerken, dass der Titel des Buches nun auch geändert war. Die Werbung des Eher-Verlag kündigt im März das Buch „Mein Kampf. Eine Abrechnung von Adolf Hitler“ an.[16]

Die folgenden Monate brachten Abdrucke einzelner Auszüge in Zeitungen wie dem Deutschen Volkswart und dem Nationalsozialist ohne dass eine Lösung der Probleme Hitlers und damit eine Veröffentlichung des gesamten Buches in Aussicht gestanden wäre. Am 7. April versuchte Hitler seine unsichere Stellung zu beenden, indem er beim österreichischen Generalkonsulat um Entlassung aus der österreichischen Staatsbürgerschaft ersuchte und diesem Ersuchen schon am 30. April entsprochen wurde. „[...] Als Staatenloser aber habe er Anspruch auf die deutsche Reichsangehörigkeit, weil er in der deutschen Armee gedient habe. [...]“[17] Im folgenden überarbeitete und ergänzte er einige Kapitel von „Mein Kampf“ und Plöckinger datiert den endgültigen Abschluss der Arbeiten auf Ende Mai 1925. Gegen Ende Juni 1925 ging das Manuskript zum ersten Band dann in Druck und kam am 18. Juli 1925 in den Handel. Die Fertigstellung des zweiten Bandes zog sich dann erneut über ein Jahr hin, wahrscheinlich bis Oktober 1926, doch am 11. Dezember 1926 erschien dann schließlich auch der zweite Teil von Hitlers Biografie in den Buchläden.

Für diese Arbeit wird vor allem der erste Band von Bedeutung werden, welcher sich mit dem „Weg Hitlers“[18] befasst und seine grundlegenden ideologischen Ansätze darstellt, während der zweite Band den „Weg der Partei“[19] beschreibt.

2.2. „Hitlers zweites Buch“

Die Entstehung des zweiten Buches datiert Gerhard Weinberg in den Sommer des Jahres 1928. Dies lässt sich an Bemerkungen über das noch besetzte linke Rheinufer („Solange Frankreich einen Teil des linken Rheinufers besetzt hat, [...][20] ) oder die zahlreichen Angriffe auf den noch lebenden Stresemann („Das ist das Fundament, auf dem die Staatskunst eines Gustav Stresemann dann ruht.“[21] ) festmachen, welcher sich zu dieser Zeit in München im Wahlkampf für die Reichstagswahlen am 20. Mai befand.

Der beste Beleg für die Entstehung in dieser Zeit ist Hitlers Rede vom 13. Juli 1928 auf einer NSDAP-Versammlung in Berlin. Thema der Rede war die deutsche Außenpolitik und sie enthält lange Passagen aus dem Manuskript seines zweiten Buchs, welche teilweise sogar wörtlich übernommen sind. Es ist daher nach Weinberg zu vermuten, dass das Buch um diese Zeit fertiggestellt worden sein muss.

Allerdings stellen sich nun die Frage nach dem Grund für das Verfassen eines zweiten Buches und weshalb es nicht veröffentlicht wurde. Die Gründe für das Schreiben des zweiten Buchs sind leicht zu finden: bereits vor dem Putschversuch des 23. November 1923 hatte sich Hitler mit nationalsozialistischer Außenpolitik befasst und sich damals für ein Bündnis mit Italien entschieden, welchem Südtirol geopfert werden müsse. Da seine Position dadurch sehr angreifbar wurde, entschloss er sich 1926 dazu, das einschlägige Kapitel aus „Mein Kampf“ in einer Sonderbroschüre zu veröffentlichen und beklagte sich in einem Vorwort über die Diskussion der Südtirolfrage, welche nur der Hetze gegen das „überragende Genie“ Mussolinis diene. Die folgenden Jahre brachte eine Fortsetzung dieser Diskussion über die Südtirolfrage und erreichte Anfang 1928 einen neuen Höhepunkt, als die italienische Sprache für den Religionsunterricht in Südtirol eingeführt wurde. Im März kommentierte Rosenberg Mussolinis Rede in einem Leitartikel des Völkischen Beobachter unter dem Titel „Der marxistische Weltbetrug an Südtirol“. Er behauptet, „[...] dass die internationalen Presse-Agenturen die Rede Mussolinis entstellt hätten; es handele sich im Grunde nur um Hetze gegen Italien, die im Deutschtum Südtirols ein Mittel zum Kampf gegen Mussolini sehe.“[22] Am 19. Mai sprach dann auch Hitler zur Südtirolfrage, welches nicht von den Nationalsozialisten, sondern von den Juden und Marxisten verraten worden wäre. Die Reaktion auf diese Rede erfolgte dann am 20. Mai 1928, dem Tag der Reichstagswahlen. Die Sozialdemokratische Partei schlug in München Plakate mit der Aufschrift „Adolf Hitler entlarvt“ an und verband dies mit der Behauptung, Hitler bekäme für den Verzicht auf Südtirol finanzielle Unterstützung von Mussolini.

Es zeigt sich, dass Hitler durch seine „Bündnistreue“ zu Mussolini gerade wegen der Südtirolfrage sehr angreifbar war. Und genau hier dürfte der Grund zu suchen sein, der ihn zum Verfassen eines zweiten Buches motivierte, in welchem er dann ausführlich seine außenpolitischen Grundsätze und Anschauungen darlegen konnte.

So bleibt nur noch zu klären, warum Hitler das Buch nicht veröffentlichte. Dabei führt Weinberg mehrere Gründe ins Feld: zunächst die angespannte finanzielle Lage des Parteiverlags. Bereits „Mein Kampf“ war von den Verkaufszahlen eine wirtschaftliche Katastrophe gewesen und es stand zu erwarten, dass sich dieses zweite Buch nicht viel besser verkaufen würde. Der zweite Grund könnte sein, dass bei Vollendung des Buches einer der „Hauptgegner“, nämlich Gustav Stresemann, gestorben war, was umfangreiche Änderungen am Buch nötig gemacht hätte. Drittens könnte das Buch eine abschreckende Wirkung auf das bürgerliche und nationale Lager gehabt haben und das wäre mit dem Verlust vieler Wählerstimmen gleichzusetzen gewesen. Als letzten und vierten Grund führt Hans Rothfels im Geleitwort die außenpolitischen Aussagen Hitlers selbst an: „[...] dass zu diesen Hinderungsgründen außenpolitische Erwägungen hinzutraten. Dem Führer [...] konnten Bedenken kommen, durch allzu offenherzige Darlegung seiner außenpolitischen Vorstellungen die Erreichung seines Ziels zu gefährden und insbesondere England zu alarmieren, um das er ja in seinem Werk warb.“[23]

Auch wenn die Gründe, warum dieses „Zweite Buch“ unveröffentlicht blieb, immer nur Spekulation bleiben werden, so ist sein Wert als ergänzende Quelle für Hitlers Ideologie sehr bedeutsam, stellt es doch in gewisser Weise die Umsetzung der Ideologie aus „Mein Kampf“ in außenpolitische Grundsätze dar.

3. Hitlers Weltanschauung und Ideologie

3.1. Aussagen in „Mein Kampf“

So grauenhaft „Mein Kampf“ auch inhaltlich wie stilistisch zu lesen ist, so bietet er doch in den Kapiteln zehn und elf tiefe Einblicke in die Weltsicht Hitlers. In diesen beiden Kapiteln hat Hitler den Kern seiner Ideologie formuliert, weshalb ich mich auch auf diese beiden Kapitel beschränken werde.

3.1.1. Kapitel 10: „Ursachen des Zusammenbruchs“

Beide Kapitel bilden in gewisser Weise eine Einheit, auch wenn die Überschriften dies nicht vermuten lassen. Kapitel zehn führt die Grundlagen ein, welche die Betrachtungen in Kapitel elf notwendig machen. Hitler erläutert im zehnten Kapitel die angeblichen Ursachen für den Zusammenbruch Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg, um diese dann alle als Vorwände zu brandmarken, da der eigentliche Grund in der Reinheit der Rasse zu suchen sei. „Die verschiedenen Ursachen des Zusammenbruchs verweisen alle auf eine gemeinsame, letzte; diese wird im Kapitel Volk und Rasse benannt.“[24]

Kapitel zehn beginnt mit der Feststellung, dass der Krieg nicht für den Zusammenbruch verantwortlich zeichnet, sondern die Ursachen des Zusammenbruchs schon vor dem Krieg liegen. Hitler stellt die Frage, ob Völker überhaupt an verlorenen Kriegen zugrunde gehen und präsentiert sofort die Antwort: „Immer dann, wenn Völker in ihrer militärischen Niederlage die Quittung für ihre innere Fäulnis, Feigheit, Charakterlosigkeit, kurz Unwürdigkeit erhalten.“[25] Der Umgang mit der Niederlage entscheidet dabei über den Zusammenbruch eines Volkes, da es sich ihr kraftlos ergeben oder neue Kraft für eine kommende Erhebung daraus schöpfen kann. Und „an der Art, wie die Deutschen auf die Niederlage reagiert haben, zeigt sich für Hitler, dass diese selbstverschuldet und damit auch verdient war.“[26]

Die Ursache der ausweglosen Situation, des Zusammenbruchs Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg liegt also nicht in der Kriegsniederlage, denn diese ist nur die Folge einer tiefergehenden Krise. Diese tiefergehende Krise wird von Hitler mit einer Krankheit gleichgesetzt und sie besteht in einer „sittlichen und moralischen Vergiftung, einer Minderung des Selbsterhaltungstriebes und der Voraussetzung hierzu.“[27] Es folgen acht Faktoren, an denen sich die Vergiftung der Gesellschaft bereits längst vor dem Krieg zeigte:

1. Ökonomisierung des Lebens

Nach Hitlers Ansicht war es ein Fehler, auf das Bevölkerungswachstum mit gesteigerter Industrialisierung, statt mit räumlicher Expansion zu reagieren. Die Industrialisierung hatte zur Folge, dass der Bauernstand an Bedeutung verlor und das Industrieproletariat an Bedeutung gewann und trotz ökonomischen Wachstums ein fortschreitendes Auseinanderdriften von Arm und Reich zu beobachten ist. Und dieser Umstand führte schließlich zu der politisch instrumentalisierbaren Klassenspaltung.

Doch noch viel schlimmer als die sozialen Folgen ist der Werteverlust, welcher mit der Industrialisierung kam. „In eben dem Maße, in dem die Wirtschaft zur bestimmenden Herrin des Staates aufstieg, wurde das Geld der Gott, dem alles zu dienen und vor dem sich jeder zu beugen hatte.“[28] Die Bedeutung des Geldes und der Werteverlust führt dann schließlich unweigerlich auch zum Triumph der Börse und des internationalen Finanzkapitals. „Entfremdung, Arbeit als Spekulationsobjekt, Herrschaft der Börse – mit diesen Kategorien ließe sich auch eine marxistische Analyse der kapitalistischen Wirtschaft durchführen.“[29] Doch im Vergleich zum Marxismus, der diese Entwicklungen als irreversibel und Vorstufe zur wahrhaft menschlichen Gesellschaft ansieht, will Hitler diese Entwicklungen wirklich umkehren.

2. Falsche Erziehung

Die Erziehung nimmt in Hitlers Plan für den Wiederaufstieg Deutschlands eine entscheidende Position ein, weshalb seine Kritik an den früheren Versäumnissen umso heftiger ausfällt. Diese liegen vor allem darin, dass „die Überbetonung der intellektuellen Ausbildung und die Vernachlässigung des Könnens, der Charakterbildung, der Förderung von Verantwortungsfreude und vor allem von Willensstärke“[30] die Deutschen zu einem gefügigen Volk von Vielwissern gemacht hat, was schließlich auch Ursache dafür war, dass sie „am leichtesten unter fast allen Völkern Nationalität und Vaterland“[31] aufgaben. Wissen alleine bietet nicht genügend Rückhalt gegen äußere Anfechtung.

Nach diesen Feststellungen folgt der eigentlich Kern: es geht um „die Erziehung im späteren Alter“[32], welche vornehmlich durch die Presse geschieht. Und hier ist das Hauptversäumnis der Erziehung zu sehen. Durch Presseerzeugnisse wie die Frankfurter Zeitung, welche Objektivität und „Kampf mit geistigen Waffen“ fordert, wird eine falsche Wertvorstellung gesetzt, welche die Menschen vom „Instinkt der Natur loslöst. [...] Die letzte Erkenntnis aber ist immer das Verstehen der Instinktursachen.“[33] Dies führt dann dazu, dass der Mensch den Gesetzen der Natur, die auch für ihn gelten („in einer Welt [...], in der immer nur die Kraft Herrin der Schwäche ist und sie zum gehorsamen Diener zwingt oder zerbricht, (können) für den Menschen nicht Sondergesetze gelten.“[34] ) seine eigene Weisheit entgegenstellt, anstatt die Gesetze der Natur zu befolgen. Daher muss die zersetzende Wirkung der hauptsächlich jüdischen Presse bekämpft werden. Der Staat muss „mit rücksichtsloser Entschlossenheit sich dieses Mittels der Volkserziehung versichern und es in den Dienst des Staates und der Nation stellen“[35].

Die Kritik an der falschen Erziehung richtet sich also vor allem gegen „freies Denken“ und geistige Betätigung. Der Instinkt, welcher von Natur aus auf Kampf gerichtet ist, soll den Menschen bestimmen und gerade objektive Zeitungen, welche nicht streng ideologisch ausgerichtet sind, bewirken geistige Betätigung, welche das instinktgesteuerte Handeln hemmt. Diese Fehlentwicklung gedenkt Hitler durch nichts anderes als die Abschaffung der Pressefreiheit zu beheben.

3. Falsches Verhältnis zur Sexualität

Die Syphilis und ihre Verbreitung wird für Hitler zum Symbol für den sittlichen Verfall und bei der Bekämpfung der Syphilis wurden wieder nur die Folgen und nicht die Ursachen bekämpft. Diese Ursachen sind nämlich in der Käuflichkeit von Liebe zu suchen, womit nicht nur die Prostitution gemeint ist, sondern vor allem Verbindungen zwischen dem Adel, später auch dem Bürgertum, und dem jüdischen Geldadel. Diese führten zu einer „Verjudung unseres Seelenlebens und Mammonisierung unseres Paarungstriebes“[36], was einer Verhöhnung der Natur entspricht und sich in degenerierter Nachkommenschaft rächen wird. Hitler geht es allerdings nicht darum, „sexuelles Empfinden zu unterdrücken, sondern es durch die Möglichkeit eines frühzeitigen Eheschlusses zu kanalisieren.“[37]

Die Ehe selbst aber ist der großen Aufgabe unterworfen, sie „kann nicht Selbstzweck sein, sondern muss dem größeren Ziele, der Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse dienen. Nur das ist ihr Sinn und ihre Aufgabe.“[38] Der totalitäre Ansatz wird in einer anderen Aussage zur Ehe noch deutlicher: „Es gibt keine Freiheit auf Kosten der Nachwelt und damit der Rasse zu sündigen.“[39]

Doch Hitler gibt in „Mein Kampf“ noch viel mehr von seiner geplanten „Familienpolitik“ preis: da die „Sünde wieder Blut und Rasse [...] die Erbsünde dieser Welt und das Ende einer sich ihr ergebenden Menschheit“[40] ist, muss „defekten Menschen“[41] die Möglichkeit zur Zeugung genommen werden. Dafür ist dann ihre „unbarmherzige Absonderung“ nötig, „ein Segen für die Mit- und Nachwelt“[42]. Was mit diesen unbarmherzig Abgesonderten geschehen soll, das lässt Hitler in „Mein Kampf“ noch offen, doch macht er bereits klar, dass solche Maßnahmen eine „planmäßige Durchführung“[43] erfordern.

Hitlers Umsetzung dieser „Familienpolitik“ brachte dann später die Konzentrationslager und meist tödlichen Versuche mit geistig oder körperlich behinderten Menschen.

[...]


[1] Maser Werner, Hitlers Mein Kampf, S. 196

[2] Plöckinger Othmar, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“, S. 13

[3] Jäckel Eberhard, Hitler, sämtliche Aufzeichnungen 1905 – 1924, S. 186

[4] vgl. ebd. S. 185

[5] ebd. S. 190

[6] vgl. ebd. S. 200

[7] vgl. Plöckinger Othmar, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“, S. 11 ff.

[8] ebd., S. 31

[9] ebd., S. 42

[10] vgl. ebd.

[11] ebd., S. 49

[12] ebd.

[13] Ebd.. S. 55

[14] ebd. S. 57

[15] Maser Werner, Hitlers Mein Kampf, S. 13

[16] vgl. Plöckinger Othmar, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“, S. 71

[17] ebd., S. 74

[18] vgl. Zehnpfennig Barbara, Hitlers Mein Kampf, Eine Interpretation, S. 43

[19] vgl. ebd., S. 173

[20] Weinberg, Gerhard L. (Hrsg.), Hitlers zweites Buch , S. 148

[21] ebd., S. 135

[22] ebd., S. 23

[23] ebd., S. 8 f.

[24] Zehnpfennig Barbara, Hitlers mein Kampf, eine Interpretation, S. 112

[25] Hitler Adolf, Mein Kampf, S. 250

[26] Zehnpfennig Barbara, Hitlers mein Kampf, eine Interpretation, S. 112

[27] Hitler Adolf, Mein Kampf, S. 252

[28] ebd., S. 255

[29] Zehnpfennig Barbara, Hitlers mein Kampf, eine Interpretation, S. 114

[30] ebd., S. 115

[31] Hitler Adolf, Mein Kampf, S. 258

[32] ebd., S. 262

[33] ebd., S. 267

[34] ebd.

[35] ebd., S. 264

[36] ebd., S. 270

[37] Zehnpfennig Barbara, Hitlers mein Kampf, eine Interpretation, S. 117

[38] Hitler Adolf, Mein Kampf, S. 275

[39] ebd., S. 278

[40] ebd., S. 272

[41] ebd., S. 279

[42] ebd., S. 280

[43] ebd., S. 279

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Hitlers ideologische Ansätze in "Mein Kampf" und seinem "Zweiten Buch"
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Totalitäre Ideologien
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
39
Katalognummer
V83348
ISBN (eBook)
9783638899277
ISBN (Buch)
9783638905213
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr gute Arbeit, besonders die Quellenarbeit mit den beiden Büchern Hitlers ist als sehr gelungen hervorzuheben.
Schlagworte
Hitlers, Ansätze, Mein, Kampf, Zweiten, Buch, Totalitäre, Ideologien
Arbeit zitieren
Christoph Seifferth (Autor), 2007, Hitlers ideologische Ansätze in "Mein Kampf" und seinem "Zweiten Buch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83348

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