Niels Stensen in Leiden


Doktorarbeit / Dissertation, 1999
94 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:

VORWEG

1 ZUR ENTSTEHUNG DIESER ARBEIT
1.1 Geschichte und Medizin
1.2 Absicht
1.3 Aufgabenstellung

2 EINFU HRUNG
2.1 EUROPA IM 17. JAHRHUNDERT
2.2 Stand der Wissenschaft
2.3 Stationen auf Stensens Weg
2.3.1 JUGENDJAHRE UND STUDIUM IN KOPENHAGEN 1638-59
2.3.2 Vier Monate in Amsterdam 1660
2.3.3 Anatomische Studien in Leiden 1660-63
2.3.4 EIN Jahr IN Frankreich 1664-65
2.3.5 Pisa-Rom-Florenz 1666-69
2.3.5.1 Muskelforschung-Geologie-Palaontologie
2.3.5.2 Konversion
2.3.5.3 Geologische Forschung in der Toskana
2.3.5.4 Prodromus
2.3.5.5 Aufbruch aus Italien
2.3.6 Die Reise nach O sterreich und Ungarn 1669
2.3.7 GlaubensgesprAche in Holland 1670
2.3.8 Pisa und Florenz 1670-1671
2.3.9 ALS Katholik IN KOPENHAGEN 1672-74
2.3.10 Erzieher des Erbprinzen und Priesterweihe in Florenz 1675-77
2.3.11 Als Priester in Deutschland 1677-86
2.3.11.1 Apostolischer Vikar in Hannover 1677-80
2.3.11.2 Weihbischof von Munster 1680-83
2.3.11.3 Zwei Jahre in Hamburg 1683-85
2.3.11.4 Schwerin 1686

3 NIELS STENSEN TN LEIDEN
3.1 Anatomie und Naturwissenschaft
3.1.1 WISSEN DER ZEIT
3.1.2 UMFELD
3.1.3 U BERBLICK
3.1.4 Dru sen und ihre Ausfu hrungsgAnge
3.1.4.1 Ductus parotideus stenonianus
3.1.4.1.1 Entdeckung in Amsterdam
3.1.4.1.2 Der Prioritatenstreit mit Blasius
3.1.4.2 Uber die Drusen des Mundes
3.1.4.3 Tranenapparat und Drusen der Nasenhohle
3.1.4.4 Zum Ursprung anderer Korperflu ssigkeiten
3.1.5 Zur Muskelstruktur des Herzens
3.1.5.1 Ruckblick Stensens
3.1.5.2 Ansichten zur Funktion des Herzens
3.1.5.3 Uber Muskel und Herz
3.2 Philosophie und Religion
3.2.1 Philosophie im 17. Jahrhundert
3.2.1.1 Uberblick
3.2.1.2 Descartes
3.2.1.3 spinoza
3.2.2 PrAgungen der Weltanschauung Stensens
3.2.2.1 Religiose Erziehung
3.2.2.2 Cartesianismus
3.2.2.3 Ole Borch
3.2.3 Wege zur Bildung einer eigenen Weltanschauung
3.2.3.1 Konfessionelle Vielfalt in Holland
3.2.3.2 Anatomische Kritik des Cartesianismus
3.2.3.3 stensen und spinoza

4 ZUR STELLUNG NIELS STENSENS IN DER GESCHICHTE DFR MFDIZIN

5 ZUSAMMENFASSUNG

6 ANHANG
6.1 Literaturverzeichnis
6.1.1 ORGINALAUSGABEN und U bersetzungen der Werke Stensen:
6.1.2 Sekundarliteratur:
6.2 Zu Material und Methodik
6.2.1 ORGINALTEXTE und ihre Translation
6.2.2 Quellen zu Stensens Biographie
6.2.3 Zu Fussnoten und Paginierung
6.2.4 Zu den Datumsangaben
6.2.5 Zu den Verschiedenen Namensformen Stensens
6.3 DANKSAGUNG

Vorweg

Niels Stensen, der Herkunft nach Dane, gehort zu den herausragenden Personlichkeiten seiner Zeit Mitten im 17. Jahrhundert, das durch seine tiefgreifenden Anderungen menschlicher Sichtweisen die Weichen bis in unsere Zeit hinein gestellt hat, lebt Stensen ein vorbildhaftes Leben, das auch, oder vielleicht sogar gerade, in unseren Tagen nichts an seiner Aktualitat eingebuCt hat. Stensen ist Wissenschaftler im modernen Sinn, kritisch und sein Urteil auf experimentelle Erfahrung bauend, bestrebt, die den Sinnen erreichbare Wahrheit zu erforschen. Nicht als eifriger Verfechter der Cartesischen Methode, sondern als deren konsequenter Nutzer, nicht durch ruhmheischende Spekulationen, sondern durch klare Darlegung der ihm erkennbaren Tatsachen, nicht nach Ehre und Macht strebend, sondern der Wahrheit verpflichtet, lost Stensen uber Jahrhunderte bestehende Fehlinterpretationen im Bereich der Anatomie und Physiologie von Drusen und Lymphe, befreit das Herz von allen mystisch-religio sen Deutungsversuchen, bereitet den Weg der Neuroanatomie zu einem tieferen Verstandnis von Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns, erkennt auf wahrhaft geniale Weise die Grundlagen von Palaontologie, Geologie und Mineralogie.

Stensen ist aber auch Christ, unabhangig von seiner Konfession, in beachtenswerter Weise. Er ist nicht, wie zu seiner Zeit so haufig anzutreffen, kirchlicher Wurdentrager mit weltlichen Aufgaben, die ihn ganz einzunehmen drohen, er ist weltlicher Wurdentrager mit einem tiefen kirchlichen Verstandnis, das ihm die wahre Berufung jedes menschlichen Lebens offenbart: die konsequente und unermudliche Heiligung des eigenen Tuns. Nicht erst nach seiner Konversion, auf dem Hohepunkt seiner wissenschaftlichen Erkenntnis, oder, wie man vielleicht denken mag, nach seiner Ordination zum katholschen Priester beginnt dieser Weg der eigenen Heiligung, sondern schon in seinen Jugendjahren, als Schuler und Student in Kopenhagen, Amsterdam und Leiden. Die asketischen Priesterjahre als Missionar im Norden Deutschlands bilden dann den dornengekronten AbschluC eines Lebens in Verantwortung und Liebe dem eigenen Schopfer gegenuber, das durch Papst Johannes Paul II. mit der Seligsprechung 1988 geehrt und bestatigt worden ist.

In unserer Zeit, in der dem Einzelnen auf Grund des ungeheuren Fortschrittes von Technik und Naturerkenntnis ein bislang ungeahntes MaC an Macht uberantwortet wird, in der dem Arzt auf Grund eines weitgehenden Verlustes von EinfluC und Ansehen kirchlicher Stellen auch in zunehmenden MaC e seelsorgerische Aufgaben zu Teil werden, in einer Zeit aber auch, in der sich die Ausbildung heranwachsender Mediziner nahezu ausschlieBlich auf fachliche Fragen beschrankt, ist Niels Stensen wegweisende Perso nlichkeit und die nahere Auseinandersetzung mit seinem Denken dem Arzt hilfreiches Mittel auf dem Weg hin zu einer humanen Medizin.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Niels Stensen — Kalkstein-Skulptur von Rudolph Bruckner-Fuhlrott. Schwerin.

1 Zur Entstehung dieser Arbeit

1.1 Geschichte und Medizin

Wenn sich ein Studierender der Medizin heute aufmacht, die Wurzeln und Grunde seines Faches naher kennenzulernen, dann stoCt er unaufhorlich an die Grenzen des eigenen Wissens, an die Mauern der eigenen Halbbildung. All die in sechs muhsamen Jahren gesammelten Fakten sind nur erreichte Spitze eines jahrtausendealten Berges, von den ersten Schritten des Aufstieges ho rt und weiC er so gut wie nichts. Ein Trimester Vorlesung aus der „ Geschichte der Medizin“ reicht gerade aus zu erfahren, daC die Heilkunst uber den ganzen uns bekannten Abschnitt der Menschheitsgeschichte bestand und mit ihr aufs engste verwoben ist. Ein tieferes Verstandnis muC verwehrt bleiben. Das angehaufte medizinische Wissen ist komplex und - wie uns die zunehmende Spezialisierung der Heilberufenen deutlich zeigt - nicht mehr in der Person eines einzelnen zu vereinen. Wie dann auch die historische Entwicklung der Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Leiden und mo glichst noch die vielen dort begangenen Irrwege kennen?

Im vorgegebenen Curriculum bleibt aus der Vielfalt des zu erwerbenden Wissens ein Thema allein im Rahmen der Promotion zur tieferen Betrachtung. Die Wahl ist frei und dadurch nicht leichter, alles mag erkannt und gewuC t werden, reizt den Geist und stimuliert die Sehnsucht nach Erkenntnis: die Grundlagen des Zusammenspiels menschlicher Organe in der Physiologie, die atemberaubenden Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie und Genetik, die neu gewonnenen Moglichkeiten zur Einwirkung auf Krankheitsgeschehen in der Pharmakologie, das tiefere Wissen um einzelne Krankheiten und ihre Behandlung in den verschiedenen klinischen Fachgebieten, die Mehrung der Kenntnisse um Funktionsweise und Ausfalle von Seele und Geist in Psychiatrie und Neurologie. Die materiellen Vorgaben des Lebens zeigen sich in der Anatomie und Biologie, ihre Zersto rung durch krankhaftes Geschehen in der Pathologie, die Gerichtsmedizin mag durch die gewahrten Einblicke in gesellschaftliche Krankheitsprozesse faszinieren, die Epidemiologie durch eine Feststellung des erreichten Status quo.

Warum also dann Geschichte der Medizin? Bei der Ero ffnungsrede zum Wiesbadener KongreC 1986 betont Prof. Zollner : Fur sie [die Medizin] gelten alle Grundlagen der Naturwissenschaften, und eine Ausbildung in Mathematik, Logik und Erkenntnistheorie istgenauso wie Ethik und Morallehre an den Anfang des Medizinstudiums zu stellen[1].

In der heute (noch) gultigen siebten Novelle der Approbationsordnung fur Arzte[2] von 1989 ist keine dieser Forderungen erfullt. Aus dem breiten Spektrum des Angebots ist aber kein Fach so wie die Medizinhistorik geeignet, dem Studierenden zumindest einen Einblick in Fragen vornehmlich der arztlichen Ethik und Erkenntnistheorie zu gewahren und ihn zu eigenen Gedanken uber die ihm bevorstehende immense Verantwortung und moralische Verpflichtung anzuregen.

1.2 Absicht

Bei den sich nun uber fast drei Jahre erstreckenden Vorarbeiten zu dieser Arbeit konnte also nicht zuruckgegriffen werden auf detailliertes Wissen um Politik und Gesellschaft, geistes- und naturwissenschaftliche Stromungen zur Mitte des 17. Jahrhunderts, konnte nicht auf eine ausgefeilte Methode zur Bearbeitung historischer Schriften gebaut werden und auch nicht auf eine vollzogene Einordnung medizinischen Handelns in den Lauf der Geschichte. Recherche und Materialsammlung dienten vornehmlich zu dem einen: dem Autor selbst Einblick zu geben in ethische und philosophische Grundlagen des auszuubenden Berufes, im Nachvollzug des Lebensweges eines ethisch verantwortungsvoll handelnden Wissenschaftlers Bereicherung in der eigenen moralischen Leere zu erfahren, besonders auch unterstutzend die Synthese der eigenen christlichen Gedankenwelt mit den zu erwerbenden Handungsfreiheiten zu fordern.

1.3 Aufgabenstellung

Nun, gegen Ende der Studienzeit, naht auch der Zeitpunkt der Niederschrift, Abgabe und Verteidigung der eigenen Arbeit. Ganzlich Neues kann hier nicht dargestellt werden, existieren doch zu Stensen bereits eine kaum mehr zu uberblickende Anzahl an Vero ffentlichungen. Stensens Leben im Speziellen und das 17. Jahrhundert im Allgemeinen sind Gegenstand zahlreicher Abhandlungen und vieler Jahre aufwendiger Forschung gewesen. Die von Michael JENSEN als AbschluBarbeit fur die Koniglich Danische Bibliotheksschule ausgearbeitete Bibliographia Nicolai StenonS , in der die Werke von und uber Stensen bis zum Jahr 1986 zusammengestellt sind, verzeichnet etwa 2600 Eintiage; besonders in unserem Jahrhundert sind eine groB e Anzahl von Publikationen zu Stensen herausgegeben worden, in Verbindung mit dem schon vor dem II. Weltkrieg eingeleiteten Kanonisationsprozesses, der 1988 mit der Seligsprechung[3] [4] einen ersten AbschluB fand, ist Stensens Leben nach vielerlei Hinsicht dirchleuchtet worden, Gustav SCHERZ, aber auch viele andere haben mit groBer Muhe selbst kleinste Einzelheiten zusammengetragen. Begabtere und mit Wissen Begutertere haben also Stenos Leben zu beschreiben versucht, es existieren kurze Handschriften wie umfangreiche Biographien, Ubersetzungen groBer Teile des hinterlassenen Schriftwerkes Stensens in das Danische, Deutsche, Italienische, Englische, Russische und Franzo sische, illustrierte Lebensbeschreibungen und aus den Jahren 1956-95 auch sieben akademische Dissertationen aus Danemark, Holland und Deutschland, Italien, Kanada und den U.S.A.[5]

Stenos Lebensgeschichte ist komplex. Er wirkt als Anatom, Geologe und Bischof, ist Naturwissenschaftler und Philosoph, Protestant und Katholik. Aus der Fulle des Interessanten heraus muBte der Blick weiter eingeengt werden auf Stensens erste Schritte als junger Anatom in Amsterdam und Leiden. In diesen vier Jahren gelingen dem Studenten seine wohl bedeutendsten anatomischen Entdeckungen, fuhrt die

Konfrontation mit einer schon weitgehend pluralistischen Gesellschaft in Holland zu einer tiefgreifenden Erschutterung der eigenen Religiositat, leitet die kritische Auseinandersetzung mit dem Cartesianismus zur Formierung einer wissenschaftlichen Methode und eines in sich schlissigen Welt- und Gesellschaftsbildes.

Im AnschluB an eine kurze Einfuhrung in das Weltbild des 17. Jahrhunderts und einen Uberblick uber Stensens Lebensweg, soll hier also eine Darstellung Stensens anatomischen Werkes in Leiden erfolgen, sowie auf die weltanschaulichen Impulse eingegangen werden, die Philosophie und Religiositat des jungen Danen in diesen Jahren pragen.

2 Einfuhrung

2.1 Europa im 17. Jahrhundert

Je nach Perspektive des Betrachters ist das 17. Jahrhundert auf ganz verschieden Weise bezeichnet worden: Vom Zeitalter der Entdeckungen und der Weltfahrer, vom Jahrhundert der Genies in Kunst und Malerei ist ebenso gesprochen worden wie von dem Jahrhundert des DreiBigjahrigen Krieges, der Gegenreformation, aber auch der groCen Heiligen, von den anni mirabilis oder schlicht von der Fruhen Neuzeit.

Am Beginn des Jahrhunderts stehen die Auseinandersetzungen im Zuge der Glaubenspaltung. Amgelo st durch den Prager Fenstersturz beginnt der DreiBigjahrigen Krieg, in dessen Verlauf die ursprunglich religio sen Interessen bald von sehr weltlichen Machtanspruchen verdrangt werden. Im Kampf um mehr Land und mehr Macht stehen sich nun weite Teile des Abendlandes feindlich gegenuber. Der 1648 in Munster und Osnabruck geschlossene Westfalische Frieden beendet zwar die Regionalkriege in Europa, das Geschehen bleibt aber weiterhin von kampferischen Auseinandersetzungen gepragt. So sucht Schweden im Ersten Nordischen Krieg gegen Danemark und Polen die Vormachtstellung zu erlangen, Frankreich fallt wiederholt in die Rheinprovinzen ein und verwustet weite Landstriche bis nach Bayern, Holland und England kampfen um die Vormachtstellung auf den Weltmeeren, ebenso wie Frankreich, Spanien und Portugal. Im Osten bedrangen die Tiirken Kultur und Integritat des gesamten Abendlandes, in England fuhrt die Uneinigkeit zwischen Ko nig und Parlament durch den Sieg Cromwells letztlich zur Grundung des Commonwealth.

Die weitraumige Verwustung, die Minderung der Bevolkerungszahl auf fast ein Drittel der 18 Millionen Einwohner vor 1618 und die religiose Uneinigkeit begunstigen das Entstehen absolutistischer Herrschaftsformen. In Frankreich wird der, im selben Jahr wie Stensen geborene, von seinen Eltern nach zwanzigjahriger kinderloser Ehe dankbar Louis Dieudonne getaufte Ludwig XIV. diese Herrschaftsform zu einer unerreichten GroCe fuhren, aber auch uber ganz Europa hinweg streben Ko nige, Fursten und Herzoge nach einer vermehrten Konzentration und Zentralisation der Macht in ihrer Person. Die Finanzierung eines kostspieligen Lebensstils erfolgt durch einen konsequenten Merkantilismus, der durch Interessen und wohlwollender Unterstutzung der Machthaber letztlich auch die kulturellen und wissenschaftlichen Bluten dieses Jahrhunderts ermoglicht.

1621 feiern aber auch die Pilgervater ein erstes Erntedankfest auf amerikanischem Boden, aus den neu erschlossenen Kolonien kommen Tee, Kaffee, Gewurze und andere GenuCmittel nach Europa, mit der aus Peru eingefuhrten Chinarinde steht zum ersten Mal ein fur die weitere Kolonisierung unerlaBliches Mittel zur Bekampfung der „ schlechten Luft“ (ital. mala aria) zur Verfugung. Franzosen grunden Quebec und die in den amerikanischen Sudstaaten beginnende Plantagenwirtschaft fuhrt zu einem sprunghaften Anstieg des Sklavenhandels.

Das 17. Jahrhundert bringt den heiligen Franz von Sales hervor, der mit seinen Werken bis in unsere Zeit hinein Hilfe und Anleitung zu einem gelebten Glauben geben kann, in bewuBter Abgrenzung zu der befurchteten Trivialisierung des Glaubens durch die Reformation, entwickeln sich Herz-Jesu- und Herz- Maria-Verehrung, der heilige Vinzenz von Paul legt, beseelt von der Idee, die christliche Nachstenliebe zu organisieren, die Grundlagen der modernen Caritas, der heilige Papst Innozenz XI. stellt sich offentlich gegen Ludwig XIV. und versucht so der Hugenottenverfolgung und der fortschreitenden Einschrankung kirchlicher Rechte in Frankreich entgegenzuwirken

2.2 Stand der Wissenschaft

Auch und vielleicht besonders in der Geschichte der Wissenschaften nimmt das 17. Jahrhundert eine herausragende Stellung ein. Grundsatzliche Anderungen der Weltsicht, ein vermehrtes SelbstbewuCtsein und die durch Reformation und Freikirchen forcierte Besinnung auf ein aktiveres diesseitiges Leben o ffnen die Tore zu unserer heutigen sakularisierten, rationalisierten und technisierten Welt.

Hatte man erst in der Zeit von Renaissance und Humanismus gelernt, wieder den eigenen Sinnen mehr zu vertrauen als den uberlieferten Autoritaten, begann man nun sein Wissen durch aktives Experimentieren zu erweitern. Die groC en Erfolge der neuen messenden, auf reiner AuB enerfassung beruhenden Physik Galileis (1564-1642), die tiefen physikalischen und astronomischen Erkenntnisse Johannes Keplers (1571-1630), die auB erordentlichen theoretischen und experimentellen Arbeiten eines Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Christiaan Huygen (1629-1695) oder Isaac Newton (1643-1727) ruckten die mathematische Methode als hervorragendes Instrument zur Welterkenntnis in den Vordergrund. Die groC en Philosophen dieser Zeit, allen voran Descartes, Spinoza und Leibniz, versuchten durch eine Mathematisierung des menschlichen Denkens zu einem rationellen Weltverstandnis zu gelangen. Der der Barockzeit eigene Einbruch des Dynamischen in die mehr von statischen Formen gepragte Welt der Renaissance kennzeichnet sich ebenso in den von Kraft durchpulsten und von Spannungen erfullten Schopfungen der Kunst wie in der neuen Dynamik Galileis, der Blutkreislauflehre William Harveys (1578-1657), der analytischen Geometrie Fermats und Descartes’, dem Leibnizschen Infinitesimalkalkul und den Newtonschen Bewegungsgesetzen. Johann Baptista van Helmont (1579-1644), Wegbereiter der Iatrochemie, unterscheidet als erster zwischen Luft und Gas und erkennt in seinen Versuchen das Gesetz der Massenerhaltung, Boyle und Mariotte entdecken unabhangig voneinander das nach ihnen benannte Gesetz zur Zustandsbeschreibung idealer Gase. Aus der aufbluhenden experimentellen Forschung erwachsen eine Reihe wissenschaftlicher Instrumente und Apparate wie Fernrohr, Mikroskop, Barometer, Rechenmaschine, Luftpumpe, Pendeluhr und Thermometer. Dieses neue Instrumentarium, verbunden mit den gefundenen mathematischen Grundsatzen, wird vor allem der Entwicklung der Technik in der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts unerlaBliche Hilfe sein.

Wahrend die Universitaten weitgehend im allgemeinen mittelalterlichen Weltbild verharren und sich den raschen wissenschaftlichen Veranderungen der Zeit nicht anzupassen vermogen, werden die groCen Gelehrten und ihre Entdeckungen in den sogenannten Akademien und gelehrten Gesellschaften betreut.

Zumeist unter ko niglicher Schirmherrschaft wird hier zu Forschung angeregt, Erfahrung ausgetauscht und fur eine weitere Verbreitung und Publikation des Wissens gesorgt. In allen groC en Stadten werden spatestens ab der Mitte des Jahrhunderts Akademien der Wissenschaften gegrundet, 1635 durch Richelieu die Academie franyaise, 1652 die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und 1662 die Royal Society in London, als erste Akademie der Neuzeit die Accademia platonica schon 1459 in Florenz durch Cosimo d. A. de Medici - 1657 wiedererweckt von Ferdinando II. de Medici als Accademia del Cimento.

Auch der Medizin hatte das 16. Jahrhundert einen Neuanfang in zunehmender Emanzipation von der uberlieferten Lehre gebracht. Die Einfuhrung des Unterrichtes am Krankenbett, die Grundung neuer Universitaten, die grundlegenden Erneuerung der Anatomie durch Andreas Vesal und die damit verbundene Wiedergeburt der arztlichen Chirurgie, der Angriff auf die Humoraltheorie des Galen durch Paracelsus und die durch Fracastoro begrundete epidemiologische Betrachtungsweise der Infektionskrankheiten bereiteten einen reichen Nahrboden fur die medizinischen Erkenntnisse der Barockzeit. Aktives Experimentieren erganzt nun die rein passive Beobachtung des vorangegangenen Jahrhunderts, die Anatomie wird zur „belebten Anatomie‘ ‘, zur Physiologie, die Einfuhrung des Mikroskops ero ffnet eine neue Dimension der Betrachtung. Die wohl groCte Entdeckung des Jahrhunderts ist die Beschreibung des Blutkreislaufes 1628 durch William Harvey (1578-1657). Neben konzeptuellen Vorstellungen tritt dieser groCe englische Physiologe den Beweis seiner Behauptungen sowohl durch grundliche anatomische Studien als auch experimented Untersuchungen und vom naturwissenschaftlichen Standpunkt des Messens, Zahlens und Wagens an.

2.3 Stationen auf Stensens Weg

2.3.1 JUGENDJAHRE UND STUDIUM IN KOPENHAGEN 1638-59

Uber mehrere Generationen hinweg sind Stensens Vater als lutherische Prediger in dem damals noch danischen Schonen bezeugt, auch die beiden Bruder Sten Pedersens, des leiblichen Vaters Niels Stensens, haben diesen Weg eingeschlagen. Pedersen selbst gelangt um 1620 nach Kopenhagen, wo er sich als erfolgreicher und angesehener Goldschmied erweist.

Niels Stensen, geboren am 1.1.1638 (jul. Kalender) durchlebte das, was wir heute vielleicht als eine schwierige Kindheit bezeichnen wurden. Beide Elternteile waren verwitwet, der Vater brachte zwei wesentlich altere Kinder mit in die Ehe, Niels selber litt als kleines Kind an einer schweren, nicht naher bezeichneten Krankheit, einem morbus satis difficilid, der ihn vom Umgang mit Gleichaltrigen abhielt und nach eigener Aussage schon fruh den Wert des Umganges mit Alteren und Reiferen zu suchen lehrte. Zwei Wochen nach Stensens sechstem Geburtstag stirbt sein leiblicher Vater und so ist die Mutter, Anne Nielsdatter, gezwungen, nach dem Trauerjahr zum finanziellen Erhalt ihrer Familie ein weiteres Mal zu heiraten, nun Peder Lesle, der von jetzt an die Kopenhagener Goldschmiede ubernehmen soll. Doch Lesle erlebt nicht[6] seinen zweiten Hochzeitstag und etwa 1650 vermahlt sich Frau Nielstochter mit ihrem vierten Mann, dem Goldschmied Johann Stichmann.

Uber Stensens Jugendjahre sind uns nur wenige Nachrichten erhalten. Scheinbar gibt das Schicksal dem Heranwachsenden ausreichend Gelegenheit, seine Wertvorstellungen und Prioritaten im Angesicht des Todes zu uberdenken und zu relativieren. Sei es durch den fruhen Tod des Vaters, sei es durch die Ruhr[7], die der 14jahriger Lateinschuler durch Kopenhagen ziehen sieht, oder die Pest, an die er als 16jahriger ein volles Drittel seiner Mitschuler verliert.

Durch die Umstande einer kontinuierlichen vaterlichen Erziehung beraubt, findet Stensen im Vater seines Jugendfreundes Jakob Henrik Paulli einen vaterlichen Freund und Lehrer. Dieser beruhmte Kopenhagener Arzt und humanistische Denker, Simon Paulli, ist dem jungen Schuler wohlgesonnen, und Stensen wird ein gern gesehener Gast in dessen Haus. Paulli lehrt damals noch als Vorganger Bartholins an der Kopenhagener Universitat und gilt zu seiner Zeit als Inspirator der Naturwissenschaft in Danemark. Als Stensen 1661 eine erste groCere Schrift sechs fur ihn besonders bedeutungsvollen Professoren widmet, nennt er Simon Paulli an erster Stelle[8], zwei Jahre spater bezeichnet er ihn alspraeceptori parentis venerando loaf [9] - einen Lehrer, den ich wie einen Vater zu verehren habe.

An der Liebfrauenschule, an der neben den klassisch-humanistischen Bildungsinhalten und Grundlagen der Naturwissenschaften auch religioses Wissen und Ubungen der praktischen Frommigkeit im Sinne des danischen Pietismus vermittelt wurden, begegnet Stensen auch dem jungen Humanisten und Botaniker Ole Borch, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden soll. Von diesem hervorragenden Lateiner und Verfechter der experimentellen Naturwissenschaften wird Stensen nicht nur umfassend uber die wertvollen Inhalte des tradierten Wissens unterrichtet, sondern auch in stundenlangen Exkursionen und unternommenen Versuchen behutsam auf den Weg der Erfahrung als Ko nigsweg der Erkenntnis gefuhrt.

Am 27. November 1656 immatrikuliert sich Niels Stensen als 18jahriger an der Universitat Kopenhagen. Aus der Lateinschule brachte er das zur Immatrikulation benotigte testimonium eruditionis uber Kenntnisse und Reife, als auch das testimonium vitae uber Glauben und sittlichen Wandel mit. Noch vor der endgultigen Einschreibung erfolgte damals ublicherweise die Deposition, ein Ritual mit drastischen Symbolen, bei dem der Anwarter in abstoCender Narrentracht im Hof der Hochschule erschien, um dann von dem ebenfalls maskierten Depositor unter Schlagen und Scheltworten der Narrensymbole entledigt zu werden, worauf der Deponent dann demutig um die Aufnahme in die akademische Burgerschaft bitten durfte. Zum Zeichen der Freude goB der Depositor dann Wein uber den Kopf des Deponenten und legte ihm zum Zeichen der Weisheit Salz in den Mund.

Die heimatliche Hochschule bot sicher nicht die besten Voraussetzungen fur eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Das Lehrkollegium umfaBte damals 17 Professoren, davon nur 3 Mediziner, und diente vor allem einer Heranbildung der Geistlichkeit. Weiterhin hatte Ko nig Friedrich III. am 1.Juni 1657 Schweden den Krieg erklart, was auch dazu fuhrte, daB der Student im dritten Jahr seiner Ausbildung die Nacht vom 10. zum 11. Februar 1659 zur Verteidigung seiner Heimatstadt gegen das ansturmende Heer des Schwedenkonigs Karl Gustav auf der Stadtmauer verbrachte. Der Angriff wurde zuruckgeschlagen, und die ungunstigen Bedingungen hinderten Stensen nicht, sich schon in seiner Kopenhagener Zeit ein reiches Wissen anzueignen.

Thomas Bartholin (1616-1680), beruhmtester Anatom aus einer Familie von Arzten und Gelehrten, wurde zu Stensens Prazeptor, jenem Mentor in Gestalt eines Professors, der FleiB und Fortschritte, sittlichen Wandel und okonomische Verhaltnisse des Studenten zu uberwachen hatte. Bartholin hatte freilich zum Studienbeginn Stensens den Hohepunkt seines Ruhmes schon erreicht. Nach zehnjahrigem Aufenthalt im europaischen Ausland, nach Studien in Leiden und Padua und groBen Reisen, die ihn nach Paris, Montpellier, Rom, Neapel, Sizilien und Malta gefuhrt hatten, war er 1648 an die Universitat Kopenhagen zuruckgekehrt. Dort zeigte er sich seiner Familie, die schon mehr als ein Jahrhundert das heimatliche Universitatsleben dominiert hatte, wurdig, indem er als Professor der Anatomie besonders durch die Entdeckung und Beschreibung der LymphgefaB e der Universitat zu Ruhm und Ansehen verhalf. Allein als Stensen sein Studium begann, zog sich Bartholin mehr und mehr aus dem medizinischen Unterricht zuruck und bekundete so vorerst nur ein maBiges Interesse an dem ihm uberantworteten Studenten. Mit der zunehmenden Reife des jungen Anatomen wachst aber auch das Interesse Bartholins fur den ihm anvertrauten, das Wissen um Stenos anatomische Fertigkeiten verdanken wir nicht zuletzt einem reichhaltigen Briefwechsel mit seinem Prazeptor, der bis in unsere Zeit erhalten geblieben ist.

Einen wertvollen Einblick in Stensens Gedankenwelt zu jener Zeit erhalten wir durch das von ihm in seinen letzten Kopenhagener Monaten verfaBten Chaos-Manuskripf0. Auf 23 engbeschriebenen Folio-Seiten zeichnet der Student hier in lateinischer Sprache Gedanken und Zitate zu Wissenschaft und Forschung auf. Unter den Worten In nomine Jesu finden wir als Titel das griechische Wort Chaos, mit dem sowohl die unermeBliche Weite des Weltenraums als auch die gestaltlose Urmasse, aus der das Weltall entstanden ist, bezeichnet wird. Mit einem treffenden Wort hat Stensen hier wohl anzudeuten versucht, was folgen wird: eine Sammlung verschiedenartiger und ungeordneter Gedanken und Fragen, Auszuge aus wissenschaftlichen Werken, Notizen und Anregungen zu durchzufuhrenden Experimenten, unterbrochen durch kurze religiose Betrachtungen und Gebete. Neben den zahlreichen Auszuge aus medizinischen Fachbuchern wie Bartholins[10] „Historiarum anatomicarum centuriae“ und „De lacteis thoracicis“, Henri de Roys „Medicina et praxis medica“, Cornelius Schylanders „Practica chirurgiae brevis et facilis“ und Pierre Morels „Methodus praescribendi formulas remediorum“, finden sich hier auch Zitate aus Tycho Brahes „Epistolae astronomicae‘ Athanasius Kirchers „Magnes sive de arte magnetica“ und Francis Bacons „De augmentis et dignitate scientiae‘ Das Chaos-Manuskript ist uns Beweis fur die vielfachen und allseitigen Interessen des jungen Studenten. Der Nachvollzug und die Auseinandersetzung mit den groCen Gedanken seiner Zeit, seien sie nun von Galilei oder Kepler, Descartes oder Pascal, formen und prigen das Weltbild des Studenten.

Neben zahlreichen Aufzeichnungen zu Iatrochemie und Iatrophysik finden sich hier auch methodologische Bemerkungen im Sinne der exakten, auf Beobachtungen sich stutzenden neuen Naturwissenschaft. So bemerkt der Student: In physischen Dingen ist es gut, sich an keine Wissenschaft yu binden, sondern alles, was beobachtet werden kann, unter bestimmten Rubriken yu ordnen und auf eigene Faust etwas hrausyufmden - wenn nicht anderes, dann wenigstens eine teilweise sichere Erkenntnis[11] Und an anderer Stelle: Es sundigen gegen Gottes Gmfe diejenigen, die nicht die Werke der Natur selbst betrachten wollen, sondern, mit der Lekture anderer yufrieden, sich verschiedene Einbildungen erdichten undfabriyieren und so nicht blof die liebliche Betrachtung der Wunder Gottes entbehren, sondern auch Zeit, die man auf Notiges und yum Wohl des Nachsten verwenden konnte, verlieren, und vieles Gott Unmrdiges behaupten. ... So sindjene Scholastiker, viele Philosophen, und jene, welche die ganye Zeit auf das Studium der Logik verwendn. Man soil die Zeit also nicht yum Verteidigen und Erklaren von willkurichen Meinungen, ja kaum yu ihrer Untersuchung verwenden, und auch im Hinblick auf eine Beobachtung soil man nichts kihn und iibereilt behaupten, noch die Zeit auf Spekulation verwendn, sondern nur auf das eigene Sehen, die Erfahrung, die Aufyeichnung von Naturphanomenen und Eindrucken, die von den Alten beobachtet wurden, und einige, wenn mgich, naher untersuchen.[12]

Auch laC t sich hier schon ein Charakterzug Stensens entdecken, dem er spater den Verdienst samtlicher anatomischen wie geologischen Entdeckungen zuschreiben wird, sein Vertrauen auf die gattliche Vorsehung:

Gott sieht alles und sieht alles voraus; alles was geschieht, kommt von ihm undgereicht seinem Namen yur Ehrl.[13]

Im Herbst 1659 beendet Stensen sein Studium in Kopenhagen, um spitestens Anfang 1660 seine Heimatstadt zu verlassen und sich auf eine, letztlich sein ganzes weiteres Leben andauernde, Reise zu begeben. Von Danemark fuhrt ihn sein Weg zuerst nach Amsterdam und Leiden, den wohl wichtigsten Stationen seines anatomischen Schaffens.

2.5.2 Vier Monate in Amsterdam 1660

Im Winter 1659/60 bricht Stensen aus Kopenhagen zu der damals durchaus ublichen peregrinatio academica[14] auf, er gelangt, wahrscheinlich nach einem kurzeren Aufenthalt bei Johan Bacmeister d.J. (1624­1686) in Rostock[15], Ende Marz 1660 nach Amsterdam.

Den Hollandern gilt das 17. Jahrhundert als „ De gouden eeuw‘ das goldene Jahrhundert. Dank einer gewaltigen Entwicklung von Handel und Seefahrt beherrscht Holland mit seiner Ost- und Westindischen Companie die Kusten Ostasiens wie Nord- und Sudamerikas. Amsterdam gilt als Zentrum des Welthandels und durchlebt eine Blutezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Viele auslandische Studenten suchen dort in diesen Jahren ihre Ausbildung zu vervollkommnen, Stensen findet jedoch sogleich, dank eines Empfehlungsschreibens seines Lehrers Thomas Bartholins, Unterkunft und Ausbildung bei dem Arzt und Professor der Anatomie, Gerard Blaes (ca.: 1625-1692), latinisiert Blasius.

Nach den mehr theoretischen Studienjahren und den ungunstigen Sektionsvoraussetzungen in Kopenhagen findet Stensen hier nun in dem groC en Stadthospital „Het gasthuis“ mit seinen Abteilungen fur Manner und Frauen, fur Soldaten und Seeleute, Verwundete, Fremde und Arme, sowie in der in einem der vier groC en Fleischhauser der Stadt eingerichteten Anatomiekammer beste Bedingungen fur einen Anatomen vor. In diesem Klima soll dem 22-Jahrigen gleich zu Beginn seines Aufenthaltes eine erste groCe Entdeckung gelingen, die Beschreibung des Ausfuhrungsganges der Ohrspeicheldruse, der noch heute die Eponymbezeichnung „Ductus stenonianus“ tragt.

Trotz der insgesamt gunstigeren Verhaltnisse entschlieCt sich Stensen aber bald, Amsterdam wieder zu verlassen. Das akademische Leben des erst 1632 zur Universitat bestimmten Athenaums stand noch in den Anfangen, es gab weder eigentliche Prufungen noch Promotionen. Blasius, der sich spater durch seine „Anatome animalium“ (Amsterdam, 1681), eine wertvolle Ubersicht der Literatur zu 119 Tierarten, verdient machen sollte, war wohl in erster Linie Compilator, seine Vorlesungen mussen weniger uberzeugend gewesen sein.[16]

GemaC scholastischen Brauches disputiert Stensen am 8. Juli 1660 bei dem „professor primarius“ fur Physik und Metaphysik, Arnold Senguerd oder Senkward (1610-1667). In dieser Disputatio physica de Thermis wird nach einer Worterklarung die Frage uber den Ursprung der Warme in heiC en Quellen diskutiert, ob es sich um Reibung, brennenden Schwefel oder unterirdisches Feuer handle und eine kurze Zusammenstellung des Wissens der damaligen Zeit zur chemischen Beschaffenheit der Quellen geboten[17]

2.5.5 Anatomische Studien in Leiden 1660-63

Nach viermonatigem Aufenthalt verlaBt Stensen Amsterdam und immatrikuliert sich am 27. Juli 1660 an der Universitat zu Leiden. Fast vier Jahre wird er hier bleiben und in 13 wissenschaftlichen Abhandlungen sein Wissen und das Wissen seiner Zeit um Kenntnisse vor allem der Drusen - und Muskellehre und der Muskelstruktur des Herzens bereichern. Stark beeinfluCt wird er in dieser Zeit durch seinen Professor der praktischen Medizin, dem bedeutenden Iatrochemiker und Gehirnforscher Franz de la Boe, latinisiert Sylvius (1614-1672), der in seinen anatomischen Vorlesungen den Studenten wie Stensen, Reinieer de Graaf und Jan Swammerdam gegenuber den Grundsatz vertritt: „ In der Medizin und in den Naturwissenschaften darf nichts als wahr angenommen werden, auC er was die Erfahrung mit Hilfe der auC eren Sinne als wahr gezeigt oder bestatigt hat.“[18] Beliebt durch sein stattliches AuC eres sowie durch seine oratorische Begabung wuBte Sylvius seine Studenten durch den Unterricht am Krankenbett, zu dem er die jungen Mediziner als einer der ersten taglich fuhrte, durch sein umfassendes Wissen und durch seinen aufgeschlossenen Sinn fur das Neue zu begeistern[19].

In Johannes van Horne (1621-1670), Dozent fur Anatomie, Chirurgie und Botanik an der Universitat Leiden, der 1653 unabhangig von Pecquet den Ductus thoracicus beschrieben hatte, erhielt Stensen einen weiteren hervorragenden Lehrer. Horne wird in seinem 1662 in Leiden erscheinendem Anatomiebuch dem Ausfuhrungsgang der Ohrspeicheldruse als erster den Namen „Ductus Stenonianus“ geben.[20]

In Leiden gehort Stensen aber auch zu dem Kreis um den Philosophen Benedictus de Spinoza (1632-1677). Das Haus dieses „ Schopfers des liberalen Menschenbildes der Aufklarung‘ ‘[21] in Rijnsburg bei Leiden ist Ort zahlreicher Diskussionen von Studenten und Professoren der Universitat. Angeregt durch Spinoza, mit dem Stensen uber viele Jahre admodum familiaris - gut befreundet[22] bleibt, wird er in eine ernste religiose Krise gesturzt und beginnt an der lutherischen Orthodoxie zu zweifeln. Wahrend Spinoza jedoch die cartesianische Philosophie zu erweitern und zu vervollstandigen sucht, um so ein neues Weltbild zu schaffen, wird sich Stensen der philosophia perennis zuwenden, um in der christlichen Wahrheit seine ganze Erfullung zu finden.

Nachdem Stensen im Herbst 1663 seine universitare Ausbildung mit dem Ablegen seines Examens beendet hatte - der akademische Grad eines „Doktors der Medizin“ wird ihm jedoch erst am 4. Dezember 1664 in absentia verliehen -, erreicht ihn die Nachricht des Todes seines Stiefvaters, Johann Stichmann. Er reist nun nach Kopenhagen zuruck, einmal um seine familiaren Angelegenheiten zu ordnen, zum anderen sicher auch mit einer begrundeten Hoffnung auf eine Berufung an die heimatliche Universitit.

Im halben Jahr seines Aufenthaltes in Kopenhagen sammelt Stensen im Hinblick auf eine mogliche Professur die in Leiden gewonnenen Erkenntnisse in seiner Ko nig Friedrich III. gewidmeten Schrift De musculis etglandulis observationum specimen[23], die er im Sommer 1664 drucken laCt. Nachdem jedoch im Juni auch seine Mutter verstorben und am 29. August Matthias Jakobsen (Jacobaeus) als Professor berufen worden war, verlaC t Stensen Kopenhagen und reist uber Koln nach Paris, wo er spatestens am 7. November 1664 eintrifft.

2.3.4 Ein Jahr in Frankreich 1664-65

Als Stensen 1664 nach Paris gelangt, zahlt die franzo sische Weltstadt uber eine halbe Millionen Einwohner, vor drei Jahren hatte der nun 21jahrige Ludwig XIV. seinen beruhmten Satz: „L’etat c’est moi“ zu praktizieren begonnen, auBerhalb der Mauern erstand Versailles, schon bald sollten die europaischen Nachbarn die machtheischenden Interessen des jungen Sonnenkonigs zu spuren bekommen. Die franzo sische Vormachtstellung verbunden mit einer literarischen Blute durch ein „Siebengestirn klassischer Schriftsteller“ machen den Franzosen das 17. Jahrhundert zum „Le grand siecle“[24]

Ole Borch, der Lehrer und Freund aus Kopenhagen war schon 1663 in Paris eingetroffen, ebenso wie Jan Swammerdam, der Mitstudent aus Leiden. In Melchisedec Thevenot (1620-1694), dem allseitig gelehrten Bibliothekar Ludwig XIV., in dessen Haus sich ein Kreis von Wissenschaftlern versammelt aus dem 1665 die „Academie Royal des Sciences “ hervorgehen wird, finden Stensen und Swammerdam einen wohlwollenden Gastgeber und Forderer ihrer Arbeit. Aber auch im Kreis um den Mathematiker und eifrigen Anhinger Descartes, Jacques Rohault (1620-1675) konnen wir Stensen antreffen, wie auch bei den taglichen o ffentlichen Sektionen vor den Mitgliedern der „Ecole de medecine‘ ‘.

In den ersten Monaten vornehmlich mit Fragen der Embryologie beschaftigt, die schon seit der Dissektion eines Rochens in Kopenhagen[25] Stensens Interesse erweckt hatten, stellt das wissenschaftliche Hauptereignis dieser Pariser Zeit sicher der Discours sur lanatomie du cerveau[26] dar. Dieser im Fruhjahr 1665 im Hause Thevenots gehaltene Vortrag entpuppt Stensen, in dessen Schriften sich sonst nur ein sporadisches Interesse an der Anatomie des Gehirns findet, als umfassenden und aufrichtigen Kenner der Materie. Schon 1662

durch Descartes Abhandlung De Homine auf das Gebiet der Hirnanatomie hingelenkt, prasentiert Stensen hier ein Musterbeispiel seines klaren, analytischen Verstandes und seines Mutes zur Wahrheit. Von HERRLINGER als eines der groCen „Ignoramus“ - Bekenntnisse der Weltliteratur bezeichnet[27], gesteht Stensen gleich zu Anfang: Statt Ihnen Befriedigung Ihrer Wifibegierde bezuglich der Anatomie des Gehirns zu versprechen, lege ich hiermit das aufrichtige und ffentliche Gestandnis ab, dafi ich davon nichts verstehe. Ich mochte von ganzem Herzen wunschen, der Einzige zu sein, der so zu sprechen genftigt ist, denn ich konnte mit der Zeit von dem Wissen der anderen profitieren, und das wiirde ein grofies Gluck fur das Menschengeschlecht sein, wenn dieser Teil [das Gehirn], der am empfindlichsten von alien ist und sehr haufigen und sehr gefahrlichen Yankheiten ausgesetep ist, so gut bekannt ware, wie viele Philosophen und Anatomen sich einbilden[28]

Wiederholt auf die Vorrangigkeit der perso nlichen Beobachtung uber die Spekulation hinweisend, entwickelt Stensen in diesem Referat uber den Stand des Wissens der Zeit um Bau und Funktion des Gehirns eine ausfuhrliche Kritik an den uberlieferten Lehrmeinungen und besonders auch den hirnanatomischen Vorstellungen Descartes.

Verbringt Stensen den Sommer noch in Paris und beschreibt dort unter anderem auch die spater nach L.A. Fallot (1850-1911) benannte Tetralogie der HerzmiCbildungen in seiner erst 1673 vero ffentlichten Schrift Embryo monstro affinis Parisiis dissectu[29], verlaBt er am 16. September 1665 zusammen mit danischen Freunden die damals groCte Metropole Europas und verbringt nach dem Besuch mehrere franzo sischer Stadte die Wintermonate in der altesten Universitatsstadt Frankreichs, in Montpellier. Angeregt durch das Zusammentreffen mit groC en englischen Gelehrten wie dem Arzt und Grundungsmitglied der „Royal Society‘‘, William Croone (1633-1684), und den Naturforschern John Ray (1627-1705) und Martin Lister (1639-1685), die zu den Begrundern der systematischen Zoologie gehoren, wendet Stensen sein Interesse mehr zoologischen und chemischen Problemen zu, und vielleicht beruht auch seine Aufmerksamkeit fur geologische Fragen auf diesen Begegnungen.

Zu Beginn des Jahres 1666 nimmt Stensen sein Reise wieder auf und erreicht im Fiuhjahr Italien, das ihm zu einer zweiten Heimat werden soll.

2.3.5 Pisa-Rom-Florenz 1666-69

Als 28jahriger erreicht Steno die fuhrende Kulturnation Europas, dieses von wechselnden Herrschaftsanspruchen Spanien-Habsburgs und Frankreichs gebeutelte, in Klein- und Kleinststaaten aufgesplitterte Land, das dem Abendland und der Welt so vielfaltige Schatze aus Kunst und Wissenschaft geschenkt hat. Seit dem Frieden von Lodi (1454) besteht ein labil balanciertes Gleichgswicht zwischen den funf Politik und Wirtschaft des Landes bestimmenden Machte, es sind dies neben dem uberall fuhrendem

Florenz noch Mailand, der Kirchenstaat, Venedig und Neapel. Florenz erlebt die letzten Bluten einer uber mehr als 200 Jahre andauernden Leitung durch das Geschlecht der Medici. Geschickter Handel und Finanzierung der Papste hatten dieser Familie zur Macht verholfen, umsichtige Fuhrung sicherte die Zustimmung des Volkes, ein groCzugiges Mazenatentum hatte Florenz zu einem Brennpunkt von Kunst und Wissenschaft gemacht. 1628 trat Ferdinando II. (1610-1670) nach dem fruhen Tod des Vaters die Regierung als GroCherzog an, der kunstlerisch Interessierte und wissenschaftlich Begeisterte eroberte durch sein kluges und mutiges Verhalten vor allem zu Zeiten der Pest von 1630 und sein offenes und wohlwollendes Wesen bald die Herzen aller. Sein Bruder, Furst und spater Kardinal Leopoldo de Medici (1617-1676), forderte Handel und Gewerbe, war Mitglied der schon 1582 zur Pflege und Reinigung der italienischen Sprache gegrundeten Accademia della Crusca und treibende Kraft und Leiter der 1657 von Ferdinando II. gegrundeten Accademia del Cimento. Galileo Galilei (1564-1642) und seine Schuler wie Evangelista Torricelli (1608-1647) und Vincentino Viviani (1622-1703) selbst hatte in den Brudern als Lehrer die Begeisterung fur Mathematik und Naturwissenschaft geweckt und gebildet, die Grundung der Cimento-Akademie erfolgt im Geist Galileis in der Tradition der Platonischen Akademie. Als Stensen Ende Marz 1666 Pisa erreicht und dort aufs freundlichste und mit groC em Interesse fur sein anatomisches Wissen in der Winterresidenz der Medici empfangen wird, trifft er auch zum ersten Mal den jungen Prinz Cosimo (1642-1723), Sohn Ferdinandos, der spater bis zu Stenos Tod diesem als treuer Freund und Gonner zur Seite stehen wird. Erste italienische Freundschaften knupft der Dane in diesen Tagen auch zu dem jungen Professor der Anatomie in Pisa, Lorenzo Bellini (1643-1704), zu Carlo Fracassati (gestorben 1672), Freund von Malpighi und Mitarbeiter von Borelli und auch zu dem Mathematiker und spater zum Kardinal gekurten Angelo Ricci (1619-1682). Noch vor der Abreise der Medicis Ende April aus ihrer Winterresidenz verlaCt Steno - im sicheren BewuCtsein einer herzlichen Aufnahme in Florenz - Pisa und zieht weiter nach Rom. Uber diesen ersten Aufenthalt in der Ewigen Stadt wissen wir nur wenig, aus den Aufzeichnungen[30] Marcello Malpighiis (1628-1694) ist jedoch zu entnehmen, daC hier zwischen den beiden Gelehrten ein erster Austausch stattfindet, der sich von nun an in einem herzlichen und fruchtbaren Briefwechsel fortsetzen wird[31]. Im Juni treffen wir Steno, oder Niccolo Stenone, wie er in Italien haufig genannt wird, in Livorno, wo die Teilnahme an einer feierliche Fronleichnamsprozession Stensen zu einem neuen Uberdenken der Wahrheit und Wirklichkeit der Eucharistie anregt. So schreibt er in einem Brief an Lavinia Arnolfini, die in langen Glaubensgesprachen wesentlichen EinfluC auf seine Zuwendung zur katholischen Kirche nehmen wird: Ich befand mich %um Fronleichnamsfeste in Livorno, und als ich die Hostie mit so grtfier Prachtentfaltung durch die Stadtgetragen sah, stieg in mir dieser Gedanke auf: Entweder ist diese Hostie ein einfaches Stick Brot und diejenigen sind Toren, die ihm soviet Ehre erweisen, oder es ist der wahre Leib Christi, und warum verehre ich ihn dann selbst nicht [32]

2.3.5.1 Muskelforschung-Geologie-Palaontologie

Im AnschluB an diese ersten Schritte in Italien findet Stensen durch die wohlwollende Unterstutzung der Bruder Medici eine feste Bleibe in Florenz. Die erlesene Geisteskultur der Stadt, die hervorragenden Moglichkeiten zu anatomischen Studien und Sektionen, die sich im Hospital Santa Maria Nuova bieten, die uneingeschrankte Forderung durch die Medici und der zahlreiche Kontakt zu anderen Wissenschaftlern bilden ein fruchtbares Klima, das der Dane wohl zu nutzen weiB. Vorerst vervollstandigt Steno seine schon in Leiden begonnenen Studien zur Geometrie der Muskelkontraktion, seine Ergebnisse, die sicher auch Frucht einer anregenden Freundschaft zum Hofmathematicus Vincentino Viviani sind, liegen noch im Oktober 1666 druckfertig vor und erscheinen gedruckt im Fruhjahr 1667. Dieser Abhandlung Elemente der Muskellehre oder geometrische Muskelbeschreibung „3 sind Berichte uber zwei Sektionen angefugt, die die wohl genialste Forscherperiode Stensens einleiten sollten. Im Oktober 1666 und dann noch einmal im Marz 1667 hatte die Fugung dem Anatomen die Mo glichkeit zur Sektion zweier Haifische geboten. Neben einer mit gewohnter Grundlichkeit ausgefuhrten Beschreibung von Schleimkanalsystem, Lorenzinischen Ampullen, Seitenliniensystem, Auge und Augenhohle, Gehor und Gehirn in Zerlegung eines Carcharias-Haifischkopfes und einer Darstellung der Genitalorgane von Dalatias Licha in Beschreibung einer Haifischsektion fuhren vor allem die Beobachtungen an dem Carcharias-Schadel Stensen zu Folgerungen und Schlussen, die ihm letztlich den Weg zu Palaontologie und Geologie ero ffnen, als deren Begrunder er heute gilt. Auf Malta hatte man in groB er Zahl sogenannte Glossopetren oder Zungensteine gefunden, die man als Produkte einer „vis plastica“ zu deuten versucht hatte. Steno erkennt nun, daB es sich bei diesen Zungensteinen tatsachlich um fossile Haifischzahne handelt und entwickelt hiervon ausgehend ein abgeschlossenes Konzept zur Erforschung der Erdkruste und ihrer Schichten. Von nun an wird Stensen sein Interesse vornehmlich erdgeschichtlichen Fragen zuwenden und seine diesbezugliche Forschung erst im Jahr 1669 mit der Herausgabe des Prodromus de solido intra soliduni>4 beschlieBen.

2.3.5.2 Konversion

In dieser Zeit fruchtbarster naturwissenschaftlicher Forschung findet aber auch eine Entwicklung einen ersten AbschluB, die Stenos Leben noch einmal von Grund auf wenden und neu ordnen wird. Von Geburt her im Geiste der pietistischen Renovation zu einem gelebten Glauben gedrangt, in Holland durch das Erleben der religiosen Zersplitterung und in Leiden durch den materialistischen Pantheismus Spinozas herausgefordert, setzt Stensen zunachst seine Hoffnung auf den Cartesianismus als gesicherte Weltanschauung. Eklatante anatomische Irrtumer Descartes fuhren Steno jedoch bei der Untersuchung von Herz und Gehirn zu einer weit kritischeren Bewertung, die zum einen die cartesische Methode verinnerlicht, zum anderen jedoch ihre Grenzen deutlich erkennt. Angeregt durch das gute Beispiel katholischer Christen[33] [34] zuerst in Paris und dann vor allem in Italien beginnt Steno sich zunehmend mit der katholischen Glaubenslehre auseinanderzusetzen. Erste Glaubensgesprache unbekannten Inhalts sind uns aus Rom bezeugt, wo Stensen wiederholt mit den Jesuiten am Collegium Romanum diskutiert, ein piagendes Erlebnis muC die schon oben erwihnte Fronleichnamsprozession in Livorno gewesen sein. In Florenz findet der Dine dann vor allen in der Sankt-Klara-Schwester Flavia del Nero und der Edeldame Lavinia Felice Cenami Arnolfini, Ehefrau des Gesandten von Luca, katholische Ansprechpartner und Vorbilder, die seinen schwierigen Weg zur katholischen Kirche begleiten. Im AnschluC an ein ausfuhrliches Studium katholischer wie protestantischer Schriften entschlieCt sich Steno dann am Allerseelentag 1667 zur Konversion, am 7. November findet die offizielle Aufnahme in die Kirche statt, am 8. Dezember erbalt Stensen durch den Apostolischen Nuntius L. Trotti das Sakrament der Firmung.

2.3.5.3 Geologische Forschung in der Toskana

Am Tage der Firmung erreichte Steno die Berufung heim an den ko niglichen danischen Hof durch Frederik III.. Eine wohl begrundete Vorsicht veranlaCt den Danen jedoch, zunichst in einem Schreiben an seinen Ko nig die Konversion bekanntzugeben und um die Erlaubnis zu bitten, trotzdem der Berufung folgen zu durfen. Katholiken waren im Danemark des 17. Jahrhunderts nicht willkommen. Christian V. erlieC 1683 ein Gesetz, das bis zur Konstitution von 1849 gelten sollte, durch das alle Anhanger der „papistischen Religion" enterbt und des Landes verwiesen wurden, Geistlichen gegenuber sogar das Verhangen der Todesstrafe gestattet wurde. Professor Johann Wandal, Bischof von Seeland, hatte es kurz nach seiner Ernennung 1666 als vornehmste Ko nigspflicht erklart, im Reich nur das orthodoxe Luthertum zu beschutzen, alle anderen Religionen zu verbieten und des Landes zu verweisen und jede freie Religionsausubung zu verweigern[35]. Trotz des groC en wissenschaftlichen Interesses Frederik III. und der wohlwollenden Fursprache durch einen Jugendfreund Stensens, Peder Schumacher, mittlerweile zum Reichskanzler Griffenfeld geadelt, erfolgt tatsachlich die endgultige Berufung nach Kopenhagen erst mehr als vier Jahre spater, am 13. Februar 1672.

In standiger Erwartung des Rufes aus der Heimat beginnt Stensen nun aufs eifrigste die Vorarbeiten zu einem Ferdinand II. versprochenen Werk zu beenden. Mit einer „Dissertatio de solido" wollte Steno dem GroCherzog durch eine Zusammenstellung seiner erdgeschichtlichen Erkenntnisse fur dessen Wohlwollen und Unterstutzung danken. Als der toskanische Hof zu seiner Winterresidenz aufbricht, beginnt Steno die erste von drei Reisen, in denen er die Toskana durchkreuzen wird, um Forschungsmaterial zur weiteren Ausarbeitung seiner geologischen, palaontologischen und mineralogischen Thesen zu sammeln. Ist uns nur wenig uber diese Reisen erhalten, so ermoglicht die sorgsam gefuhrte Katalogisierung der Fundstucke in Stenos Indice[36] eine weitgehende Rekonstruktion ihres Verlaufes, wie sie Scherz in einer erweiterten Ausgabe seiner Doktorarbeit vorgenommen hat.[37] Steno sammelte die verschiedensten Materialien, Quarzkristalle, Smaragde und Diamanten, Steine und Erze, Muscheln, Schnecken und Fossilien. Auf semen geologischen Expeditionen durchstreift Steno die ganzlich aus FluB ablagerungen gebildeten Ebenen des Arnogebietes, er besteigt die an Mineralien so reichen Ho hen der Apuanischen Alpen und Apeninnen und bereist die Insel Elba, diese „geologische Perle des Mittelmeeres‘ wie sie PRELLER[38] genannt hat. In einem Brief vom 18. Mai 1668 an den Sekretar der Cimento-Akademie, dem gelehrten Mitglied der Crusca und Londoner Kgl. Akademie, Lorenzo Magalotti (1637-1712), gibt Steno uber seine weiteren Plane Auskunft: Ich bin ganz sicher, daft ich Florenz nicht in diesem Jahr verlassen werde, da ich Seiner Hoheit verspmchen habe, meinen Traktat uber die Erde und die in ihr gefundenen Korper zu vollenden, und ebenso gewisse Experimente uber das Blut.[39]

2.3.5.4 Prodromus

Doch wie so oft widersetzt sich der FluB des Lebens dem menschlichen Planen. Letztlich nicht geklarte Grunde zwingen Steno dazu, Florenz baldmoglichst zu verlassen. Vermutlich kam im Juni eine erneute Aufforderung aus Kopenhagen, das tatsachliche weitere Verweilen Stensens in Florenz bis November laB t sich moglicherweise durch das Abwarten auf die Zusicherung freier Religionsausubung in seinem Heimatland erklaren. Um zumindest Teile seines Versprechens einzuhalten, beginnt Stensen im Juli und August mit der eiligen Niederschrift einer „vorlaufigen Mitteilung‘ ‘, die er noch spater zu vervollstandigen beabsichtigte. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, es nie zu dieser Vervollstandigung kam, ist uns in diesem Prodromus de solido intra solidum contentur ein Werk gegeben, das damals wie heute in seiner Fulle bahnbrechender Erkenntnisse auf so engem Raum wohl unubertroffen ist.[40] Nicht einzelne Entdeckungen unter einer Menge von Irrtumern sind hier zusammengestellt, sondern bei einer verschwindend kleinen Anzahl von Fehlern, die zum Teil methodisch unanfechtbar und damals unvermeidbar waren, finden sich die Grundlinien und der GrundriB einer Wissenschaft, die von Stensen noch als Einheit gesehen, heute geteilt ist in Geologie, Palaontologie und Mineralogie.

2.3.5.5 Aufbruch aus Italien

Eine endgultige Bestatigung aus Kopenhagen lieB weiter auf sich warten, und so beginnt Steno im Spatherbst 1668 mit der Verwirklichung seiner Reiseplane im Dienste der Erdenwissenschaft. Das noch unveroffentlichte Manuskript des Prodromus bleibt bei Viviani, der es im Fruhjahr 1669 dem Druck ubergeben wird. Von Florenz aus mo chte Stensen zunachst Suditalien bereisen, um dann, im Falle immer noch ausbleibender Nachrichten aus Kopenhagen, die geplante groBe Studienreise durch Sudosteuropa zu verwirklichen. Mitte November ist Stensen im Rom des kurzen Pontifikats Clemens’ IX. bezeugt, nach kurzem Aufenthalt reitet er weiter nach Neapel und trifft dort wahrscheinlich den Arzt und Praktiker

[...]


[1] Zollner, N.: Die Erziehung zum Arzt. Eio ffnungsrede beim Wiesbadener KongreC 1986.

[2] Approbationsordnung fur Arzte (AAppO). Stand 1993. Deutscher Arzte-Verlag Ko ln.

[3] Jensen, Michael: Bibliographia Nicolai Stenonis. M „rke, 1986.

[4] Am 23. Oktober 1988 durch Papst Johannes Paul II .

[5] Troels, Kardel: Steno: Life, Science, Philosophy. Acta hist. Scient. Nat. et Med. Vol. 42. Copenhagen. 1994.

[6] OTH I:, p. 394

[7] Eilersen schreibt im Liber Scholae: ,,Anno 1652 trat eine schwere Blutseuche auf, die den Juli, August und September hindurch

anhielt, und wir konnten in diesen Monaten wegen der Leichen nichts auf der Schule lesen. Doch war die bo chste Zahl in jener Schwache 21, die am Tag zu versorgen waren“ (d.h. zu begraben). Vgl. Scherz, Gustav.: Biogtaphie.

[8] Nicolai Stenonis de glandulis oculorum novisque earundem vasis observatioies anatomicae. OPH I: p. 77.

[9] OPH I: p. 196

[10] Chaos. Niels Stensen’s Chaos-manuscript Copenhagen, 1659. Complete edition with Introduction, Notes and Commentary by Ausgust Ziggelaar. The Danish National Libary of Science and Medecine. Copenhagen. 1997 .

[11] Chaos, Col. 32, N32. Zit. nach Scherz, Biographie. Bd.1 .

[12] Chaos, Col. 58-59: Peccant in Dei Majestatem, qui non ipsa naturae opera inspicere volunt, sed aliorum lectione contenti fingunt et fabricant sibi vana figmenta, atque ita non solum non fruuntur jucunda mirabilium Dei inspectione, sed et tempus necessariis et proximi commodo dandum perdunt, multaque Deo indigna statuunt. Tales scholatici illi, tales plurimi philosophi et illi, qui totam aetatem logico studio impendunt. Tempus itaque non placitis stis explicandis et defendendis, imo vix examinandis impendendum, nec temere et praecipitanter ex observata re aliqua statuendum arti. Nec tempus meditationibus adhuc tribuero, sed soli inspectioni, experientiae, reumque naturalium et historiarum talium a veteribus observaturum notationi, et in eas inquiationi, si fieri potest.

[13] Chaos, Col. 12, N6: Deus omnia videt et praevidet, crntaque, quae eveniunt, ab illo et ad ejus nominis gloriam.. .

[14] Heida, Ulrike: Niels Stensen in den Bezehungen zu medizinischen Fachkollegen seiner Zeit. Berlin. 1986. p. 12 .

[15] Der Weg Stensen von Kopenhagen nach Amsterdam lBt sich heute nicht mehr gazlich nachvollziehen. Nach HEIDA liegt der Schluft nahe, daft Stensen die Reise nach HollandfUr einige Zeit in Rostock unterbrach.. Heida, Ulrike: Niels Stensen in den Beziehungen zu medizinischen Fachkollegen seiner Zeit. Berlin. 1986.

[16] Im Apologiaeprodromus, in dem sich Stensen gegen die Anschuldigungen Blasius im Zuge des Prioritatenstreites um den Ductus parotideus wehrt, meint Stensen, er habe bei Blasius nichts als vulgares et nudas operationes Chymicasgelernt. OPH I: p. 147.

[17] Scherz, Gustav: Niels Steensen’s first dissertation. Journal of the history of medecine and allied sciences 15. New York. 1960. p. 247

264.

[18] Scherz, Biographie. Bd.1.

[19] ibid.

[20] ibid.

[21] Bierbaum, Max. Faller, Adolf. Niels Stensen: Anatom, Geologe und Bischof. Minster. 1979.

[22] OTH 1, p. 94.

[23] OPH I, 15.

[24] Clevenot, Michel: Licht und Schatten - das Zeitalter des Barock, Edition Exodus, Luzern 1997

[25] OPH I, 16

[26] OPH II, 18.

[27] Herrlinger, R.: Auf der Suche nach dem Sitz der Seele. Kopenhagen, 196(3

[28] Scherz G.: Pionier der Wissenschaften. Kopenhagen, 1963 .

[29] OPH II, 20.

[30] Malpighi, Marcello: Opera posthuma, p. 43.

[31] Vgl. Epistolae 1,p. 46 ff., 248-250 und Scherz G.: Pionier der Wissenschaften. Kopenhagen, 1963, p. 314.

[32] Nicolai Stenonis epistola ad Laviniam Arnolfini de euchanstia. OTH I, p. 1-17.

[33] Nicolai Stenonis elementorum myologiae specimen, seu musculi descriptio geometrica. Cui accedunt canis carachiae dissectum caput, et dissectus piscis ex canum genere. Ad Seremssimum Ferdinandum II Magnum Etruriae Ducem. Florentinae 1667. OPH II, 22.

[34] Nicolai Stenonis de solido intra solidum natutaliter contento dissertationis prodromus. Ad Serenissimum Fedinandum II. Magnum Etruriae Ducem. Florentinae 1669. OPH II: 27.

[35] Helweg, Ludwig: Den danske Kirkes Historie efter Refcrmationen. Bd. 1, Kobenhavn, 1851.

[36] Indice di cose naturali, forse dettato da Niccolo Stenone. Gedruckt in: Scherz, Gustav: Nicolaus Steno and his Indice. Acta hist. Scientiarium Nat. et Med. 15, 1958. Beachte: „ forse<c-vielleicht bedeutet nicht Zweifel an der Abfassung dieses Kataloges durch Stensen, sondern nur die UngewBheit, ob er ihn selbst geschneben oder einem anderen diktiert hat. (Vgl. Bierbaum/Faller, p. 37)

[37] Scherz, Gustav: Nicolaus Steno and his Indice. Acta hist. Scientianum Nat. et Med. 15, 1958.

[38] Preller, C. p. du Riche: Italian Mountain Geology. London, 1918 .

[39] Hall, A. Rupert: The Correspondence of Henry Oldenburg. Milwaukee, 1965.

[40] Vgl. Scherz: Biographie. p. 227.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Niels Stensen in Leiden
Hochschule
Universitas Budapestinensis de Semmelweis nominata  (Institut für Hygiene)
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
94
Katalognummer
V8336
ISBN (eBook)
9783638153287
ISBN (Buch)
9783640864546
Dateigröße
1072 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stensen, Anatomie, Herz, Muskel, Drüsen, Ethik, Religion
Arbeit zitieren
Max-Joseph Kraus (Autor), 1999, Niels Stensen in Leiden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8336

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