Kaum ein literarisches Werk des deutschen Mittelalters verweist so häufig auf die sozialen Funktionen und ästhetischen Vorstellungen von Musik wie Gottfried von Straßburgs Tristan. Dies gilt sowohl für die narrative Ebene als auch für eine abstraktere Ebene, auf der die Wirkungsweisen von Musik und Kunst vom Autor reflektiert werden. Inwieweit solche reflektierenden Passagen, aber auch intertextuelle Verweise auf die David- und Orpheusmythen, eine Einordnung des Werkes in musikgeschichtliche Zusammenhänge und damit einen interdisziplinären Interpretationsansatz ermöglichen, soll auf den folgenden Seiten untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1.) Der ritterliche Spielmann – Musik im Tristan
2.) Zur Forschung
3.) Zur Vorstellung von Musik im Mittelalter
4.) Natur und Musik
5.) Soziale Funktionen von Musik im Tristan
6.) Tristan und Îsots musikalische Kompetenzen
7.) Musik als Mittel des Realitätsverlustes
8.) Rückblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle von Musik in Gottfried von Straßburgs Werk „Tristan“. Dabei steht insbesondere die Frage im Fokus, inwieweit Tristans musikalisches Wirken als Spielmann, seine Einbettung in ein harmonisches Weltbild und die damit verbundene psychologische Macht der Musik – etwa durch das Auslösen von Realitätsverlust – zur Charakterisierung seiner Person und zur Reflexion über Kunst beitragen.
- Die musikalische Figur Tristan als Idealbild höfischer Bildung und Kompetenz.
- Der Zusammenhang zwischen Natur, Musik und dem höfischen Raum.
- Die soziale und therapeutische Funktion von Musik im mittelalterlichen Kontext.
- Die Instrumentenkunde im Tristan und deren Bedeutung für den Status des Helden.
- Die Macht der Musik als Mittel des Realitätsverlustes bei den Zuhörern.
Auszug aus dem Buch
4.) Natur und Musik
Schon früheste Überlegungen zu Musik, ihren Eigenschaften und Funktionen, kommen ohne den Verweis auf Natur nicht aus. Ovid etwa stellt in seiner Schilderung des Orpheusmythos eine klare Verbindung zwischen dem Musiker und seiner natürlich sichtbaren wie auch kosmisch unsichtbaren Umwelt her:
Solch einen Wald hatte der Sänger herbeigezogen und saß mitten im Kreis der wilden Tiere und in der Vögel Schwarm. Als er hinreichend die Saiten mit dem Daumen angeschlagen und gestimmt hatte und sie bei aller Verschiedenheit der Töne harmonisch zusammenklingen hörte, erhob er seine Stimme zu folgendem Lied: „Mit Jupiter, Muse, du meine Mutter, denn Jupiters Macht muß alles weichen, laß meinen Gesang beginnen!13
Gottfrieds Kenntnis der Orpheusgeschichte wird vom Autor selbst in der Nennung und Bewertung zeitgenössischer Dichter bestätigt: „ich waene, Orphêes zunge,/diu alle doene kunde,/diu doenete ûz ir munde.“ [4788 ff.] Bezeichnender jedoch ist die Gestaltung Tristans nach dem antiken Vorbild Orpheus. Tristan beherrscht zahlreiche Instrumente, tritt aber vor allem als Harfenspieler auf. Îsot wird im Zusammenhang mit ihrer Liebe zu Tristan wiederholt als Vogel bezeichnet und den Rückzug des Paares in die Minnegrotte schildert Gottfried als Leben im Einklang mit Flora und Fauna. Gerade die Anwesenheit der wilden waltvogelîn erinnert an das von Ovid beschriebene Bild des von „wilden Tieren und der Vögel Schwarm“ umgebenen Harfenspielers Orpheus.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Der ritterliche Spielmann – Musik im Tristan: Einführung in die Bedeutung von Musik auf der narrativen Ebene sowie deren Reflexion als Kunstform im Werk.
2.) Zur Forschung: Diskussion des Forschungsstandes, insbesondere der Analyse von Peter K. Stein zur Rolle der Musik im epischen Gefüge.
3.) Zur Vorstellung von Musik im Mittelalter: Erläuterung der mittelalterlichen Musiktheorie, basierend auf Boethius und dem Idealbild der Harmonie.
4.) Natur und Musik: Untersuchung der Verbindung zwischen Orpheus-Mythos, Tristans Musikalität und der Rolle der Natur im Roman.
5.) Soziale Funktionen von Musik im Tristan: Analyse der Musik als Trostspender und Motivationswerkzeug im höfischen Kontext.
6.) Tristan und Îsots musikalische Kompetenzen: Darstellung der umfangreichen Ausbildung der Protagonisten im Umgang mit verschiedenen Musikinstrumenten.
7.) Musik als Mittel des Realitätsverlustes: Erörterung der psychologischen Wirkung von Tristans Spiel, das seine Zuhörer die Realität vergessen lässt.
8.) Rückblick: Zusammenfassende Betrachtung von Musik als Symbol für Tristans Überlegenheit und als Mittel der Selbstdarstellung des Autors.
Schlüsselwörter
Tristan, Gottfried von Straßburg, mittelalterliche Musik, Harfenspiel, Musiktheorie, Orpheus-Mythos, höfische Bildung, Minne, Realitätsverlust, Instrumentenkunde, Boethius, Diskant, Literatur des Mittelalters, Musikästhetik, höfischer Roman.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die vielfältige Bedeutung und Funktion von Musik in Gottfried von Straßburgs „Tristan“ und untersucht, wie Musik zur Charakterisierung der Hauptfiguren beiträgt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der mittelalterlichen Musiktheorie, der Ausbildung der Protagonisten, der sozialen Funktion von Musik am Hof und der Macht der Musik als psychologisches Instrument.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musik im Tristan als Medium der Minne, Machtfaktor und Symbol für die höfische Perfektion des Helden fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext des Tristan-Epos unter Einbezug von mediävistischer Sekundärliteratur und musikgeschichtlichen Quellen interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Zusammenhang zwischen Natur und Musik, die musikalischen Kompetenzen von Tristan und Îsot sowie die Macht der Musik zur Erzeugung von Realitätsverlust detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Tristan, Musik, Harfenspiel, Orpheus-Mythos, höfische Bildung, Realitätsverlust und Mittelalter.
Warum spielt die Harfe eine solch zentrale Rolle im Text?
Die Harfe dient als Stamminstrument Tristans und Îsots und ist im Mittelalter mit therapeutischen Kräften sowie einem apollinischen Status verbunden.
Welche Bedeutung hat das mysteriöse Instrument "sambiût"?
Die Erwähnung des sambiût dient Gottfried dazu, Tristans universelle Bildung durch das Beherrschen sogar exotischer Instrumente zu unterstreichen.
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- Jana Sotzko (Author), 2007, „Ouch sang er wol ze prîse“ - Tristan als Spielmann und die Macht der Musik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83412