Kritik bekannter deutscher Schreibschriften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

12 Seiten, Note: 1,3 (excellent)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Sütterlinschriften

3 Die Lateinische Ausgangsschrift (LA)

4 Die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA)

5 Die Schulausgangsschrift (SAS)

6 Fazit

7 Fußnoten

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Laufe der Zeit entstanden in Deutschland verschiedene Schreibschriften, die als Ausgangsschriften angelegt worden sind. Im Folgenden werden einige bekannte nebst Kritikpunkten vorgestellt. Bis auf die unter 2 Die Sütterlinschriften genannten, werden derzeit alle an deutschen Schulen unterrichtet.

Für Schreibschriften ist Lesbarkeit (durch deutliche Buchstaben, klare Verbindungsstriche und ausgewogener Ober- und Unterlängen)[1], zügige, ermüdungsfreie und schnell automatisierbare Schreibbarkeit[2] sowie eine Verformungsresistenz bei erhöhter Schreibgeschwindigkeit (um die Lesbarkeit von Buchstaben zu erhalten)[3] wichtig. Da Geschwindigkeitsgewinn immer auf Kosten der Lesbarkeit geht, müssen Schrift und Schreiber die Fähigkeit haben beziehungsweise vermittelt bekommen, das Verhältnis beider Ziele gezielt bestimmen zu können.[4] Und da Schreiben schnell automatisiert wird[5] und komplexe Schriften mehr Fehler ermöglichen, ist eine möglichst einfache Schrift anzustreben, damit sich weniger Fehler im muskularen Gedächtnis festsetzen.

Des Weiteren existieren Meinungen, Buchstaben müssten aufgrund von Lesbarkeit „von einfacher, gut lesbarer und in jeglicher Kombination unveränderlicher Form sein“.[6]

2 Die Sütterlinschriften

Die Sütterlinschriften sind zwei verschiedene Ausgangsschriftalphabete. Zum einen in deutscher und zum anderen in lateinischer Schrift.[7] Die eckigen Formen der deutschen Sütterlinschrift erwiesen sich als stabiler Faktor, die runden Girlanden, Arkaden und Doppelbögen der lateinischen führten zu typischen Verformungen (‚Bogenitis‘).[8] Diese Verformungen kommen durch häufige Drehrichtungswechsel zustande, weil durch entgegengesetzt wirkende physikalische Kräfte die motorische Steuerungsfähigkeit herausgefordert wird[9] und diese durch schnelleres Schreiben versagt oder bewusst aufgegeben wird. Das ist bei der deutschen Sütterlinschrift weitaus seltener. Die spitzen Formen kann man zügiger und formstabiler schreiben, sie haben aber den Nachteil, dass beim Aufeinandertreffen mehrerer Buchstaben mit eckigen Formen (c, e, m, n, w) diese nicht mehr zweifelsfrei voneinander zu unterscheiden sind.

3 Die Lateinische Ausgangsschrift (LA)

Da die LA als gebundene Erstschrift entwickelt wurde (gebunden bedeutet, dass alle Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden werden[10]) und das Wiedererkennen von Druckbuchstaben somit nicht Ziel war,[11] kam es dazu, dass sich ihre Großbuchstaben nicht an die der Druckschrift anlehnten[12], sodass die LA als eine neue Schrift gelernt werden muss, was für Kinder zusätzlich zum Erlernen der Druckschrift eine weitere Lernbelastung darstellt.

Genau wie bei der lateinischen Sütterlinschrift treten aufgrund der vielen Drehrichtungs­wechsel auch bei der LA die gleichen Probleme auf: Verformungen und vermindertes Schreibtempo. Da die Drehrichtungswechsel hauptsächlich innerhalb von Buchstaben vorkommen, gibt es außerdem die Meinung, dass aufgrund dieser asynchronen Buchstaben- und Bewegungs­struktur „für Kinder die Zusammenhänge von ‚Lautung und Schreibung‘“ verwischen.[13] Insbesondere zusätzlich dadurch, dass Stellen an denen die Bewegung kurz zum Stillstand kommt (Bewegungshaltepunkte, Haltestellen, Geschwindigkeitsnullpunkte) sich meistens innerhalb von Buchstaben und nicht an deren Ende befinden.[14]

Ein Teillösung des Problems wären bogenförmige Aufstriche mit Drehrichtungswechsel (zum Beispiel bei m, n) gegen schräge zu ersetzen, bei denen kein Drehrichtungswechsel vorhanden ist.[15]

Die Schreibgeschwindigkeit wird des Weiteren durch die hohe Anzahl der Deckstriche (die entstehen, da eine Schreibschrift um schnell Verbundenheit herzustellen im Gegensatz zu einer Druckschrift nicht nur aus Abstrichen besteht) verlangsamt. Einerseits weil diese zusätzliche, zeitraubende Bewegung keine neue Schriftform produziert und andererseits weil Kinder für die Erzeugung wirklich deckender Deckstriche mehr Energie in Motorik und deren Überprüfung investieren müssen. Trotzdem können Deckstriche eine zeitsparende Alternative zu anderen Schreibungen sein: Beim Anhalten einer Schreibbewegung wirkt eine Verzögerungskraft in die entgegengesetzte Schreibbewegung. Zum Weiterschreiben ist eine Beschleunigungskraft notwendig. Es muss also mehrfach Kraft aufgewendet werden, ein Umstellungsprozess in der Schreibmotorik und eine psychische Neuorientierung erfolgen. Soll aber ein Deckstrich erzeugt und somit in die entgegengesetzte Richtung geschrieben werden, wirken Verzögerungs- und Beschleunigungskraft in die gleiche Richtung, wodurch ein zusätzlicher Kraft- und Denkaufwand vermindert und so weniger Zeit benötigt wird.[16] Das führt auch bei manchen Kindern dazu, dass die ersten und letzten beiden Striche des M eher zur Realisation eines U führen.

Von Vorteil ist, dass in der LA der im Deutschen häufigste Buchstabe e ohne Deckstrich geschrieben wird.[17]

Um das energie- und zeitintensive Anhalten und Neuorientieren bei Haltepunkten zu vermeiden, unterlassen es viele (zum Beispiel bei den Abstrichen von b, o, r, w) und nutzen als alternative Schreibweise eine Verschleifung.[18]

Beobachten kann man auch das Weglassen der Aufstriche bei Ober- und Unterlängenschleifen durch Luftsprünge. Erklärt wird das mit dem geringeren Schreibdruck bei Auf- als bei Abstrichen, sodass ersterer leichter in einen Luftsprung übergehen kann[19] und durch die eingesparte Schreibarbeit auch Zeit spart.

Da beim verbundenen Schreiben ohne Luftsprünge sich immer mehr unnötiger Druck bis zum Wortende aufbaut,[20] haben sie nicht nur eine Zeitsparfunktion sondern erhöhen auch die Ausdauer beim Schreiben. Diese Sprünge bedeuten übrigens nicht, dass das Prinzip einer gebundenen Schrift aufgegeben werden müsste, da ein Luftsprung nicht automatisch eine Schreiblücke bedeuten muss.

[...]


[1] Vergleiche Taschenlexikon Grundschule. Herausgegeben von Barbara Kochan und Elisabeth Neuhaus-Siemon. In Verbindung mit Gertrud Beck und Theodor F. Klaßen. Königstein/Ts.: Scriptor Verlag GmbH Co. KG 1979. Seite 392.

[2] Vergleiche Jürgen W. Hasert. In: Didaktik der deutschen Sprache. Band 1. Herausgegeben von Ursula Bredel. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh GmbH 2003. Seite 310.

[3] Vergleiche ebenda.

[4] Vergleiche Rosemary Sassoon. In: OBST. Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie. Schriften Schreiben. Herausgegeben von Jürgen Hasert und Jakob Ossner. Oldenburg: Redaktion OBST 1998. Seite 141.

[5] Vergleiche ebenda. Seite 142.

[6] Siehe Gabriele Krichbaum. In: Handbuch Grundschule. Band 2. Fachdidaktik: Inhalte und Bereiche grundlegender Bildung. Herausgegeben von Dieter Haarmann. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 1993. Seite 102.

[7] Vergleiche Kurt Warwel. In: Germanistische Linguistik. Aspekte der Schrift und Schriftlichkeit. Herausgegeben vom Forschungsinstitut für deutsche Sprache. Deutscher Sprachatlas Marburg/Lahn. Jürgen Baurmann, Klaus-B. Günther und Ulrich Knoop. Hildesheim – Zürich – New York: Georg Olms Verlag 1988. Seite 92.

[8] Vergleiche ebenda. Seiten 94 bis 95. Und Martin Hermersdorf. In: Handbuch des Deutschunterrichts im ersten bis zehnten Schuljahr. Erster Band. Herausgegeben von Alexander Beinlich. Begründet von Ignatz Gentges und Heinrich Lentz. 5., stark erweiterte und verbesserte Auflage. Emsdetten/Westf.: Verlag Lechte 1969. Seite 592.

[9] Vergleiche Heinrich Grünewald: Schrift als Bewegung. Empirische Untersuchungen über die Bewegungsstruktur der Lateinischen Ausgangsschrift und das schreibmotorische Verhalten. Herausgeber: Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Abteilung Pädagogische Psychologie (Leitung Prof. Dr. Bernhard Kraak). Weinheim/Bergstr.: Verlag Julius Beltz 1976. Seiten 45 und 77 bis 79.

[10] Vergleiche Helga Ahlgrimm. In: Grundschule. Zeitschrift für die Grundstufe des Schulwesens mit „Mitteilungen des Arbeitskreises Grundschule e. V.“. 24 (1992). Heft 12. Seite 16.

[11] Vergleiche Günther Schorch. In: Didaktik der deutschen Sprache. Seite 282.

[12] Vergleiche Jakob Ossner: Sprachdidaktik Deutsch. Eine Einführung. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh GmbH 2006. Seite 141.

[13] Siehe Gudrun Spitta: Von der Druckschrift zur Schreibschrift. 4. Auflage 1995. Frankfurt am Main: Cornelsen Verlag Scriptor GmbH Co. 1988. Seite 69. Und vergleiche Heinrich Grünewald. Schrift als Bewegung. Seiten 117 bis 118.

[14] Vergleiche ebenda.

[15] Vergleiche Martin Hermersdorf. Seite 593.

[16] Vergleiche Heinrich Grünewald. Schrift als Bewegung. Seiten 54 bis 56.

[17] Vergleiche Jakob Ossner. Seite 141.

[18] Vergleiche Heinrich Grünewald. Schrift als Bewegung. Seiten 59 bis 61.

[19] Vergleiche ebenda. Seiten 64 bis 65.

[20] Vergleiche Norbert Mai und Christian Marquardt. In: Einblicke in den Schriftspracherwerb. Herausgegeben von Ludowika Huber, Gerd Kegel und Angelika Speck-Hamdan. Braunschweig: Westermann Schulbuchverlag GmbH 1998. Seite 97.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Kritik bekannter deutscher Schreibschriften
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Schriftspracherwerb
Note
1,3 (excellent)
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V83433
ISBN (eBook)
9783638899734
ISBN (Buch)
9783638905428
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Schreibschriften, Schriftspracherwerb, Schreibschrift, Lateinische Ausgangsschrift, LA, Vereinfachte Ausgangsschrift, VA, Schulausgangsschrift, SAS, Sütterlin, Sütterlinschrift, Sütterlinschriften, Deutsche Sütterlinschriften, Lateinische Sütterlinschriften, Bogenitis, Lateinische, Vereinfachte, Ausgangsschrift, Schreiben
Arbeit zitieren
Jens Hofmann (Autor), 2007, Kritik bekannter deutscher Schreibschriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83433

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