Vernünftige Prügel und offener Geist

Kinder in der bürgerlichen Welt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

21 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

GLIEDERUNG

1 Einleitung

2 Bürgerliche Welten – Erklärungsversuche und zeitliche Begrenzung

3 Bürgerliche Kindheit im Licht der historischen Forschung
3.1 Budde: Erschaffung der Kindheit – Erziehungsraum „Bürgerfamilie“

4 (Konstruierte) Biographien bürgerlicher Kinder
4.1 Johann Heinrich Schulze (1687-1744), Wunderkind aus Colbitz und Professor in Halle
4.2 Dorothea Schlözer (1770-1825), Doktorin der Philosophie 1787
4.3 Clara Wieck (1819-18), Leipziger Wunderkind und Klaviervirtuosin
4.4 Fazit I

5 Recherchierter) Lebensalltag bürgerlicher Kinder im 18. und 19. Jh.
5.1 Kindheitsbeschreibungen in Selbstzeugnissen
5.2 Erziehung
5.3 Alltag und Festbräuche
5.4 Freizeit, Spiele und Spielzeug
5.5 Fazit II

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Dasein von Kindern in der bürgerlichen Welt. Ziel soll sein, den Begriff einer bürgerlichen Kindheit eng mit dem Begriff einer bürgerlichen Erziehung zu verknüpfen. Anlehnend an die Arbeiten von Gunilla-Friederike Budde[1] soll so ein Zusammenhang zwischen bürgerlichem Selbstverständnis – im Wandel der Zeiten – und bürgerlicher Kinderwelten aufgezeigt werden.

Weniger der Begriff des Kindes als der einer „bürgerlichen Welt“ wirft Probleme auf, die zuvorderst einer Klärung bedürfen: Was ist die bürgerliche Welt und wodurch hebt sie sich von anderen Welten ab? Derartige Probleme sollen im Kapitel 2 näher beleuchtet werden.

Ausgehend von der Zielstellung, Kinderwelten im bürgerlichen Milieu aufzuzeigen, wird im Folgenden die Forschungsmeinung von Gunilla-Friederike Budde zur bürgerlichen Kindheit als „Erziehungsweg“[2] vorgestellt.

In einem ersten Hauptteil werden drei Biographien bürgerlicher Kinder vorgestellt, zwischen denen mindestens eine Generation liegt. Hier wird der Frage nachgegangen, inwiefern ein vorhandenes Bürgertum sich Idealkinder konstruierte und welche Möglichkeiten ihm dabei zur Verfügung standen. Der in den Franckeschen Stiftungen des 17. Jahrhunderts ausgebildete Schneidersohn Schulze geht der Gelehrtentochter Schlözer voran, welche in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine vom Vater auf sie ausgerichtete Ausbildung erhält. Ferner die Tochter des Leipziger Musikalienhändlers Wieck, der seiner Tochter eine bürgerliche Ausbildung im Sinne der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angedeihen lässt. Ferner steht die Frage, welche Rückschlüsse sich aus den kindlichen Lebensläufen in Bezug auf ihr Selbstbild und ihre Einstellung gegenüber den Eltern(teilen) ziehen lassen, im Mittelpunkt dieses Kapitels. Möglicherweise gibt es ein konstruiertes Idealbild vom Kind in der bürgerlichen Welt. In einigen herausragenden kindlichen Lebensläufen wird deutlich, dass eine Annäherung an dieses Idealbild explizit versucht wird.

Im Gegensatz zu den „bekannten“ Biographien bürgerlicher Kinder sollen in einem nächsten, thematisch abgegrenzten Hauptteil kindliche Lebenswelten am Beispiel autobiographischer Zeugnisse des 18. und 19. Jh. aufgezeigt werden. Die zeitliche Begrenzung geschieht unter Rücksichtnahme auf die Fülle des Materials. Unter Bezugnahme auf eine Arbeit von Anita Meschendörfer[3] hierbei soll weniger ein angenommener Wandel von Lebenswelten im Vordergrund stehen, sondern die Darstellung alltagsgeschichtlicher Gegebenheiten in bürgerlichen Kindheitsbeschreibungen.

Welche Erziehungsziele liegen der „normalen“ bürgerlichen Familie zugrunde? Welche bürgerlichen Traditionen und Bräuche in Bezug auf die Lebenswelt der Kinder lassen sich herausarbeiten? Auf welche Weise wird den Kindern ihre bürgerliche Rolle näher gebracht, inwieweit internalisierten oder hinterfragten sie diese? Und wie verbringen bürgerliche Kinder ihre freie Zeit? Hierbei wird insbesondere auf Spielzeug und Selbstbeschäftigungen bürgerlicher Kinder eingegangen.

2 Bürgerliche Welten – Erklärungsversuche und zeitliche Begrenzung

Das Bürgertum als solches ist weder eine Erfindung noch eine Erscheinung, die sich in einem neuzeitlichen Jahrhundert herausgebildet hat[4]. Dennoch lässt sich im Umfeld der Staatslehre des 17. Jahrhunderts eine Herausbildung eines spezifisch neuzeitlichen Bürgerbegriffs feststellen. Beim Überblicken der unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „Bürger“ heben sich der Stadtbewohner, das Mitglied des bürgerlichen Standes, der Staatsuntertan sowie der Bürger in seiner spezifischen Qualität als Momente heraus.

Die Entstehung des modernen „Bürgertums“ verbindet sich mit der Herausbildung eines einheitlichen Untertanenverbandes im 18. Jahrhundert. Im Zuge der deutschen Aufklärung beginnt sich der Begriff der Bürgers in die Positionen des Staatsbürgers einerseits und des „Privatbürgers“[5] andererseits aufzuteilen.

Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts definierte sich als gesellschaftliche Instanz im erheblichen Maße durch seine spezifische Kultur, im allgemeinen als „bürgerliche Lebensweisen“[6] akzeptiert.

In diesem Sinne ist von der „prekären Einheit“ des Bürgertums gesprochen worden. Dabei wird die Frage, wer eigentlich zum Bürgertum gehört, zunächst mit der Einschränkung, es handele sich auf jedem Fall um eine Minderheit der Bevölkerung, behandelt. Jürgen Kocka gibt für das 19. Jahrhundert eine Zahl von 13% der Gesamtbevölkerung an[7]. Besitz und Bildung werden als grundlegende Qualifikationskriterien der gesellschaftlichen Formation „Bürgertum“ herausgestellt und stecken damit den Rahmen der zugehörigen Berufs- und Sozialgruppen ab.

Mit dem Begriff der „societas civilis“[8] als Konzept der Autonomie ist versucht worden, die Eigenständigkeit einer bürgerlichen Gesellschaftsschicht herauszuarbeiten. Für uns ist dies insofern von Bedeutung, als nach Belegen für diese Eigenständigkeit vor allem im Hinblick auf die Erziehung der Kinder gesucht werden soll.

3 Bürgerliche Kindheit im Licht der historischen Forschung

3.1 Budde: Erschaffung der Kindheit – Erziehungsraum „Bürgerfamilie“

„Bürgerinnen und Bürger wurden nicht geboren: Lang war der Erziehungsweg ins Bürgerleben“.[9] Gunilla Friederike Budde vertritt in ihrer Arbeit die These einer Vermittlungsinstanz bürgerlicher Kultur, die sie als „Erziehungsraum Bürgerfamilie“[10] bezeichnet. Ausgehend von der Tatsache, dass das Bürgertum am ehesten über materielle Mittel und die nötige Motivation verfügte, ihren Kindern eine bewusste und reflektierte Erziehung zu ermöglichen, erarbeitet Budde ein Konzept der Weitergabe bürgerlicher Prinzipien unter dem Motto „Erziehung statt Geburt“[11] als abgrenzendes und definierendes Konzept bürgerlichen Selbstverständnisses.

Zur Erforschung der Entwicklung dieser Prinzipien in einem innerfamiliären Erziehungsprozess lenkt sie den Blick auf die Familie als Ort, wo die „Elemente eines […] kulturellen Überlieferungsprozesses“[12] vorrangig auffindbar sind. Budde erklärt die Familie zu einem Kernbereich, in dem Klassen- und Geschlechtsidentitäten hergestellt, angepasst und zwischen den Generationen tradiert werden. Dabei macht sie deutlich, dass die einzelnen Mitglieder dieses Mikrokosmos nicht nur als Bürgerinnen und Bürger, sondern vor allem als Frauen und Männer, Kinder und Erwachsene betrachtet werden müssen. Besonders interessante Fragestellungen betreffen die Grenzen bürgerlicher Utopie sowie den Stellenwert von Autorität und Gehorsam innerhalb des familiären Gefüges.

Insbesondere die Auffassung, bürgerliche Familien seien einzigartig in ihrer Betrachtung von Kindern in ihren altersspezifischen Eigenarten, sowie in der Abschottung der Familie als Privatsphäre gegenüber dem Berufsbereich und der Reduktion auf die lediglich aus Eltern und Kindern bestehende Kleinfamilie[13], ist für diese Arbeit von Interesse.

Die bürgerliche Welt hebt sich spätestens ab dem 18. Jh. durch eigene Rituale, Symbole etc. von anderen sozialen Welten auch in ihrem Selbstverständnis ab. Dieses ausgeprägte Selbstbewusstsein wird auch deutlich bei der Erziehung der bürgerlichen Kinder und durch sie erst ermöglicht. Aus den kindlichen Lebensläufen müssten sich daher Rückschlüsse auf ihr Selbstbild und ihre Einstellung gegenüber ihren Eltern ziehen lassen.

Gleichwohl die Erörterungen Buddes sich vornehmlich auf das 19. Jahrhundert beziehen, dienen sie vorliegender Arbeit als Argumentationsgrundlage. Ausgegangen wird von einem bereits vor dem frühen 19. Jahrhundert (siehe oben) entwickelten bürgerlichen Selbstverständnis, welches sich in der Einstellung zum Kind aber auch in erzieherischen Grundsätzen widerspiegelt.

Lothar Gall hat im Hinblick auf eine allgemeine Bürgertums-Geschichte darauf hingewiesen, dass eine zusammenfassende Darstellung aufgrund dazu notwendiger Abstraktionen und Verallgemeinerungen nicht leistbar ist[14]. Seine Lösung bestand in einer familiengeschichtlichen Darstellung. In gewissem Sinne daran anknüpfend soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, anhand der Darstellung ausgewählter Kinderbiographien ein bürgerliches Kinderideal herauszuarbeiten, welches sich lediglich durch die zur Verfügung stehenden institutionellen Gegebenheiten unterscheidet. Inhaltliche bzw. ideelle Gemeinsamkeiten bzw. Wandlungen sollen dabei gefunden und dargestellt werden.

[...]


[1] Budde, G.-F, Auf dem Weg ins Bürgerleben, Göttingen 1994.

[2] Dies., S. 11.

[3] Meschendörfer, A., Bürgerliche Kindheit im Deutschland des 18. Jahrhunderts anhand autobiographischer Zeugnisse, Frankfurt/M. u.a. 1991.

[4] Vgl. Riedel, M., Bürger, Staatsbürger, Bürgertum. In: Brunner, O./Conze, W./Koselleck, R. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart 19944, S. 672-725.

[5] Ebd. S. 685.

[6] Kocka, J., Bürgertum im 19. Jahrhundert. Band 1: Einheit und Vielfalt Europas, Göttingen 1995, S. 17.

[7] Kocka, a.a.I., S. 10.

[8] Vgl. hierzu: Art. „Bürgerliche Gesellschaft“. In: Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, Bd. 1, Darmstadt 1985.

[9] Budde, a.a.O., S. 11.

[10] Dies., S. 25.

[11] Dies., S. 11.

[12] Dies., S. 12.

[13] Vgl. Budde (1994), S. 25f.

[14] Vgl. Gall, L., Bürgertum in Deutschland, Berlin 1989. Besonders: „Ideal und Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft“, S. 17-20.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vernünftige Prügel und offener Geist
Untertitel
Kinder in der bürgerlichen Welt
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Geschichte der Kindheit
Note
1,4
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V83442
ISBN (eBook)
9783638899772
ISBN (Buch)
9783638905435
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vernünftige, Prügel, Geist, Geschichte, Kindheit
Arbeit zitieren
Norman Grüneberg (Autor), 2007, Vernünftige Prügel und offener Geist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83442

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