Die Umwelt der Gesellschaft

Zwischen Angst und Aktionismus


Seminararbeit, 2007
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und Zielsetzung der Arbeit

2. Soziale Systeme in der Peripherie der Umweltdebatte?
2.1. Die Resonanzfähigkeit einzelner Systeme auf Umweltreize
2.2. Politik
2.3. Wirtschaft
2.4. Die Rolle der Massenmedien

3. Angstkommunikation

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Thema und Zielsetzung der Arbeit

Man mag von einer postmodernen oder zweiten Moderne sprechen – abseits stetig ausgetragener Begriffsdebatten lässt sich ein Phänomen in nahezu jedem Bereich der Gesellschaft beobachten: Ein gesteigertes Interesse am Thema Umweltschutz, dessen Fokus sich in den letzten Jahren immer stärker auf das Thema Klimaerwärmung konzentriert hat. Hatte sich seit den Achtzigerjahren, auch im Zusammenhang mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl, ein beträchtlicher Teil der gesellschaftlichen Kommunikation auf den Aspekt der Angst vor unkontrollierbaren Risiken konzentriert, ist allerdings spätestens seit 2007 ein stärkerer Aktionismus Thema der öffentlichen Meinung, der sich nicht mehr ausschließlich auf soziale Bewegungen beschränkt, sondern das Gesellschaftssystem als Ganzes zu erfassen scheint: Als Impression genügt ein Blick in das vorabendliche Fernsehprogramm, in dem zu selbstverantwortlichen Handeln aufgerufen wird (Vgl. Pro7 2007). Nicht die Kommunikation einer Hilflosigkeit gegenüber ökologischen Problemen, sondern die gesellschaftsweite Kommunikation eines Aktionismus, einer Handlungskompetenz gewinnt die Oberhand – begleitet von einer Vielzahl oft kontroverser wissenschaftlicher Zukunftsprognosen. Diese Arbeit stellt sich allerdings weder die Frage, welche Theorien denn nun die Antwort auf eines der prominentesten Probleme der nachmodernen Menschheit geben können, noch welche die Wirklichkeit akkurat abbildet. Ich möchte in diesem Rahmen vielmehr primär der Frage nachgehen, welche gesellschaftliche Funktion einerseits die Kommunikation von Angst in diesem Zusammenhang erfüllt und erfüllt hat; andererseits in diesem Kontext jedoch auch darauf zu sprechen kommen, inwiefern ein gesellschaftlich koordiniertes Handeln im Bezug auf Umweltprobleme in einer dezentralisierten Gesellschaft wie die der Industriestaaten überhaupt noch möglich ist. Hierzu werde ich im zweiten Kapitel (S. 4) beleuchten, wie unterschiedlich die Resonanz einzelner Teilsysteme auf ein Problem ausfällt, das im Grunde als gesamtgesellschaftliches Umweltproblem in zweierlei Hinsicht gesehen werden kann, nimmt man Bezug auf Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme (Vgl. Luhmann 1987, 242 ff). Hierzu werde ich die Teilsysteme Politik (2.2, S. 5), Wirtschaft (2.3, S.7) und Massenmedien (2.4, S. 10) exemplarisch analysieren.

Das dritte Kapitel (S. 12) setzt sich anschließend mit einer gesamtgesellschaftlichen Kommunikation von Angst auseinander. In diesem Zusammenhang möchte ich die These aufstellen, dass Angstkommunikation einerseits erst auf Grundlage der Ausdifferenzierung jener unterschiedlicher Teilsysteme als funktionales Äquivalent zu kollektiv bindenden Werten verstärkt auftreten konnte, diese Art der Kommunikation aber wiederum als Basis einer weitreichenden Resonanz in den einzelnen Teilsystemen gelesen werden kann. Hierzu werde ich kurz auf die Funktion von Widerspruch und Konflikt eingehen. Dass hierbei Verbreitungsmedien eine tragende Rolle spielen, sei hier bereits am Rande erwähnt.

Vorwegnehmen möchte ich, dass im abschließenden Teil (S. 14) der vorliegenden Arbeit keine Lösungen auf das betrachtete Problem gesucht werden, sondern ich vielmehr zusammenfassend darauf eingehen werde, welches Problem den beobachtbaren Phänomenen zu Grunde liegt und wo auch eine systemtheoretische Betrachtung auf ihre eigenen Grenzen stößt, diese aber keineswegs als Unzulänglichkeiten einer Theorie gesellschaftlicher Betrachtung gesehen werden können, sondern vielmehr Ausdruck ihrer eigenen Aussagen sind.

2. Soziale Systeme in der Peripherie der Umweltdebatte?

2.1. Die Resonanzfähigkeit einzelner Systeme auf Umweltreize

Betrachtet man die Gesellschaft im Zuge der Modernisierung so lässt sich die Autonomisierung gesellschaftlicher Teilbereiche beobachten. Anstelle einer zentralen Instanz mit gesamtgesellschaftlicher Kontrollkompetenz, wie sie im Mittelalter noch durch Adel und Klerus gegeben war, treten „gleichberechtigte“ Teilsysteme, die strikt nach ihrer eigenen Logik funktionieren. Niklas Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „operativen Schließung“ im Zuge der „Funktionalen Differenzierung“ (Luhmann 1997, S. 131). Diese Spezialisierung einzelner Teilbereiche führt letzten Endes zu einer Leistungssteigerung, die in einer „Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens, sowohl in Bezug auf die eigenen Operationen als auch auf die gesellschaftsinterne und die gesellschaftsexterne Umwelt der Funktionssysteme “ begründet liegt (Luhmann, ebd).[1]

Im Hinblick auf das betrachtete Problem lässt sich zusammenfassend formulieren, dass ein gesellschaftliches Subsystem zwar über eine Offenheit gegenüber seiner Umwelt verfügt, diese aber auf einer Sinngebung auf Basis eines systeminternen, binären Codes und damit auf systemspezifischer Geschlossenheit beruht. Folglich werden Umweltreize, die nicht der spezifischen Funktionalität des jeweiligen Systems entsprechen, nicht zu Information, worunter wir mit Luhmann „ein Ereignis […] bezeichnen […], das Systemzustände auswählt“ (Luhmann 1987, S. 102). Dies wiederum „ist nur anhand von Strukturen möglich, die die Möglichkeiten begrenzen und vorsortieren“ (Luhmann, ebd.). So entsteht systemintern Sinn, der aber stets die Komplexität einer kontingenten Umwelt als latente Seite einer Unterscheidung mittransportiert und somit als Ergebnis einer Selektion von Information zu verstehen ist.

Diese Annahme soll vorerst genügen, theoretisch zu erklären, dass sich eine gesellschaftliche Wahrheit in Form eines kollektiv verbindlichen Gesellschaftsbildes nicht beobachten lässt. Vielmehr lässt sich die Gesellschaft von einer Beobachterperspektive aus in verschiedene Teilperspektiven aufschlüsseln, die als Folge spezifischer Operationsweisen, das heißt, Unterscheidungen der Teilsysteme beobachtet werden können[2]. Ich möchte diese zentrale Grundannahme autopoietischer Reproduktion einzelner Teilsysteme (Vgl. Luhmann 1987, S. 60ff) nun im folgenden Abschnitt anhand empirischer Daten überprüfen. Hierzu werde ich mehrheitlich Bezug auf einzelne Zeitungsartikel[3] nehmen, die zwar eine Reflektion des Beobachtungsprozesses unabdingbar machen[4], jedoch gleichermaßen einen Blick auf verschiedene Teilsysteme erlauben.

2.2. Politik

Politik hat seit jeher eine Ausnahmestellung unter den gesellschaftlichen Systemen zugeschrieben bekommen. Auch Luhmann bemerkt, dass „die Gesellschaft selbst […] aufgrund von Anregungen, die auf Platon und Aristoteles zurückgehen, als politisch konstituiertes System begriffen[…]“ wurde und noch heute wird (Luhmann 1990, S. 167). Man muss keine Bücher wälzen um mitzubekommen, dass die Politik auch in den letzten Jahren unter enormen Glaubwürdigkeitsverlusten leidet. Dass diese, wie im Volksmund öfter einmal skandiert wird,

weniger mit der „Unfähigkeit der Politiker“ (www.deutschland-debatte.de 2007) zusammenhängen, sondern Ausdruck und Folge jener Sonderstellung sind, die die Politik seit jeher innehat und auch immer wieder selbst zu bestätigen sucht, wird immer wieder vernachlässigt – auch im Bereich des Selbstverständnisses der Politik. So fasst Luhmann treffend zusammen: „Noch heute wird gesellschaftliche Integration oder Lösung aller anderswo nicht lösbaren Probleme zentral von der Politik erwartet. […] So reproduziert sie Hoffnungen und Enttäuschungen und lebt davon, dass die Themen, an denen dies geschieht, hinreichend rasch ausgewechselt werden können. “ (Luhmann 1990, S. 167-168) Als Beispiel hierfür lässt sich anführen, dass das Angstwort Arbeitslosigkeit bereits Ende letzten Jahres an Bedeutung verloren hat (Vgl. Institut für Medienanalyse 2006) und vermehrt Begriffe wie Klimaschutz, globale Erwärmung und CO²-Debatte die Medien und auch die politische Landschaft prägen. Hier generieren Massenmedien die öffentliche Meinung, die der Politik als „der eigentliche Souverän differentielle Chancen der Wiederwahl suggeriert“ (Luhmann 1990, S. 175). Nur so ist es zu erklären, dass eine Partei wie die konservative und wirtschaftsorientierte CDU mittlerweile auf ein Thema umgeschwenkt ist, dass seit jeher von den Grünen vertreten wurde (Vgl. www.netzeitung.de 2007). Hier treten deutlich der Universalitätsanspruch und die Offenheit des politischen Systems hervor, variabel auf verschiedene Themen zu reagieren. Doch um mit Luhmann zu fragen: „Wen sollte man zu welchem Verhalten unmittelbar zwingen, um das Verhältnis der Gesellschaft im Ganzen zu ihrer Umwelt zu verbessern?“ (Luhmann 1990, S. 176-177) Luhmann hält in seinen Schriften zu Soziologischen Aufklärung selbst die Antwort parat: Ein politisches System, das Teil einer komplexen Gesellschaft ist und in dieser bestehen will, muss gleichermaßen hohe Komplexität zum Stabilisierungsfaktor machen, das heißt, es muss dafür sorgen, „dass Zwischenlösungen ausreichend lange stabil gehalten werden und eine Überleitungsfunktion erfüllen können“ (Luhmann 1991, S. 171). Das System hat keinen Sonderstatus inne, sondern ist gezwungen, innerhalb seiner eigenen Autopoiesis zu operieren. In diesem Sinne werden kollektiv bindende Entscheidungen unter der Ausübung von Macht bei wachsender Komplexität der Gesellschaft zunehmend instabil. Und gerade die ökologische Problematik verlangt nach Langfristigkeit, ist dabei aber in ihren Risiken und Folgen auch in gleichem Maße ungewiss. Sie wird zu einer „projezierten Variable […] deren Relevanz und Bedeutung direkt proportional zu ihrer Unkalkulierbarkeit und ihrem Bedrohungsgehalt wächst[…]“ (Vgl. Beck 1986, S. 45). Damit steht die Politik vor einem Dilemma: Langfristigkeit und Unkalkulierbarkeit lässt sich nicht dem relativ kurzfristigen Aspekt der Wiederwahl vereinbaren. Ich möchte auf Basis dieser Überlegungen im Folgenden die These vertreten, dass sich die Politik in ihren Entscheidungen beim Thema Umweltschutz in erster Linie auf eine Einschaltung in das Rechtssystem und das Wirtschaftssystem verlegt (Vgl. Luhmann 1990, S. 178).

[...]


[1] Der beschränkte Umfang der Arbeit soll an dieser Stelle Grund genug sein, nur kurz auf die zugrundeliegenden theoretischen Annahmen der Systemtheorie Niklas Luhmanns einzugehen. Ich werde mich folglich darauf beschränken, ausschließlich theoretisch relevante Aspekte im Bezug auf die Resonanzfähigkeit einzelner gesellschaftlicher Teilsysteme und ihre autopoietische Funktionsweise kurz zu erläutern.

[2] Der Wissenschaftler selbst wird hier von Luhmann zum Beobachter mit einer, ihm innewohnenden, Perspektive „degradiert“ und hat dies im Forschungsprozess zu reflektieren.

[3] Die Zitierfähigkeit von Zeitungsartikeln im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten umstritten; nicht zuletzt um der wissenschaftlichen Logik Willen. Sie werden folglich im Rahmen dieser Arbeit ausschließlich als gesellschaftliche Phänomene behandeln – ebenso verhält es sich mit sämtlichen Verweisen auf Internetseiten. Dennoch sind sämtliche Quellen im Literaturverzeichnis aufgeführt.

[4] Hierbei muss nicht nur die wissenschaftliche Perspektive reflektiert, sondern gleichermaßen bedacht werden, dass die Produktion öffentlicher Information wiederum der Logik des Systems der Massenmedien unterliegt. Bezieht man diese Vorüberlegungen jedoch in den Forschungsprozess mit ein, so lassen sich letzten Endes auch aus dieser Einsicht interessante Erkenntnisse schöpfen. Ich werde darauf im Zuge der Analyse von Angstkommunikation noch einmal zu sprechen kommen.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Umwelt der Gesellschaft
Untertitel
Zwischen Angst und Aktionismus
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziale Systeme
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V83632
ISBN (eBook)
9783638000543
ISBN (Buch)
9783638910545
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umwelt, Gesellschaft, Soziale, Systeme
Arbeit zitieren
Florian Schulz (Autor), 2007, Die Umwelt der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83632

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