Summerhill und Lietz - Ein Vergleich


Seminararbeit, 2007

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Entstehung der Landerziehungsheime

3. Alexander S. Neill – Summerhill
3.1 Menschen- und Gesellschaftsbild
3.2 Das pädagogische Konzept Neills
3.2.1 Organisation
3.2.2 Erziehungsprinzipien, Ziele und Methoden

4. Das Konzept des Landerziehungsheims nach Hermann Lietz
4.1 Weltanschauliche, politische, gesellschaftstheoretische und religiöse Orientierung
4.2 Lietz’ Kritik an der Schule seiner Zeit
4.3 Lietz’ Landerziehungsheime
4.3.1 Lebensweise und Organisation in Lietz’
4.3.2 Aufgaben und Ziele der Erziehungsschule von Lietz
4.3.3 Methoden und Mittel

5. Die Landerziehungsheime nach Neill und Lietz im Vergleich

6. Quellenverzeichnis:
6.1 Literatur
6.2 Internetdokumente

7 Anhang
7.1 Alexander S. Summerhill
7.2 Hermann Lietz
7.3 Tagesablauf in Haubinda 1906
7.4 Tagesablauf in Summerhill 1960

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich die Landerziehungsheime von Hermann Lietz und Alexander Sutherland Neill untersuchen und hinsichtlich ihrer Menschenbilder, Erziehungsziele und Methoden vergleichen. Beide Modelle sind im auslaufenden 19. Jahrhundert, bzw. in den Anfängen des 20. Jahrhundert im Zuge der Reformpädagogik entstanden und äußern sich als eine besondere Form des Internats.

Im ersten Teil meiner Hausarbeit werde ich mich zunächst kurz mit dem Phänomen Landerziehungsheim befassen.

Im zweiten Teil werde ich die Landerziehungsheime von Neill und Lietz thematisieren. Hierzu stelle ich die jeweiligen Lebensläufe von Alexander S. Neill und Hermann Lietz in den Anhang, um diese als Grundlage für die weitere Herangehensweise zur Verfügung zu haben. Um beide Modelle vergleichen und eventuelle Unterschiede herausarbeiten zu können werde ich beide Schulkonzepte anhand gleicher Aspekte untersuchen.

Zunächst werde ich mich mit Neills Landerziehungsheim Summerhill beschäftigen. Hier gehe ich zunächst auf Neills Menschenbild ein dem sein Konzept von Summerhill zugrunde liegt. Danach werde ich die Organisation seines Internates vorstellen, um abschließend auf seine Erziehungsziele, -methoden und –prinzipien zu sprechen zu kommen.

Im folgenden Kapitel werde ich mich mit der Person Hermann Lietz und seinem Landerziehungsheimkonzept beschäftigen. Hierzu werde ich ähnlich wie bei Neill vorgehen. Nachdem ich auf Lietz’ Menschen- bzw. Gesellschaftsbild eingegangen bin und der mit diesem Bild einhergehenden Gesellschaftskritik werde ich anschließend sein Konzept thematisieren und hierbei Augenmerk auf die Organisation und Lebensweise in den Internaten legen.

Im abschließenden dritten Teil dieser Arbeit werde ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Konzepte darstellen und zusammenfassen.

2. Die Entstehung der Landerziehungsheime

Die Entstehung der Landerziehungsheime ist auf die schul- und gesellschaftskritischen Impulse des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückzuführen.[1]

Der Ursprung der Landerziehungsheime liegt in England. Initiiert von Cecil Reddie stellte Abbotsholme, gegründet im Jahr 1889, den Anfangspunkt der Landerziehungsheimbewegung dar, welche in Deutschland ihren Höhepunkt fand. Abbotsholme wurde schließlich in der ganzen Welt zu einem Synonym für die „neue Erziehung“. Reddies Motiv war seine Kritik am bestehenden traditionellen Schulsystem und seine Forderung nach einer lebensnahen Bildung und einem inneren Zusammenhang im Lehrprogramm. Seine Erziehung sollte eine ganzheitliche sein, die die Ausbildung des Nachwuchses „für die verantwortlichen Ämter in der Gesellschaft“[2] sicherstellte. Disziplin und Liebe waren der erzieherische Ansatz in Abbotsholme, denn Reddie sah die Hauptaufgabe seiner Schule darin „dem Kinde seine Umwelt und das Leben zu erklären und es dazu zu bringen, die Verbesserung von beidem zu unterstützen. Das kann man durch eine Kombination von [beidem] erreichen“[3].

Auf Abbotsholme folgte 1893 die Gründung von Bedales in Hampshire, England durch John Haden Badley. Ein Merkmal dieser Schule war die konsequente Befürwortung der Koedukation, welche im ausgehenden 19. Jahrhundert bis dato noch nicht üblich war.[4]

Das erste deutsche Landerziehungsheim wurde von Lietz im Jahre 1898 gegründet. Er wollte hiermit das ungesunde Klima der Stadt durch einen Aufenthalt auf dem Land umgehen, das Versagen oder Fehlen des Elternhauses durch das wohnen im Heim entgegensetzen und die Charakterbildung durch eine sowohl asketische, als auch eine realistisch-weltzugewandte Erziehung fördern. Der Name Landerziehungsheim ist hier also programmatisch gemeint.[5] Den Anstoß zur Gründung der Heime hatte Lietz durch seine Erfahrungen an der Übungsschule in Jena, den Privatschule in Klötschenbroda sowie in Abbotsholme in England erhalten. Die Idee der Landerziehungsheime von Lietz hängt mit einer von der Außenwelt weitgehend abgeschlossenen Erziehung zusammen.[6] Junge Menschen sollten außerhalb der als verderblich eingeschätzten Zivilisation, fern der Städte und mittels einer gesunden, naturnahen und vernunftgemäßen Lebensweise zu „brauchbaren Staatsbürgern“[7] erzogen werden. Hierauf wird in Kapitel 5 und 6 dieser Arbeit genauer eingegangen werden.

Neills Landerziehungsheim Summerhill reiht sich in die Folge der englischen Landerziehungsheime ein. Im folgenden Kapitel soll sein Konzept ausführlicher vorgestellt werden.

3. Alexander S. Neill – Summerhill

Die Schule Summerhill wurde 1921 von Alexander S. Neill gegründet. Sie ist von ihrer Organisation, ihrer Philosophie und Ausrichtung her ganz Kind der reformpädagogischen Bewegung ihrer Gründungszeit.

In den folgenden Unterkapiteln wird zunächst Neills Menschen- und Gesellschaftsbild thematisiert. Anschließend wird Neills pädagogisches Konzept anhand seiner Schule Summerhill dargelegt werden, um es abschließend in dieser Arbeit mit dem Erziehungskonzept von Hermann Lietz vergleichen und eventuelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede darlegen zu können.

3.1 Menschen- und Gesellschaftsbild

Neills Kindheit, die von Angst, Repressionen, dem Zwang zu Lernen, Misserfolgen und den moralischen Vorschriften der damaligen Zeit geprägt war machte ihn zu einem großen Gesellschaftskritiker wodurch er sich in die Tradition der Reformpädagogen einreiht.[8] Seine beinahe durchweg negativ benetzten Kindheits- und Lebenserfahrungen beeinflussten Neills Menschen- und Gesellschaftsbild außerordentlich und gaben auch die Prägung seiner Schule Summerhill vor; sie wurden zu einem auslösenden Moment seiner späteren Erziehungskritik. Seine Maxime lautete, dass das Ziel alles erzieherischen Handelns sei die Kinder zu glücklichen Menschen zu machen.

Neill kritisierte die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und er klagte an, dass „unsere Erziehung, unsere Politik, unser Wirtschaftssystem zum Kriege führe“[9]. Zudem erklärte er, dass die Gesellschaft Massenmenschen mit einer unechten religiösen Lebensweise produzieren würde.[10] Durch die vorangegangene industrielle Revolution und der Entwicklung von Maschinen und Technik sei nach Neill zwar ein Fortschritt erkennbar, aber das soziale Gewissen der Welt sei immer noch primitiv.[11]

Zudem war Neill schon früh überzeugt davon, dass Prügelstrafe, Religion und Gesellschaft nicht nur in einem ursächlichen Verhältnis zueinander stehen, sondern auch, dass körperliche Züchtigung weder Freiheit und Demokratie, noch eine gesunde Entwicklung ermöglichten.

Rousseaus Überzeugung folgend postulierte auch Neill, dass er daran glaube, „dass das Kind kein schlechtes, sondern ein gutes Wesen sei […] und [sich] unbeeinflusst von Erwachsenen […] entsprechend seinen Möglichkeiten [entwickelt]“[12]. Es besitze alle Voraussetzungen, das Leben lieben zu können und an ihm interessiert zu sein. Jegliches Fehlverhalten eines Kindes, seien es schlechte Manieren oder gewalttätige Handlungen, sei weder durch Veranlagung hervorgerufen, noch durch sein Herz; solches Verhalten sei entweder erlernt oder durch Nachahmung übernommen.[13]

3.2 Das pädagogische Konzept Neills

Haupteinflüsse Neills waren zu einem die Erfahrungen mit Homer Lane und dessen Resozialisierungsprogramm „Little Commonwealth“ und der Schule „King Alfred“ und zum anderen die Psychoanalyse Freuds. Zudem werden ihm Einflüsse Rousseaus nachgesagt, wobei er stets behauptete, dass er Rousseau nicht einmal gelesen habe. Von Lane übernahm er die Idee der Selbstverwaltung, welche ein Grundpfeiler seiner Schule Summerhill werden sollte.

Im folgenden Unterkapitel wird Neills pädagogisches Konzept genauer vorgestellt werden. Hierzu wird zunächst die Organisation der Schule Summerhill dargestellt und im Anschluss daran die Erziehungsprinzipien, die eine Antwort auf die Frage geben, welche Aufgaben und Ziele Neill mit Summerhill verfolgte und mit welchen Methoden er dies zu erreichen suchte.

3.2.1 Organisation

Summerhill befindet sich in Leiston 150km süd-östlich von London an der Ostküste Englands. Es handelt sich hierbei um ein Internat, welches heutzutage auch von Tagesschülern besucht werden kann. Summerhill ist eine private Schule ohne staatliche Unterstützung. Die Schule ist nach der Maxime der Selbstverwaltung organisiert und ist laut Klemm „Prototyp einer antiautoritären Schule moderner Prägung“ einzuordnen, wobei Neill selbst den deutschen Begriff der Antiautorität stets ablehnte. Die Zahl der Schüler variiert stetig von anfänglich 13 bis heutzutage 60 (2006) Mädchen und Jungen unterschiedler Nationalitäten.[14] Das Schulgebäude besteht aus einem Haupthaus und mehreren Nebengebäuden.

Die Schüler sind je nach Altersgruppen untergebracht, welche jeweils von einer Hausmutter betreut werden. Die Zimmer werden von je zwei oder drei Schülern geteilt. Im Gegensatz zu üblichen Internaten finden in Summerhill jedoch keine Zimmerinspektionen oder dergleichen statt. Die Schüler müssen selber aufräumen und werden hinsichtlich ihrer Räume gänzlich sich selbst überlassen.

Auch bezüglich der Kleidung gibt es keine Vorschriften oder gar, wie sonst in England üblich, Schuluniformen, so kann von den Kindern jederzeit getragen werden was sie wollen.

Der Unterricht ist freiwillig und auf Noten, Prüfungen und Zeugnisse wird weitgehend verzichtet. So werden Prüfungen nur abgelegt, wenn dies zur Absolvierung regulärer, staatlicher Abschlussprüfungen (GCSE, Anm. d. Autorin) und zu deren Vorbereitung gewünscht wird.[15] Hinsichtlich des Unterrichts werden ausschließlich für die Lehrer Stundenpläne erstellt, welche jeweils zu Beginn eines Trisemesters angefertigt werden. Diese Pläne haben für die Schüler jedoch keinen normierenden Charakter, sie geben ihnen nur Bescheid darüber wo gerade welcher Lehrer welchen Unterrichts abhält. Zudem können Lehrer in ihrem Unterricht zwar Hausaufgaben aufgeben, doch sind auch diese nicht verpflichtend. So gibt es meist nur Hausaufgaben während der Vorbereitungsphase für Prüfungen, doch besteht auch hier ein gegenseitiges Einverständnis zwischen Lehrer und Schüler.[16] Demnach bietet Summerhill seinen Schülern freie Gestaltungsmöglichkeiten bezüglich ihres Schulalltags.[17]

Freizeitangebote können auch von außerhalb wahrgenommen werden, so ist ein Kinobesuch bei den älteren Schülern sehr beliebt. Zudem hielt Neill während seiner Zeit als Leiter der Schule einmal wöchentlich einen Psychologievortrag für seine Mitarbeiter und ältere Schüler. Theaterproben oder ähnlich besondere Ereignisse finden Freitagabends statt.[18] Heutzutage gibt es die anfänglich üblichen Privatstunden für Schüler und die Psychologievorträge Neills nicht mehr. Die früher wöchentliche Schulversammlung wird zur Zeit jedoch an vier Tagen der Woche abgehalten.[19]

Einmal wöchentlich wird zudem eine Vollversammlung einberufen an der sowohl Schüler, als auch Lehrer teilnehmen. Hier werden alle Regeln, mit Ausnahme einiger weniger Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, der Schulgemeinschaft besprochen, aufgestellt oder auch abgeschafft. Diese Regeln werden durch Abstimmungen beschlossen, bei welchen Lehrer und Schüler gleiches Stimmrecht haben. Da die Schüler in der Überzahl sind können sie somit auch Regeln beschließen, welche die Lehrer nicht für gut befinden. Jegliche Regulierungen und auch Bestrafungen von Vergehen werden von der Schulgemeinschaft beschlossen. Somit ist Summerhill, wie bereits eingangs erwähnt, eine demokratische, selbstverwaltende Schule. Viele dieser Regeln sind saisonabhängig und werden je nach Brauchbarkeit geändert. So variiert die Zahl der Vorschriften derzeit zwischen 150 und 250 Regeln, welche zum Beispiel das Klettern auf Bäumen während Dunkelheit und Nässe oder das Fahren von Fahrrädern ohne Bremse verbieten.[20]

[...]


[1] Vgl. Grunder 1996, S. 223.

[2] Röhrs 2001, S. 133.

[3] Ebd., S. 135.

[4] Vgl. Röhrs 2001, S. 137.

[5] Vgl. Badry 1979, S. 154.

[6] Vgl. Grunder 1996, S. 221.

[7] Ebd.., S. 227.

[8] Vgl. ebd., S. 133.

[9] Neill 1969, S. 16.

[10] Vgl.ebd., S. 16.

[11] Vgl. ebd., S. 41.

[12] Röhrs 2001, S.141.

[13] Vgl. Neil 1969, S. 14.

[14] http://www.summerhillschool.co.uk/q-a.pdf, Seite 6, Zugriff am 5. März 2007.

[15] http://www.summerhillschool.co.uk/q-a.pdf, Seite 1, Zugriff am 5. März 2007.

[16] http://www.summerhillschool.co.uk/q-a.pdf, Seite 3, Zugriff am 7. März 2007.

[17] Die Darstellung eines typischen Tagesablaufs in Summerhill im Jahr 1960 ist, zum Vergleich mit Lietz’s Landerziehungsheim Haubinda, in den Anhang gestellt.

[18] Vgl. Neill 1969, S. 30f.

[19] http://www.summerhillschool.co.uk/q-a.pdf, Seite 9, Zugriff am 11. April 2007.

[20] http://www.summerhillschool.co.uk/q-a.pdf, Seite 9, Zugriff am 11. April 2007.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Summerhill und Lietz - Ein Vergleich
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Pädagogik)
Veranstaltung
Internationale reformpädagogische Modelle
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V83661
ISBN (eBook)
9783638000642
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Summerhill, Lietz, Vergleich, Internationale, Modelle
Arbeit zitieren
Britta Wirth (Autor), 2007, Summerhill und Lietz - Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83661

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