Das Seiende, das Gute und das Vollkommene und ihr Verhältnis zueinander in Thomas von Aquins „Summa theologica“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vollkommenheit
2.1. Die vierte Frage: Gottes Vollkommenheit
2.1.1. Der erste Artikel: Ist Gott vollkommen?
2.2.2. Der zweite Artikel: Finden sich in Gott die Vollkommenheiten aller Dinge vereinigt?
2.3. Zweite Frage, dritter Artikel: Gibt es einen Gott?
2.4. Zusammenfassung

3. Das Seiende und das Gute – Die fünfte Frage
3.1. Der erste Artikel: Ist das Gute sachlich vom Seienden verschieden?
3.1.1. Die Behauptungen
3.1.2. Die Antwort
3.1.3. Widerlegung der Behauptungen
3.2. Der zweite Artikel: Ist das Gute begrifflich früher als das Seiende?
3.2.1. Die Behauptungen
3.2.2. Die Antwort
3.2.3. Widerlegung der Behauptungen
3.3. Der dritte Artikel: Ist alles Seiende gut?
3.3.1. Die Behauptungen
3.3.2. Die Antwort
3.3.3. Widerlegung der Behauptungen

4. Das Verhältnis von Seiendem, Gutem und Vollkommenem – Zusammenfassung und Kritik

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll das Verhältnis zwischen den Begriffen „vollkommen“, „gut“ und „seiend“ untersucht werden. Dass ein Zusammenhang besteht, soll die nun folgende Ausführung zeigen:

Im zweiten Artikel der dritten Frage[1], der lautet „Ist Gott zusammengesetzt aus Wesensstoff und Wesensform?“ führt Thomas in seinem zweiten Argument Folgendes aus, was zentral ist für die Zusammenhänge zwischen dem Seiendem, dem Guten, und dem Vollkommenen, die in dieser Arbeit untersucht werden sollen:

„Jedes aus Stoff und Form zusammengesetzte Wesen ist gut und vollkommen durch seine Form; es ist also nur dadurch gut, daß der Stoff an der Form als der Seinsvollkommenheit teilhat. Das erste Sein aber, das zugleich das höchste Gut ist, nämlich Gott, kann sein Gutsein nicht durch Teilhabe empfangen haben, denn er ist wesenhaft gut. Das wesenhafte Gut aber ist früher als das, was nur durch Teilhabe gut ist.“[2]

Mit dieser Aussage will Thomas beweisen, dass Gott nicht aus Wesensstoff und Wesensform zusammengesetzt ist. Diese Frage ist für die Thematik dieser Arbeit weitestgehend unerheblich, so dass nicht weiter darauf eingegangen werden muss; allerdings ist die Aussage insoweit interessant, als er diesen Beweis für die Einfachheit Gottes über den Begriff des Guten bzw. des höchsten Gutes führt. Daher scheint es sinnvoll, sich den Beweisgang genauer anzusehen, um genauer verstehen zu können, was Thomas unter dem Guten versteht. In seinem Beweis tätigt er verschiedene Aussagen:

1. Zusammengesetzte Wesen sind gut und vollkommen alleine durch ihre Form, da diese an der Form an sich teilhat, die die Seinsvollkommenheit ist.
2. Das erste Sein ist das höchste Gut.
3. Das höchste Gut kann sein Gutsein nicht durch Teilhabe empfangen haben. Es ist wesenhaft gut und somit früher als das partizipierende Gute.

Diese drei Aussagen sind im Hinblick auf die Frage, was Thomas von Aquin unter dem Guten versteht, äußerst interessant, da man einiges daraus erfährt.

Aus 1. erfährt man, dass alle zusammengesetzten Wesen nicht von sich aus gut und vollkommen sind bzw. das höchste und letzte Gut darstellen können, sondern sie sind nur deswegen gut, weil sie aus Stoff und Form zusammengesetzt sind und die Form die Seinsvollkommenheit ist. Außerdem kann man 1. entnehmen, dass das Gut-sein etwas mit Vollkommenheit zu tun hat, denn die beiden Begriffe werden mit einem „et“ verbunden: „Secundo, quia omne compositum ex materia et forma est perfectum et bonum per suam formam [...]“[3]. Die Form ist dasjenige, was dem zusammengesetzten Ding die Eigenschaften „gut“ und „vollkommen“ verleiht; des weiteren wird die Form selbst hier in der Übersetzung als „Seinsvollkommenheit“ bezeichnet[4].

Es besteht also ein Zusammenhang zwischen gut und vollkommen, da das Zusammengesetzte nur deswegen gut ist, weil es an der Vollkommenheit der Form teil hat. Gutsein bedeutet also für zusammengesetzte Wesen die Teilhabe an der Vollkommenheit.

Nun stellt sich die Frage, wie dieser Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen genau aussieht, beispielsweise ob die beiden Begriffe nur im Zusammenhang auftreten, also ob das Gute immer vollkommen ist und/oder ob das Vollkommene immer gut ist, oder ob die beiden sogar identisch sind.

An dieser Stelle wird auch schon deutlich, dass das Gute und das Vollkommene auch etwas mit dem Seienden zu tun haben, denn das Prädikat „gut“ wird einem zusammengesetzten Wesen genau dann zugeschrieben, wenn es an der Form als Seinsfülle teilhat. Es scheint also so zu sein, dass etwas schon dann gut ist, wenn es lediglich existiert. Doch an dieser Stelle geht Thomas auf diese Frage nicht weiter ein, so dass man seiner Aussage ungeprüft Glauben schenken muss. Klar wird nur, dass ein Zusammenhang besteht, jedoch nicht, von welcher Art.

Im zweiten Punkt stellt Thomas erneut die Verbindung zwischen dem Sein und dem Guten her, indem er das erste Sein mit dem höchsten Gut gleichsetzt. Somit ist Gott das höchste Gut, da er auch das erste Sein ist. Gott ist als reine Form[5] auch die höchste Seinsvollkommenheit, was aus dem erstgenannten Punkt hervorgeht. Somit sind wieder alle drei Begriffe in einen engen Zusammenhang gebracht.

Sind nun das Seiende, das Gute und das Vollkommene identisch? Denn Gott ist das erste Sein, das höchste Gut und auch die reine Form, die Thomas selbst als die Vollkommenheit des Seins bestimmt.

An dieser Stelle wird diese Frage noch nicht erschöpfend beantwortet, es gibt nur einige Hinweise, die in eine bestimmte Richtung zeigen.

Im dritten Punkt wird der Begriff des Guten in seiner Bedeutung etwas weiter ausdifferenziert, indem Thomas das Gute an sich und das Gute durch Teilhabe voneinander unterscheidet. Gott als das Gute an sich ist wesenhaft, also aus sich selbst heraus, gut, und früher als das partizipierende Gute der zusammengesetzten Wesen, wie Thomas an einer späteren Stelle noch einmal wiederholt: „Denn vom ersten Sein ist alles Seiende und vom ersten Gut alles Gute.“[6]

Nach dieser kurzen inhaltlichen Hinführung soll nun im Folgenden zunächst genauer untersucht werden, was unter dem Begriff der Vollkommenheit zu verstehen ist. Dazu werden die ersten beiden Artikel der vierten Frage untersucht: „Ist Gott vollkommen?“ und „Finden sich in Gott die Vollkommenheiten aller Dinge vereinigt?“ Dort entwickelt Thomas seinen Begriff der Vollkommenheit; im Anschluss daran wird einer der Gottesbeweise in Bezug auf die Vollkommenheit untersucht. Dies geschieht erst im Anschluss an die Artikel der vierten Frage, da der Beweis mit einem Vorverständnis von Vollkommenheit leichter zu verstehen ist.

Am Ende der Erläuterungen werden die Erkenntnisse noch einmal kurz zusammengefasst.

Danach wird das Verhältnis von Gutem und Seiendem zueinander untersucht, das Thomas in der fünften Frage behandelt. In dieser Arbeit werden die ersten drei Artikel derselben: „Ist das Gute sachlich eins mit dem Seienden?“, „Angenommen, sie unterscheiden sich nur begrifflich: was ist dann das begrifflich Frühere, das Gute oder das Seiende?“ und „Angenommen, das Seiende ist das Frühere: ist dann alles Seiende gut?“ behandelt. In diesen drei Artikeln entfaltet Thomas zum Einen die Bedeutung dessen, was er unter dem allgemeinen Guten versteht; zum Anderen bringt er es auch gleich mit dem Seienden in Verbindung. Abschließend werden alle drei Begriffe zueinander in Beziehung gesetzt.

2. Die Vollkommenheit

Den Begriff der Vollkommenheit benutzt Thomas an verschiedenen Stellen in der Summa Theologica; hier wird das Vollkommene nun in den Gottesbeweisen untersucht, sowie in der vierten Frage, die sich ausschließlich um die Vollkommenheit Gottes dreht. Natürlich gibt es noch mehr Stellen, die von der Vollkommenheit handeln, so zum Beispiel der siebte Artikel der dritten Frage[7], doch fügen sie dem Begriff des Vollkommenen nichts Wesentliches hinzu, so dass sie hier weitestgehend außer Acht gelassen werden können.

Begonnen wird zunächst mit den ersten beiden Artikeln der vierten Frage, da Thomas hier den Begriff der Vollkommenheit ausführlich behandelt; erst danach kommt ein Teil aus den Gottesbeweisen, da dieser besser verständlich erscheint, wenn man bereits einen Begriff von Vollkommenheit hat.

2.1. Die vierte Frage: Gottes Vollkommenheit

In der vierten Frage stellt Thomas dann einen Bezug zwischen dem Vollkommenen und dem Guten her, indem er sagt, dass alles Vollkommene auch gut sei[8]. Damit ist es möglich, aber natürlich nicht zwingend notwendig, dass das Vollkommene mit dem Guten identisch ist; ebenso ist es möglich, dass zwar alles Vollkommene gut ist, aber nicht alles Gute vollkommen, womit der Begriff des Guten momentan weiter ist als der des Vollkommenen.

Hier Thomas den Begriff der Vollkommenheit genauer. Zwar beziehen sich seine Erläuterung auf Gott und seine Vollkommenheit, doch kann man auch unabhängig davon Eigenschaften des Vollkommenen erkennen.

2.1.1. Der erste Artikel: Ist Gott vollkommen?

Zunächst stellt er drei Thesen vor, die er im weiteren Verlauf des ersten Artikels widerlegen wird. Diese Thesen sind die Folgenden[9]:

2.1.1.1. Die Behauptungen (Überschrift 4)

1. (1) „Vollkommen sein“ bedeutet „zur vollen Wirklichkeit seiner selbst gekommen sein“.

(2) In Gott gibt es kein Werden.

(C) Gott ist nicht vollkommen.

2. (1) Gott ist Entstehungsgrund aller Dinge.

(2) Entstehungsgründe sind unvollkommen.

(3) Gott ist unvollkommen.

3. (1) Die Natur Gottes ist das Sein selbst.

(2) Das Sein ist das Unvollkommenste überhaupt.

(C) Gott ist unvollkommen.

2.1.1.2. Die Antwort

Laut Aristoteles hielten manche Philosophen den Entstehungsgrund nicht für das Vollkommenste, weil sie den stofflichen Entstehungsgrund meinten, die materia prima, also den reinen Stoff, der das Unvollkommenste überhaupt ist, so unvollkommen, dass man ihn nicht einmal isoliert erkennen kann. Denn erkannt werden kann nur das, was eine Natur hat, die dem Ur-Stoff jedoch abgeht[10]. Da der Stoff schon bestimmungsbedürftig ist, muss der erste Stoff von allen auch das Allerbestimmungsbedürftigste und somit Unvollkommenste überhaupt sein.

Gott ist jedoch nicht dieser erste, über alle Maßen bestimmungsbedürftige stoffliche Entstehungsgrund, sondern er ist das erste Wirkende, der bestimmungsmächtige Wirkungsgrund; dies bedeutet auch die höchste Vollkommenheit, da vollkommen bestimmungsmächtige Wirklichkeit bedeutet. Vollkommen ist ein Ding dann, wenn ihm nichts abgeht von der ihm gemäßen Seinsfülle.

2.1.1.3. Widerlegung der Behauptungen

Zu 1.:

Hier argumentiert Thomas mit der Unzulänglichkeit der menschlichen Sprache, die alles als vollkommen bezeichnet, was „[...] vom Zustand der bestimmungsbedürftigen Möglichkeit zu dem der vollen Wirklichkeit „gekommen“ ist [...]“[11] ; also ist alles das vollkommen, „[...] dem zum Zustand der vollen Wirklichkeit nichts fehlt [...]“[12], gleichgültig, ob diesem vollkommenen Zustand nun ein Werden vorausgegangen ist oder nicht.

Zu 2.:

Thomas unterscheidet zwei verschiedene Entstehungsgründe, nämlich zum Einen den stofflichen Entstehungsgrund wie Samen oder dergleichen, die „[...] das Allerbedürftigste und deshalb das Allerunvollkommenste [...]“[13] sind und andererseits einen ersten Entstehungsgrund als Wirkursache aller Dinge. Vorausgesetzt bei dieser Darstellung wird, dass das Wirkende als solches bestimmungsmächtig ist; allerdings ist die Voraussetzung der Bestimmungsmächtigkeit, dass das Wirkende selbst vollbestimmt, d.h. „[...] mit allen von seiner Natur geforderten Vollkommenheiten ausgerüstet [...]“[14] ist. Und vollkommen ist ein Ding, „[...] wenn ihm nichts abgeht von der ihm gemäßen Seinsfülle.“[15]

Der stoffliche Entstehungsgrund kann nicht der erste Entstehungsgrund im Sinne einer Wirkursache aller Dinge sein, da ihm laut Thomas immer etwas ihn Bestimmendes vorangegangen sein muss[16]. Dem ersten Entstehungsgrund als erstem Bestimmungsmächtigen kann nichts vorausgehen, einmal wegen des infiniten Regresses und dann, weil es im Wesen des ersten Grundes liegt, vollbestimmt, also in actu zu sein. Somit hat er seine volle Seinsfülle und damit die Vollkommenheit erreicht. Dieser erste Entstehungsgrund ist Gott.[17]

Zu 3.:

Hier nun geht Thomas auf den vorher schon kurz erwähnten Zusammenhang zwischen Sein und Vollkommenheit ein, indem er sagt: „Das (Da-) Sein selbst ist von allem das Vollkommenste, denn es ist für alle Dinge das, was sie wirklich macht.“[18] Somit ist das Sein eben nicht das Unbestimmteste von allem, sondern im Gegenteil ist es das, was alle Dinge bestimmt, indem es formgebend wirkt[19].

[...]


[1] S. th. I, q. 3, 2, S. 56 f.

[2] S. th. I, q. 3, 2, S. 57

[3] S. th. I, q. 3, 2, (S. 57)

[4] im lateinischen Originaltext wird diese Bezeichnung nicht verwendet: unde oportet, quod sit bonum per participationem, secundum uod materia participat formam. (S. th. I, q. 3, 2, S. 57). Die Übersetzung interpretiert an dieser Stelle eigenständig die Form als die Seinsvollkommenheit

[5] Dies beweist Thomas im selben Artikel unter „Drittens“ (S. th. I, q. 3, 2, S. 57 f.) folgendermaßen: alles, was wirkend ist, ist dies durch seine Form. Das erste und seinem Wesen nach Wirkende muss ursprünglich Form und nur Form sein. Wie Thomas in seinem zweiten Gottesbeweis feststellt (S. th. q. 2, 3, hier speziell S. 45 f.), ist Gott die erste Wirkursache und somit auch das erste Wirkende. Demnach muss er auch reine Form sein.

[6] S. th. I, q. 3, 7, S. 72

[7] Ist Gott ganz einfach? S. th. I, q. 3, 7, S. 72 ff

[8] vgl. S. th. I, q. 4, 1, S. 80

[9] vgl. S. th. I, q. 4, 1, S. 80 f.

[10] Vgl. Anmerkung 55, S. th. I, S. 352 f.

[11] S. th. I, q. 4, 1, S. 82

[12] S.th. I, q. 4, 1, S. 82

[13] S. th. I, q. 4, 1, S. 81

[14] S. th. I, S. 353

[15] S. th. I, q. 4, 1, S. 82

[16] vgl. S. th. I, q. 4, 1, S. 82

[17] vgl. S. th. I, q. 2, 3, S. 45

[18] S. th. I, q. 4, 1, S. 83

[19] vgl. Schmitz, S. 117 f.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das Seiende, das Gute und das Vollkommene und ihr Verhältnis zueinander in Thomas von Aquins „Summa theologica“
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Thomas von Aquin, Theologische Summe
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V83718
ISBN (eBook)
9783638000819
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seiende, Gute, Vollkommene, Verhältnis, Thomas, Aquins, Aquin, Theologische, Summe
Arbeit zitieren
Jessica Werner (Autor), 2005, Das Seiende, das Gute und das Vollkommene und ihr Verhältnis zueinander in Thomas von Aquins „Summa theologica“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83718

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