E-Portfolio. Ein Instrument zur Entwicklung einer neuen Lernkultur im Hochschulwesen?


Masterarbeit, 2007

93 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis und Vorbemerkungen

1 Einführung – Von Bologna, Web 2.0 und E-Portfolios
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzungen dieser Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff „(E-)Portfolio“?

3 Geschichte und Entwicklung der E-Portfolios

4 Verschiedene Arten eines Portfolios
4.1 Das Arbeitsportfolio (Working Portfolio)
4.2 Das Aufnahmeportfolio (Admission Portfolio)
4.3 Das Beurteilungsportfolio (Status Report- oder Assessment Portfolio)
4.4 Das Bewerbungsportfolio (Application Portfolio)
4.5 Das Entwicklungsportfolio (Time Sequenced- oder Process Port folio)
4.6 Das fächerübergreifende Portfolio (Interdisciplinary Unit Port folio)
4.7 Das Lehrportfolio (Teaching Portfolio)
4.8 Das Präsentationsportfolio (Presentation Portfolio)
4.9 Das Sprachenportfolio (Language Portfolio)
4.10 Das themaerschließende Portfolio (Celebration Portfolio)
4.11 Das Vorzeigeportfolio (Showcase-, Display- oder Best Work-Portfolio)
4.12 „Differences must make differences“ – Eine Kritische Betrachtung der Portfoliotypologie

5 Abgrenzung und Vorteile eines E-Portfolios gegenüber einem traditionellen Portfolio

6 Die Arbeit mit einem E-Portfolio
6.1 Voraussetzungen für eine erfolgreiche E-Portfolio-Arbeit
6.2 Der Erstellungsprozess eines E-Portfolios

7 Funktionen und Ziele eines E-Portfolio-Einsatzes in der Hochschullehre

8 Veränderungen in der Leistungsbewertung durch ein E-Portfolio
8.1 Die traditionelle Art der Wissensüberprüfung im Hochschulwe- sen
8.2 Die durch ein E-Portfolio veränderte Leistungsbewertung

9 Das Europäische Portfolio der Sprachen (EPS)
9.1 Zielsetzungen des EPS
9.2 Geschichte und Entwicklung des EPS
9.3 Der Aufbau des EPS
9.4 Bewertung des EPS

10 Testberichte zu E-Portfolio-Software
10.1 Open Source Portfolio (OSP)
10.1.1 Was ist OSP?
10.1.2 Der Installationsprozess der E-Portfolio-Software
10.1.3 Die Arbeit mit dem OSP-Programm
10.2 Das Handy als Hilfsmittel bei der Erstellung eines E-Portfolios – Nokia Lifeblog
10.2.1 Technische Anforderungen
10.2.2 Der Vorgang des Bloggens
10.2.3 Bewertung der Software

11 Forschungserkenntnisse zu den Student Portfolios
11.1 Erkenntnisse zur Validität der Portfolio-Ergebnisse
11.1.1 Empirische Untersuchungen
11.1.2 Qualitative Untersuchungen
11.1.3 Fazit
11.2 Erkenntnisse zur Reliabilität der Portfolio-Ergebnisse
11.3 Erkenntnisse zur Fairness der Portfolios

12 Die Implementierung von Portfolios in die Hoch schullehre
12.1 Rollenverständnis, Engagement und Motivation der Lehrenden und Lernenden
12.2 Umfassende Information der Studenten zu Semesterbeginn
12.3 Unterstützung der metakognitiven Entwicklung der Studenten
12.4 Die Begleitung der Studenten während der E-Portfolio-Arbeit
12.5 Aufwändige Bewertung der E-Portfolios?
12.6 Das Bewertungsraster
12.7 Das Zeitproblem
12.8 Copyright und Datensicherheit

13 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Die nach Abrutyn und Danielson (2005) drei wichtigsten Portfolio-Typen, deren Hauptziele, bedeutendste Adressaten und Verknüpfungen.

Abbildung 2 Die erwähnenswertesten Bestandteile, Funktionen und Vorzüge eines E-Portfolios.

Abbildung 3 Die sechs entscheidenden Prozesse bei der Erstellung eines E-Portfolios.

Abbildung 4 Die bedeutsamsten Funktionen und Ziele der Arbeit mit einem E-Portfolio in der Hochschulbildung.

Abbildung 5 Die Benutzeroberfläche des Europäischen Portfolios der Sprachen.

Abbildung 6 Ein Teil des in das Europäische Sprachenportfolio integrierten Sprachenpasses.

Abbildung 7 Eine „Learning Matrix“ des Open Source Portfolios.

Abbildung 8 Ein Blick in das „Repository“ des Portfolio-Programms.

Abbildung 9 Ein Screenshot des Nokia-Lifeblog-Programms.

Abbildung 10 Die Portfolio-Komponenten – Ein Portfolio als Brücke zwischen „Assessment of Learning“ und „Assessment for Learning“ (in Anlehnung an Reinmann, 2006).

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Abgrenzung eines berufs- von einem universitätsbezogenen Portfolio (nach Calfee & Freedman, 1996).

Tabelle 2 Gegenüberstellung der Möglichkeiten und Merkmale der herkömmlichen Leistungsbewertung sowie denen der Beurteilung auf der Basis eines E-Portfolios (nach Vierlinger, 1999).

Abkürzungsverzeichnis und Vorbemerkungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Begriffe wie „Student“, „Lernender“ oder „Dozent“ erscheinen in dieser Arbeit geschlechtsneutral.

In der einschlägigen Literatur lassen sich verschiedene Kurz-Schreibweisen des elektronischen Portfolios finden. In Anlehnung an die laut des Dudens (2001, S. 336) korrekte Schreibung „E-Mail“ wird die elektronische Form des Portfolios im Folgenden mit „E-Portfolio“ abgekürzt.

1 Einführung – Von Bologna, Web 2.0 und E-Portfolios

1.1 Problemstellung

Wissen kennt keine Landesgrenzen. Von einer notwendigen Internationalisierung und Modernisierung sowohl des deutschen wie auch des europäischen Bildungswesens ist seit einigen Jahren die Rede. Europa will nicht nur in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch bei der Hochschularbeit zusammenrücken. Mit dieser Annäherung verfolgen die Politiker das Ziel einer besseren Nutzung des vorhandenen Wissenspotenzials. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff „Bologna-Prozess“, der die wohl tiefgreifendste Bildungsreform der letzten Jahre darstellt. Hierunter versteht man das Anliegen von mittlerweile 45 europäischen Staaten, die Bildungspolitik verstärkt aufeinander abzustimmen und somit die Wettbewerbsfähigkeit des Bildungsstandortes Europa zu sichern. Am 19. Juni 1999 unterzeichneten die Bildungsminister 29 europäischer Nationen in der italienischen Universitätsstadt Bologna die so genannte „Bologna-Deklaration“, mit deren Hilfe bis zum Jahr 2010 ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum geschaffen werden soll. Die Zahl der Unterzeichner-Staaten stieg fortan kontinuierlich, und damit auch die Zahl der Bildungsminister, die alle zwei Jahre konferieren und gemeinsam beschließen, welche Ziele im Bologna-Prozess erreicht werden sollen.[1]

Diese Absichten lassen sich in drei große Bereiche zusammenfassen: Die Förderung der Mobilität, der internationalen Wettbewerbsfähigkeit sowie der Beschäftigungsfähigkeit. Unterziele des Reformprozesses sind u.a. die Schaffung eines vergleichbaren und europaweit anerkannten zweistufigen Systems von Studienabschlüssen (Bachelor und Master), die Einführung des Leistungspunktesystems European Credit Transfer System (ECTS), die Modularisierung der Studiengänge sowie die Beseitigung räumlicher und kultureller Mobilitätshemmnisse. Auch das lebenslange und lebensbegleitende Lernen soll nach dem Willen der Bildungspolitiker gefördert werden, schließlich endet die geistige Arbeit nicht nach Beendigung der Schul- oder Studienlaufbahn. Vielmehr stellt das lebenslange Lernen ein „wesentliches Werkzeug zum Erlangen von Bildung und damit für die Gestaltung individueller Lebens- und Arbeitschancen“ dar (BMBF, 2006). Der Begriff des lebenslangen Lernens kann geradezu als Schlüsselwort unserer heutigen Wissensgesellschaft angesehen werden.

Die Bologna-Reform wirkt sich nicht nur auf Änderungen in der Struktur von Studiengängen und Studieninhalten aus, soll nicht nur zu einer Qualitätssicherung der europäischen Hochschullehre führen, sondern beeinflusst auch Organisationsabläufe innerhalb der Universitäten sowie das Arbeiten der Studenten.

Gerade Letzteres hat sich in den vergangenen Jahren – auch auf Grund des technischen Fortschritts – teilweise stark geändert: Die Anmeldung für Seminare erfolgt nicht mehr persönlich, sondern über das Internet; statt auf Anschläge am schwarzen Brett zu achten, können Studenten einen Newsletter abonnieren; Klausurergebnisse stehen auf den Internetseiten des jeweiligen Lehrstuhls zur Kenntnisnahme bereit. Daneben erfreuen sich virtuelle Seminare wachsender Beliebtheit, per Internet arbeiten Kleingruppen von Studenten an gemeinsamen Lösungen und Projekten, Skripte und Präsentationen werden von den Dozenten zum Download angeboten, Community-Plattformen für Studenten verzeichnen stark wachsende Besucherzahlen[2], wissenschaftliche Blogs sind in immer mehr Hochschulseiten integriert, Forschungserkenntnisse werden über das Internet ausgetauscht und diskutiert. Experten stimmen darin überein, dass im Internet ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde, welches in der Fachwelt als „Web 2.0“ bezeichnet wird. Eine Neuerfindung des Internets? Begriffe wie „Paradigmenwechsel, Personalisierung und Partizipation“ (Merschmann, 2006) fallen. Die Nutzer posten in zunehmendem Maß Fotos und Videos, Informationen und Untersuchungsergebnisse werden kommentiert sowie zwischen Dozenten und Studenten debattiert, die Menge wissenschaftlicher Blogs und Podcasts nimmt zu, auch das eben erwähnte Studiverzeichnis ist Web 2.0 in Reinkultur. Zu weiteren bekannten und beliebten Web 2.0-Anwendungen zählen Wikipedia[3], eine Enzyklopädie, YouTube[4], ein Videoportal, sowie XING[5], eine Community für Geschäftskontakte. Ermöglicht wird Web 2.0 durch Open-Source-Programme, Datenbankprogramme sowie neuartige Programmiertechniken. Web 2.0 setzt dabei auf die Internetnutzer als Mitentwickler von Angeboten, nutzt kollektive Intelligenz, einzigartige Datenpools sowie einfache Software und Geschäftsmodelle. Die Internetsurfer sind nicht nur mehr Konsumenten, sondern werden verstärkt zu Mitgestaltern im Netz – auch im Hochschul- und Forschungsbereich.

Bologna und Web 2.0 – die jeweiligen Konzepte, die sich hinter diesen beiden Begriffen verbergen, stecken voller Gegensätze. Reinmann (2006) trug im Rahmen ihres Vortrags auf der Konferenz „eUniversity – Update Bologna“ folgende charakteristische Merkmale zusammen: Während die Bologna-Reform für Fremdorganisation, Außenkontrolle, Individualisierung, hierarchische Verhältnisse und Homogenität stehe, könne man Web 2.0 mit den Stichworten Selbstorganisation, Selbstkontrolle, Kooperation, neue Lerner- und Lehrer-Rollen sowie Heterogenität umschreiben (Vgl. Reinmann, 2006, S. 3-5). Wie lassen sich nun diese beiden Welten, die – wie eben skizziert – im Hochschulwesen bedeutende Rollen spielen, näher zusammenbringen? In jüngster Zeit macht an den Hochschulen ein weiterer Begriff die Runde, der nach einer neuen innovativen Errungenschaft in der universitären Lehre klingt, als ein Werkzeug zur Erreichung der in der Bologna-Deklaration verankerten Ziele sowie als ein mögliches Bindeglied zwischen Bologna und Web 2.0 gilt, als Hilfsmittel bei der Entwicklung einer neuen Lernkultur angesehen wird – oder aber einen Ausdruck darstellt, unter dem sich zahlreiche Studenten und Dozenten gegenwärtig noch nichts Konkretes vorzustellen vermögen: Das E-Portfolio.

In den letzten Jahren erschienen zahlreiche Aufsätze und Bücher zu dem Thema „E-Portfolio“ – überwiegend von US-amerikanischen Autoren, doch in den letzten Monaten auch zunehmend von Wissenschaftlern und Pädagogen aus dem europäischen und dem deutschsprachigen Raum. Das Themenspektrum ist dabei äußerst vielschichtig: Die einen Autoren rücken die Vorteile der Arbeit mit einem E-Portfolio in den Vordergrund[6], bei anderen stehen die Möglichkeiten einer veränderten Leistungsbewertung in Schule und Universität im Zentrum[7], wieder andere beschäftigen sich mit dem Prozess der Erstellung und Verwaltung eines E-Portfolios[8]. Darüber hinaus findet man auch einige empirische Erkenntnisse, welche überwiegend aus US-Studien stammen, sowie praktische Erfahrungsberichte über den Einsatz von E-Portfolios in der Lehre.

1.2 Zielsetzungen dieser Arbeit

Die einzelnen Aufsätze und Bücher erweisen sich, wie eben geschildert, meist als sehr themenspezifisch und beleuchten nur einen gewissen Teilaspekt des E-Portfolios. Wollen sich Interessierte einen umfassenden Überblick über dieses Instrument sowie über die Hochschularbeit mit demselben verschaffen, so müssen sie gegenwärtig mehrere Publikationen heranziehen, um alle wesentlichen Aspekte präsentiert und erläutert zu bekommen. Die vorliegende Masterarbeit soll dazu beitragen, dieses Defizit zu beheben. Sie soll einerseits die wichtigsten theoretischen Abhandlungen und bedeutendsten Erkenntnisse, die gegenwärtig zu den E-Portfolios existieren, übersichtlich zusammenfassen. Andererseits soll sie sich aber auch mit dem Nutzen und der Anwenderfreundlichkeit von Software zur Erstellung von E-Portfolios, mit empirischen Erkenntnissen zu den Folgen der E-Portfolio-Arbeit sowie mit der konkreten Implementierung derselben in die universitäre Lehre beschäftigen. Dadurch soll der Frage nachgegangen werden, ob das E-Portfolio tatsächlich dazu beitragen kann, eine neue Lernkultur im Hochschulwesen zu schaffen. Diese Masterarbeit kann als eine Art Handbuch verstanden werden, das interessierten Studenten und Dozenten, die sich bislang noch nicht oder nur wenig mit E-Portfolios beschäftigt haben, einen kompakten Überblick über den gegenwärtigen theoretischen und praktischen Forschungs- und Wissensstand liefern möchte. Sowohl Lehrende als auch Lernende sollen durch die Lektüre dieser Arbeit in die Lage versetzt werden, alle wesentlichen Aspekte eines E-Portfolios kennen lernen zu können. Darüber hinaus will sie interessante Forschungsergebnisse präsentieren sowie konkrete Handlungsanweisungen und Tipps für die Arbeit mit einem E-Portfolio aufzeigen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Um die angeführten Ziele erreichen zu können, soll in den ersten Kapiteln dieser Arbeit das Phänomen „E-Portfolio“ zunächst in theoretischer Hinsicht betrachtet werden: Was steckt hinter dem Begriff „(E-)Portfolio“ und aus welchen Teilen setzt sich dieses zusammen? Weist ein E-Portfolio Unterschiede oder Vorzüge gegenüber einem traditionellen Portfolio auf? Welche Möglichkeiten einer veränderten Leistungsbewertung bietet es und wie sind diese zu beurteilen? Welche Rolle spielt das E-Portfolio im Zusammenhang mit den in der Bologna-Erklärung verankerten Absichten der Transparenz, der Vergleichbarkeit sowie des lebenslangen Lernens?

Nachdem derartige Fragen geklärt wurden, sollen die theoretisch erläuterten Erkenntnisse an Hand eines bedeutenden und internationalen E-Portfolio-Projekts, dem Europäischen Portfolio der Sprachen (EPS), konkretisiert werden. Dieses E-Portfolio wurde deshalb als Beispiel ausgewählt, da mit dessen Hilfe – wie ein paar Kapitel später deutlich werden wird – das bereits erwähnte und in der Bologna-Deklaration als fundamental wichtig angesehene lebenslange Lernen gefördert und unterstützt werden kann. Zudem stellt das Sprachenportfolio das gegenwärtig in Europa größte länderübergreifende Portfolio-Projekt dar.

Im Anschluss an die Vorstellung des EPS wird mit der Erläuterung und den Testberichten zweier Software-Tools zur Erstellung eines E-Portfolios – Open Source Portfolio sowie Nokia Lifeblog – die Weiche hin zum konkreten Einsatz in der Praxis gestellt. Nachdem in diesem Abschnitt empirische Erkenntnisse zur Validität, zur Reliabilität sowie zur Chancengleichheit der Leistungsbewertung auf der Basis eines E-Portfolios geschildert wurden, sollen konkrete Hinweise und Empfehlungen zur Implementierung von E-Portfolios in die Hochschullehre gegeben sowie mögliche Schwierigkeiten und Probleme thematisiert und Lösungsvorschläge hierfür angeboten werden. Für diesen Teil der vorliegenden Masterarbeit wurden bereits existierende Erfahrungsberichte zur E-Portfolio-Einführung in Lehr-Lernprozesse inhaltsanalytisch ausgewertet.

Das letzte Kapitel dieser Arbeit liefert einen Überblick über die gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten.

2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff „(E-)Portfolio“?

Etymologisch betrachtet setzt sich der Ausdruck „Portfolio“ aus den beiden lateinischen Wörtern „folium“, das Blatt, und „portare“, tragen, zusammen. Frei übersetzt ist ein Portfolio also eine Sammlung an Papieren, die man leicht mit sich führen kann. Die früher gebräuchliche Schreibweise „Portefeuille“ ist heutzutage weitgehend aus der Literatur verschwunden. Ursprünglich verbarg sich hinter einem Portfolio eine Brieftasche, in der heutigen Zeit wird der Begriff in der Kunstwelt, im Bildungswesen, im Marketingbereich sowie in der Finanzwelt verwendet.

Für Künstler und Designer stellt ein Portfolio eine Mappe dar, in der ihre besten und bedeutendsten Werke oder Projekte gesammelt sind. Angehörige dieser Berufsgruppen nutzen jenes Material hauptsächlich für Selbstvermarktungs- und Bewerbungszwecke, ein Portfolio ist also in diesem Fall sozusagen eine umfangreiche Visitenkarte.

- Kein einheitliches Begriffsverständis in der Pädagogik -

Im Zusammenhang mit der Verwendung des Terminus „Portfolio“ im Bildungsbereich herrscht im angloamerikanischen, im frankokanadischen und im deutschen Sprachraum kein einheitliches Begriffsverständis vor, eine allgemein gültige und verbindliche Auslegung lässt sich momentan noch nicht finden – zumal es auch zahlreiche unterschiedliche Typen eines Portfolios gibt.[9] Erst Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ging der Ausdruck „Portfolio“ in die pädagogische Fachsprache ein. Weitere Bezeichnungen sind „Leistungsmappe“ oder „direkte Leistungsvorlage“ (Vgl. Vierlinger, 1993, S. 57-66; Schratz, 1996, S. 131-149), im englischsprachigen Raum ist auch häufig der Begriff „Records of achievement“ anzutreffen (Vgl. Pole, 1993).

Aus der breiten Vielfalt an in der Literatur zu findenden Definitionen erscheint für den weiteren Verlauf dieser Arbeit folgende Begriffsklärung sinnvoll: „A portfolio is a purposeful collection of student work that tells the story of student achievement or growth. [...] Within this limited definition there are portfolio systems that: promote student self-assessment and control of learning; […] select students into special programs; certify student competence; grant alternative credit; demonstrate to employers certain skills and abilities; build student self-confidence; and evaluate curriculum and instruction.” (Arter, 1995, S. 2). Diese Definition zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur für eine Sammlung studentischer Arbeiten steht, sondern auch Eigenschaften enthält, die dem Portfolio zu Grunde liegen sollten. Eine geeignete deutschsprachige Begriffsklärung lautet: „Ein Portfolio ist eine strukturierte Sammlung der besten Arbeiten eines Schülers oder einer Schülerin. Die Sammlung zeigt seine/ihre zugrunde liegenden Auswahlkriterien und seine Fähigkeiten der Zusammenarbeit. Das Portfolio ist Zeuge der Entwicklung des Lernenden über einen Zeitabschnitt hinweg und in einer ganzen Reihe verschiedener Zusammenhänge.“ (Goupil, 1998, zitiert nach Künzi, 2006).

Beide Definitionen stützen sich auf Arbeiten, die in einem Portfolio zu finden sind. Diese Dokumente, welche in sortierter und chronologischer Form die Lernfortschritte und erworbenen Kompetenzen der Studenten aufzeigen sollen, können unterschiedlichster Art sein. Persönliche Arbeiten, Übungen und Kursmaterialien können ebenso Eingang in das Portfolio finden wie Gutachten und Zeugnisse. Der Besitzer eines Portfolios – der Lernende – trifft die Auswahl der einzelnen Elemente selber und organisiert diese in Bezug auf das jeweilige Lernziel eigenständig. Es handelt sich also nicht um eine Zusammenstellung beliebiger Arbeiten. Vielmehr ist ein Portfolio nach Brunner und Schmidinger „eine Sammlung von „Beweismitteln“, die zeigen, dass SchülerInnen bestimmte Ziele erreicht haben oder an welcher Stelle sie auf dem Weg zu diesen Zielen sind.“ (Brunner & Schmidinger, 2000, S. 17.) Die in einem Portfolio enthaltenen Dokumente stehen somit immer in einem Zusammenhang mit denjenigen Zielen, die zu Semesterbeginn in der jeweiligen Vorlesung oder im Seminar vereinbart wurden. Der einzelne Student ist der Eigentümer seines Portfolios und hat eine Kontrollmöglichkeit darüber, wer zu welchem Zeitpunkt und in welchem Umfang sein Portfolio einsehen darf. Die Arbeit mit einem solchen Portfolio ermöglicht die Evaluation der Lerninhalte, der Lernerfahrungen sowie die der eigenen Person.[10]

- Auffächerung des Portfolio-Begriffs nach Lern- und Lehrsituationen -

In der einschlägigen Literatur kristallisieren sich zwei verschiedene Haupt-Herangehensweisen an den Portfolio-Begriff heraus.

- Manche Autoren – als Beispiele hierfür seien Knight und Gallaro angeführt – verwenden den Ausdruck im gleichen Sinn wie die Künstler. Für diese Wissenschaftler stellt also auch ein Portfolio im Bildungsbereich eine Sammlung von Arbeiten dar (Vgl. Knight & Gallaro, 1994, S. 1).
- Andere Autoren hingegen – wie Bird, McMillan oder Calfee und Freedman – fächern den Begriff im Hinblick auf verschiedene Lern- und Lehrsituationen genauer auf. Calfee und Freedman (1996, S. 12-15) stellen die Merkmale des berufs- und des lehrbezogenen Portfolios in den fünf Kategorien Autorenschaft, Funktion, Inhalt, Bewertung und Transfer heraus. Ihre Ausführungen sind in nachfolgender Tabelle zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Abgrenzung eines berufs- von einem universitätsbezogenen Portfolio (nach Calfee & Freedman, 1996, S. 12-15).

In dieser Gegenüberstellung wird nach Calfee und Freedman der unterschiedliche Charakter deutlich, den Portfolios aufweisen können. Man muss jedoch anmerken, dass die Grenze wohl doch fließender und durchlässiger ist, als sie Calfee und Freedman ziehen. Denn im Bereich der universitären Lehre sind durchaus Portfolios denkbar, die Kriterien der berufsbezogenen Leistungsmappen aufweisen. So lassen sich beispielsweise auch an Universitäten Bewertungs- und Beurteilungskriterien finden. Ferner kann man Studenten, die ein bestimmtes Fachsemester erreicht, ihr Grundstudium erfolgreich abgeschlossen oder Klausuren in einem bestimmten Themengebiet bravourös bestanden haben, durchaus als „Fachexperten“ bezeichnen. So können diese Studenten also auch Portfolios erstellen, die nach Calfee und Freedman berufsbezogen sind. Die Funktionsausrichtung, wie sie von den beiden Autoren für das berufsbezogene Portfolio angegeben wird, ist also ebenso an Universitäten möglich.

- Metaphern zur Annäherung an den Ausdruck „Portfolio“ -

Auf Grund des bislang fehlenden einheitlichen Begriffsverständnisses greifen Autoren immer wieder gern auf Metaphern zurück, um zu verdeutlichen, was ein Portfolio ist. So bezeichnet Keefe ein Portfolio als „Spiegel des Lernens“ (Keefe, 1995, zitiert nach Häcker, 2006c, S. 35), Bräuer vergleicht es mit „Baustellen, die anhand von Materialien wie Vorüberlegungen, Entwürfen, Überarbeitungen etc. einen Entstehungsprozess erkennen lassen“ (Bräuer, 1998, zitiert nach Häcker, 2006c, S. 35). Ebenfalls von Bräuer stammt der Vergleich eines Portfolios mit Schaufenstern, die „bewusst gestaltet werden und die einmal eine auf- und anregende Tiefe zeigen, ein anderes Mal eine ein- und ausdrucksvolle Oberfläche“ (Bräuer, 2000, zitiert nach Häcker, 2006c, S. 35).

- Der Portfolio-Begriff in der Finanz- und Marketingwelt -

Der Vollständigkeit halber soll nun noch die Bedeutung des Begriffs in der Finanz- und Marketingwelt angerissen werden. Im Finanzwesen steht „Portfolio“ für ein Bündel an Investitionen, das eine Institution oder eine Person besitzt. Mit Hilfe eines solchen Portfolios versprechen sich deren Inhaber eine Minderung der Risiken finanzieller Investitionen durch Streuung. Aktienhändler verstehen unter einem Portfolio eine Zusammenstellung von Wertpapieren, Marketing-Experten wiederum sehen in ihm eine Sammlung von Dienstleistungen, Produkten oder Projekten, die von einer Unternehmung angeboten werden.

In den folgenden Kapiteln wird nur der Portfoliobegriff aus dem Bildungsbereich relevant sein. Die digitale Form eines solchen eben beschriebenen Portfolios bezeichnet man als „E-Portfolio“, was so viel wie „Elektronisches Portfolio“ bedeutet. Wegbereiter und Anwender des E-Portfolios weisen auf die Vielzahl zusätzlicher Nutzungsmöglichkeiten und Vorteile gegenüber einem herkömmlichen Portfolio hin.[11]

3 Geschichte und Entwicklung der E-Portfolios

Bereits in der Renaissance[12] griffen Künstler und Architekten bei ihren Bewerbungen an Akademien oder im Konkurrenzkampf um Bau-Aufträge auf „Portafoglios“ zurück. Mit den darin enthaltenen Schriftstücken, Bildern oder Modellen dokumentierten sie ihre bisherigen Arbeiten und deren Qualität, ihren persönlichen Werdegang, ihre Techniken sowie ihren Stil und versuchten, sich mit Hilfe der „Portafoglios“ in ein möglichst gutes Licht zu rücken.

Auch Jahrhunderte nach dem Zeitalter der Renaissance ist das Portfolio nicht in Vergessenheit geraten; vielmehr erlebte es in den letzten Jahren geradezu eine Wiedergeburt: Das heutige Angebot an Literatur, welche sich mit den Einsatzmöglichkeiten von Portfolios im Schulunterricht sowie in der universitären Lehre beschäftigt, ist mittlerweile so mannigfaltig und der Markt so umfassend, dass dieser nur noch schwer zu überblicken ist. Der Großteil der Veröffentlichungen stammt von US-amerikanischen Autoren. Das Jahr 1988 markiert den Beginn eines lawinenartigen Anstiegs an Publikationen zum Thema „Portfolio“. Das Buch „The course portfolio: How faculty can examine their teaching to advance practice and improve student learning“ von Hutchings war das erste Werk, das sich mit den Vorteilen des dokumentierten Lernprozesses sowie mit denen der Reflexion in Bezug auf das Lernen beschäftigte. Bereits 1990 zählte das Portfolio in den USA zu „einem der drei curricularen Toptrends“ (Vavrus, 1990, zitiert nach Häcker, 2006b). An unterschiedlichen Orten und zunächst voneinander unabhängig begannen Pädagogen damit, Portfolios gezielt als spezielle Form der Schülerbewertung einzuführen. Der Boom erreichte wenige Jahre später in den USA seinen Höhepunkt und ging mit einer großen Beliebtheit der Portfolios in der Lehr- und Schulpraxis einher (Vgl. Elbow & Belanoff, 1997). Seit Ende der 90er Jahre stellten zahlreiche amerikanische Schulen ihre Leistungsbewertung gänzlich auf Portfolios um.

Das Prinzip der Portfolios breitete sich über den angloamerikanischen und frankokanadischen Raum in europäische Länder aus. In Großbritannien beispielsweise waren die Leistungsmappen ein zentrales Element beim Aufbau des UK National Vocational Qualifikationssystems. Wales, das sich selber gerne als „Learning Country“ bezeichnet, stellte sogar jedem seiner drei Millionen Einwohner ein E-Portfolio zur Verfügung, um die Idee des lebenslangen Lernens umzusetzen. Auch in den skandinavischen Ländern ist das Portfolio als Lern- und Beurteilungsinstrument schon seit einigen Jahren weit verbreitet. Im deutschsprachigen Raum erweist sich das Bild als weniger einheitlich: Während das Portfolio in Österreich und in der Schweiz schon seit geraumer Zeit in Bildungsprozesse integriert ist, wurden in Deutschland die neuen Möglichkeiten der Dokumentation und Bewertung von Leistungen, die Portfolios mit sich bringen, erst jüngst allmählich erkannt und geschätzt. Mittlerweile macht in den betroffenen und Portfolio-erprobten Ländern sogar der Begriff „Portfoliomanie“ die Runde. Was sich hinter diesem Terminus in der Pädagogik genau verbirgt, darüber herrscht unter Wissenschaftlern jedoch wenig Klarheit. Tatsache ist, dass Portfolios in jüngster Zeit immer beliebter wurden – auch in Deutschland: Anstelle von Abschlussberichten oder Seminararbeiten in der universitären Lehre findet man nun häufig Portfolios; am Ende von Evaluationen steht oftmals ein Portfolio, das den Evaluationsprozess dokumentiert. Schulen zeigen ihre Arbeit und ihren Werdegang in Entwicklungsportfolios auf, auch bei Grundschulpädagogen stößt der Portfolio-Ansatz zunehmend auf Interesse, ebenso in der Lehrerausbildung der Hochschulen.

Mit Hilfe der neuen Medien werden Portfolios vermehrt digital angelegt, gestaltet und genutzt, sie entwickeln sich damit zu E-Portfolios. Diesen wird mittlerweile eine derart hohe Bedeutung für die Veränderung und Verbesserung des Lehr-Lernprozesses beigemessen, dass sie regelmäßig im Rampenlicht internationaler Konferenzen stehen. Die jüngste Tagung dieser Art fand mit über 200 Teilnehmern vom 11. bis 13. Oktober 2006 im englischen Oxford statt und wurde – wie auch in den vergangenen Jahren – vom europäischen E-Learning-Institut (EIfEL) organisiert.

- Drei zentrale Entwicklungslinien -

Betrachtet man die Literatur zur Entwicklung der Portfolios – beispielsweise Belanoff & Dickson, 1991; Graves & Sunstein, 1992; Black, Daiker, Sommers & Stygall, 1994; Knight & Gallaro, 1994; Calfee & Perfumo, 1996; Bernhardt, 2002 – so kann man zusammenfassend feststellen, dass es zum einen Lehrkräfte waren, die den Schritt, etwas Neues auszuprobieren, gewagt haben. Auf der anderen Seite findet man aber auch Berichte über Forschungsprojekte, bei denen Wissenschaftler in Kooperation mit Schulen und Lehrenden Portfolios für die Beurteilung der Lernenden konzeptionierten und analysierten. Diese Entwicklung war nicht auf bestimmte Schultypen beschränkt, sondern erstreckte sich von Volksschulen über Gymnasien und Universitäten bis hin zu Berufs- oder Erwachsenenschulen. Auch einzelne US-Bundesstaaten setzten Portfolios ein, um Informationen über die Qualität ihres Bildungssystems gewinnen zu können. In der oben erwähnten Literatur kristallisieren sich somit drei zentrale Entwicklungslinien heraus:

- Die „Student Portfolios“ weisen die umfassendste und mannigfaltigste Entwicklung auf. In dieser Portfolio-Art erstellen Lernende – in Schulen, Universitäten oder in Einrichtungen der Erwachsenenbildung – ein Portfolio zu einem bestimmten Unterrichtsgegenstand. Die Student Portfolios werden in den folgenden Kapiteln die entscheidende Rolle spielen.
- Um die Professionalisierung des europäischen Hochschulsystems vorantreiben, dadurch die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die in der Bologna-Erklärung gefassten Ziele erreichen zu können, ist ein hoch qualifiziertes Lehrpersonal eine grundlegende Voraussetzung. Die „Teacher Portfolios“, von (angehenden) Lehrern und Dozenten erstellt, dienen dazu, die individuellen Lehrkompetenzen und -fähigkeiten zu dokumentieren, zu evaluieren und zu verbessern.
- Das so genannte „School Portfolio“ verfolgt das Ziel, die Entwicklung der Schule oder der Universität sowie deren Qualität in die Öffentlichkeit zu transportieren, zu dokumentierten und nach innen zu fördern.

4 Verschiedene Arten eines Portfolios

Auf Grund der flexiblen Definition von „Portfolio“ erweisen sich auch die Handlungsspielräume bei der konkreten Gestaltung eines E-Portfolios als breit, es haben sich in der Praxis verschiedene Ansätze entwickelt. Einige Autoren – beispielsweise Hilzensauer, Hornung-Prähauser, Künzi, Stangl und Winter – versuchen, deren Vielfalt zu ordnen, indem sie nach bestimmten Kategorien und Grundtypen von Portfolios suchen und deren charakteristische Merkmale beschreiben. Die Anzahl dieser Typen variiert dabei von Publikation zu Publikation. Nachfolgend werden die nach den oben genannten Autoren wichtigsten Formen eines Portfolios sowie deren Einsatzmöglichkeiten näher vorgestellt.[13] Die genannten Verfasser sprechen in ihren Abhandlungen von den herkömmlichen Portfolios. Daher soll in diesem Kapitel auf den Zusatz des „E-“ verzichtet werden. Gleichwohl lassen sich die nachfolgenden Kategorien selbstverständlich auf die E-Portfolios übertragen, auch diese können einer der angeführten Arten sein.

4.1 Das Arbeitsportfolio (Working Portfolio)

Ein Arbeitsportfolio ist – wie schon der Name verrät – kein vollendetes, in perfekter äußerer Form vorliegendes oder für eine Bewertung bestimmtes Portfolio. Vielmehr enthält es verschiedene Arbeiten, Entwürfe, Vorüberlegungen, Skizzen und Gedankengänge eines Studenten, welche dieser zu einem bestimmten Thema oder Lerngegenstand anfertigt oder angefertigt hat. Die Dokumente liegen dabei nicht in ihrem endgültigen Zustand vor; vielmehr befinden sich die Materialen noch in ihrer Bearbeitung. Ein Arbeitsportfolio wird normalerweise nicht mit Noten bewertet, sondern dient dem „Einüben des Zusammenspiels von Selbst- und Fremdevaluation“ (Stangl, 2004, Kapitel 2). Ein Arbeitsportfolio bietet sich beispielsweise dazu an, bei Beratungsgesprächen zwischen dem Dozenten und dem Studenten sowie zur Definierung der weiteren Lernziele herangezogen zu werden, dokumentiert es doch die Stärken und Schwächen des Eigentümers. Ausgewählte Teile eines Arbeitsportfolios können vom Lernenden selektiert und in ein Beurteilungs- oder in ein Vorzeigeportfolio übernommen werden. In diesem Fall stellt das Arbeitsportfolio also eine Art Archiv dar.

4.2 Das Aufnahmeportfolio (Admission Portfolio)

Gegenwärtig wird in der Hochschullandschaft die Frage diskutiert, inwieweit – auch zur Erreichung der im Bologna-Prozess verankerten Ziele – die Kompetenzen der einzelnen Universitäten und Fachhochschulen gestärkt werden sollen. Damit einhergehend, plädieren immer mehr Hochschulen dafür, sich ihre Studenten verstärkt selber aussuchen zu dürfen. Gerade in Elitestudiengängen sowie in stark zulassungsbeschränkten Fächern sind umfangreiche universitätsinterne Auswahlprozeduren bereits Realität, diese Verfahren werden voraussichtlich in den nächsten Jahren noch zunehmen. Mit Hilfe eines Aufnahmeportfolios, welches die Universitäten dann von den Bewerbern verlangen, können die für den jeweiligen Studiengang verantwortlichen Dozenten sich ein Bild darüber machen, ob sich jemand für das entsprechende Fach eignet oder nicht: In einem Aufnahmeportfolio stellen die am jeweiligen Studiengang interessierten Bewerber ihre Kompetenzen in den betreffenden Bereichen möglichst überzeugend heraus und verdeutlichen, warum gerade sie für diesen Studiengang geeignet sind. Sie präsentieren die Aspekte optisch ansprechend und machen sie der Hochschule zugänglich. Aber nicht nur Universitäten, sondern auch Sprachenschulen, Berufsakademien, Journalistenschulen oder Volkshochschulen können mit Hilfe des Aufnahmeportfolios herausfinden, ob ein Kandidat in Betracht kommt, die Schule oder einen bestimmten Kurs besuchen zu dürfen.

4.3 Das Beurteilungsportfolio (Status Report- oder Assessment Portfolio)

Ein Beurteilungsportfolio kann in der universitären Lehre zur Messung und Bewertung von Leistungen herangezogen werden.[14] Studenten belegen in diesem Typ von Portfolio, dass sie bestimmte, klar vorgegebene Lernziele zu einem definierten Thema erreicht haben und Anforderungen erfüllen konnten. Das Beurteilungsportfolio liefert also Beweise, dass vom Dozenten erstellte Aufgaben von dem jeweiligen Studenten in Angriff genommen bzw. vollendet wurden. Es kann als Kriterium dafür herangezogen werden, wie gut ein bestimmtes Stoffgebiet beherrscht wird. Dabei kann es auch als Maßstab für das Erreichen einer höheren Ausbildungsstufe – beispielsweise die Teilnahme an einem Hauptseminar – fungieren. Um eine Transparenz der Bewertung sowie eine Vergleichbarkeit der einzelnen Beurteilungsportfolios innerhalb eines Hochschulkurses gewährleisten zu können, müssen zu Beginn der Portfolio-Arbeit eindeutige Kriterien festgelegt werden – am besten in einer offenen Kooperation zwischen Lehrenden und Lernenden. Diese Gesichtspunkte sollten sich sowohl auf den Inhalt und dessen Umfang als auch auf die äußere Form oder die sprachliche Gestaltung beziehen.[15] Traditionelle Leistungsprüfungen wie Referate oder Klausuren können den Prozess der Notengebung ergänzen.

4.4 Das Bewerbungsportfolio (Application Portfolio)

Dieser Portfolio-Typ ist mit einem ausführlichen Lebenslauf vergleichbar. Der Bewerber sendet diesen seinem potenziellen Arbeitgeber jedoch nicht wie bislang üblich in Papierform und tabellarischer Erscheinung zu, sondern bietet beispielsweise auf seiner Homepage ein Bewerbungsportfolio zur Einsicht oder zum Download an. In dieser digitalen Bewerbungsmappe listet er – wie in einem herkömmlichen Lebenslauf – seinen Ausbildungsweg, seine erworbenen Abschlüsse, seine Qualifikationen und Fähigkeiten sowie seine bisherigen Berufserfahrungen auf. Zertifikate über ehrenamtliche Engagements, Praktikazeugnisse, Referenzen sowie ausgewählte Arbeitsproben runden das Portfolio ab, das dem Empfänger Auskünfte über die Person und den Charakter des Bewerbers sowie über dessen fachliches Know-how liefern soll. Ein Bewerbungsportfolio geht über die heutzutage gebräuchliche schriftliche Bewerbung hinaus: Gerade bei künstlerischen Berufen oder Jobs in der Medienbranche vermittelt bereits das Portfolio dem möglichen künftigen Arbeitgeber einen ersten Eindruck davon, wie versiert der an einer Stelle Interessierte im Umgang mit den neuen Medien ist und welche gestalterischen oder kreativen Fertigkeiten er mitbringt. Selbstverständlich kann und sollte hierbei seitens der Bewerber nicht nur auf schriftliche Informationen, sondern beispielsweise auch auf Audio- oder Videoelemente gesetzt werden. So kann ein Bewerber für ein Radio-Volontariat seinen Aircheck digital mitliefern, Bewerber in der Fernsehbranche können ihre ersten selbst gedrehten Kurzfilme präsentieren. Gegenwärtig lassen sich internationale Bestrebungen, wie beispielsweise die Euro-Pass-Initiative, finden, welche versuchen, das Bewerbungsportfolio mit einheitlichen Richtlinien auszustatten.

[...]


[1] Die erste Nachfolgekonferenz zu Bologna fand am 19. Mai 2001 in Prag statt, die zweite am 18. und 19. September 2003 in Berlin und die dritte am 19. und 20. Mai 2005 im norwegischen Bergen. Schauplatz des diesjährigen Treffens ist im Mai London.

[2] Die in Deutschland gegenwärtig größte und bekannteste Studenten-Community stellt das „Studiverzeichnis“ (http://www.studivz.net) dar. Hier hat jeder Student die Möglichkeit, ein ausführliches Profil anzulegen, Fotos hochzuladen, unterschiedlichen Gruppen beizutreten, seinen Steckbrief mit denen seiner Freunde und Kommilitonen zu verlinken oder sich über gemeinsame Lehrveranstaltungen auszutauschen.

[3] Siehe http://wikipedia.org.

[4] Siehe http://youtube.com.

[5] Bis Ende des Jahres 2006 unter dem Namen OpenBC bekannt; siehe http://www.xing.com.

[6] z.B. Bräuer, 2002.

[7] z.B. Winter, 2002.

[8] z.B. Barrett, 2006.

[9] Die verschiedenen Arten eines Portfolios werden in Kapitel 4 dieser Arbeit näher vorgestellt.

[10] Hinsichtlich der Konsequenzen, die ein Portfolio in der universitären Lehre mit sich bringt, sei auf Kapitel 6 verwiesen. Um eine grundlegende Vorstellung davon zu erhalten, was sich hinter einem Portfolio verbirgt, wurde das Thema jedoch bereits hier kurz angerissen.

[11] Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einem herkömmlichen Portfolio und einem E-Portfolio werden in Kapitel 5 dieser Arbeit thematisiert.

[12] Die Renaissance setzte als geistige Bewegung im 14. Jahrhundert ein und manifestierte sich im 15. Jahrhundert vor allem in der Kunst.

[13] Die einzelnen Portfolio-Arten werden dabei in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Diese impliziert also keine Gewichtung der einzelnen Portfolio-Untergruppen.

[14] Das Kapitel 8 der vorliegenden Arbeit widmet sich ausführlich der Frage, inwieweit die Einführung von E-Portfolios in der universitären Lehre zu einer veränderten Leistungsbeurteilung führen kann.

[15] Siehe dazu auch Kapitel 12 dieser Masterarbeit, in dem bedeutsame Punkte zur Implementierung der E-Portfolios in die Hochschullehre festgehalten sind.

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
E-Portfolio. Ein Instrument zur Entwicklung einer neuen Lernkultur im Hochschulwesen?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
93
Katalognummer
V83734
ISBN (eBook)
9783638874069
ISBN (Buch)
9783638874168
Dateigröße
1795 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E-Portfolio, Instrument, Entwicklung, Lernkultur, Hochschulwesen
Arbeit zitieren
Markus Sebastian Müller (Autor), 2007, E-Portfolio. Ein Instrument zur Entwicklung einer neuen Lernkultur im Hochschulwesen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83734

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: E-Portfolio. Ein Instrument zur Entwicklung einer neuen Lernkultur im Hochschulwesen?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden