« Elle n’en finira pas, cette nuit », heißt es im Buch « Le grand voyage » von Jorge Semprun. Semprun schrieb diese Zeilen über seinen Transport in das Konzentrationslager Buchenwald. Auf Grund des Spanischen Bürgerkrieges musste er, der Spanier war, mit 13 Jahren nach Frankreich flüchten und beteiligte sich nach der Besetzung durch deutsche Truppen am Widerstandskampf der Résistance. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo wurde Semprun 1943 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert.
Dass diese Nacht, die die KZ-Erfahrung metaphorisch umfasst, niemals endet, blieb traumatisch für sein ganzes Leben. Die Nacht, das waren die Erinnerungen an das Konzentrationslager – Erinnerungen, die das ganze Leben bestimmten. Sie fielen als Schnee in das Gedächtnis, sie überfielen ihn bei einem besonderen Essen oder beim Klang eines Namens und in der Liebe.
Semprun hat über das Schreiben und die Literatur die eigene Erinnerung zugelassen und im Zaum gehalten. Er erkannte nach seiner Befreiung aus dem KZ, dass die unmittelbare literarische Verarbeitung seiner Erlebnisse ihn töten würde. Daher ließ er ein angefangenes Buchprojekt unvollendet und entschied sich für das Leben. So auch der Titel seines Buches « L’écriture ou la vie ».
Semprun war als 'Rotspanier' von Januar 1944 bis April 1945 im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Aus diesem "Erlebnis des Todes" sind fünf Bücher entstanden: "Le grand voyage" (1963), "L'évanouissement" (1967), "Quel beau dimanche!" (1980), "L'écriture ou la vie" (1994) und "Le mort qu'il faut" (2001).
Leben und Schreiben bilden bei Semprun wie bei kaum einem anderen Autor eine untrennbare Einheit. Eigene Erinnerungen sind das autobiographische Material, aus dem er seine Texte formt, nicht ohne jedoch mit diesem Material auf unterschiedlichste Weise zu experimentieren. Es geht Semprun immer um eine tiefere, essentiellere Wahrheit, um das Aufdecken von Zusammenhängen und Möglichkeiten, die eine Wahrscheinlichkeit jenseits der faktischen Richtigkeit erkennen lassen.
(Neuhofer 2007: 2)
Auf diese Weise scheint das gesamte literarische Werk Sempruns wie ein fortschreitender Prozess der Bewusstwerdung über das eigene Leben. Und dieser Prozess dreht sich immer wieder um die zentralen Themen Buchenwald und später auch das politische Engagement in Spanien, z.B. in den Werken Autobiografía de Federico Sánchez, Veinte años y un día etc.
Die Erinnerung und das Erinnern stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit. Die Untersuchungen dazu werden sich auf das Erstlingswerk Sempruns « Le grand voyage » und das erst 31 Jahre später erschienene Buch « L’écriture ou la vie » stützen und dabei insbesondere darauf eingehen, inwieweit die Darstellung der unauslöschlichen Erinnerung an die Deportation und die kaum vorstellbaren Bedingungen in den Konzentrationslagern literarisch möglich ist und umgesetzt wird. Der erste Teil der Arbeit soll zunächst dazu dienen, einen Überblick zu verschaffen, was es überhaupt heißt, über die Erinnerungen an den Holocaust zu schreiben. Es werden Begriffe wie Erinnerung, Gedächtnis, Lager-Literatur und weitere verwandte Begriffe definiert, hierbei werden aber immer wieder die beiden Werke zur Veranschaulichung herangezogen. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich den beiden Werken im Detail und darin sollen ausgewählte Merkmale der Bücher vorgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Teil - Theoretische Annäherung an die Erinnerungsliteratur Sempruns
I Erinnerungskultur
I.1 Die Gruppe als Träger der Erinnerung
II Lager-Literatur
III Zeugnis ablegen
IV Die Beeinflussung von Sprache und Literatur
2. Teil - Textanalyse
I Das Unauslöschliche
II Das literarische Erinnern
II.1 „Le grand voyage“ – Reise in die Erinnerung
II.2 Die literarische Umsetzung der Erinnerung in „Le grand voyage“
II.3 Die individuelle Bedeutung der Erinnerung
II.4 Die „Drinnen und Draußen“ Thematik
II.5 Das Dorf
III L’écriture ou la vie
III.1 Die Entstehung
III.2 L’écriture ou la mort – Die Entstehung des Titels
III.3 Der Blick
III.4 Das Erzählen
Konklusion
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Werk von Jorge Semprún, insbesondere seine beiden zentralen Erinnerungsbücher „Le grand voyage“ und „L’écriture ou la vie“. Im Fokus steht die Forschungsfrage, auf welche Weise die Darstellung der traumatischen, unauslöschlichen Erinnerung an die Deportation und die Konzentrationslager literarisch überhaupt möglich ist und wie der Autor diesen Prozess der Bewältigung und des Zeugnisablegens gestaltet.
- Analyse der Erinnerungskultur und der Theorie des kollektiven Gedächtnisses nach Maurice Halbwachs.
- Untersuchung der spezifischen Ausprägungen von Lager-Literatur und der Problematik der Zeugenschaft.
- Detailanalyse der Erzählstrukturen, Motive (wie „Drinnen und Draußen“ oder „Der Blick“) und der Bedeutung des Fiktionalen bei Semprún.
- Reflexion über die moralische und ästhetische Verantwortung beim Schreiben über das Unaussprechliche.
- Untersuchung der Veränderung von Semprúns Identitätskonzept vom politischen Aktivisten zum „Schriftsteller-Zeugen“.
Auszug aus dem Buch
II.2 Die literarische Umsetzung der Erinnerung in „Le grand voyage“
Betrachtet man in diesem ersten Werk Sempruns die Auseinandersetzung mit Buchenwald, so fällt auf, dass er unterschiedliche Erzählhaltungen in den beiden Kapiteln des Buches wählt: Während im ersten Kapitel die Ich-Form gewählt wird, findet sich im zweiten Kapitel eine heterodiegetische Erzählposition. Damit wird erreicht, dass der Erzähler bei der Ankunft in Buchenwald nicht mehr Teil der erzählten Welt ist. Mit dieser Veränderung markiert Semprun deutlich den Endpunkt dieser Erzählung. Der Anfang der Erzählung beginnt mit der Fahrt durch das Moseltal. Zwischen diesen beiden Punkten wird der Transport Sempruns von Compiègne in das KZ Buchenwald konstruiert. Und diese Zugfahrt ist gekennzeichnet durch die Darlegung der Erinnerung Sempruns an die Ereignisse vor dieser Reise im Maquis und in der Kindheit sowie nach dieser Reise im KZ Buchenwald und nach der Befreiung.
Der Transport ins Lager wird in den meisten literarischen Zeugnissen über die Konzentrationslager thematisiert, er stellt zumeist den Anfang der zu bezeugenden Erfahrung dar. Einerseits deshalb, weil die Deportation eine notwendige Etappe in der chronologischen Erzählung ist, andererseits bildet sie einen zentralen Topos der KZ-Literatur. Denn die Benennung der Ortsnamen, die während der Reise durchfahren werden und die genaue Kennzeichnung von Daten im Text, also wann die Fahrt begann und wie lange sie dauerte, verleiht dem Text Authentizität. Es wird ein Bezug zur Realität hergestellt, in die der Text eingeordnet werden kann. Darüber hinaus gibt die Beschreibung der Reise Semprun die Möglichkeit den Übergang von der normalen Welt in eine fremde, schreckliche, grausame Welt literarisch zu gestalten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in Semprúns Biografie, sein Werk und die Problematik des Schreibens über KZ-Erfahrungen.
I Erinnerungskultur: Darlegung der theoretischen Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses nach Maurice Halbwachs als soziales Konstrukt.
II Lager-Literatur: Einordnung der Lager-Literatur in den Kontext der Shoa-Literatur und die Entwicklung hin zu einer „postfaktischen Shoa-Autobiographie“.
III Zeugnis ablegen: Erörterung der moralischen Vermittlungsproblematik und der Funktion des Bezeugens als primäres Kriterium dieser Literatur.
IV Die Beeinflussung von Sprache und Literatur: Analyse, wie die Lagererfahrung Sprache prägt und wie menschliches Leid in ästhetische Form übersetzt werden kann.
I Das Unauslöschliche: Untersuchung des Zusammenspiels von Erinnerung und notwendigem Vergessen im Werk Semprúns.
II Das literarische Erinnern: Detaillierte Analyse der Erzählstrukturen und Bedeutungsebenen in „Le grand voyage“.
III L’écriture ou la vie: Betrachtung der Entstehungsgeschichte, der Bedeutung des Titels und der persönlichen Wende des Autors beim Schreiben dieses Werkes.
Konklusion: Zusammenfassende Würdigung von Semprúns Beitrag zur Literatur sowie Reflexion über die Bedeutung der Erinnerungskultur in der Gegenwart.
Schlüsselwörter
Jorge Semprún, Erinnerungskultur, KZ-Literatur, Buchenwald, Zeugenschaft, kollektives Gedächtnis, Trauma, Erzählstruktur, Shoa, Identität, Autobiographie, Fiktionalität, Maurice Halbwachs, Sprache, Vermittlungsproblematik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung Jorge Semprúns mit seinen Erfahrungen im Konzentrationslager Buchenwald.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf Erinnerungstheorie, der Entwicklung der Lager-Literatur, der Rolle der Zeugenschaft sowie den ästhetischen Gestaltungsmitteln in Semprúns Werken.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie Semprún die Darstellung der „unauslöschlichen“ Erinnerung an die Deportation und die Lagerhaft literarisch möglich macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse der Primärwerke „Le grand voyage“ und „L’écriture ou la vie“ unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher und erinnerungstheoretischer Ansätze.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Erinnerungskultur und einen analytischen Teil, der die Erzählformen, Motive und das Identitätskonzept von Semprún untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind das kollektive Gedächtnis, das Bezeugen, die Problematik der Fiktionalisierung bei traumatischen Erlebnissen und die Bedeutung der Identitätsbildung durch das Schreiben.
Wie spielt das Motiv des „Blicks“ eine Rolle im Buch „L’écriture ou la vie“?
Das Motiv des Blicks strukturiert das gesamte Buch und markiert sowohl die Distanz zu den Außenstehenden als auch die tiefere Verbindung zu Mithäftlingen durch die gemeinsame Todeserfahrung.
Warum musste Semprún den ursprünglichen Titel seines Werkes ändern?
Aufgrund seiner Auseinandersetzung mit dem Ort des Todes und seiner geänderten Reflexion über das eigene Überleben änderte er den Titel von „L’écriture ou la mort“ zu „L’écriture ou la vie“.
Welche Rolle spielt Maurice Halbwachs für Semprún?
Halbwachs, der Semprúns Dozent war und im KZ starb, dient als theoretische Bezugsgröße für den Begriff des kollektiven Gedächtnisses und als eine für den Autor prägende menschliche Figur.
- Quote paper
- Diana Eckl (Author), 2007, Darstellung des Unauslöschlichen im Werk von Jorge Semprun, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83768