Die Führungsforschung von Lewin et al. als Ausgangspunkt von Führungsstilforschung

Theoretischer Hintergrund, empirische Befunde und aktuelle Bedeutung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Feldtheorie
2.1 Kurt Lewin
2.2 Die Feldtheorie
2.2.1 Wichtige Begriffe der Feldtheorie

3. Die Führungsstilforschung
3.1 Experimente der Führungsstilforschung von Lewin et. al
3.1.1 Experiment von 1937
3.1.2 Experiment von 1938
3.2 Führungsstile
3.2.1 Autoritärer Führungsstil
3.2.2 Demokratischer Führungsstil
3.2.3 Laissez-faire Führungsstil
3.3 Empirische Befunde
3.3.1 Interpretationen
3.4 Aktuelle Bedeutung der Führungsstilforschung von Lewin et. al

4 Resümee

1 Einleitung

Führung ist überall da erforderlich, wo Menschen gemeinsam etwas erreichen wollen. Da in Gemeinschaften Aufgaben auf Grund ihres Umfangs und ihrer Komplexität arbeitsteilig erfüllt werden müssen, gibt es Führung – in allen Ländern und zu allen Zeiten. Diese Arbeit richtet ihren Blickwinkel besonders auf die Führung und die Führungsstile in Organisationen, Unternehmen bzw. öffentlichen Verwaltungen, in denen viele Möglichkeiten gegeben sind, Führung praktisch umzusetzen. Aufgrund unterschiedlicher Persönlichkeitsstrukturen Seitens der Führenden existieren zahlreiche Varianten, Führungsaufgaben wahrzunehmen. Das Resultat sind verschiedene Führungsstile.

Im Bereich der Führungsforschung werden das Verhalten und Erleben von Menschen in Führungssituationen untersucht. Führungsstil und Führungsverhalten haben nachweislich tief greifende Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit, die Motivation und damit ganz wesentlich auf die Arbeitsleistung. Die traditionelle Führungsstilforschung geht von einem (oder nur sehr wenigen) Merkmalen aus; als Merkmal werden Verhaltensweisen des Führers identifiziert, die er regelmäßig in Bezug auf die zu beeinflussenden Mitarbeiter einsetzt. Anschließend erfolgt eine Dichotomisierung des Merkmals (hoch – niedrig) und den so gewonnenen Führungsstilen werden entsprechende Verhaltensfolgen seitens des Mitarbeiters zugeordnet.[1] Ein grundlegender Impuls für die Führungsstilforschung ging von der Forschergruppe um Kurt Lewin aus, dessen Ansätze in der Tradition der Führungsstilforschung verwurzelt sind.[2] Kurt Lewin (1890-1947) war einer der einflussreichsten Sozialpsychologen seiner Zeit.

Mit seinen experimentellen Methoden studierte er soziale Probleme und prägte somit die Gestaltungs- bzw. Motivationspsychologie.[3] Zusätzlich entwickelte er das Konzept der legendären Feldtheorie, die ihm als Grundlage seiner empirischen Untersuchungen über verschiedene Führungsstile diente. Die vorliegende Arbeit liefert die Begründung, warum die Führungsforschung von Lewin et. al. als Ausgangspunkt der Führungs-stilforschung gesehen werden kann. Neben einer kurzen Beschreibung der Person Kurt Lewins, wird im Hauptteil der Arbeit das theoretische Konzept der Feldtheorie erläutert und schematisch dargestellt.

Um Lewins Führungsforschung detailliert beschreiben zu können, werden zwei seiner wichtigsten Experimente zu den Führungsstilen von 1937/38 erläutert, wobei ihre Interpretationen und Ergebnisse einen wichtigen Bestandteil der Arbeit repräsentieren. Auf der Basis dieser experimentellen Ergebnisse kam Lewin zu seinen empirischen Befunden und zu seinem optimalen Führungsstil.

Im Schlussteil dieser Arbeit wird die Führungsstilforschung von Lewin et. al. aus aktueller Sicht durchleuchtet und bewertet. Im Vordergrund steht dabei die Frage; ob Lewins empirische Befunde im Bereich der heutigen Führungsforschung noch tragbar sind und immer noch Bedeutung haben?

2 Die Feldtheorie

2.1 Kurt Lewin

Kurt Tsadek Lewin wird am 9. September 1890 in Mogilno (damals preußische Provinz Posen, heute zu Polen gehörend) als Sohn eines Kaufmanns geboren. Kurt Lewin stammt aus einfachen Verhältnissen und wird jüdisch erzogen.[4]

Im Jahr 1905 zog die Familie nach Berlin, wo er ab dem Herbst dieses Jahres das Kaiserin-Augusta-Gymnasium besucht. Danach studiert er in Freiburg Medizin, wo er anfängt sich für die Psychologie zu interessieren und schließlich das Studienfach wechselt. Schon als Student wird er Mitglied der Gesellschaft für experimentelle Psychologie. Nach seiner freiwilligen Bereitschaft in den 1. Weltkrieg zu ziehen, schlägt Lewin schließlich eine akademische Laufbahn ein. Am Berliner Institut führt er in Zusammenarbeit mit einigen Studenten eine Serie von Experimenten durch, die später zu seiner berühmten Feldtheorie führen.

Nach einer sechsmonatigen Gastprofessur an der Stanford University, setzt er seine theoretischen Arbeiten aufgrund der rassistischen Beamtengesetze in Deutschland nun vollständig in den USA fort. 1935 bot ihm die Iowa State University eine Professur für Kinderpsychologie an. Von dort aus nahm er Gastprofessuren in Harvard und Berkeley, wurde 1940 amerikanischer Staatsbürger und gewann Schüler wie Festinger, Lippitt und White, deren Arbeiten das Bild der wissenschaftlichen Psychologie in den USA geprägt haben.[5] Am 11. Februar 1947 stirbt Kurt Lewin in Boston unerwartet an den Folgen eines Herzanfalls. Lewins vorzeitiger Tod war von seinen Kollegen lange befürchtet worden, denn er führte ein Leben ständiger Aktivität. Seine Interessen umfassten die Entwicklung von theoretischen Modellen der Motivation ebenso wie die Suche nach Lösungen für soziale Probleme. Seine angewandten Forschungsinteressen reichten vom Studium der Pubertät und des Schwachsinns bis zu Charakteranalysen, Ernährungsgewohnheiten und der Aggressionsforschung.[6]

2.2 Die Feldtheorie

Nachdem die behavioristischen Verhaltenstheorien besonders nach dem ersten Weltkrieg für zu mechanisch und somit als ungeeignet empfunden wurden, konzentrierten sich die Gestaltpsychologen gezielt auf Phänomene der Wahrnehmung von Situationen.[7]

Kurt Lewin war einer von ihnen. Die Erkenntnis über die Bedeutung des Bewusstseins von Organismen, für ihr jeweiliges Verhalten, wurde durch die Gestaltpsychologie und speziell durch Kurt Lewins Feldtheorie, rehabilitiert.

Nachdem er sich Zeit seines Lebens ausführlich mit den gestaltungs- und willenspsychologischen Problemen und den dazugehörigen Forschungsexperimenten befasst hat, konstituierte er aus Komponenten beider Bereiche und eigenen Annahmen die „Feldtheorie“.

Grundsätzliche Charakteristika der Feldtheorie sind: die Anwendung einer konstruktiven einer klassifizierenden Methode; das Interesse für die dynamischen Aspekte der Ereignisse; der psychologische anstelle des physikalischen Ansatzes; die von der Gesamtsituation ausgehende Analyse und die mathematische Darstellung des Feldes.[8]

Die Feldtheorie betont den dynamischen Zusammenhang von Wahrnehmung, Erlebten und Verhalten. Sie ist ohne Zweifel die bedeutendste und einflussreichste Arbeit Kurt Lewins.[9] Handeln sollte nicht in einzelnen Teilen analysiert werden, vielmehr sollte man von der Analyse der Gesamtsituation ausgehen.

Lewin knüpfte mit seiner Theorie an die physikalische Feldtheorie Einsteins an, nach der eine Gesamtheit gleichzeitig bestehender Tatsachen, die als gegenseitig voneinander abhängig begriffen werden, ein Feld genannt werden.[10]

Wichtige Elemente der Feldtheorie sind dementsprechend die physikalischen Begriffe Energie, Spannung bzw. Intention, Bedürfnis und Valenz. Die Feldtheorie fällt heute in den Bereich der Motivationspsychologie. Motivation ist die allgemeine Bezeichnung für Prozesse, die körperliche und psychische Vorgänge auslösen, steuern oder aufrechterhalten.[11]

Der Begriff der Motivation wird verwendet, um die Bevorzugung ganz bestimmter Handlungen, die Intensität von Reaktionen und die Persistenz des Handelns bei der Verfolgung von Zielen zu erklären. Individuelles Verhalten kann durch Motivation und somit auch durch die Feldtheorie erklärt werden.

Im Gegensatz zu den Behavioristen ist Lewin der Meinung, dass Verhalten und Verhaltensänderungen nicht nur das Ergebnis der Einwirkung von Umwelteinflüssen sind.

Verhalten und Lernen ist das Resultat der Interpretation einer bestimmten Situation durch das Individuum.[12]

Anstatt das eine oder andere isolierte Element einer Situation, dessen Bedeutung ohne Berücksichtigung der Gesamtsituation nicht beurteilt werden kann, herauszugreifen, findet es die Feldtheorie in der Regel vorteilhafter, mit einer Charakterisierung der Gesamtsituation zu beginnen.[13] Nach dieser ersten Approximation werden die spezifischen Teile der Situation nach und nach einer eingehenden Analyse unterzogen. Es gibt so etwas wie die Eigenschaft des ganzen Feldes. Die Größe des „Raums freier Bewegung“ oder die „Atmosphäre der Freundlichkeit“ sind z.B. solche Eigenschaften und gleichzeitig wichtige Elemente der Untersuchungen von 1937/38. Lewin beschäftigte sich mit der Frage, wie eine bestimmte Situation von einem Individuum wahrgenommen bzw. interpretiert wird und wie sich dieses auf das Verhalten der Person auswirkt?

Um die Wahrnehmung eines Individuums nachvollziehen zu können, muss man demnach seinen Lebensraum analysieren und kennen.

Die Gesamtsituation, in der sich eine Person befindet, wird nicht allein durch die objektiven Gegebenheiten (physikalische Umwelt) beeinflusst, sondern vielmehr durch das Zusammenspiel dieser mit den eigenen Interpretationen aufgrund von Gefühle, Ziele usw. Verhalten wird durch die Art und Weise determiniert, in der das Individuum die Welt wahrnimmt, dies beinhaltet z.B. die Wahrnehmung der Zielentfernung.[14]

2.2.1 Wichtige Begriffe der Feldtheorie

Um den Lebensraum einer Person genauer charakterisieren zu können, verwendet Lewin den Begriff des Feldes. Mit dem physikalischen Terminus beschreibt Lewin den Lebensraum eines Individuums als ein Gravitationsfeld, in dem unterschiedliche Kräfte in unterschiedlicher Stärke und Richtung wirksam sind. Der Lebensraum einer Person setzt sich aus der psychologischen Umwelt (bestehend aus Werten, Vorlieben, Gefühlen, Erfahrungen, Intentionen usw.) und der physikalischen Umwelt (objektive Umgebung) zusammen. Beide Umwelten sind nicht identisch.[15]

In der Psychologie kann man innerhalb einer Gesamtsituation zunächst einmal grob die Person (P) und die Umwelt (U) unterscheiden wobei das Ausmaß, in dem ein bestimmtes Verhalten von den Eigenschaften der Person oder der Umwelt abhängt, jeweils verschieden ist.[16]

Lewins grundlegende theoretische Aussage lautet, dass das Verhalten sowohl durch die Person (P) als auch durch die Umwelt (U) determiniert wird. Aus diesem Grund entwickelte er folgende Formel für die Darstellung eines Lebensraums, die zusätzlich in Abbildung 1 dargestellt ist:

V= f (P;U), wobei f eine Funktion oder Beziehung repräsentiert.[17]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung eines Lebensraums (vgl. Weiner, Motivationspsychologie. S. 117)

[...]


[1] Steinle, C.: Führungsstilforschung in der Sackgasse. Konzepte und ein alternativer Lösungsweg für hohe Mitarbeiter- Leistung und – Zufriedenheit. Berlin 1987. S. 2

[2] Kieser et al. (Hrsg.): Enzyklopädie der Betriebswirtschaftslehre. Bd. 10.: Handwörterbuch der Führung, 2. Auflage. Stuttgart 1995. S. 657

[3] Rudolph, U. (Hrsg.). Motivationspsychologie. Weinheim, Basel, Berlin 2003. S. 84

[4] Lück, H.- E.: Die Feldtheorie und Kurt Lewin. Eine Einführung. Weinheim 1996. S. 13

[5] Graumann, C.-F. (Hrsg.): Zur Kurt- Lewin Ausgabe. In: Kurt Lewin Werkausgabe, Bd. 1. Stuttgart 1981, S. 10

[6] Weiner, B.: Motivationspsychologie. Weinheim 1984, S. 116

[7] Lewin, K.: Feldtheorie des Lernens. In: Baumgart, F. (Hrsg.): Entwicklungs- und Lerntheorien. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben (S.167-191). Regensburg 2001. S. 167

[8] Graumann, C.-F. (Hrsg.): Feldtheorie des Lernens . In: Graumann, C.-F. (Hrsg.).Kurt Lewin Werkausgabe, Bd. 4. Stuttgart 1982, S. 157

[9] Vgl. a.a.O. Lück, H.- E.: Die Feldtheorie und Kurt Lewin. Eine Einführung. S. 1

[10] Vgl. a.a.O. Rudolph, U. (Hrsg.). Motivationspsychologie. S. 82

[11] Zimbardo, G., Gerring, R: Psychologie. Berlin, Heidelberg 1996. S. 350

[12] Vgl. a.a.O. Lewin, K.: Feldtheorie des Lernens. In: Baumgart, F. (Hrsg.): Entwicklungs- und Lerntheorien. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben (S.167-191). S. 168

[13] Vgl. a.a.O. Graumann, C.-F. (Hrsg.): Feldtheorie des Lernens . In: Graumann, C.-F. (Hrsg.).Kurt Lewin Werkausgabe, Bd. 4. S. 160

[14] Vgl. a.a.O. Weiner, B.: Motivationspsychologie. S. 118 f

[15] Vgl. a.a.O. Weiner, B.: Motivationspsychologie. S. 118

[16] Lewin, K.: Gesetzesforschung und Situationsdarstellung. In: Lewin, Kurt: Grundzüge der topologischen Psychologie. Stuttgart 1969. S. 34

[17] Vgl. ebd. Lewin, K.: Gesetzesforschung und Situationsdarstellung. In: Lewin, Kurt: Grundzüge der topologischen Psychologie. Stuttgart 1969. S. 34

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Führungsforschung von Lewin et al. als Ausgangspunkt von Führungsstilforschung
Untertitel
Theoretischer Hintergrund, empirische Befunde und aktuelle Bedeutung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Führung in Organisationen
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V83807
ISBN (eBook)
9783638886048
ISBN (Buch)
9783638888721
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Führungsforschung, Lewin, Ausgangspunkt, Führungsstilforschung, Führung, Organisationen
Arbeit zitieren
Hanna Cieslak (Autor), 2006, Die Führungsforschung von Lewin et al. als Ausgangspunkt von Führungsstilforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83807

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Führungsforschung von Lewin et al. als Ausgangspunkt von Führungsstilforschung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden