Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert


Bachelorarbeit, 2006
55 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Galizien bis 1848
2.1 Galizien bis 1772
2.1.1 Kiewer Rus´ (981)
2.1.2 Königreich Polen-Litauen (1340 bzw. 1387)
2.2 „Königreich Galizien und Lodomerien“ bis 1848
2.2.1 Lage der Bauern
2.2.2 Österreichische Reformen
2.2.3 Auswirkungen der Neuordnung

3 Voraussetzungen für die Neubelebung der ukrainischen Nationalbewegung
3.1 Revolution von 1848/49
3.1.1 Kulturelles Erwachen
3.1.2 Politisches Erwachen
3.2 Politische Entwicklungen 1850-1914
3.2.1 Politik des Neoabsolutismus 1850-1859
3.2.2 Die konstitutionelle Ära (seit 1859)
3.3 „Der Kampf um Boden, Wald und Wiesen“
3.4 Nationalbewegung und nationale Identität
3.4.1 Erste Organisationsversuche
3.4.2 Überwindung der Distanz?
3.4.3 Neue Generation politisch aktiver Bauern
3.4.4 Zusammenrücken innerhalb der Nationalbewegung

4 Schlussbetrachtung

5 Abstract

6 Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Übersetzung des Landesnamen „Ukraina“, zu deutsch „Grenzland“, bezieht sich nicht nur auf die geografische Lage des Gebietes im Osten Europas, das sich zwischen den Karpaten im Westen, dem Donezgebiet im Osten, der Krim und dem Schwarzen Meer im Süden und den Pripjet-Sümpfen im Norden erstreckt. Es weist auch hin auf die multikulturelle Grenzlage zwischen Ost und West als Schnittpunkt der Kulturen und Völker zwischen dem Osmanischen Reich im Süden, Russland im Norden und Polen im Westen. Im Laufe seiner Geschichte und aufgrund seiner Attraktivität war das Gebiet der Ukraine immer wieder Gegenstand von Konflikten um seine Herrschaft. Wiederholt wurden seine Bewohner von den angrenzenden großen, polnischen und russischen, Nationen und Herrschern vereinnahmt. Aus nicht stattgefundener Abgrenzung von den Polen und Russen, dem damit verbundenen Assimilationsdruck und fehlender Eigenstaatlichkeit der ukrainischen Nation ergibt sich auch die Erklärung dafür, warum die ukrainische Nation erst im Jahre 1991 selbstständig und unabhängig wurde. Die Ursprünge dieser Entwicklung der Nationsbildung gründen sich auf die Entdeckung/Erweckung nationalen Bewusstseins und Identität, die sich in Europa seit dem 19. Jahrhundert vollzog. Um die Entwicklung des ukrainischen Nationalbewusstseins, das Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, auf ein theoretisches Gerüst zu stellen, sollen im Folgenden die Begriffe „Nation“, „Nationalbewusstsein“ und „Nationalismus“ erklärt werden.

Hroch definiert „Nation“ als

„Großgruppe, die durch Kombination mehrerer Arten von Beziehungen charakterisiert wird, die sich einerseits aus dem grundlegenden Antagonismus zwischen Menschen und Natur auf einem bestimmten Territorium, andererseits aus dem Reflex dieser Beziehungen im Bewusstsein der Menschen ergeben.“[1]

Diese Beziehungen können zwischen einer bestimmten Zahl von Individuen sprachlicher, wirtschaftlicher oder kultureller Natur bestehen, sie sind nicht voneinander isoliert, sondern hängen voneinander ab. Weiter schreibt Hroch über die Entstehung und Definition von „Nationalbewusstsein“ (bei unterdrückten Völkern). Nach und nach trenne sich von der Großgruppe eine bereits bestehende Gruppe von Menschen ab und nähme zahlenmäßig zu. Diese Menschen werden intensiver durch die Kombination einiger Arten von Beziehungen miteinander verknüpft und leben auf einem von Individuen bewohnten Territorium. Diese intensiver miteinander verbundenen Individuen stehen gegenüber ihrer Umgebung als aktiver Faktor da, bilden eine treibende Kraft, die ihre Umgebung in ein Netzwerk von Wechselbeziehungen einschließt. Daraus ergibt sich laut Hroch die Ausbreitung des Nationalbewusstseins.[2] Bei Veränderungen der Nation als Großgruppe ist dieses Nationalbewusstsein dauerhafter, verändert sich langsamer als das Gruppenbewusstsein und

„bewahrt so den Anschein der Kontinuität einer unveränderten nationalen Existenz noch lange, nachdem schon große territoriale, sprachliche oder ökonomische Verschiebungen eingetreten waren.“[3]

Hobsbawm schafft einen Überblick darüber, wie sich der Nationalismus in der westlichen Welt seit 1780 entwickelt hat. Im Folgenden sollen die dort entwickelten drei Perioden des Nationalismus vorgestellt werden, die auch mit dem Zeitraum des in der vorliegenden Arbeit behandelten Themas übereinstimmen. Der volkstümliche Pronationalismus steht für ihn in direktem Zusammenhang mit Sprache und ethnischer Zugehörigkeit.[4]

„Man kann kaum bestreiten, dass Menschen, die in enger Nachbarschaft miteinander leben, ohne einander verstehen zu können, sich selbst als Sprecher der einen Sprache identifizieren und die Angehörigen anderer Gruppen als Sprecher anderer Sprachen oder zumindest als Nicht-Sprecher der eigenen Sprache.“[5]

Herkunft und Abstammung bilden die gemeinsamen Merkmale der Mitglieder einer Volksgemeinschaft. „Verwandtschaft“ und „Blut“ binden die Mitglieder einer Gruppe aneinander und schließen Außenstehende aus. Dennoch bestreitet Hobsbawm nicht, dass sich nur sehr wenige moderne Nationalbewegungen wirklich auf ein starkes ethnisches Bewusstsein stützen und deshalb erst eines erfinden müssen. Weiterhin bringt Hobsbawm die Religion ins Spiel. Sie sei „eine alte und bewährte Methode, Gemeinschaften durch gemeinsame Bräuche und eine Art Brüderschaft zwischen Menschen herzustellen, die ansonsten nichts miteinander gemein haben.“[6] Während die Religion an sich für ihn kein notwendiges Merkmal von Pronationalismus ist, sind es umso mehr die heiligen Ikonen, die Symbole und Rituale oder kollektiven Bräuche (gemeinsame Bilder oder Praktiken). Meist seien die Ideologien sozial und religiös motiviert gewesen.

Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war geprägt von Religion sowie gesellschaftlichen Rangunterschieden. Autonom verfasste Obrigkeiten unterhalb des höchsten Herrschers oder die selbstverwalteten Gemeinden und Korporationen standen wie ein Schutzschirm zwischen Untertan und Kaiser oder König und überließen es der Monarchie, Tugend und Gerechtigkeit zu repräsentieren.

Für den Herrschenden in Europa nach 1789 war die Nation als Territorium definiert, über dessen gesamte Einwohnerschaft er herrschte, durch klar festgelegte Landesgrenzen von anderen derartigen Territorien getrennt. Die politische Herrschaft und die Verwaltung waren unmittelbar und nicht über vermittelnde Systeme von Herrschern und autonomen Körperschaften organisiert. Das Staatsoberhaupt herrschte über ein territorial bestimmtes „Volk“ als höchstes „nationales“ Organ. Seine Stellvertreter erreichten mit der Zeit sämtliche Bewohner. Durch den sich in dieser Periode vollziehenden Demokratisierungsprozess und die Ausdehnung des Wahlrechts auf weite Bevölkerungsschichten, war die Unterstützung des einfachen Mannes gegenüber dem Höherstehenden oder dem Staat nicht mehr automatisch gegeben. Deshalb wurde es notwendig, neue Formen der staatsbürgerlichen Loyalität, eine „Bürgerreligion“ (Patriotismus) zu entwickeln. Ethnische Zugehörigkeit und Sprache rückten in den Hintergrund. Zur Entwicklung des Patriotismus wurde die Kommunikation mit den Einwohnern, besonders in den Grundschulen, genutzt, um das Bild und Erbe der „Nation“ zu verbreiten. Dazu wurden häufig Traditionen oder sogar Nationen von den Herrschenden „erfunden“. Die Loyalität des neuen Nationalismus galt nicht dem „Land“, sondern seiner besonderen Auffassung desselben, einer ideologischen Konstruktion. Nach 1830 nahm der Nationalismus mit der Auffassung, die Sprache sei die Seele der Nation, neue Formen an. Man kam zu der Erkenntnis, dass die Bildung der Massen in einer Landessprache erfolgen musste.[7] Die Erfordernisse des modernen Verwaltungsstaates zwangen mit dem Beginn der Volkszählungen jedermann, seine (sprachliche) Nationalität zu wählen. Dadurch wurde das Aufkommen des Nationalismus begünstigt.

Laut Hobsbawm beanspruchte in der Phase des Nationalismus der Jahre 1880 bis 1914

„(...) jede Gemeinschaft von Menschen, die sich als eine „Nation“ betrachteten, das Recht auf Selbstbestimmung, das letzten Endes das Recht auf einen eigenen, souveränen und unabhängigen Staat auf ihrem Territorium bedeutete. Zweitens und als Folge dieser Vermehrung potentieller Nationen ohne Geschichte wurden ethnische Zugehörigkeiten und Sprache zu zentralen, zunehmend entscheidenden oder gar den einzigen Kriterien für die potentielle Nation.“[8]

Diese „folkloristische Wiederentdeckung“ der einfachen Landbevölkerung wandelte die von der fremden herrschenden Klasse oder Eliten initiierte volkstümliche Tradition in die „nationale Tradition“ der ländlichen Bevölkerung, die von der Geschichte vergessen worden waren.

Laut Hroch stellte die „folkloristische Wiederentdeckung“ für die betroffenen Menschen kein Sprachrohr dar, politische Ziele und Forderungen fehlten. Er bezeichnet diese Periode als Phase A. In der Phase B findet eine aktive nationale Propaganda einer Gruppe von Patrioten statt, die nun auch politische Interessen und das Ziel verfolgen, nationales Bewusstsein in breitere Bevölkerungsschichten zu tragen. Erst in der darauffolgenden Phase C kommt es zur Entstehung einer Massenbewegung. Die Bevölkerung kann mobilisiert und in nationalen Organisationen zusammengefasst werden.[9] Hobsbawm schreibt, dass es 1914 es eine Fülle von Bewegungen gab, die es noch 1879 kaum oder überhaupt nicht gegeben hatte.[10]

Im 19. Jahrhundert teilte sich das Gebiet der Ukrainer auf die Reiche Russland und Habsburg auf. Der österreichische Teil setzte sich aus dem Kronland Bukowina, der ungarischen Karpato-Ukraine und Galizien[11] zusammen. Als ein Beispiel ukrainischer Nationsbildung soll (deshalb) das österreichische Kronland „Galizien und Lodomerien“ Gegenstand dieser Arbeit sein.

Die bereits erwähnte gesellschaftliche Multikulturalität Galiziens traf lediglich für die Stadträume zu. Die ländlichen Regionen waren geprägt durch das Aufeinandertreffen der polnischen und der ukrainischen Welt. Das Ergebnis der Jahrhunderte langen Vormachtstellung des polnischen großgrundbesitzenden Adels gegenüber den (ukrainischen) leibeigenen Bauern war ein konfessioneller, sozialer, wirtschaftlicher und nationalistischer Graben zwischen diesen beiden Nationen.

Die Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen bzw. ruthenischen[12][13] Bauern sollen im Besonderen Gegenstand dieser Arbeit sein. Die Situation der Bauern rund 60 Jahre vor ihrem nationalen Erwachen wird von Reisenden durch die Region folgendermaßen beschrieben:

„Der Bauersmann ist zur Knechtschaft gewöhnt. Er zeichnet sich durch stille Demuth aus, und trägt auch unschuldige Schläge gedultig.[14]

Und weiter:

„Ich kenne so leicht kein elenderes, sklavischeres, selbst bei der möglichen Unterstützung des Staates durch sich selbst gedrückteres Volk, als dieses. Geschmidet an das eiserne Ruder des Aberglaubens, unwissend im Feldbau, (...) dumm, träge, fühllos, mit einer sklavischen Seele, und einem steten siechen, traurigen, durch einen unersättlichen Hang zur taumelnden Trunkenheit entkräfteten, und verunstalteten Körper, schmutzig in Kleidung und Haushaltung, verwöhnt an eine rauche, thierische Kost.“[15]

Die Belange der leibeigenen Bauernschaft hatten wenig bis gar kein politisches Gewicht. Erst mit der Revolutionsbewegung 1848 entwickelten sich Bewusstsein für Nation und nationale Identität und daraus die ukrainische Nationalbewegung, die sich für ihre Rechte einsetzte und politische Teilnahme auch niederer Bevölkerungsschichten ermöglichte. In der vorliegenden Arbeit sollen Antworten auf die Frage gegeben werden, wo die Ursprünge der ukrainischen Nationalbewegung liegen und wie diese, getragen durch die Motivation der Bauernschaft, sich zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Massenbewegung entwickeln konnte. Dazu werden relevante Eckpunkte zum Nationsbildungsprozess aufgezeigt und analysiert werden.

Bezüglich der verwendeten Literatur sind für diese Arbeit folgende Werke von Relevanz: Den Zustand Galiziens nach der ersten polnischen Teilung behandeln Glassl (in Bezug auf Reformen Maria Theresias und Josephs II. und gesellschaftliche Veränderungen) und Brawer. Dieser liefert eine detaillierte Bestandsaufnahme der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach statistischem Material. Mises gibt in „Die Entwicklung des gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisses in Galizien bis zu seiner Auflösung (1772-1848)“ die Lage der Bauern bis zu ihrer Emanzipation und Befreiung 1848 wieder. Jedoch lässt sich bei ihm keinerlei Verständnis für das Verhalten der Bauern feststellen. (Für ihn scheinen die josephinischen Reformen wenig Sinn gehabt zu haben.) Magoscis „Historical Survey and Bibliographic Guide“, Bihls „Ruthenen“ und Werdts „Halyc-Wolhynien-Rotreußen–Galizien“ geben einen zuverlässigen Überblick der historischen, kulturellen, politischen und sozialen Entwicklungen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die detaillierten Monographien Himkas behandeln die Rolle der griechisch-katholischen Kirche, sowie die bäuerliche Dorfgemeinschaft, die soziale Schichtung der galizischen Gesellschaft, immer im Bezug auf deren Einflüsse auf die ruthenische bzw. ukrainische Nationalbewegung. Kappeler vergleicht in „Die ukrainische Nationalbewegung im Russischen Reich und in Galizien: Ein Vergleich“ die Nationalbewegungen des Russischen Reiches und Galiziens und orientiert sich dabei am Hroch´schen Ansatz der Drei-Phasentheorie. Kai Struve thematisiert detailliert die Situation der polnischen und ruthenischen Bauern und die Entwicklung ihrer Nationalbewegungen. Er stellt in seinem Werk, einer überarbeiteten Version seiner Dissertation aus dem Sommersemester 2002 an der FU Berlin mit dem Titel „Bauern und Nation in Galizien“ einen Vergleich zwischen der Integration der bäuerlichen Bevölkerung in die polnische und der ruthenisch- ukrainischen Nation in Galizien an. Er geht der Frage nach, wie sich nationale Identifikationen verbreiteten und nationale Öffentlichkeiten, Vereine und Parteien die Isolation der Dorfgemeinschaften durchbrachen. Der Zusammenhang zwischen den sozialen Interessen der Bauernschaft und der Akzeptanz von nationalen Identifikationsangeboten wird aufgezeigt. Zudem verdeutlicht Struve am Ende der Arbeit, dass die nationale Einbindung der Bauern mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Juden einherging. Zwar wird das Bild der polnischen und ruthenischen Bauern in der Hochkultur und der Konflikt zwischen Bauern und Gutsherren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts aufgezeigt, das Hauptaugenmerk legt er jedoch auf die Zeit nach dem „Völkerfrühling“ 1849 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt: Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte Galiziens von 981 bis 1848. Es beschreibt die sich im Mittelalter entwickelnden Voraussetzungen, die in der frühen Neuzeit die Konflikte zwischen „Polen“ „Juden“ und „Ukrainern“ begründeten. Zuerst soll hierzu die frühe Geschichte der Region bis 1340 beleuchtet werden. Dazu zählen die Zugehörigkeit zur Kiewer Rus´, zur Rotyslaviden- Herrschaft und zum Fürstentum Halyc-Wolhynien. Danach wird die polnische Ära und die Zugehörigkeit Rotreußens zum Königreich Polen-Litauen bis zur ersten polnischen Teilung 1772 näher beleuchtet. Im Anschluss wird der zeitliche Abschnitt des „Königreichs Galizien und Lodomerien“ als Teil der Habsburgermonarchie bis zum Beginn der Revolution 1848 behandelt. Dazu werden die josephinischen Gesetzgebungen und Reformen, sowie die gesellschaftliche Schichtung und die Lage der Bauern behandelt. Der zweite Teil dieser Arbeit fragt nach den Voraussetzungen, die für die Neubelebung der ukrainischen Nationalbewegung von Bedeutung waren. Zu Beginn sollen die Revolutionsjahre 1848/49 thematisiert werden. In dieser Zeit betraten die Ukrainer zum ersten Mal die moderne politische Bühne. Ihre Aktivitäten erstreckten sich auf Galizien selbst, auf den Slawen - Kongress in Prag und auf den neu gewählten Reichstag in Wien. Erste nationale Organisationen und ukrainische Zeitungen wurden gegründet. Weiterhin werden die politischen Entwicklungen bis zum beginnenden 20. Jahrhundert beleuchtet. Die Periode des Neoabsolutismus unter Franz Joseph, die konstitutionelle Ära und die polnische Autonomie werden eingehend dargestellt. Auch die sozio - ökonomischen Entwicklungen sollen in dieser Arbeit thematisiert werden. Darunter fällt im Besonderen der Konflikt um die Servituten und Boden, der viele Bauern für die politische Auseinandersetzung mobilisierte. Der nachfolgende Abschnitt zeigt detailliert die Entwicklung der ruthenischen bzw. ukrainischen Nationalbewegung zur Massenbewegung zwischen den 1870er Jahren und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf. Die gewonnen Erkenntnisse werden im Anschluss zusammengefasst und mit der einleitenden Fragestellung in Zusammenhang gebracht. Zur Veranschaulichung der geografischen Gegebenheiten und Ausdehnung Galiziens befinden sich im Anhang Karten der Region der für diese Arbeit relevanten Perioden.

2 Galizien bis 1848

Die Geschichte der Region Galizien, zum größten Teil auf dem Gebiet der heutigen südwestlichen Ukraine und eines kleinen Teils im Süden des heutigen Polen gelegen, war während seiner 1000jährigen Geschichte durch die Zersplitterung auf unterschiedliche Herrschaftsgebiete bestimmt. Sein Ursprung liegt in dem ostslawisch-orthodoxen mittelalterlichen Großreich der Kiewer Rus´. Nach dessen Zerfall gehörte Galizien zum Königreich Polen-Litauen. Als Folge der ersten polnischen Teilung fiel die Region Galizien an die Habsburger Monarchie.

2.1 Galizien bis 1772

2.1.1 Kiewer Rus´ (981)

Informationen über die in dieser Arbeit behandelte Region um das 10. Jahrhundert sind nur spärlich oder gar nicht vorhanden. Gewiss ist jedoch, dass die Kiewer Rus´ selbst nicht mehr als ein lose gestricktes Bündnis von Fürstentümern war. Jedes Fürstentum hatte seinen eigenen oder mehrere Herrscher, die jedoch nicht ganz unabhängig von der übergeordneten Macht des Großfürsten in Kiew regierten. Der Kiewer Einfluss brachte das orthodoxe Christentum und die alt(kirchen)slawische Sprache nach Galizien.

Die erste Erwähnung findet die Region im Zusammenhang mit der Eroberung einiger ihrer Städte, darunter Przemysl und Cherven, durch den Kiewer Großfürsten Volodymyr/Vladimir „dem Großen“ um das Jahr 980 in der ersten Rus´ Chronik aus dem 11. Jahrhundert.[16] (Zur besseren Veranschaulichung siehe Karte 1 im Anhang auf Seite 48.) Der nächste Eckpunkt ist die Teilung des Reiches in die Herrschaftsgebiete Zvenyhorod, Przemysl und Terebovlia im Jahr 1056. 1141 wurden die Gebiete wieder vereinigt, die Hauptstadt Halyc gegründet und das Hoheitsgebiet ausgehend von seiner ursprünglichen Basis entlang der Ober-Buh und Ober-Dniester in Richtung Südosten weiter bis zum Schwarzen Meer erweitert. In dieser Zeit begann Galiziens ökonomischer Reichtum zu wachsen. Dies war hauptsächlich auf den Export von Salz aus Halyc nach Kiew und durch den internationalen Handel mit Byzanz, Kiew und Ostmitteleuropa zurückzuführen. Innen- sowie außenpolitische Machtkämpfe ließen das Gebiet immer wieder Schauplatz katastrophaler Kriege werden und führten schließlich zu seinem Untergang, als sich die Boyaren[17] nach dem 12. Jahrhundert aufgrund der starken Zurückhaltung der Fürsten zu einer politisch und wirtschaftlich einflussreichen Gruppe entwickelten. 1199 sorgten sie dafür, dass es zu der Vereinigung der Fürstentümer Galiziens und Wolhyniens unter dem Fürsten Wolhyniens kam, indem sie ihn zu ihrem Herrscher wählten. Die Vorfahren des Fürsten (wie auch die übrigen Nachbarn Ungarn und Polen) bereits häufig versucht, den galizischen Thron zu besteigen. Nach einer Phase von Bürgerkrieg, fremdem Einmarsch und sinkenden wirtschaftlichen Einnahmen, erreichte Galizien-Wolhynien zwischen 1238 bis 1301 seine Blütezeit aufgrund seiner strategisch wichtigen Lage im Schnittpunkt alter Handelsrouten unter dem Fürsten Danilo und seinem Sohn Lev.[18] Als Kiew seine herausragende politische und wirtschaftliche Machstellung nach und nach verlor, nahm Lemberg als „zweites Kiew“ die vorherrschende Rolle im Süden des alten Rus´ ein.[19] Nach einem erneuten Einfall der Mongolen 1240 suchte Danilo westliche Verbündete zur Stärkung seines autonomen Machtkörpers am westlichen Rand der orthodox geprägten Rus´ und fand die katholische Kirche, die während des 13. Jahrhunderts überaus bemüht war, die christliche Welt zu vereinigen.[20] Die Verleihung und Anerkennung der Königswürde (rex Russiae) durch den Papst im Jahre 1253 bedeutet eine Annäherung und Anbindung einer kulturell orthodox verankerten Gesellschaft an den lateineuropäischen Raum.[21]

Rund 140 Jahre nachdem die Boyaren Galizien unter die Herrschaft des Fürstentums Wolhynien gebracht hatten, töteten sie den letzten männlichen Nachkommen dieser Herrscher-Dynastie. Ein neuer Machtkampf/Konflikt um das Gebiet Galizien zwischen den Königreichen Polen, Ungarn und Litauen entbrannte, aus dem Polen siegreich hervorging.[22]

2.1.2 Königreich Polen-Litauen (1340 bzw. 1387)

Militärisch übernahm Polen Galizien 1387, staatsrechtlich wurde dieser Vorgang erst 1434 geschlossen. Die einst südwestrussischen Gebiete Galizien, Wolhynien und Podolien wurden vom russischen Nordosten abgetrennt und als Russia in das katholische Königreich Polen integriert. Die Länder, die direkt an Polen angeschlossen wurden, erhielten später den Namen „Rotrußland“ bzw. “Rotreußen“. Dieser Teil zwischen Wilna und Lemberg umfasste das alte Fürstentum Halic und bestand aus den Ländern Sanok, Przemysl, Halic und Lemberg.[23] (Siehe hierzu Karte 2 im Anhang auf Seite 49.)

Die Aneignung Galiziens durch Polen nach 1340 beeinflusste die weitere Entwicklung des Landes entscheidend. Die orthodoxe ukrainische Region geriet somit unter die Herrschaft des katholischen polnischen Staatsverbands, löste sich aus dem kulturell-zivilisatorischen Verband der ostslawischen Kiewer Rus´ heraus und wuchs in eine hauptsächlich lateineuropäisch geprägte Gesellschaft hinein. Erste spürbare Maßnahme war die Einführung des ius polonicum im Jahre 1434/35. Im Zuge der polnisch-litauischen Realunion wurden die Länder politisch, rechtlich, administrativ und wirtschaftlich in die polnische Adelsrepublik integriert, wodurch sich der Prozess der „Okzidentalisierung“ bzw. „Verwestlichung“ weiter fortsetzte.[24] Die Ausweitung der Bistumsstrukturen der polnischen katholischen Kirche verschärften den konfessionellen Konflikt mit den orthodoxen Ukrainern/Ruthenen. Der Jesuitenorden setzte sich für eine Kirchenunion zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche ein. So kam es 1596 in der Union von Brest[25] zur Gründung der Unierten Kirche[26]. Die Feindschaft zwischen der Ost- und der Westkirche konnte durch die Union nicht beseitigt werden. Die Ostkirche spaltete sich in Unierte und Orthodoxe. Durch die Knüpfung von Vorrechten an den katholischen Glauben und das geringe soziale Prestige und die Diskriminierung[27] der Unierten Kirche, traten viele ruthenische Adlige (und Bojaren, landbesitzender Kleinadel) zum Katholizismus über und wurden so akzeptierte Mitglieder dieser privilegierten und kulturell ausstrahlungsstarken polnischen Oberschicht.[28] So kam es, dass fast nur noch ukrainische Bauern Mitglieder der orthodoxen Kirche waren und diese zunehmend als „Bauernkirche“ abgestempelt wurde. Der Kosakenaufstand von 1648-54 sowie die schwedischen und moskowischen Einfälle trugen zur Entwicklung einer intoleranten und fremdenfeindlichen katholischen Adelsgesellschaft bei. Die Erfahrung, dass Feinde von außen immer auch andersgläubig waren, ließ für den Adel den Umkehrschluss zu, dass auch alle Andersgläubigen Feinde seien.[29]

Von nun an war die soziale, konfessionelle und wirtschaftliche Teilung der Gesellschaft vollzogen, in der sich die Polen als Nutznießer, Unterdrücker und Privilegierte und die Ukrainer/Ruthenen als Ausgebeutete und Untertanen in jeder Form gegenüber standen.

Die Bauern waren vollständig in das System der adligen Gutsherrschaft eingebunden. Sie leisteten für den Grundherren Frondienste, alles wurde von ihm kontrolliert. Der Gutsherr war für den Bauern „omnipotent“ und „omnipräsent“. Juden stellten in ihrer Funktion als Gutspächter oder –verwalter, als Mühlenpächter, Schankwirte oder Händler das Bindeglied zwischen adligen polnischen katholischen Gutsherren und ruthenischen orthodoxen/unierten Fronbauern dar. Diese starre gesellschaftliche Schichtung gründete das starke Konfliktpotential auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene zwischen Polen und Ukrainern.

2.2 „Königreich Galizien und Lodomerien“ bis 1848

Im Zuge der ersten polnischen Teilung 1772 fielen Galizien und Podolien an die Habsburgermonarchie. (Siehe hierzu Karte 3 im Anhang auf Seite 50.) Dies bedeutete ein Aufeinandertreffen des vormodernen, ständischen, kooperativen Systems der polnisch-litauischen Adelsrepublik mit dem aufgeklärten habsburgischen Obrigkeitsstaat.[30][31]

2.2.1 Lage der Bauern

Die soziale Entwicklung stellt sich folgendermaßen dar: die Gesellschaft war vorwiegend agrarisch geprägt, 1900 lebten noch 90% der ostgalizischen Bevölkerung auf dem Land.[32] Die wirtschaftliche und soziale Situation der Bauern war als schlecht und trostlos zu bezeichnen.[33] Sie standen als rechtlose Leibeigene bzw. „Sklaven“ ohne aktive und passive Prozessfähigkeit unter der absoluten Gewalt des Gutsherrn. Ihm mussten sie vielfältige Abgaben und unentgeltliche Arbeitsdienste (Frondienste, Robot) leisten. Durch die Schollenpflicht waren sie an den Gutshof und an den ihnen zugewiesenen Boden gebunden. Beim Herrn lag auch das Handlungsmonopol des Dorfes. So wurden die Untertanen gezwungen, bestimmte Waren vom Gutsherrn zu kaufen oder bestimmte Produkte nur an ihn zu verkaufen. Zudem waren sie verpflichtet, eine bestimmte Menge an Branntwein abzunehmen, den der Gutsbesitzer in seiner eigenen Brennerei herstellte. Das Recht, Alkohol zu brennen und auf ihrem Boden zu verkaufen (Propinationsrecht), war nach und nach zu einer wichtigen Einnahmequelle der Gutsbesitzer geworden.[34] Zum Teil wurden die Höfe an Juden verpachtet, die die Bauernschaft vielfach rücksichtsloser ausbeuteten als der Gutsherr selbst.[35]

Im Osten des Landes, östlich des San, war die Lage der Bauern besser als im Westen. Dort zahlten die überwiegend ruthenischen Bauern geringere Abgaben, mussten weniger Robot leisten und hatten mehr und fruchtbareres Land zu bebauen.[36]

2.2.2 Österreichische Reformen

Joseph II. verfolgte das Ziel, alle Schranken und Gewalten zwischen Herrscher und Untertanen zu beseitigen und alle Formen von Sonderrechten und anderen Organisationsformen abzuschaffen. Er war als aufgeklärter Herrscher von der Gleichheit aller Menschen überzeugt und fühlte sich dem Gemeinwohl verpflichtet. Besonders die Institutionen der adligen Selbstverwaltung (sejmiki) waren von diesen Maßnahmen betroffen. Diese wurde durch einen Landtag ersetzt, der jedoch nur über geringe Kompetenzen gegenüber der zentralen Verwaltung in Wien und den von ihr eingesetzten Statthaltern verfügte. Auch die Selbstverwaltung der Städte wurde aufgehoben. Die städtischen Magistratsbehörden benötigten von nun an die Bestätigung durch das Gubernium oder der Kreisverwaltungen. Die Autonomien der ethnischen und religiösen Gruppen wurden mit dem Toleranzpatent von 1789 durch Joseph II. abgeschafft. Jeder Einzelne war nun direkt dem Staat unterstellt. So wurde die Religion von der rechtlich und gesellschaftlich geprägten Ebene verbannt, zuvor hatten sich die einzelnen Konfessionen und Ethnien selbstverwaltet. Das Bildungswesen wurde ebenfalls nach dem Vorbild der Aufklärung modernisiert, was zu der Bildung von Emanzipations- und Nationalbewegungen beitrug. Aus dem Zusammenleben zwischen Polen und Ukrainern wurde eine nationale Feindschaft.[37]

[...]


[1] Hroch (1968): 14.

[2] Vgl.: Ebd.: 14f.

[3] Ebd. (1968): 15.

[4] Die folgenden Überlegungen sind Hobsbawms „Nationen und Nationalismus“ (2005) der Seiten 65 bis 124 entnommen.

[5] Hobsbawm (2005): 65.

[6] Ebd.: 83.

[7] Vgl.: Ebd.: 114.

[8] Ebd.: 122.

[9] Vgl.: Kappeler (2003): 73ff.

[10] Vgl.: Hobsbawm (2005): 126.

[11] Damit soll hier der östliche Teil des Kronlandes Galizien gemeint sein, der vorwiegend von Ukrainern bewohnt wurde.

[12] Bis 1918 wurden Angehörige es ukrainischen Volksstammes offiziell „Ruthenen“ genannt. Sie selbst bezeichneten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als „rusyny“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand die Bezeichnung „Ukrainer“ zunehmend Anwendung. (Bihl (1980): 555)

[13] Siehe hierzu die Fotos 1 und 2 auf Seite 46 und 47.

[14] Traunpaur (1787): 175.

[15] Kratter (1786): 217.

[16] Vgl.: Magosci (1983): 50.

[17] Boyaren wurden die Edelleute und Gefolgschaft des Fürsten in der Kiewer Rus´ genannt. In Galizien-Wolhynien war es die Bezeichnung für den landbesitzenden Kleinadel.

[18] Vgl.:Magosci (1983): 52f.

[19] Vgl.: Werdt (1998): 76ff.

[20] Vgl.: Magosci (1983): 52f.

[21] Vgl:: Werdt (1998): 76ff.

[22] Vgl.: Magosci (1983): 52f.

[23] Vgl.: Roth (1999): 165f.

[24] Vgl.: Werdt (1998): 78ff.

[25] Darunter ist einer von mehreren historischen Versuchen gemeint, die in orthodoxe Ost- und katholische Westkirche gespaltene Christenheit unter der Schirmherrschaft des Papstes zusammenzuschliessen.

[26] Die Unierte Kirche stellt die Vereinigung der orthodoxe Kirche mit Rom auf der Grundlage von Rechtsgleichheit mit lateinischen Episkopat dar. Der Papst und die römisch-katholischen Dogmen werden anerkannt. Dabei wird die jeweils eigene Liturgie bewahrt und die Priesterehe für weltgeistliche erlaubt.

[27] Vgl.: Roth (1999): 165ff.

[28] Der ruthenische Adel passte sich nicht nur konfessionell, sondern auch sprachlich-kulturell an die polnische Szlachta an, indem sie die Sprache und die Sitten ebenfalls übernahmen. (Werdt (1998): 78ff.)

[29] Vgl.: Werdt (1998): 78ff.

[30] Vgl.: Ebd. (1998): 69f.

[31] Österreich hatte von den drei Mächten, die während der ersten polnischen Teilung um Galizien stritten, am wenigsten Interesse an diesem Gebiet. Lange war nicht klar, ob das Gebiet nicht doch gegen z.B. Schlesien getauscht werden sollte. Die endgültige Festlegung der Grenzen fand deshalb auch erst 1776 statt. Zudem war Wien über das Gebiet nur wenig unterrichtet. Von Polen existierten nur ungenaue Karten. (Brawer (1910): 7ff.)

[32] Vgl.: Roth (1999): 167ff.

[33] Vgl.: Glassl (1975) 168.

[34] Diese Passage ist Mises´ „Entwicklung des gutsherrlich bäuerlichen Verhältnisses“ Seite 12-19 entnommen.

[35] Vgl.: Brawer (1910): 48ff.

[36] Vgl.: Glassl (1975): 161.

[37] Vgl.: Werdt (1998): 71f.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
55
Katalognummer
V83840
ISBN (eBook)
9783638063449
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursprünge, Identität, Bauern, Galizien, Mitte, Jahrhunderts, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Kristina Lubahn (Autor), 2006, Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83840

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