Seit der Antike wurde Kunst als Handwerk begriffen, das eines konkreten Auftrages bedurfte. Besonders die Kirchen sahen die Kunst als geeignetes Mittel, um ihre Lehre ihren Mitgliedern, die meist Analphabeten waren, durch Bilder zu veranschaulichen und begreifbar zu machen, gleichzeitig aber auch ihre Macht zu demonstrieren. Zudem begab sich der Mensch durch den Glauben in eine (für ihn unbewusste) Unmündigkeit, die keine Hinterfragung erlaubte.
Seit dem 15./16. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein befreite bzw. emanzipierte sich die Kunst davon, im Dienste anderer Mächte zu stehen. Der Mensch begann, Kritik an der bestehenden Ordnung der Kirchen zu üben und sich selbst und sein Handeln zunehmend in den Mittelpunkt zu stellen. Die Kunst ließ so ihre dekorierenden, pädagogischen, missionarischen und propagandistischen Funktionen hinter sich.
Aber was ist (die) Kunst? Was sind die Künste? Über diese Frage haben sich bereits unzählige „schlaue Köpfe“ ihre selbigen zerbrochen. Die Diskussion in ihrer Gesamtheit darzustellen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb wird im Folgenden nun erläutert, welche Bereiche die Verfasserin als Grundlage dieser Arbeit zur Definition einbezieht. Darunter versteht die Autorin zunächst einmal die Bildende Kunst mit ihren Untergruppen Malerei, Bildhauerei, Architektur, Fotografie und Medienkunst. Des weiteren wird hierzu die Darstellende Kunst bzw. Theater und Tanz gezählt. Fraglich und umstritten ist, ob die Bereiche Hörfunk, Fernsehen, und das Internet mit einbezogen werden sollten. Musik, sowohl vokale als auch instrumentale sind ebenfalls ein Teil der Künste. Zu guter letzt sind Dichtung bzw. Literatur mit ihrer Unterteilung in Epik, Drama und Lyrik ebenfalls mit einzubeziehen.
Die gesellschaftliche Rolle versteht die Verfasserin als Funktion, die im sozialwissenschaftlichen Kontext als Beitrag definiert wird, den die Institution der Künste/Kunst für das soziale System als Ganzes leistet.
In der vorliegenden Arbeit sollen Antworten auf die folgenden Fragen gegeben werden: Welche Argumente lassen sich dafür finden, die Kunst weiterhin in großem Stil zu unterstützen, auch wenn sich rechnerisch dieser Aufwand wenig lohnt? Was haben die Künste für eine Bedeutung und Aufgabe für die Gesellschaft, also für die(Um-)Welt, in der wir leben? Und was ist der Nutzen für den Menschen, der sich mit Kunst bzw. den Künsten auseinandersetzen (möchte)? Welche Bedürfnisse des Menschen befriedigt die Kunst?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Über die künstlerische Grundfähigkeit
2.1 Kreativität als urmenschlicher Instinkt
2.2 Ideen, die von Kopf zu Kopf springen
3 Die Rolle der Künste
3.1 Künste als Erwerbsquelle
3.2 Kunst - Therapie
3.3 Künste als Orientierungspunkt
3.3.1 Identitätsstiftung im globalen „Einheitsbrei“
3.3.2 „Die Kunst wird zur Religion und der Künstler ihr Prophet.“ - Künste als Religionsersatz
4 Erziehung zum Kunst-Verständnis, aber wie?
5 Schlussbetrachtung
6 Abstract
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die grundlegende gesellschaftliche Rolle der Künste und hinterfragt, welche Funktionen diese für den Einzelnen und das soziale System erfüllen. Dabei stehen die evolutionären Hintergründe kreativer Fähigkeiten sowie die Relevanz der kulturellen Bildung als Strategie zur Sicherung des kulturellen Erbes und der gesellschaftlichen Teilhabe im Mittelpunkt.
- Evolutionäre Erklärungsmodelle für Kreativität (Miller und Blackmore)
- Ökonomische und therapeutische Aspekte der Künste
- Die Funktion der Kunst als Orientierungspunkt und Religionsersatz
- Strategien der kulturellen Bildung in modernen Einwanderungsgesellschaften
Auszug aus dem Buch
2.1 Kreativität als urmenschlicher Instinkt
Geoffrey F. Miller setzt sich mit der Frage auseinander, durch welche Aspekte die Auswahl von Geschlechtspartnern beeinflusst wird. Er orientiert sich dabei an der Theorie von Charles Darwin, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts den Ursprung der Arten durch natürliche Auslese erklärte. Der Philosoph Herbert Spencer brachte nahezu zeitgleich die Idee des Überlebens des am best Angepassten („Survival of the Fittest“) an die Öffentlichkeit. Alfred Russel Wallace brachte diese Theorie in den Zusammenhang mit der natürlichen Auslese.
Miller versucht zu erklären, das nicht nur eine gute körperliche Verfassung nötig ist, um aus der Masse herauszustechen und mögliche Partner für die Fortpflanzung zu finden, sondern auch der Zustand des Verstandes bzw. des Geistes ausschlaggebend ist. Merkmal für geistige Fitness ist für ihn vor allem die kreative Intelligenz. Kreatives Verhalten wirkt auf potentielle Sexualpartner sehr anziehend. Intelligenz ist ein Anhaltspunkt dafür, dass viele gute bzw. gesunde Gene vorhanden sind und diese in stetigen Wechselbeziehungen stehen. Diese Interaktionen der Gene sind wiederum Anzeichen für eine komplexe Entwicklung des Gehirns, ein größeres Gehirnvolumen und lassen wiederum den Rückschluss auf generell vorhandene Leistungsfähigkeit zu.
Die Anwendung der Kreativität kommt nicht nur beim „auf sich aufmerksam machen“ und beim „aus der Masse herausstechen“ durch Hautdekoration (Schminke), Körperverzierung oder Schmuck zum tragen, sondern vor allem bei der Werbung von Sexualpartnern. Kreatives Verhalten kann bei Konversation und „Werbungsgeschenken“ in ihrer einfachsten Form durch (selbst produzierte) Gedichte, Lieder oder Artefakte demonstriert werden. Diese kleinen „Aufmerksamkeiten“ lassen Rückschlüsse auf den sprachlichen Wortschatz des Herstellers, seine handwerkliche Fähigkeiten, den Zugang zu seltenen Ressourcen, auf Pflichtbewusstsein sowie Gewissenhaftigkeit und somit auch wieder auf seine Intelligenz zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den Begriff der Künste sowie die gesellschaftliche Rolle als Funktion innerhalb des sozialen Systems und skizziert die methodische Grundlage der Arbeit.
2 Über die künstlerische Grundfähigkeit: Dieses Kapitel beleuchtet evolutionäre Ansätze, die Kreativität als Indikator für Intelligenz und als Mechanismus der Partnerwahl sowie als kulturellen Imitationsprozess erklären.
3 Die Rolle der Künste: Hier werden die ökonomischen, therapeutischen und orientierungsstiftenden Funktionen der Kunst diskutiert, insbesondere ihre Eigenschaft als Religionsersatz und identitätsstiftende Instanz.
4 Erziehung zum Kunst-Verständnis, aber wie?: Das Kapitel thematisiert die Notwendigkeit und Umsetzung kultureller Bildung, um Heranwachsenden den Zugang zum kulturellen Reichtum der Gesellschaft zu ermöglichen.
5 Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit innovativer Bildungskonzepte in modernen, multikulturellen Gesellschaften.
6 Abstract: Eine kurze Zusammenfassung der zentralen Thesen in polnischer Sprache.
Schlüsselwörter
Kulturmanagement, Kreativität, Evolution, Kunstmarkt, Kulturökonomie, Kunstfreiheit, Kulturelle Bildung, Identitätsstiftung, Religionsersatz, Globalisierung, Gesellschaftliche Rolle, Sozialwissenschaft, Kulturpolitik, Ästhetische Bildung, Nachhaltigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftlichen Funktionen der Künste, von ihrer Rolle als Erwerbsquelle über ihre therapeutische Wirkung bis hin zu ihrer Bedeutung als Orientierungshilfe in einer globalisierten Welt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören evolutionäre Erklärungen für menschliche Kreativität, die ökonomische Einordnung von Kunstwerken, die identitätsstiftende Funktion der Künste sowie Strategien der kulturellen Bildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die gesellschaftliche Relevanz der Kunst abseits der reinen Unterhaltung zu begründen und aufzuzeigen, warum eine staatliche Unterstützung und kulturelle Bildung unverzichtbar sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse soziologischer und evolutionstheoretischer Ansätze, um die Funktionen und Aufgaben der Institution der Künste im sozialen System zu definieren.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der kreativen Grundfähigkeit des Menschen sowie die Analyse der Kunst als Erwerbsquelle, Therapeutikum, Orientierungspunkt und Religionsersatz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Kulturmanagement, Kulturelle Bildung, Kreativität, Evolution und Gesellschaftliche Rolle beschreiben.
Welche Rolle spielt die Evolutionstheorie für die Argumentation der Autorin?
Die Autorin nutzt evolutionäre Ansätze (Miller, Blackmore), um Kreativität nicht als mystisches Talent, sondern als biologisch begründeten Mechanismus für Partnerwahl und kulturelle Weitergabe von Informationen zu erklären.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der kulturellen Bildung?
Die kulturelle Bildung wird als essenziell betrachtet, um Jugendliche zum „mündigen Bürger“ zu erziehen und sicherzustellen, dass das kulturelle Erbe in einer durch Migration geprägten Gesellschaft Bestand hat.
Welche Parallelen zieht die Autorin zwischen Religion und Kunst?
Die Arbeit greift Thesen auf, wonach die Kunst nach ihrer Emanzipation die sinnstiftende und orientierende Rolle der Religion übernommen hat, wobei Kunstinstitutionen metaphorisch als neue „Tempel“ und Künstler als „Propheten“ betrachtet werden.
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- Bachelor of Arts Kristina Lubahn (Author), 2007, Die gesellschaftliche Rolle der Künste, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83845