Das Familienbewusstsein des Gregor von Tours


Seminararbeit, 2006
25 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familienbewusstsein im frühen Mittelalter
2.1. Adliges Familienbewusstsein im frühen Mittelalter
2.2. Gregors Zugehörigkeit zur senatorischen Adelsfamilie

3. Verwandschaftsbeziehungen
3.1. Gregors Mutter, Armentaria II
3.2. Gregors Onkel, Gallus von Clermont
3.3. Gregors Grossonkel, Nicetius von Lyon

4. Gregor von Tours als Bischof
4.1. Bischofherrschaft in merowingischer Zeit
4.2. Der Autor Gregor, Bischof von Tours

5. Schluss

6. Bibliografie

1. Einleitung

In dieser Seminararbeit geht es um das Familienbewusstsein Gregor von Tours, des bedeutendsten Historikers der Epoche zwischen Spätantike und karolingischer Zeit.[1]

Um überhaupt eine Vorstellung von Gregors Familienbewusstseins zu erlangen, wird in einem ersten Kapitel versucht, den Begriff „Familie“, bzw. „familia“ zu definieren und damit zu veranschaulichen, was „Familienbewusstsein“ im frühen Mittelalter bedeutet haben könnte. Die Merkmale der adligen Verwandtschaftsfamilie werden mit Gregors Familie verglichen.

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit drei konkreten verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Gregor und seinen Verwandten, welche aufgrund Gregors eigenen Aussagen untersucht werden. Es sind dies drei Familienmitglieder, zu welchen er eine intensive Beziehung gehabt haben muss: Gregors Mutter Armentaria II, sein Onkel Gallus, Bischof von Clermont und sein Grossonkel, Bischof Nicetus von Lyon. Sein Onkel und sein Grossonkel kümmerten sich beide eine gewisse Zeit lang um die Erziehung Gregors und sorgten für ihn, nachdem sein Vater gestorben war. Gleichzeitig gibt es zu diesen drei Personen umfassendes Quellenmaterial, vor allem für die beiden Bischöfe, für welche Gregor je eine Vita verfasst hat.

Im Rahmen dieser Seminararbeit können unmöglich alle themenrelevanten Textstellen behandelt werden und es ist hier nur ansatzweise möglich, die Aussagen zu Gregors Familie im Zusammenhang mit deren kontextuellen Bedeutung zu verstehen.

Es wird gefragt, weshalb Gregor in seinem Werk tatsächlich auf seine Prosopographie verweist, welche Motivation dahinter steckt und welches Ziel er damit verfolgt. Diese Fragen sind unmöglich abschliessend zu behandeln und es können nur Vermutungen angestellt werden.

Das Quellenmaterial des gallorömischen Aristokraten und Bischofs Gregor von Tours ist am umfangreichsten und ausführlichsten für das Gallien des 6. Jahrhunderts. Sein Werk ist zum grössten Teil bis heute in Handschriften überliefert. Gregor hinterlässt neben historischen Angaben in den Decem Libri Historiarum auch wertvolle Informationen zu seinem eigenen Leben als Bischof, welche sich vor allem in seinen Wunderberichten finden lassen. Im hagiografischen Werk finden wir auch die meisten Aussagen in Bezug auf Familienangehörige.[2] Man unterteilt sein Hauptwerk in 10 historiografische und 8 hagiografische Bücher. Die historische Schrift Decem Libri Historiarum (HF), welche auch unter dem umstrittenen Namen „Frankengeschichte“ bekannt ist, enthält die meist historischen Ereignisse von der Erschaffung der Welt bis zu den fränkischen Königen 572 aus einer eschatologischen christlichen Sicht. Es handelt sich um eine christliche Universalgeschichte und nicht um die „Frankengeschichte“ oder die „Geschichte der Franken“. Es bleibt aber die wichtigste Quelle für die Geschichte Galliens im 6. Jahrhundert.[3]

Beigefügt ist eine Sammlung von Lebensgeschichten gallischer Heiliger unter dem Namen "Buch der Wunder", das nach 570 entstanden ist.

Im 19. und 20. Jahrhundert prägte die Forschungsmeinung das Bild eines naiven und abergläubischen Gregor von Tours. Diese Vorstellung änderte sich erst in den späten Achzigerjahren, als der kanadische Professor Walter Goffart 1988 durch die Studie des gregorianischen Wunderglaubens und Reliquienkult diese Naivität erstmals in Frage stellte. 1994 entstanden darauf unabhängig voneinander die Studien Breukelaars und Heinzelmanns, welche sich u. a. mit dem Phänomen des autobiographischen Auftretens des turonischen Bischofs in den Decem libri Historiarum befassten. Breukelaar erklärt dieses Vorgehen als eine Strategie des Bischofs von Tours, um die Autorität des Bischofs zu stärken und um eine Verhaltensrichtlinie für die weltliche und geistliche Obrigkeit zu liefern. Heinzelmann wiederum erkennt, zumindest in den Geschichtsbüchern V – X, ein System, das den Zweck verfolgt, antithetische Modelle des guten und des schlechten Herrschers darzustellen. Gregor selbst übernimmt als sacerdos die die Rolle des Gottesdieners, welcher den Herrscher lenkt.

In beiden Arbeiten wird erstmals dieses übergeordnete Ziel in Gregors Werk entdeckt und thematisiert, was die Gregorforschung enorm verändert hat.

Heute liefert sein Werk Informationen zu unterschiedlichen Bereichen, wie Kultur, soziale Verhältnisse, Wirtschaft und Kirche.[4]

Zu den 8 hagiografischen Schriften zählt man das Liber in gloria martyrum (GM), das Liber de passione et vitutibus sancti Iuliani martyris (VJ), die vier Libri de vitutibus sancti Martini episcopi (VM), das Liber in gloria confessorum (GC) und das Liber vitae patrum (VP)[5]. In diesen Wunderbüchern haben die Bischofsviten eine zentrale Stellung, was auf die besondere Rolle des Bischofs in Kirche und Politik der merowingischer Zeit zurückzuführen ist.[6]

2. Familienbewusstsein im frühen Mittelalter

Um das „Familienbewusstsein“ Gregor von Tours zu untersuchen, muss man in erster Linie verstehen, was der Begriff „Familie“ in frühmittelalterlicher Zeit bedeutet hat. Die Familie war das grundlegende Modell jedes sozialen Zusammenlebens. Sie war patriarchalisch strukturiert und funktionierte als Schutz- und Rechtsverband. Wer ohne Familie lebte, war faktisch schutz- und rechtlos.[7] Viele Gemeinschaften waren familienartig strukturiert, wie z. B. das Kloster mit dem Abt als „paterfamilias“, der Hörigenverband („familia“) eines Grundherren oder Herrschaft und Regierungsformen.

Es wird zwischen „Sippen“ und „Haushaltsfamilien“ unterschieden. Zur verbreitesten Form „Haushaltsfamilie“ gehörten alle im Haus lebenden Personen, inkl. Diener und Gesellen, wobei jedoch sich die Vorstellung einer, aus mehreren Generationen bestehende und unter einem Dach lebende Grossfamilie als unhaltbar erwiesen hat. Daneben gab es die „Kernfamilie“, welche aus Eltern, Kinder und evtl. weiteren einzelnen Familien- angehörigen bestand, sowie die auf Blutsverwandtschaft beruhende Verwandtschaftsfamilie („Sippe“)[8].

Da man sich im mittelalterlichen Leben nicht auf die Hilfe von Staat und Kirche verlassen konnte, kam der Sippe wichtige Funktionen bezüglich Selbst- und Verwandtenhilfe zu. Die Verwandtschaft achtete auch darauf, dass die Familienmoral erhalten blieb. Jedoch wurde der innere Zusammenhalt einer Sippe lange Zeit überschätzt. Die Mitglieder einer Sippe lebten oft zu weit auseinander, dass die Verbindung untereinander nicht so eng sein konnte, wie früher angenommen.[9]

[...]


[1] Nähere Angaben zur Biografie Gregor von Tours werden in dieser Arbeit nur im Zusammenhang mit dem Thema „Familienbewusstsein“ gemacht. Hier die wichtigsten Daten: Georgius Florentius Gregorius (* 30. Nov. 538 oder 539 in Clermont, + wahrscheinl. 17. Nov. 594) stammte aus einer romanischen Senatorenfamilie. In seinem achten Lebensjahr verlor er seinen Vater. Gregor wird danach von seinem Onkel Gallus (Bischof von Clermont) erzogen und kommt nach dessen Tod im Jahre 551 in die Obhut seine Grossonkels Nicetius (Bischof von Lyon). Als Diakon pilgert er 563 zum Grab des hl. Martin in Tours und wurde 573 zum Bischof von Tours geweiht. (Anton, H.H. Gregor von Tours. In: Lexikon des Mittelalters, S. 1679-1681.)

[2] Martin Heinzelmann, Gregor von Tours, S. 8f.

[3] Kaiser, Reinhold, Das römische Erbe und das Merowingerreich, S. 47.

[4] Ebd. S. 46.

[5] Gregory of Tours, Martyrs 3 – 4. Neben diesen bekannten Texten hat er auch kleinere Werke verfasst, welche in dieser Arbeit allerdings nicht berücksichtigt werden können. Dazu gehören das fragmentarisch erhaltene Werk Inpsalterii tractatum, das Vorwort für eine Sammlung liturgischer Messen des Sidonius Appolinari mit dem Titel Liber des missis (HF II 22; ganz verloren), das Liber de miraculis beati Andreae apostoli (GM 30), so wie das Werk De cursu stellarum ratio und einen Bericht über die Siebenschläfen in Ephesos (kurzgefasst in GM 94).

[6] Kaiser, Reinhold, Das römische Erbe und das Merowingerreich, S. 50.

[7] Goetz, Hans-Werner, Die Familie in der Gesellschaft des Mittelalters (s. unter: „Familie“), Lexikon des Mittelalters , S. 270-274.

[8] Goetz, Hans-Werner, Europa im frühen Mittelalter (500-1050), S. 176ff.

[9] Goetz, Hans-Werner, Die Familie in der Gesellschaft des Mittelalters (s. unter „Familie“), Lexikon des Mittelalters , S. 270-274.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Familienbewusstsein des Gregor von Tours
Hochschule
Universität Zürich
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V83928
ISBN (eBook)
9783638001502
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familienbewusstsein, Gregor, Tours
Arbeit zitieren
Stephanie Fischer (Autor), 2006, Das Familienbewusstsein des Gregor von Tours, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83928

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