Sexualität ist einer der wesentlichsten Aspekte menschlichen Daseins und, wie auch immer man sich die entsprechenden Zusammenhänge im Einzelnen konkret vorstellen mag, sowohl Folge und Ausdruck als auch Auslöser elementarster menschlicher Regungen. Sich dessen bewusst verwundert es nicht, dass sie immer wieder Gegenstand öffentlicher Diskussionen und nicht selten auch stärkster Auseinandersetzungen wird.
Seit einigen Jahren ist, nicht zuletzt durch die gute Lobbyarbeit zahlreicher verschiedener und einander bisweilen heftigst bekämpfender Interessenverbände und –Initiativen (PorNo; Smart Rhein-Ruhr; Arbeitskreis SM und Christsein etc.), der erotische Sadomasochismus für die Allgemeinheit verstärkt von Interesse. Er ruft gleichermaßen Anhänger wie seriöse Kritiker und auch fanatische Feinde – radikal-feministische Populisten wie EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer sprechen inzwischen in schon fast demagogisch anmutender Weise von „Sexualfaschismus“ und rücken SM-Pornografie in ideologische Nähe zum Genozid – auf den Plan. BDSM polarisiert. Umso bedauerlicher ist es, dass sich bis dato keine der in Deutschland relevanten Volkskirchen und nur wenige Theologen explizit zu dieser Art der Erotik geäußert haben. Die vorliegende Arbeit leistet hier gewissermaßen theologische Pionierarbeit.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung, Problematisierung, Aufbau
1. Sadomasochismus
1.1. Begriffsbestimmung
1.1.Signifikante Spezifika kultivierter SM-Sexualität
1.2.1. Sadomasochistische Beziehungen: Liebe, Partnerschaft, Promiskuität, Geselligkeit
1.2.2. Erotische Inszenierung: Rollenspiel, Gewaltpornografie, Fetischismus
1.3. Sadomasochismus unter psychologischen und medizinischen Gesichtspunkten
1.4. Statistisches
2. Evangelische Ethik und Sexualethik
2.1. Grundsätze evangelischer Ethik
2.1.1. Das Prinzip der Heiligkeit
2.1.2. Bezug auf Evangelium und Menschenwürde
2.1.3. Freiheit und Verantwortung
2.2. Momente Evangelischer Sexualethik
2.2.1. Sexualität zwischen biblischen Primat der Reproduktion und Spiel
2.2.2. Sexualität und Liebe
2.2.3. Sexualität als Sprache
2.2.4. Sexualität und Ehe
Exkurs 1: Bibel und BDSM
Exkurs 2: Das Christentum: Religion mit sadomasochistischen Zügen
Exkurs 3: Das Recht des Menschen auf kontrollierte Selbstverletzung und Selbsterniedrigung und Selbsterniedrigung
3. Sadomasochismus und evangelische Sexualethik
3.1. Der evangelischen Sexualethik entsprechende Aspekte des Sadomasochismus
3.1.1. Sadomasochismus als Liebe bzw. liebevolle Zuwendung
3.1.2. Sadomasochismus als Spiel
3.2. Der evangelischen Sexualethik widersprechende Aspekte des Sadomasochismus
3.2.1. Probleme auf der Anschauungsebene
3.2.2. Eindimensionalitätstendenzen des Sadomasochismus
3.3. Zusammenfassung und Fazit: Sadomasochismus als konzentrierter Ausdruck des Menschlichen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den erotischen Sadomasochismus aus der Perspektive der evangelischen Ethik und Sexualethik, um theologische Pionierarbeit in einem bislang wenig beachteten Feld zu leisten und eine ethische Beurteilung zu ermöglichen.
- Phänomenologie und Bedeutung des Sadomasochismus
- Grundlagen und Prinzipien der evangelischen Ethik
- Evangelische Sexualethik und ihr Verhältnis zur Lust
- Die Vereinbarkeit von BDSM-Praktiken mit christlichen Werten
- Die Rolle von Macht, Gewalt und Rollenspiel in der Erotik
Auszug aus dem Buch
1.1. Begriffsbestimmung
Der Psychologe Richard von Krafft-Ebing (1840-1902) führt in seinem Buch Psychopathia sexualis, einem Klassiker der Sexualwissenschaft, erstmals die Begriffe „Sadismus“ und „Masochismus“ für die entsprechenden Paraphilien ein, die er aus den Namen zweier signifikanter Vertreter dieser „Perversionen“ herleitet: Der französische Schriftsteller Marquis Donatien-Alphonse-Francois de Sade (1740-1814; Die 120 Tage von Sodom; Sadismus), der in seinen philosophischen Erotika unmenschliche Grausamkeiten verschiedenster Art darstellt, und der galizische Romancier Leopold Ritter von Sacher-Masoch (1836-1895; Venus im Pelz; Masochismus) stehen Pate.4 Die Phänomene Sadismus und Masochismus selbst sind indes wesentlich älter, und mutmaßlich zu allen Zeiten haben zahlreiche Menschen mehr oder weniger offen sexuelle Erregung aus der Anteilnahme an Gewalt, etwa beim Beiwohnen bei einer Hinrichtung oder einem Kampfsportereignis, gezogen5; auch ist der spielerische Sadomasochismus unter verschiedenen Namen bereits in der Antike bekannt, wird u. in Talmud und Kamasutra erwähnt und ist als im 19. Jahrhundert in Literatur und erotischem Alltag fest verankert zu betrachten6.
Heute bezeichnet man im Allgemeinen jene sexuelle Paraphilie, die als „Spiel mit Macht, Zwang und Unterwerfung“ diese darstellt und die diese Art der Sexualität Praktizierenden aus Zufügung (Sadismus) oder Empfang (Masochismus) von Schmerz oder Demütigung7 Lust schöpfen lässt, als Sadomasochismus.8 Der Koitus ist dabei nicht zwingend Bestandteil der SM-Sexualität und kann durch erotische Ersatzhandlungen wie Auspeitschen (Flagellation), Schlagen (Spanking), erniedrigende Behandlung (Pornolalie) oder der Zumutung von Ekel (Exkrementophilie) substituiert werden: Kompensationssadismus und –Masochismus.9
Von der Allgemeinheit als „normal“ beurteilter Erotik unterscheidet sich SM-Sexualität vor allem durch ihre Asynchronität, die durch Hierarchie, Gewalt und Macht gebende Fetische gewährleistet wird; der gemeinsame sexuelle Höhepunkt des aktiven Sadisten (Herr/Dom/Top) und des passiven Masochisten (Sklave/Sub/Bottom)10 wird nämlich nicht angestrebt.11
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung, Problematisierung, Aufbau: Hinführung zum Thema des Sadomasochismus aus evangelisch-ethischer Sicht und Erläuterung des dreigliedrigen Aufbaus der Arbeit.
1. Sadomasochismus: Historische und begriffliche Herleitung sowie eine psychologische und statistische Einordnung des Phänomens BDSM.
2. Evangelische Ethik und Sexualethik: Darstellung der fundamentalen Prinzipien evangelischer Ethik und deren Anwendung auf die menschliche Sexualität und die Ehe.
3. Sadomasochismus und evangelische Sexualethik: Kritische Analyse der Schnittmengen und Widersprüche zwischen SM-Praktiken und evangelischen Wertvorstellungen sowie ein abschließendes Fazit.
Schlüsselwörter
Sadomasochismus, BDSM, evangelische Ethik, Sexualethik, Menschenwürde, Freiheit, Verantwortung, Sexualität, Erotik, Macht, Unterwerfung, Spiel, Liebe, Ehe, Christentum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der ethischen Bewertung von Sadomasochismus aus der Sicht der evangelischen Theologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Definition und Praxis von BDSM, die Grundlagen der evangelischen Ethik und die Frage, wie diese beiden Komplexe miteinander korrespondieren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, eine ethische Beurteilung des Sadomasochismus aus evangelischer Perspektive vorzunehmen, da es dazu bisher kaum theologisch explizite Äußerungen gab.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse theologischer Prinzipien sowie eine interdisziplinäre Betrachtung, die psychologische, historische und soziologische Aspekte mit einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erarbeitet zunächst die Grundlagen der evangelischen Sexualethik und setzt diese anschließend in einen kritischen Dialog mit der Praxis und dem Selbstverständnis der SM-Szene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sadomasochismus, evangelische Ethik, Menschenwürde, Sexualität und Macht zusammenfassen.
Inwieweit lässt sich BDSM mit dem christlichen Liebesbegriff vereinbaren?
Der Autor argumentiert, dass BDSM auf einer Metaebene durchaus als liebevolle Zuwendung zweier gleichberechtigter Partner verstanden werden kann, die sich einander hingeben.
Welche theologischen Bedenken bestehen gegenüber BDSM?
Problematisch sind aus theologischer Sicht das erotische Rollenspiel, welches die unmittelbare Nähe verhindert, sowie eine einseitige Lustorientierung, die der Ganzheitlichkeit des christlichen Menschenbildes widersprechen kann.
Wie bewertet der Autor den Aspekt des „Spiels“ im BDSM?
Das Spiel wird positiv bewertet, sofern es zweckfrei und künstlerisch-schöpferisch ist und den Beteiligten hilft, sich jenseits gesellschaftlicher Beengungen als Freiheitswesen zu erfahren.
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- Jan Langfeldt (Autor), 2007, Die Dornen der Rose, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83937