"Stanislawski, Strasberg, Grotowski". Eine Reflektion über die 'Kunst des Erlebens'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Abstract

1. Einleitung

2. Stanislawskis ‘System’

3. Strasbergs ‘Method’

4. Grotowskis ‘Lehre vom Heiligen Schauspieler’

5. Menschenbilder

6. Fazit

Bibliographie

Stanislawski, Strasberg, Grotowski – Eine Reflektion über die ‚Kunst des Erlebens’

This paper investigates the ‘menschenbild’ behind the acting theories of Strasberg and Grotowski. As well, it examines Stanislavski’s technique of accessing the ‘emotional memory’ and how this technique is used in theatrical performance. Strasberg and Grotowski are both influenced by Stanislavski, yet they each have differing opinions about how an actor can mine their subconscious. Strasberg stresses the primacy of the internal. Whereas Grotowski advocates physical and psychological self-transgression. Both theorists tend to violate the intimate boundaries of the actor. This paper argues that a should ‘menschenbild’ include respect and the inviolability of the psyche. Strasberg and Grotowski’s ideas do not guarantee an emotionally secure situation for the actor on stage. Also, it is debatable if their techniques are even effective in creating visceral performances on stage, since real experience is the aim of naturalistic theatrical performance. This paper maintains, in Stanislavski’s tradition, a performance technique that includes the outside world is essential to achieve a vivid and truthful acting style.

1. Einleitung

„Man verlangt vom Helden und seinem Verhalten, sie sollen bühnenwirksam sein, aber im Leben erschießt und erhängt man sich nicht immerzu, erklärt man nicht bei jeder Gelegenheit seine Liebe, äußert man nicht dauernd tiefe Gedanken. Meistens isst und trinkt man, flirtet man und redet dummes Zeug. Man müsste Stücke schreiben, in denen die Leute kommen und gehen, Mittag essen, über Regen und schönes Wetter reden, Whist spielen, und zwar nicht, weil es der Autor so will, sondern weil es im Leben so zu geht.“ (Anton Tschechow)[1]

Dieses lakonische Plädoyer für einen rettenden Naturalismus auf dem Theater könnte die Assoziation eines lethargischen Sonntagnachmittags wecken, an dem nur die Zeit vergeht, sonst nichts –. Tschechows (1860-1904) Stücke, die am Moskauer Künstlertheater, an dem er neben Maxim Gorki (1868-1936) zu den ‚Hausautoren’ zählte, von Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863-1938) inszeniert wurden, sind bekannt für ihre „eigenartig schwebende Atmosphäre.“[2]

Nun hat man in den Inszenierungen Stanislawskis mit Sicherheit nicht nur gemeinsam ‚Mittag gegessen’. Man arbeitete vielmehr auf höchst intensive Weise an der Vervollkommnung und Weiterentwicklung eines „geistig-seelischen Naturalismus“, der sich in Stanislawkis berühmter ‚Psychotechnik’ niederschlug. Sie lieferte die Grundlage für eine „psychologisch-realistische Spielweise“ und wurde von zahlreichen Theatermachern aufgegriffen und weiterentwickelt.[3]

Diese Arbeit wird sich mit zweien dieser Theatermacher und „Schüler“ Stanislawskis auseinander setzen und deren Schauspielmethoden hinsichtlich ihrer psychologischen Herangehendsweise untersuchen. Nach einer Erläuterung zentraler Momente von Stanislawskis eigenem ‚System’ soll Lee Strasbergs (1901-1982) ‚method’ und Jerzy Grotowskis (1933-1999) ‚Lehre vom Heiligen Schauspieler’ hinsichtlich ihrer Orientierung an Stanislawski betrachtet werden. Es soll verglichen werden, wie beide anhand ihres eigenen Weges ins Innere des Schauspielers die „Kunst des Erlebens“ auf der Bühne praktizieren. Unweigerlich wird sich schliesslich eine Aussage über das jeweilige Menschenbild treffen lassen.

Das Menschenbild soll hier verstanden werden, als das Bild des Menschen als Künstler, der in der Schauspielkunst gleichzeitig Subjekt und Objekt seiner eigenen Kreation ist. Zusätzlich lebt er im Spannungsfeld von Alltag und Bühne. Sein Erleben als Mensch dient ihm als Ressource für sein Schaffen auf der Bühne, auf der er wieder Mensch sein soll. Dieser Sachverhalt wird von Stanislawski, Strasberg und Grotowski jeweils unterschiedlich behandelt.

Mein Interesse am Menschenbild resultierte einerseits aus der Faszination über den Tabubruch, den Jerzy Grotowskis in seinem Manifest „Für ein Armes Theater“ verlangt. Er beanstandet in seiner Lehre die vollständige Selbstenthüllung des Schauspielers und das Bloßlegen seiner eigenen Intimität. Seine Lehre will den Tabubruch durch Bloßstellung bis zum Exzess. Die Überschreitung der individuellen Grenzen kulminiert in der totalen Verschmelzung mit der Lehrerfigur – Grotowski selbst – und stellt damit die Selbstaufgabe des Individuums dar. Das „schöpferische Selbstwertgefühl“, das Stanislawski in seinem ‚System’ proklamiert, wird bei Grotowski, in meinen Augen, abgetötet.

Einen weiteren Beweggrund für die Betrachtung verschiedener Schauspielmethoden unter dem Gesichtspunkt ihres Menschenbildes lieferte die Lektüre von Richard Blanks Essay über „Schauspielkunst in Theater und Film“[4]. Seine Kritik gegenüber Strasbergs ‚method’ fokussiert die dahinter stehende Kunstauffassung, deren „Primat des Inneren (…) gegen die ‚Veräußerlichungen’ der Alltagsrealität antritt.“[5] „(D)ie alltägliche Praxis mit ihren Widersprüchen (ist) abgemeldet (…). Der Weg von ‚innen’ nach ‚außen’ liest sich wie ein Kommentar zum bürgerlichen Geniekult, der als ein Relikt des 19. Jahrhunderts das Bild vom inspirierten Individuum wachzuhalten versucht, (…).“[6]

Die (Schauspiel-)Kunst soll „die Illusion einer vollendeten Realität“ herstellen. Einfühlung und Identifikation sollen bis zur Perfektion gewährleistet sein. Ein illusionäres Vakuum soll geschaffen werden, ohne dass die Alltagswelt dabei kritisch in Betracht gezogen wird. Die naturalistische Darstellungsweise in Stücken wie Gorkis „Nachtasyl“ war, meiner Ansicht nach, nicht dazu gedacht, Illusionen herzustellen, sondern vielmehr die „wirklichen Zustände“, das Elend und „die Welt derer (zu zeigen), die auch mal Menschen waren.“[7]

2. Stanislawskis ‚System’

Man sagt, wer lügen kann, ist ein guter Schauspieler. Nach Stanislawskis Auffassung jedoch muss ein Schauspieler wahrhaftig sein, denn nur Wahrhaftigkeit kann Natürlichkeit erzeugen. Die Quelle der Natürlichkeit ist der menschliche Körper. Er ist bestimmt, leicht zugänglich und konkret in seinen Bedürfnissen und Handlungen. Demgegenüber ist das Geistige schwer greifbar, unbeständig und kompliziert, so Stanislawski. Will man Erkenntnis über einen psychischen Zustand gewinnen, so muss man sich am Körper und seiner Sprache orientieren.[8] Der Aufrichtigkeit des Körpers kann der Mensch sich nicht entziehen. Unser Unbewusstes[9] steuert unsere Körpersprache. Mit unserem Körper drücken wir echte Gefühle aus, und „(…) schon die kleinste aufrichtige physische Handlung (ist) imstande (…), die Wahrheit zu erzeugen und so auf natürlichem Wege das Gefühl selbst wachzurufen.“[10]

[...]


[1] Stanislawski- Lesebuch, zusammengestellt und kommentiert von Peter Simhandl, Berlin, Edition Sigma Bohn, 1990, S. 18

[2] Ebd., S. 19

[3] Vgl. ebd., S. 11

[4] Blank, Richard: Schauspielkunst in Theater und Film – Strasberg, Brecht, Stanislawski. Berlin, Alexanderverlag, 2001

[5] Ebd., S. 28

[6] Ebd., S. 29

[7] Stanislawski- Lesebuch, zusammengestellt und kommentiert von Peter Simhandl, Berlin, Edition Sigma Bohn, 1990, S. 14/19

[8] Vgl. Stanislawski: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst – Tagebuch eines Schülers, Teil II, Die Arbeit an sich selbst im schöpferischen Prozess des Verkörperns. Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1983, S. 167

[9] „Es ist ein schwerwiegender Irrtum, das Unbewusste in der Begriffswelt Stanislawskis mit dem unbewussten im psychoanalytischen Sinn in Zusammenhang zu bringen oder gar gleichzusetzen. Unbewusst bei Stanislawski heißt: wie von selbst, natürlich.“ (Blank, S. 94)

[10] Stanislawski: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst – Tagebuch eines Schülers, Teil II, Die Arbeit an sich selbst im schöpferischen Prozess des Verkörperns. Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1983, S. 167

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Details

Titel
"Stanislawski, Strasberg, Grotowski". Eine Reflektion über die 'Kunst des Erlebens'
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Theatertheorien des 20. Jh.
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V83938
ISBN (eBook)
9783638001571
ISBN (Buch)
9783638916769
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stanislawski, Strasberg, Grotowski, Theatertheorien
Arbeit zitieren
Nora Gielke (Autor:in), 2006, "Stanislawski, Strasberg, Grotowski". Eine Reflektion über die 'Kunst des Erlebens', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83938

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