Karl Kraus und Max Reinhardt, jene zwei Antipoden, über deren parallele Lebensentwicklungen und unterschiedlichen Theaterentwürfe in der theaterwissenschaftlichen Forschung bislang erstaunlich wenig gearbeitet wurde, prägten das deutsch-österreichische Theatergeschehen im frühen 20. Jahrhundert. Karl Kraus, dem von Zeitgenossen ebenso geliebten wie als „Fackelkraus“ geschmähten ‚Alleinredakteur’ der Zeitschrift „Die Fackel“ (erschienen von 1899 bis 1936) werden Verdienste vor allem im Bereich der Zeitsatire zugebilligt, ebenso in Bezug auf sein „Marstheater“-Stück „Die letzten Tage der Menschheit“. Es zeichnet sich durch eine annähernde Unaufführbarkeit aus und steht doch für eben jene Theaterästhetik, die Karl Kraus kühn und von großer Überzeugung getragen den großen Theaterentwürfen zwischen Naturalismus, Expressionismus und Regietheater entgegenstellte, dem „Theater der Dichtung“. Kraus’ Theaterentwurf, jeder ‚Magie’ der Bilder, wie sie Max Reinhardt verstand, abhold, zeugt von einem gänzlich anderen Theater- und Sprachverständnis.
Die sehr unterschiedlichen Auffassungen zweier Menschen, die fast gleichaltrig, aus einem ähnlichen Kulturkreis stammend, einst einmal sogar auf der selben Wiener Vorstadtbühne Theater spielten, werden einer Untersuchung unterzogen. Karl Kraus beschäftigte sich dezidiert mit Kulturentwicklungen seiner Zeit, legte sehr klar seine Positionen dar und grenzte sich nicht selten polemisch gegenüber anderen ästhetischen und ethischen Strömungen ab. In weit über 200 Belegstellen geht Kraus in seinen Schriften auf Max Reinhardt – als Privatmann, Unternehmer und Künstler – ein. Anhand dieses Materials läßt sich sehr genau eine fortschreitende Distanzierung über viele Jahre nachvollziehen. Die Aussagen Karl Kraus’ zu Reinhardt in der „Fackel“ werden erörtert und analysiert, die grundlegenden inhaltlichen Differenzen und Übereinstimmungen beider Positionen in der Theaterästhetik der Zeit herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Karl Kraus
1.2. Max Reinhardt
1.3. Das Theater der Zeit (1899-1936)
2. Die Theaterauffassung Karl Kraus’
2.1. Prägung durch das „alte Burgtheater“
2.2. Pathos, Wort und Sprache
2.3. Darstellerpersönlichkeiten
2.4. Literatur und Theatertexte
2.5. „Theater der Dichtung“
3. Max Reinhardts Theatervisionen
3.1. Stilsuche und ‚Vielheit’ der Inszenierungsstile
3.2. Technik
3.3. Kunst und Ökonomie
4. Kraus’ Positionen zu Reinhardt im Licht der Fackel
4.1. Frühe Nähe
4.2. Nachvollziehen der Distanzierung
4.3. „Defektspielerei“
4.4. Der „schlaue Theaterkassier“
4.4.1. Theaterkaufhaus Reinhardt
4.4.2. Gastspiele, Expansion, Vermarktung
4.4.3. Fressen „coram musis“
4.4.4. Geschäftsbeziehungen
4.5. Wien-Berliner Kulturniedergang
4.6. „Sprechkunst“ und „Sprachkunst“
4.7. Berlin-Wiener Gastspiele
4.8. Reinhardt und der Weltuntergang
4.9. Regietheater
4.10. Kirche, Kommerz und Theater
4.10.1. „Mirakel“-Proben
4.10.2. Das „Mirakel-Geschäft“
4.10.3. „Vom großen Welttheaterschwindel“
4.10.4. „Preßburgtheater“
4.10.5 Reinhardt „in Sachen Kerr“
4.10.6. „Bunte Begebenheiten“
4.11. „Goethe und Reinhardt“
4.12. Reinhardt und Offenbach
4.12.1. „Offenbach-Renaissance“
4.12.2. „Offenbach-Schändungen“
4.12.3. Ein „erschütternder Kontrast“ zu Reinhardt
4.12.4. Offenbach im Rundfunk
4.13. Sommernachtstraum
4.14. Die Wirkung des „Magiers“
4.14.1. Reinhardt in der Gesellschaftspresse
4.14.2. Ehrungen und Titel
4.14.3. „Was sich tut, wenn er probiert“
4.15. Reinhardt-Notizen am Rande
4.16. Zwei späte Reinhardt-Aufsätze
4.16.1. „Die Handschrift des Magiers“
4.16.2. „Der ganz große Humbug“
5. Max Reinhardt und Karl Kraus
5.1. Reinhardt und Kraus in der Forschung
5.2. Ökonomie und Ästhetik bei Reinhardt und Kraus – eine Konklusion
6. Abschlußposition
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen dem Satiriker Karl Kraus und dem Theatermacher Max Reinhardt. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie Kraus’ theoretisches Postulat des „Theaters der Dichtung“ den spektakulären Inszenierungen und dem unternehmerischen Vorgehen Reinhardts, wie es sich in der Zeitschrift Die Fackel widerspiegelt, als kompromissloser Gegenentwurf gegenüberstand.
- Analyse der ästhetischen Differenzen zwischen Wortkunst und opulentem Regietheater.
- Untersuchung der Kritik von Karl Kraus an der Kommerzialisierung des Theaters.
- Darstellung der Rolle der Presse bei der Etablierung des „Magiers“ Max Reinhardt.
- Kontrastierung von Kraus’ Vorlesungspraxis und Reinhardts technisierter Bühnenästhetik.
Auszug aus dem Buch
Die Handschrift des Magiers
Der Auszug „Aus meinen Memoiren“ nimmt Bezug auf einen Brief, den Reinhardt 1893 an Kraus gerichtet hatte und den Kraus in dieser Fackel-Nummer nun auch faksimiliert abdruckt. Aus dem Brief, der neben einem Dank – wohl für Kraus’ Vermittlung bei Brahm – hauptsächlich Berichte über Tätigkeiten und Erfolge Reinhardts am Deutschen Theater Berlin enthält, leitet Kraus nochmals, wie in einer Rückschau, all jene Eigenschaften ab, die er über die Jahre hinweg an Reinhardt festgestellt und kritisiert hatte. Er hebt besonders die verwendeten Abkürzungen hervor und geht auf die lose Haltung zur Rechtschreibung und die zum Teil schwer lesbare Form ein. Kraus konstruiert daraus die Vermutung, Reinhardt habe eine Handelsschule besucht, was seine bereits erörterte These vom ‚Theaterhändler’, der viel mehr von der äußerlichen Gestaltung eines Textilhandels beeinflußt ist, als von der Wortkunst, stützt. Kraus setzt die einfache Herkunft Reinhardts in Opposition zu „seiner Prunkliebe und seinem imperialen Bedürfnis“, die sich nicht zuletzt in seinen feudalen Wohnsitzen auf Schloß Leopoldskron und in der Wiener Hofburg, beziehungsweise in Schönbrunn manifestiert.
Zugleich macht Kraus auf die finanziell nicht immer rosige Lage des Mannes aufmerksam, „der gern Rechnungen von Elektrizitätswerken unbeglichen läßt“, aber doch immer wieder Unterstützer findet, die ihm Geld zuschießen. Besonders Camillo Castiglioni steht dabei wieder im Zentrum des Angriffes, als Symbolfigur für die nicht immer sauberen Kontakte ins Finanzmilieu und zur Presse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der zwei Antipoden und der methodischen Herangehensweise unter Nutzung der Zeitschrift Die Fackel.
2. Die Theaterauffassung Karl Kraus’: Darlegung der kulturellen Prägung von Kraus durch das alte Burgtheater und Entwicklung seines Begriffs vom Theater der Dichtung.
3. Max Reinhardts Theatervisionen: Überblick über Reinhardts Regiestil, seinen Hang zur Bühnentechnik und sein Verständnis von Kunst und Ökonomie.
4. Kraus’ Positionen zu Reinhardt im Licht der Fackel: Chronologische und thematische Analyse der Auseinandersetzung, von der frühen Nähe bis zur harten Kritik an Kommerz und Regietheater.
5. Max Reinhardt und Karl Kraus: Zusammenfassung der forschungsgeschichtlichen Lücke und Synthese der Ästhetik- und Ökonomie-Debatte.
6. Abschlußposition: Resümee über die Unvereinbarkeit der Positionen bei gleichzeitiger Anerkennung beider als Impulsgeber für die zeitgenössische Theaterdebatte.
Schlüsselwörter
Karl Kraus, Max Reinhardt, Die Fackel, Theater der Dichtung, Regietheater, Theaterkritik, Kulturkritik, Wortregie, Bühnentechnik, Kommerzialisierung, Offenbach, Sprachverständnis, Medienschelte, Theatergeschichte, Literaturkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die jahrzehntelange publizistische Auseinandersetzung des Satirikers Karl Kraus mit dem Theaterdirektor Max Reinhardt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Dazu gehören das unterschiedliche Verständnis von Regie, das Verhältnis von Kunst und Kommerz im Theater, die Rolle der Presse sowie die Bedeutung von Sprache und Text.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Entwicklung der Meinung von Karl Kraus über Max Reinhardt anhand der Belegstellen in der Fackel nachzuzeichnen und die zugrunde liegenden ästhetischen Differenzen zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Quellenarbeit, indem sie die chronologische Entwicklung der Reinhardt-Kritik in der Fackel auswertet und diese durch theaterwissenschaftliche Kontexte einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Theaterauffassung von Kraus, die Visionen Reinhardts und eine umfangreiche Analyse von Kraus' Polemiken gegen Reinhardts Theatergeschäfte und Regieentscheidungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Theater der Dichtung, Defektspielerei, Regietheater, Medienschelte und Ästhetik des Wortes geprägt.
Warum kritisierte Karl Kraus insbesondere die Reinhardt-Gastspiele?
Kraus sah in den Gastspielen und dem damit verbundenen „Regiezauber“ eine Entweihung des Theaters und eine Abkehr von der reinen, sprachbasierten Interpretation, die ihm am Herzen lag.
Inwiefern spielt die Rolle der Presse bei Kraus eine Rolle?
Kraus betrachtete die Presse oft als korruptes Element, das durch „Reklame“ und spekulative Berichterstattung Reinhardts Inszenierungen fälschlicherweise als kulturelle Großtaten pries und so den Geschmack des Publikums verdarb.
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- Christoph Thein (Author), 2006, Karl Kraus, Max Reinhardt und das Theater der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83941