Bereits 1890 begründete der Wiener Neurologe Siegmund Freud die Psychoanalyse. 1892 setze er einen Meilenstein in Sachen Tiefenpsychologie. Unter dem Synonym Anna O. therapierte Freud seine erste Hysterikerin. Die Hysteriestudien wurden somit geboren und Freud entwickelte erstaunliche Erkenntnisse über Verdrängtes, Unbewusstes und Hypnose. Mit den Jahren fand er immer wieder neue Wege, um die menschliche Psyche zu analysieren. Um 1900 erschien das wohl bekannteste Werk Freuds: „Die Traumdeutung“.
Die Psychoanalyse sorgte stetig für Furore, hatte viele Kritiker und Anhänger. Und so blieb es nicht aus, dass die Psychoanalyse ihren Weg in kulturelle Bereiche fand. Die Anfänge des 20. Jahrhunderts waren geprägt durch die Freudsche Psychoanalyse. Werke wurden psychologisiert und psychoanalytisch interpretiert. Sei es Hugo von Hofmannsthals „Elektra“, ein psychologisierter Mythos, oder Kirchheims Interpretation der „Fräulein Else“, oder Freuds „Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva“. Gerade Gradiva wurde zum Markstein der psychoanalytischen Literaturwissenschaft. Die Liste ließe sich endlos weiterführen – europaweit wurde Literatur der Psychoanalyse unterzogen.
Ein Autor unter vielen war Ettore Schmitz, der unter dem Synonym Italo Svevo schrieb. 1923 schuf er den Roman La Coscienza di Zeno. 1918 übersetzte er noch die Traumdeutung Sigmund Freuds und bekam so den ersten Einblick in die Psychoanalyse. Gekannt hat er außerdem die „Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse“ und „Jensens Gradiva“ und „Psychopathologie des Alltagsleben“.
Somit lagen nur fünf Jahre zwischen der Übersetzung und der Veröffentlichung des Romans. Der Einfluss der Psychoanalyse lässt sich nicht von der Hand weisen.
„Die Sprache Zenos ist die der Psychoanalyse, genauer: der freudianischen Psychoanalyse in ihrer Triester Ausprägung. “
Inwieweit Svevo von der Psychoanalyse überzeugt war, bleibt hier dahingestellt, doch nicht zu leugnen ist die Tatsache, dass er von dieser sehr inspiriert wurde. Seien es die Träume, die in La Coscienza di Zeno auftauchen oder allein die Tatsache, dass er ein ganzes Kapitel der Psychoanalyse widmet. Jener Einfluss soll nun in dieser Hausarbeit dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Psychoanalyse und Literatur
3. Der Einfluss der Psychoanalyse auf „La Coscienza di Zeno“
3.1. Die Träume Zeno Cosinis und ihre Interpretation
3.2. Krankheit und Heilung
3.3. Weitere psychoanalytische Aspekte
4. Schlussteil
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der freudianischen Psychoanalyse auf Italo Svevos Roman „La Coscienza di Zeno“. Dabei steht die Analyse des Protagonisten Zeno Cosini im Vordergrund, insbesondere die Interpretation seiner Träume, seines Krankheitsbildes sowie seines komplexen Verhältnisses zum Vater.
- Psychoanalytische Grundlagen in der Literatur des 20. Jahrhunderts
- Traumanalyse und Symbolik bei Zeno Cosini
- Die Psychosomatik von Zenos Krankheiten und sein Gesundheitsverständnis
- Der Ödipuskomplex und die Vaterbeziehung
- Das ambivalente Verhältnis des Autors und des Protagonisten zur Psychoanalyse
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Träume Zeno Cosinis und ihre Interpretation
Eines der offensichtlichsten Themen der Psychoanalyse in La Coscienza di Zeno sind die Träume. 1900 veröffentlicht Freud seine Ergebnisse der Traumdeutung, die 1918 von Italo Svevo übersetzt werden. Laut Freud sind Träume extrem wichtig, um etwas über die Psyche seiner Patienten zu erfahren. „Im Traum manifestieren sich die tiefsten Sehnsüchte, tun dies jedoch in zivilisiertem Gewand. Der Traum unterwirft sie dem Mechanismen der Symbolisierung, Dramatisierung, Verschiebung und Verdichtung, damit sie für das soziale Gewissen leichter zu akzeptieren sind.“
Dass Träume vieles über das Seelenleben des Menschen Aussagen, zeigt bereits, die erste erinnerte Vision Zenos, die in sein Gedächtnis zurückkehrt. Er hat die Erscheinung einer Lokomotive, die sich eine Steigung hinaufquält. Erst später, als Zeno den Tod seines Vaters beschreibt, erkennt er, dass da die Vision der Lokomotive herrührt. Im Zusammenhang mit dieser Vision bemerkt er, dass die Nacht, wohl die bedeutendste seines Lebens war. Zur gleichen Zeit, als sein Vater todkrank im Bett liegt, träumt Zeno davon, selbst der Arzt zu sein, der seinem Vater Heilung verschaffen möchte. Hier handelt es sich laut Freud um einen Traum der Umkehrung, er versucht durch ihn die Schuld am Tod des Vaters von sich zu schieben „Dieser Umkehrtraum enthüllt, dass Zeno seinem Vater den Tod wirklich gewünscht hat oder dass er dies im Innersten zumindest glaubt.“ Laut Freud träumt man das Gegenteil von dem, was sich wirklich ereignet hat, um so seine wahren Wünsche auszudrücken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung der Freudschen Psychoanalyse um 1900 ein und skizziert Italo Svevos Rezeption sowie den Einfluss dieser Theorien auf seinen Roman „La Coscienza di Zeno“.
2. Psychoanalyse und Literatur: Dieses Kapitel erörtert methodische Ansätze der psychoanalytischen Literaturinterpretation und begründet, warum der Fokus der Arbeit auf dem Protagonisten Zeno Cosini liegt.
3. Der Einfluss der Psychoanalyse auf „La Coscienza di Zeno“: Das Hauptkapitel untersucht die psychoanalytischen Motive im Roman, insbesondere die Interpretation von Träumen, Zenos Krankheitsgeschichte und psychosomatische Symptome.
3.1. Die Träume Zeno Cosinis und ihre Interpretation: Hier werden Zenos Träume und Visionen analysiert, wobei insbesondere der Traum der Umkehrung und der Ödipuskomplex im Zentrum stehen.
3.2. Krankheit und Heilung: Dieses Kapitel beleuchtet Zenos Hypochondrie, seine psychosomatische Umwandlung von Schuldgefühlen in körperliche Schmerzen und sein paradoxes Verständnis von Gesundheit.
3.3. Weitere psychoanalytische Aspekte: Hier wird Zenos ambivalentes Verhältnis zur Psychoanalyse, ihre parodistische Darstellung im Roman und die Bedeutung der Vaterbeziehung weiter vertieft.
4. Schlussteil: Das Fazit fasst zusammen, dass Svevo zwar psychoanalytische Konzepte integriert, diese jedoch durch Ironie und die Unzuverlässigkeit Zenos als Erzähler wieder relativiert.
Schlüsselwörter
Italo Svevo, La Coscienza di Zeno, Sigmund Freud, Psychoanalyse, Traumdeutung, Ödipuskomplex, Psychosomatik, Hypochondrie, Literaturwissenschaft, Moderne, Zeno Cosini, Unbewusstes, Literatur des 20. Jahrhunderts, Hysterie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Einflüsse der freudianischen Psychoanalyse auf Italo Svevos berühmten Roman „La Coscienza di Zeno“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Rolle der Träume, das Krankheitsverständnis des Protagonisten und dessen ambivalente Vaterbeziehung im Kontext der Psychoanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Svevo psychoanalytische Theorien verarbeitet und den Protagonisten Zeno Cosini als psychologisch komplexen Charakter darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter psychoanalytischen Gesichtspunkten interpretiert und dabei primär auf Freuds Theorien und fachwissenschaftliche Sekundärliteratur zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Träume, die Untersuchung der psychosomatischen Krankheiten Zenos sowie eine Diskussion über weitere psychoanalytische Aspekte, wie etwa die Vater-Sohn-Konkurrenz.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Psychoanalyse, Ödipuskomplex, Hypochondrie, Traumdeutung, Psychosomatik und das Verhältnis zwischen Autor, Protagonist und therapeutischem Ansatz.
Wie geht Zeno mit seinem "Schlechten Gewissen" um?
Laut der Untersuchung wandelt Zeno sein schlechtes Gewissen – etwa bezüglich seiner Affären oder seines Verhaltens gegenüber Familienmitgliedern – immer wieder in physische Schmerzen um.
Ist der Protagonist Zeno ein geheilter Patient?
Nein, Zeno ist ein ambivalenter Charakter; er misstraut der Psychoanalyse, zieht sie ins Lächerliche, hofft jedoch gleichzeitig durch das Schreiben seiner Autobiographie auf eine Heilung, die letztlich offen bleibt.
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- Stefanie Marx (Author), 2007, Der Einfluss der Psychoanalyse auf Italo Svevos "La Coscienza di Zeno", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83953