„(…) in den aktuellen Geschichtsschulbüchern Europas (hat sich) ein konvergierendes Inventar von etwa 15 "Bildern zur Geschichte" etabliert, dem man offenbar europaweit einen herausragenden historischen Erinnerungs- und Symbolwert zuschreibt (…)“ . Zu diesem „Inventar“ lässt sich nach Ansicht Susanne Popps (zweifelsohne) auch Anton von Werners Gemälde „Der Kongress zu Berlin (Schlusssitzung des Berliner Kongresses am 13. Juli 1878)“ von 1881 zählen. Ein Bild geht um die Welt – von Werners Werk geht allerdings weit über die Darstellungen in Geschichtsschulbüchern hinaus. Die feierliche Enthüllung des Gemäldes im Festsaal des Berliner Rathauses am 22. März 2005 durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zeugt von der Standardisierung des Werkes als (Geschichts)Bild des Berliner Kongres.
Auf der anderen Seite existieren eine Reihe von „anderen Bildern“ des Berliner Kongresses: Karikaturen. Nicht nur in deutschen Zeitungen, Magazinen oder Satirezeitschriften wie beispielsweise dem Kladderadatsch, sondern auch in weiteren europäischen wie auch amerikanischen Zeitschriften war die Konferenz der europäischen Großmächte in Berlin im Sommer 1878 ein beliebtes Ziel zeitgenössischer Karikaturisten. Bereits der Begriff Karikatur impliziert die kritische, meist überzeichnete Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand. Im Gegensatz zu Anton von Werners Gemälde – das, wie wir noch sehen werden, eine durchaus prunkvolle Abschlusssitzung mit großen Gesten und großem Respekt suggeriert – ist in Karikaturen die Vermittlung eines Inhalts bzw. Bildes weniger positiver Wertung zu beobachten. Diese sich hier gegenüberstehenden „Geschichtsbilder“ ein und desselben Ereignisses sollen in dieser Arbeit aufgezeigt werden. Hieran lässt sich aufzeigen, warum sich das „positive“ Bild – so meine These – , also in diesem Fall von Werners Gemälde, in der Allgemeinheit gegen eher kritische Deutungen durchgesetzt hat. Dies ist im Übrigen nicht nur hier, sondern auch in einer Reihe weiterer Beispiele – so etwas das ebenfalls von Anton von Werner gezeichnete Bild der Reichsgründung 1871 – der Fall. Es ist jedoch unablässig, zunächst auf Bilder und im besonderen Maße auf Karikaturen als historische Quellen einzugehen und sich Fragen nach der Möglichkeit solcher Quellen zur Schaffung eines Geschichtsbildes bzw. zur Abbildung historischer Fakten – historischer Wirklichkeit? – zu stellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Karikaturen und Bilder als historische Quellen: Grundlegende Überlegungen
3. Der Berliner Kongress 1878: Kontexterfassung
4. Der Berliner Kongress im zeitgenössischen Bild
4.1 Anton von Werner
4.2 Ein Bild geht um die Welt: Das Gemälde Anton von Werners
5. Der Berliner Kongress in zeitgenössischen Karikaturen
5.1 „Und ich habs gemacht“: Der Berliner Kongress im Kladderadatsch
6. Fazit
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedliche visuelle Darstellung des Berliner Kongresses von 1878 anhand des Gemäldes von Anton von Werner im Vergleich zu zeitgenössischen Karikaturen aus der Satirezeitschrift Kladderadatsch, um zu analysieren, wie durch diese Werke verschiedene Geschichtsbilder desselben Ereignisses konstruiert und geprägt wurden.
- Vergleich zwischen offizieller Ikonografie und satirischer Kritik
- Die Rolle der Karikatur als historische Quelle zur Zeit des Kaiserreichs
- Analyse von Anton von Werners Darstellung des „ehrlichen Maklers“ Bismarck
- Die Wahrnehmung des Berliner Kongresses in der zeitgenössischen Öffentlichkeit
- Die Bedeutung visueller Medien für das kollektive Gedächtnis und Geschichtsbilder
Auszug aus dem Buch
4.2 Ein Bild geht um die Welt: Das Gemälde Anton von Werners
Um den Berliner Kongress in angebrachter Weise einzuleiten, war die Stadt Berlin willens, einen festlichen Empfang für die Teilnehmer des Kongresses im Rathaus zu veranstalten. Der dichte Beratungsplan des Kongresses und die daraus resultierende Zeitnot der Staatsmänner durchkreuzte diese Pläne jedoch. An dessen statt sollten die Mittel für das Fest in die Herstellung eines Bildes investiert werden, um das „(…) in der Reichshauptstadt stattgefundene historische Ereignis festhalten (…)“ zu können. Der Berliner Bürgermeister Max Duncker richtete persönlich die Anfrage an von Werner. Mit der Zustimmung Bismarcks und der übrigen Kongressteilnehmer machte sich Anton von Werner an die Arbeit. Er beobachtete zunächst Mimik und Gestik der jeweiligen Staatsmänner, da er bei den eigentlichen Sitzungen nicht anwesend war, und machte im folgenden Portraitskizzen der Hauptteilnehmer wie Gortschakow, Schuwalow, Beaconsfield, Salisbury, Andrassy, Waddington und natürlich Bismarck, immer verbunden mit Sonderwünschen der Abgebildeten, wie sie sich selbst gerne gesehen hätten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der visuellen Geschichtsdarstellung und Gegenüberstellung von Anton von Werners Gemälde mit zeitgenössischen Karikaturen.
2. Karikaturen und Bilder als historische Quellen: Grundlegende Überlegungen: Theoretische Auseinandersetzung mit der Eignung von Bildern und Karikaturen als historische Medien zur Sinnstiftung und Konstruktion von Geschichtsbildern.
3. Der Berliner Kongress 1878: Kontexterfassung: Darstellung des historischen Rahmens der Orientkrise sowie der Rolle Deutschlands und Bismarcks als „ehrlicher Makler“ beim Kongress.
4. Der Berliner Kongress im zeitgenössischen Bild: Analyse von Anton von Werners Wirken und seinem Gemälde, das den Kongress als prunkvolle und harmonische diplomatische Leistung inszeniert.
5. Der Berliner Kongress in zeitgenössischen Karikaturen: Untersuchung der kritischen Sicht des Kladderadatsch auf das Kongressgeschehen, welches die Veranstaltung als fragwürdiges und exklusives Machtspiel darstellt.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, warum sich das harmonisierende Gemälde von Werners als offizielles Geschichtsbild durchsetzen konnte, während die kritischen Karikaturen in der historischen Rückschau weniger präsent sind.
7. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen, Fachliteratur und Bildnachweise.
Schlüsselwörter
Berliner Kongress 1878, Otto von Bismarck, Anton von Werner, Kladderadatsch, Karikatur, Geschichtsbild, historische Quellen, Orientkrise, diplomatisches Parkett, Reichsgründung, visuelle Medien, Bildanalyse, Diplomatie, zeitgenössische Satire, Europa.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der visuellen Konstruktion von Geschichte anhand des Berliner Kongresses von 1878 durch den Vergleich zweier gegensätzlicher Bildmedien: dem offiziellen Gemälde von Anton von Werner und den zeitgenössischen Karikaturen der Satirezeitschrift Kladderadatsch.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der bildenden Kunst in der wilhelminischen Epoche, die Funktion von politischer Satire als historische Quelle und die Art und Weise, wie nationale Identität und außenpolitische Erfolge visuell inszeniert wurden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, warum das prunkvolle Gemälde von Werners als „offizielles“ Geschichtsbild Bestand hat, während die kritische Perspektive der damaligen Zeitgenossen in den Karikaturen weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden ikonologische und funktionsanalytische Ansätze der Bildinterpretation genutzt, um die künstlerischen Hintergründe, die Absichten der Urheber und den historischen Kontext der Bilder zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kontextualisierung des Kongresses, die detaillierte Untersuchung von Anton von Werners Gemälde und eine umfangreiche Analyse der satirischen Berichterstattung im Kladderadatsch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Berliner Kongress, Bismarck, Karikatur, Bildanalyse, Geschichtsbild, Diplomatie und historische Quelle.
Inwiefern beeinflusste Bismarck die Entstehung des Gemäldes?
Bismarck stimmte der Auftragsarbeit zu und das Bild inszeniert ihn zentral als „ehrlichen Makler“ auf dem Höhepunkt seiner machtpolitischen Bedeutung, wobei der Maler die Darstellung mit einer gewissen künstlerischen Freiheit an die Bedürfnisse der Repräsentation anpasste.
Wie unterscheidet sich die Darstellung im Kladderadatsch?
Die Karikaturen im Kladderadatsch zeigen den Kongress kritisch als ein von den Großmächten diktiertes „Flickwerk“, deklassieren die Staatsmänner durch die Darstellung in privater Kleidung und thematisieren die Vernachlässigung der kleineren Balkanstaaten.
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- Manuel Claudius Reinhardt (Author), 2007, Zwischen Ehrwürdigkeit und Fragwürdigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83992