Kollektive Identität in Europa

Zwischen kontinentaler Diffusion und politischer Einigung


Seminararbeit, 2007

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Betrachtungen zu kollektiver Identität
2.1. Aus Identifikation wird Identität, aus Identität Identifikation
2.2. Funktion kollektiver Identitäten
2.3. Identitätskonstruktion

3. Definitionen von „Europa“
3.1. Geographische Bestimmung
3.2. Kulturelle Definitionen
3.3. Europa als politische Konstruktion

4. Die Spezifika europäischer Identität

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die jüngsten Erweiterungen der Europäischen Union und die Diskussionen um den Beitritt weiterer Staaten, insbesondere der Türkei aber auch um die „Verfassungsfrage“ werfen immer mehr Fragen danach auf, welchen Anspruch und welchen Charakter die EU eigentlich hat. Ist sie ein paneuropäisches Projekt, ausgerichtet auf die lang ersehnte Einigung eines zersplitterten Kontinents? Oder ist sie ein rein politisches Projekt zur erleichterten Vereinheitlichung europäischer Rechtssysteme? Es stellt sich die Frage nach den Grenzen des Wachstums der EU, die verknüpft ist mit der Frage nach den Grenzen Europas. Für eine Vertiefung der europäischen Integration bedarf es der Unterstützung durch die Bevölkerung. Der zunehmende „Euro-Skeptizismus“ wirft die Frage auf, ob diese Unterstützung durch die Bevölkerung noch gewährleistet ist. Damit eine solche Unterstützung überhaupt möglich ist, bedarf es der Identifikation der Europäer mit „ihrer“ Union. Müssen sie die EU als Teil ihres eigenen Selbst auffassen, sie in ihr Persönlichkeitsbild integrieren, wie das mit den Nationalstaaten geschieht? Oder genügt die Zuschreibung positiver Assoziationen und die Überzeugung, die EU sei „eine gute Sache“? Diese Arbeit versucht einige dieser Fragen zu beantworten. Sie gibt einen weit gefassten Überblick über die kollektive Identität im allgemeinen und europäische Identität im Besonderen. Zunächst werden theoretische Implikationen des Identitätsbegriffs erörtert. Nachfolgend soll versucht werden, Europa zu definieren und die analytische Beziehung zwischen Europa als Kontinent und der Europäischen Union zu erläutern. Abschließend wird der Status Europäischer Identität dargestellt Schlussfolgerungen für künftige Entwicklungen angestellt.

2. Allgemeine Betrachtungen zu kollektiver Identität

2.1. Aus Identifikation wird Identität, aus Identität Identifikation

Identität meint im mathematischen Sinn die Gleichheit zweier Formulierungen, die für alle möglichen einzusetzenden Variablen identisch sind. Angewendet auf die Psychologie bezeichnet Identität die Übereinstimmung des Individuums mit sich selbst, also zum einen die empfundene Parallelität seines Bewusstseins mit der Wahrnehmung, zum anderen die Übereinstimmung seines Bewusstseins mit dem tatsächlich in der Zeit erlebten Erfahrungshorizont (Pöhle 1998: 245). Die Sozialwissenschaften verwenden den Begriff der Identität, um die Beziehung eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen zu einer sozialen Konstruktion darzustellen. Entsprechend können sich Identitäten auf sämtliche, das menschliche Leben strukturierenden und erklärenden Konstruktionen beziehen: das Geschlecht, den Lebensraum, die Religion, den Beruf, das Alter, etc.

Unterschieden werden muss zwischen Identität und Identifikation. Erstere meint zunächst einmal nur die Bezeichnung bzw. Selbstbezeichnung. Letztere fügt der bloßen „Identifizierung“ eine emotionale Komponente hinzu. Sie bezieht sich „auf eine affektive oder emotionale Beziehung zu oder Bindung an ein Objekt“ (Muehler/Opp 2004: 15). Es existieren neben dieser Unterscheidung noch andere Möglichkeiten, zwischen diesen beiden Begriffen zu differenzieren. Heinz-Werner Wollersheim z.B. schreibt:

„Identität läßt sich als eine Relation zwischen zwei Dingen oder Menschen auffassen, Identifikation hingegen als Erkennen oder Aufbau dieser Relation, oder zumindest als eine Aussage über das Bestehen dieser Relation.“ (Wollersheim 1998: 48)

Ersteres Begriffsverständnis wird im Folgenden aus Gründen der besseren Verständlichkeit „Identifikation als Prozess“ genannt, letzteres „Identifikation als Einstellung“. Die Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen Identität und Identifikation – in welcher Form auch immer – findet in der Forschung wie auch in der medialen Öffentlichkeit nur selten Anwendung. Oft werden beide Begriffe als Synonyme gebraucht (Muehler/Opp 2004: 19). Wenn z.B. von „nationaler Identität“ die Rede ist, schließt dies häufig die emotionale Komponente mit ein, also nicht nur die persönliche Selbstbezeichnung (z.B. als „Deutsch“) sondern auch damit in Verbindung stehende affektive Aufladungen. Die Differenzierung dieser beiden Ebenen des „Sich-selbst-in-Beziehung-Setzens“ ist jedoch besonders für die Europäische Identität von herausragender Bedeutung, was an anderer Stelle noch näher erörtert werden soll.

Die einzelnen möglichen Aspekte von diesem „Sich-selbst-in Beziehung-Setzen“ können mit dem Modell Graumanns veranschaulicht werden (Graumann 1983). Der Geograf Peter Weichhart verwandte Graumanns Modell, um eine theoretische Erklärung für raumbezogene Identität herzuleiten (Weichhart 1990). Graumann unterschied ausgehend von der Annahme, dass das identifizierende Subjekt zugleich identifiziertes Objekt sein kann, zwischen drei Identifikationsprozessen: Identifikation I (identifying the environment), Identifikation II (being identified) und Identifikation III (identifying with one´s environment). Der erste Prozess der Identifikation meint die Verallgemeinerung, die Abstraktion einer komplexen Welt auf eine überschaubare Anzahl von Begriffen. Also zunächst einmal die Aufstellung und Definition von Begriffen wie „Deutscher“, Europäer“ oder „Mann“. In der zweiten Stufe des Identifikationsprozesses wird aus den Abstraktionen eine Relation. Es treten ein Identifikationssubjekt und ein –objekt in Erscheinung, das im Sonderfall sogar dieselbe Person oder Gruppe sein kann (Ich identifiziere mich). In der dritten Stufe des Identifikationsprozesses schließlich wird ein weiteres Bezugsobjekt eingeführt. Das Subjekt identifiziert sich mit einer bestimmten Eigenschaft oder Gruppe oder als Vertreter einer bestimmten Zugehörigkeit (Weichhart 1990: 14ff.). Muehler und Opp sehen in der letztgenannten Möglichkeit, dem identifizieren als etwas, eine rein kognitive Leistung, die bloße Zuschreibung einer Eigenschaft. Hingegen stellt die erstgenannte Möglichkeit, das Identifizieren mit einer sozialen Konstruktion, einer Person oder Gruppe einen Akt der positiven Bewertung des Bezugsobjektes dar, der über das bloße Zugehörigkeitsgefühl hinausreicht (Muehler/Opp 2004: 15).

Dieses Bezugsobjekt kann neben bestimmten Gruppen, Personen, zugeschriebenen Eigenschaften, und sonstigen Objekten auch ein Raumausschnitt sein, wie Peter Weichhart zeigt (1990: 19f.). Zunächst wird dieser Raumausschnitt definiert (Identifikation II), es entsteht ein Raumbewusstsein. Hier bedarf es schon einer Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt, obwohl die Rolle des Subjekts an dieser Stelle noch von untergeordneter Bedeutung ist, es dient lediglich als Akteur in der Zuschreibung der definierenden Eigenschaften des Raumausschnittes und als Träger des „Raumbewusstseins“ (Wollersheim 1998: 49). Die Funktion dieses Schrittes ist es, die soziale Konstruktion des Raumausschnittes in der Kommunikation und der Wahrnehmung handhabbar zu machen, ihn also von anderen Raumausschnitten zu unterscheiden. Schon in diesem Identifikationsschritt spielen emotionale Aufladungen eine Rolle. Jedoch erst im nächsten Schritt wird der Raumausschnitt Teil des subjektiven Selbst; der Raumausschnitt wird in das Selbstbild integriert (Identifikation III: Ich identifiziere mich mit dem Raumausschnitt) (ebd: 50)[1]. Das Subjekt kann sich selbst als „Deutscher“ bezeichnen, hat also die soziale Konstruktion des als „Deutschland“ identifizierten Raumausschnitt in die Vorstellung von der eigenen Identität integriert, es hat somit eine spezifisch „deutsche“ Identität herausgebildet.

2.2. Funktion kollektiver Identitäten

Eine wichtige Funktion von Identität wurde bereits genannt: die Komplexitätsreduktion. Die Identifizierung und Kategorisierung macht die Welt zu einem überschaubaren Ort. Dies ermöglicht ein Verständnis der Zusammenhänge und erleichtert die Kommunikation. In einem zweiten Schritt erlaubt die Identifizierung des eigenen Selbst mit abstrakten sozialen Gebilden die Einordnung des Individuums in diese kategorisierte Welt. Die Identität wird zu einem „Ankerpunkt“, mit dessen Hilfe es möglich ist, sich selbst in der Welt zu verorten (Weichhart 1990: 35f.). Es wird also möglich, sich selbst mit anderen in Beziehung zu setzen. Dies macht eine weitere Eigenschaft von Identität auf der Ebene des Individuums deutlich: das Verhältnis von „Ich“ und „Wir“. Die Identifikation und nähere Beschreibung des „Ich“ erfordert ein Gegenüber, um sich einem Bezugsobjekt gegenüber positionieren zu können. „Es gibt keine Ich-Identität ohne Wir-Identität“ (Elias 1987: 247). Aus dieser Erkenntnis lässt sich eine weitere Funktion von Identität ableiten: das Zugehörigkeitsgefühl. Da sich das Individuum in der Welt selbst verorten kann und sich in Beziehung zu dem Anderen gesetzt hat, kann es sich mit den gemeinschaftlichen Trägern einer bestimmten Identität verbunden fühlen. Somit erhöht sich das Empfinden von Sicherheit und es entsteht emotionale Nähe zu den Mitgliedern der „in-groups“.

Hier wird ein Spannungsfeld von Identität deutlich: die Gleichzeitigkeit von Inklusion und Exklusion. Indem sich ein Individuum mit einer Gruppe verbunden fühlt, sich kognitiv und emotional als Teil von ihr begreift und empfindet, positioniert es sich parallel zu allen Nichtmitgliedern der Gruppe, zu den „out-groups“ und grenzt sich von ihnen ab. So wie eine gemeinsame Identität verbindet schafft also eine Unterschiedliche Identität zusätzlich zu den objektiv feststellbaren Unterschieden Distanz. Häufig erfährt dieser Aspekt kollektiver Identität Kritik. Allerdings wird er erst dann zum Problem, wenn der Abgrenzung Ausgrenzung folgt, wenn also aus dieser Differenzierung Konsequenzen für die Handlungsebene folgen. Problematisch wäre es weiterhin, wenn die Exklusivitätskriterien nicht überwunden werden können, wenn also die Grundlage der Gemeinsamkeit in Kriterien bestünde, die eine Aufnahme bestimmter Mitglieder unmöglich machen. Es erfordert jedoch den unmittelbaren Kontakt mit der „out-group“, um die Inklusionsfähigkeit der „in-group“ gewissermaßen auf die Probe zu stellen (Hettlage 1998: 17f.).

Eine starke Identität und eine hohe Identifikation als Einstellung führt schließlich zu Loyalität und Solidarität innerhalb der Gruppe. Verstärkt wird dies dadurch, dass die Mitglieder beginnen innerhalb der Gruppe homogener zu werden. Es bildet sich ein gemeinsamer Habitus, eine gemeinsame Sprache (wenngleich auch nur in Form von einzelnen Idiomen), eine gemeinsame Symbolik. Die identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten (wie die gleiche Herkunft oder die gleiche Sprache) werden also zusätzlich nach dem Herausbilden der Identität um neue Gemeinsamkeiten ergänzt. Dies befördert die Gruppenloyalität wie auch das solidarische Verhalten innerhalb der Gruppe. Neben dem unmittelbaren Nutzen, der aus der Solidarität der anderen Gruppenmitglieder für das Individuum erwachsen kann, gewinnt es auch an Sicherheit, da es davon ausgeht, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl zur Problemlösung beitragen kann (Wollersheim 1998: 53).

Weichhart bezeichnet eine weitere wichtige Funktion von Identität mit den Begriffen „Aktivität und Stimulation“ (ebd.: 37ff.). Der Einzelne gewinnt durch das Wir-Gefühl und die empfundene Zugehörigkeit Anreize, aktiv zu werden. Da der Einzelne in das System vermittels internalisierter Identifikation integriert ist, hat er ein Interesse an dessen Erhalt und Wohlfahrt. Zudem entsteht durch das Wertmuster, das mit dem Raum verbunden wurde, ein Kanon an Normen, die als Orientierungslinien für das Handeln verstanden werden können. Die Gruppensolidarität dient also nicht nur als nützlich für den Empfänger sondern auch als Handlungsimpuls für den sich solidarisch Zeigenden. Das Gefühl an etwas teilzuhaben vereinfacht zudem Aktivität. Wenn der Einzelne sich mit einer sozialen Konstruktion verbunden fühlt, entsteht in ihm der Eindruck Einfluss auf das System nehmen zu können. Er fühlt sich nicht nur verantwortlich sondern auch in der Lage, die Verhältnisse innerhalb des Raumes verbessern zu können (ebd.: 38).

Diese Funktionen von Identität lassen sich zusammenfassend mit der Rahmungswirkung die Identität hat beschreiben. Sowohl das Verstehen, die eigene Positionierung gegenüber Anderen wie auch die Kategorien von Solidarität und Loyalität finden innerhalb des Rahmens statt, den Identität arteigen bietet. Erneut sei hier verwiesen auf die scheinbare Gegensätzlichkeit von Inklusion und Exklusion, die Identitätszuschreibungen mit sich bringt.

Die Konsequenzen, die eine starke kollektive Identität auf der Handlungsebene haben kann, können als „vertikale Dimension“ von Identität verstanden werden (Karolewski 2007: 13). Sie machen aus der zunächst nur rein kognitiven und emotionalen ein politische Identität, da sie sich auf das Gemeinwohl beziehen. Nur wenn Handlungen von Individuen aufgrund eines Wir-Gefühls verändert werden, kann von kollektiver Identität im politischen Sinn ausgegangen werden (ebd.).

[...]


[1] Da Graumanns Modell verschiedenste Subjekt-Objekt Beziehungen in Betracht zieht, gilt diese Identifikation natürlich auch für die Fälle, in denen Konzepte und Bilder von anderen Raumauschnitten erstellt werden als dem eigenen. Wollersheim hat dies in seiner Auffächerung von Graumanns Modell veranschaulicht, indem er die verschiedenen möglichen Identifikationssubjekte und –objekte in Beziehung gesetzt hat. So ergeben sich in seinem Modell formal einhundert, in der Realität eine unbegrenzte Anzahl Möglichkeiten (Wollersheim 1998: 48f.).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kollektive Identität in Europa
Untertitel
Zwischen kontinentaler Diffusion und politischer Einigung
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Europa in der Krise – welche Krise?
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V84019
ISBN (eBook)
9783638001847
ISBN (Buch)
9783640578207
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollektive, Identität, Europa, Krise
Arbeit zitieren
Erik Pester (Autor), 2007, Kollektive Identität in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84019

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