Die jüngsten Erweiterungen der Europäischen Union und die Diskussionen um den
Beitritt weiterer Staaten, insbesondere der Türkei aber auch um die
„Verfassungsfrage“ werfen immer mehr Fragen danach auf, welchen Anspruch und
welchen Charakter die EU eigentlich hat. Ist sie ein paneuropäisches Projekt,
ausgerichtet auf die lang ersehnte Einigung eines zersplitterten Kontinents? Oder ist
sie ein rein politisches Projekt zur erleichterten Vereinheitlichung europäischer
Rechtssysteme? Es stellt sich die Frage nach den Grenzen des Wachstums der EU, die
verknüpft ist mit der Frage nach den Grenzen Europas. Für eine Vertiefung der
europäischen Integration bedarf es der Unterstützung durch die Bevölkerung. Der
zunehmende „Euro-Skeptizismus“ wirft die Frage auf, ob diese Unterstützung durch
die Bevölkerung noch gewährleistet ist. Damit eine solche Unterstützung überhaupt
möglich ist, bedarf es der Identifikation der Europäer mit „ihrer“ Union. Müssen sie
die EU als Teil ihres eigenen Selbst auffassen, sie in ihr Persönlichkeitsbild
integrieren, wie das mit den Nationalstaaten geschieht? Oder genügt die
Zuschreibung positiver Assoziationen und die Überzeugung, die EU sei „eine gute
Sache“? Diese Arbeit versucht einige dieser Fragen zu beantworten. Sie gibt einen
weit gefassten Überblick über die kollektive Identität im allgemeinen und
europäische Identität im Besonderen. Zunächst werden theoretische Implikationen
des Identitätsbegriffs erörtert. Nachfolgend soll versucht werden, Europa zu
definieren und die analytische Beziehung zwischen Europa als Kontinent und der
Europäischen Union zu erläutern. Abschließend wird der Status Europäischer
Identität dargestellt Schlussfolgerungen für künftige Entwicklungen angestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Betrachtungen zu kollektiver Identität
2.1. Aus Identifikation wird Identität, aus Identität Identifikation
2.2. Funktion kollektiver Identitäten
2.3. Identitätskonstruktion
3. Definitionen von „Europa“
3.1. Geographische Bestimmung
3.2. Kulturelle Definitionen
3.3. Europa als politische Konstruktion
4. Die Spezifika europäischer Identität
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen kollektiver Identität sowie deren spezifische Anwendung und Problematik im Kontext Europas und der Europäischen Union. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, inwieweit eine kollektive Identität auf europäischer Ebene möglich ist und welche Rolle dabei die politische Konstruktion der Europäischen Union im Vergleich zu traditionellen Nationalstaaten spielt.
- Theoretische Implikationen des Identitätsbegriffs und der Identifikation
- Geographische, kulturelle und politische Definitionsansätze für "Europa"
- Die Rolle von Raum und Zeit bei der Identitätskonstruktion
- Das Spannungsfeld zwischen europäischer Einheit und kultureller Vielfalt
- Der Status und die Legitimität europäischer Identität in der Europäischen Union
Auszug aus dem Buch
2.3. Identitätskonstruktion
Die Ausführungen über die Funktionen und Wirkungen von kollektiver Identität haben gezeigt, dass eine starke Identifikation der Individuen mit einer sozialen Konstruktion für den Fortbestand und die Wohlfahrt derselben außerordentlich förderlich sein kann. Sie erhöht die Akzeptanz der Normen innerhalb der Gruppe, erleichtert die Kommunikation und stimuliert Aktivitäten und Partizipationen, die sich auf das Wohl der Gemeinschaft richten. Folglich überrascht es wenig, dass ein hohes Interesse der Verantwortungsträger in politischen Gemeinschaften besteht, unter den Mitgliedern der Gemeinschaft eine starke kollektive Identität konstatieren zu können. Diese erleichtert gewissermaßen die politische Arbeit und erhöht dank der steigenden Gruppensolidarität die Opferbereitschaft des Einzelnen. Wird die Identität, die sich zunächst ja nur auf den Raum bezieht, politisch und kulturell aufgeladen, schließt sie ebenfalls die politischen Struktur mit ein und erhöht die Legitimität dieser wie auch der jeweiligen Herrschaftsträger.
Karolewski hat kollektive Identität auf drei verschiedene Modelle der Bürgerschaft bezogen: das republikanische, das liberale und das cäsarische Modell (Karolewski 2007). Die genannten Bestrebungen werden je nach zugrundeliegendem Bürgerschaftsmodell in unterschiedlicher Intensität verfolgt bzw. benötigt. Am stärksten fordert das republikanische Modell kollektive Identität ein. Es verlangt von seinen Bürgern die Erfüllung von Pflichten und ein hohes Maß an Loyalität gegenüber der Gemeinschaft. Das liberale Modell konzentriert sich auf die Gewährung von Rechten seiner Bürger, ein wie auch immer definiertes Gemeinwohl wird ethisch nicht über die Interessen der Einzelnen gestellt. Entsprechend gering fallen die Anforderungen an die kollektive Identität aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der europäischen Integration und die Notwendigkeit einer Identifikation der Bevölkerung mit der Europäischen Union ein, um deren Charakter und Zukunftschancen zu beleuchten.
2. Allgemeine Betrachtungen zu kollektiver Identität: Hier werden theoretische Grundlagen wie die Unterscheidung zwischen Identität und Identifikation, deren Funktionen für Individuen und Gruppen sowie die Rolle von Raum, Zeit und Eliten bei der Identitätskonstruktion erörtert.
3. Definitionen von „Europa“: Das Kapitel analysiert verschiedene Bestimmungsversuche Europas, ausgehend von physisch-geographischen über kulturelle Ansätze bis hin zur Sichtweise als politische Konstruktion der Europäischen Union.
4. Die Spezifika europäischer Identität: Abschließend werden die Besonderheiten und Herausforderungen europäischer Identität unter Einbezug empirischer Daten sowie der Vergleichbarkeit der EU mit Nationalstaaten und der Bedeutung einer europäischen Öffentlichkeit diskutiert.
Schlüsselwörter
Kollektive Identität, Europäische Union, Identifikation, Raumbezogene Identität, Politische Konstruktion, Bürgerschaft, Integration, Legitimität, Kulturräume, Europäischer Demos, Gemeinschaftsgefühl, Sozialisationshypothese, Inklusion, Exklusion, Euro-Skeptizismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage nach der kollektiven Identität in Europa und untersucht, wie Identitätsprozesse auf kontinentaler Ebene im Vergleich zu Nationalstaaten funktionieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die theoretische Herleitung von Identität, die Definitionsschwierigkeiten des Begriffs "Europa" sowie die politische Rolle der Europäischen Union bei der Identitätsstiftung.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu erörtern, ob und wie eine europäische Identität entstehen kann, um die politische Vertiefung der EU und die Einbindung ihrer Bürger zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine theoretische Literaturanalyse sowie die Auswertung von Eurobarometer-Umfragen, um identitätstheoretische Modelle auf den europäischen Kontext anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen der Identitätsbildung, die geographische, kulturelle und politische Definition von Europa sowie die spezifischen Besonderheiten der europäischen Identität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören kollektive Identität, europäische Integration, Identifikation, Demos, politische Konstruktion und das Spannungsfeld zwischen kultureller Vielfalt und Einheit.
Wie unterscheidet der Autor zwischen "Identität" und "Identifikation"?
Identität wird als rein kognitive Bezeichnung oder Selbstbezeichnung verstanden, während Identifikation eine zusätzliche emotionale Komponente oder Bindung an ein Objekt beschreibt.
Warum wird im Dokument auf das "republikanische", "liberale" und "cäsarische" Modell Bezug genommen?
Diese Modelle dienen dazu, die unterschiedlichen Anforderungen an kollektive Identität innerhalb verschiedener Bürgerschaftsverständnisse zu klassifizieren und auf die Europäische Union anzuwenden.
Welche Rolle spielt die Zeit bei der Identitätskonstruktion laut der Sozialisationshypothese?
Die Zeit ist entscheidend, da Identität durch überlieferte Traditionen und im Raum verbrachte Lebenszeit, insbesondere in den prägenden ersten Lebensjahren, internalisiert wird.
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- Erik Pester (Author), 2007, Kollektive Identität in Europa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84019