Anti-Aggressivitäts-Training im Jugendvollzug - Möglichkeiten und Grenzen einer Methode in der Arbeit mit jungen Gewalttätern


Hausarbeit, 2004

32 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Einleitung

2. Zur Abgrenzung der Begriffe
2.1. Über die Grenzlinie zwischen Aggressionen und Aggressivität
2.2. Erläuterungen zum Begriff der Gewalt
2.3. Zur Unterscheidung zwischen AAT und CT

3. Junge Gewalttäter in Deutschland – Der Versuch eines Profils
3.1. Statistisches über registrierte Gewalttäter
3.2. Zur Biographie und Tatmotivation jugendlicher Gewalttäter
3.3. Vorschläge für einen Umgang mit jugendlichen Gewalttätern

4. Der Ablauf des Anti-Aggressivitäts-Training
4.1. Über Ziele und Risiken beim Jugendstrafvollzug
4.2. Ziele des AAT
4.3. Zur Struktur beim AAT
4.4. Methodisches Vorgehen in den Sitzungen
4.5. Diskussion über die Gestaltung des AAT

5. Über die Wirksamkeit des AAT
5.1. Die Selbstevaluation von Jens Weidner
5.2. Zu den Evaluationsergebnissen von Stefan Schanzenbächer
5.3. Das AAT im Vergleich zu anderen Methoden

6. Arbeit mit den Tätern oder an den gesellschaftliche Ursachen?

7. Resümee: A-A-T – Die richtige Antwort auf jugendliche Gewalttäter?

Literaturverzeichnis

0. Vorwort

Als Sozialarbeiter habe ich öfter mit Jugendlichen zu tun, die polizeilich bekannt sind und Anzeigen erhalten. Einige waren vor Gericht und Vereinzelte auch schon im Jugendarrest. Mit Insassen des Jugendstrafvollzugs hingegen hatte ich bisher nicht näher zu tun. Zugegeben wird mir auch mulmig zumute wird bei der Vorstellung, direkt mit ihnen zu arbeiten. Gleichzeitig gibt es meinerseits aber ein Interesse an der Arbeit mit diesen „härteren“ Jugendlichen. Wie verlaufen ihre Biographien? Welche Einstellungen haben sie entwickelt, welche Erfahrungen gesammelt? Wie kann man pädagogisch sinnvoll mit ihnen arbeiten? Zudem denke ich, dass ich durch Wissen über das Extremverhalten delinquenter Jugendlicher und dem Umgang damit auch Erkenntnisse erhalte, die mir in meiner pädagogischen Tätigkeit mit nicht inhaftierten Jugendlichen nützlich sein können.

1. Einleitung

Die Gesellschaft, jeder Einzelne, hat ein Sicherheitsbedürfnis, nicht bedroht oder überfallen zu werden. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Anti-Aggressivitäts-Training nach Weidner. Eine Maßnahme, die sich die Verminderung der Aggressivität ihrer jugendlichen Teilnehmer zum Ziel setzt. Überwiegend wird die Methode bei jugendlichen Gewalttätern im Jugendstrafvollzug angewandt.

Über Jugendgewalt wird in den Medien immer wieder berichtet und in der pädagogischen Fachöffentlichkeit diskutiert. Am Beispiel der Schule kann man erkennen, dass es viele verschiedene Herangehensweisen an Formen der Jugendgewalt gibt. Nach Auffassung von Huisken quillt der Markt dort gar über an unterschiedlichen Vorschlägen, er nennt unter anderem Entspannungsübungen, Meditation, Arbeit mit allen Sinnen, gesunde Ernährung, Stärkung der Erzieherrolle des Lehrers, mit Feedback arbeiten, Schaffung von Toberäumen, Interviews mit Gewaltopfern, kooperatives und sozialintegratives Lernen, Förderung von Verantwortung, Time-out-Verfahren, engere Zusammenarbeit von Schule, Arbeitsamt, Jugendamt und Polizei, Einschaltung von Polizei in schweren Fällen und noch andere (vgl. Huisken, S. 71-72). Hier soll es darum gehen, welche Interventionen es bezüglich der Gewalt straffälliger Jugendlicher geben kann.

In dieser Hausarbeit werden zwei Fragen diskutiert. Zum einen als Schwerpunkt, wie eine individuelle Arbeit mit verurteilten jungen Gewalttätern aussehen könnte und wie die Interventionsmöglichkeit AAT (Anti-Aggressivitätstraining) in der Praxis funktioniert. Zum anderen wird als Ergänzung erörtert, welche Rolle bei einer wirkungsvollen Anti-Gewalt-Arbeit mit Jugendlichen der kollektiven Verantwortung einer Gesellschaft zukommt.

Zunächst werden im Kapitel 2 die für die Fragestellung relevanten Begriffe Aggressionen, Aggressivität und Gewalt voneinander abgetrennt. Weiter werden die beiden Interventionsmethoden Anti-Aggressivitäts-Training und Coolnesstraining vorgestellt und differenziert. Im Kapitel 3 wird erkundet, was nach der Auffassung der AAT-Trainer über jugendlichen Gewalttäter bekannt ist. Was kann man als häufig vorkommendes Muster in ihrer Biographie erkennen? Welche Faktoren begünstigen, dass Jugendliche zu Gewalttätern werden. Aus den Ergebnissen werden Vorschläge für eine Gewalttäter-Arbeit abgeleitet.

Das Kapitel 4 widmet sich dem Ablauf der Methode AAT. In welcher Struktur findet ein Training statt, welche Ziele verfolgt es, wie funktioniert es? Anschließend wird die Gestaltung des AAT kritisch diskutiert. Im Kapitel 5 wird anhand von Evaluationsergebnissen die Frage erörtert, wie weit das AAT geeignet ist, bei Jugendlichen Aggressionen und Gewalt abzubauen. Im Vergleich zu weiteren Methoden wird erörtert, ob das AAT so erfolgreich ist, wie ihre Befürworter es darstellen.

Schließlich wird im Kapitel 6 die Frage diskutiert, ob Jugendgewalt direkt an den Tätern oder an den gesellschaftlichen Ursachen am wirkungsvollsten anzugehen ist. Wirkt eine Mischung aus Vielem am besten? In der abschließenden Zusammenfassung im Kapitel 7 wird resümiert, welche Möglichkeiten und Grenzen dem AAT in der Arbeit mit jugendlichen Gewalttätern zukommt.

2. Zur Abgrenzung der Begriffe

2.1. Über die Grenzlinie zwischen Aggressionen und Aggressivität

Beim Begriff der Aggressionen wird oft an schädigendes Verhalten gedacht (vgl. Nolting, S. 16-18). Aggressionen werden als „feindselige Haltung“ (vgl. Duden, 1990, S. 36) oder auch als „Austeilen schädigender Reize“ (vgl. Weidner, 2001, S. 4-8) definiert. Mit „Aggressionen“ kann ein physisches, ein verbales oder ein beides beinhaltendes Verhalten gemeint sein. Es ist umstritten, ob dazu auch Gefühle wie Hass und Wut oder Phantasien wie „Ich könnte ihn zusammenschlagen“ zählen.

Als Ziel aggressiven Verhaltens wird „das Durchsetzen von eigenen Interessen“ (vgl. Krueger-Braun, 2004, S. 1-3) oder auch „die eigene Macht zu steigern“ (vgl. Duden, 1990, S.36) genannt. Krueger-Braun übersetzt Aggressionen aus dem lateinischen (aggredere) mit „an etwas herangehen“ (vgl. Krueger-Braun, S. 1-3). Diese Erläuterungen klingen, als ob die Zielsetzung der Aggressionen durchaus gesellschaftlichen Normen entspräche, die Herangehensweise aber nicht als gesellschaftskonform bewertet würde. Die Frage, ob man die Absicht des Aggressors in die Definition aufnimmt, bringt nach Nolting Schwierigkeiten mit sich. Je nach Sichtweise lasse sich ein positiver Zweck bspw. auch bei einem „heiligen Krieg“ finden. Nolting kommt zu dem Ergebnis, dass der Aggressionsbegriff auf die Verhaltensweise beschränkt sein sollte, worunter in erster Linie physisches Bedrohen und verbale Formen (vgl. Nolting, S. 16-18) zu verstehen seien.

Rückblickend bestanden in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedliche Erklärungsansätze, ob Aggressionen erlernt, angeboren oder instink­tiv sind (vgl. Schmidbauer: Jugendlexikon Psychologie, S. 19). In der weiteren Entwicklung der Diskussion kamen viele Forscher zu der Auffassung, dass es sich bei Aggres­sionen um ein komplexes Geschehen handelt, „bei dem soziale und kulturelle Ein­flüsse, frühkindliche Situationen, gegenwärtige Frustrationen und biologisch vorge­gebene Reaktionsnormen eine Rolle spielen“ (vgl. Jugendlexikon Psychologie, S. 19-20).

Unter Aggressivität wird die „habituell gewordene aggressive Haltung des Menschen“ verstanden (vgl. Duden, 1990, S. 36) oder es wird auch von einem „offenen“ und „wiederholten aggressiven Verhalten“ gesprochen (vgl. Weidner, 2001, S. 4-8). In der Regel wird davon ausgegangen, dass auch Aggressivität erlernt ist.

Gemeinsam ist allen Definitionen, dass bei Aggressionen gegen eine andere Person diese geschädigt oder eingeschränkt wird. Der Aggressor verfolgt das Ziel, seine Situation zu verbessern. Es scheint Konsens zu bestehen, Aggressivität als wiederholt vorkommende Bereitschaft zu aggressiven Reaktionen auf bestimmte Reize zu definieren. Aggressivität wird mehrheitlich negativer beurteilt. Man kann sie als gesteigerte Form von aggressivem Verhalten begreifen.

2.2. Erläuterungen zum Begriff der Gewalt

Gewalt wird u.a. mit „Zwang, Willkür, Brachialgewalt, Terror (...)“ oder auch mit „Faustrecht“ oder „Einfluss“ definiert. (vgl. Duden, 1986, S. 288). Von der sprachlichen Wurzel her bedeutet sie laut Net-Lexikon vor allem Herrschaft, Regierung, Vollmacht“. Der Begriff ist in vielen Wörtern und Wendungen enthalten, z.B.: Gewaltverbrechen, elterliche Gewalt, richterliche Gewalt, Vergewaltigung. Dabei „überwiegen Aspekte des Zwangs bis hin zu Rohheit und Zerstörung.“ Begrifflich wird zwischen verschiedenen Formen der Gewalt unterschieden: Physischer, psychischer und verbaler; direkter und indirekter (struktureller), offener und versteckter, zwischen personeller und institutioneller, spontaner und organisierter, rechter und linker Gewalt (vgl. Net-Lexikon, Gewalt). In Anlehnung an Lamnek betont Schanzenbächer, dass die Beurteilung von Gewalt oft flexibel von der Beurteilung des Betrachters abhängt (vgl. Schanzenbächer, S. 17).

Jens Weidner, der Protagonist des AAT, definiert den Begriff danach, wer im juristi­schen Sinn als Gewalttäter zu verstehen ist. Er benennt hierzu folgende Delikte:

- Straftaten gegen das Leben (§ 211 StGB Mord, § 212 Totschlag, § 213 StGB Minderschwerer Fall des Totschlags)
- Körperverletzung (§ 223 StGB Körperverletzung, §223a gefährliche Körperverletzung, §224 schwere Körperverletzung, §226 Körperverletzung mit Todesfolge)
- Schwerer Raub (§ 250 StGB) und Raub mit Todesfolge (§ 251 StGB)“

Im weiteren Verlauf Arbeit wird der juristische Sinn des Begriffs übernommen. Wenn in dieser Hausarbeit von Gewalttätern bzw. von gewalttätigen jungen Menschen gesprochen wird, so sind damit jene Personen gemeint, die aufgrund eines Verstoßes gegen einen der o.g. Paragraphen Insassen des Strafvollzugs sind oder richterliche Auflagen erfüllen.

2.3. Zur Unterscheidung zwischen AAT und CT

Im gleichen Atemzug wie das AAT wird häufig das Coolnesstraining (CT) erwähnt. Das CT ist praktisch als „light-Version“ des AAT zu verstehen. Der pädagogische Stil beinhaltet bei beiden sowohl konfrontative als auch empathische Elemente. In einer Gruppe arbeiten die Teilnehmer per Rollenspiel, Körperwahrnehmung, Kommunikationsübungen usw. an ihrer sozialen Kompetenz. Die Dauer eines Trainings beträgt beim AAT ca. 60 Stunden, beim CT ca. 10 Stunden. Das AAT richtet sich in erster Linie an Insassen des Strafvollzugs, das CT wendet sich an Jugendliche, die aufgrund von Aggressionen auffällig geworden sind. CT wird in Schulen, der offenen Jugendarbeit oder auch über die Jugendhilfe angeboten. Im Unterschied zum AAT sind beim Coolnesstraining die Teilnehmer durchschnittlich jünger und die Zusammensetzung im Bezug auf das Geschlecht ist gemischter.

3. Junge Gewalttäter in Deutschland –
Der Versuch eines Profils

Um die Methode des AAT einschätzen und diskutieren zu können ist es unerläßlich, sich ein Bild von der Zielgruppe zu machen. Dazu wurden einige Fragen gestellt: Gibt es ein als typisch zu bezeichnendes Milieu, aus dem die Straftäter kommen? Welche Erfahrungen haben sie in ihrem Leben gesammelt? Welche Einstellungen haben sie im Laufe der Zeit entwickelt? Was hat sie zu Gewalttätern werden lassen? In welchem prozentualem Verhältnis stehen dabei Männer und Frauen, deutsche und nicht deutsche Staatsangehörige zueinander. Als Quellen wurden dazu beim Bundesministerium der Justiz veröffentlichtes Zahlenmaterial (Kapitel 3.1.) und Ausführungen der beiden AAT-Vertreter Jens Weidner und Stefan Schanzenbächer (Kapitel 3.2.) verarbeitet.

3.1. Statistisches über registrierte Gewalttäter

Wenn man einen Rang der Gründe für gerichtliche Verurteilungen bildet, zeigt sich, dass die meisten Personen (fast 40%) aufgrund von Eigentumsdelikten (Diebstahl, Betrug und ähnliches) verurteilt werden. An zweiter Stelle folgen mit ca. 1/3 die Straßenver­kehrsdelikte. Ca. jede elfte Verurteilung (hier kommen wir zur relevanten Gruppe des AAT) wird wegen einer „Straftat gegen die Person“ ausgesprochen. Zahlenmäßig sind dabei vor allem die Delikte der Körperverletzungen bedeutsam (vgl. Bundesministerium der Justiz, 2004, Internet). Etwaige Dunkelziffern, bspw. im Bereich der nicht angezeigten ehelichen Gewalt, sind dabei nicht berücksichtigt.

Über das Geschlechterverhältnis lässt sich sagen, dass es sich bei gerichtlich registrierter Kriminalität überwiegend um ein männliches Phänomen handelt: Sechs von sieben Verurteilten sind Männer. Von diesen Männern befinden sich über­proportional viele in einem jüngeren Alter. 30% sind unter 25 Jahre alt (vgl. ebd., Tabelle „Abgeurteilte“).

Überproportional vertreten ist bei den Verurteilten auch die Gruppe von Personen, die nicht im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit ist. Ihr Anteil beträgt ca. 25%. Verglichen dazu hatten 9,77 % der Bevölkerung im Jahre 2002 in Deutschland nicht die deutsche Staatsangehörigkeit (vgl. Statistisches Bundesamt, 2004, „Bevölkerung nach Ge­schlecht und Staatsangehörigkeit“). Zu der Gruppe der verurteilten Personen zählen neben der Wohnbe­völkerung auch Touristen oder Personen, die sich illegal in Deutschland aufhalten. (vgl. ebd., Kommentar zur Tabelle: „Ausländische Verurteilte 2002“). Von den Verurteilten wegen Körperverletzung besaßen 25,5 % (vgl. ebd. Tabelle „Ausländische Verurteilte“) nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.

Aufgrund der Statistik lassen sich folgende Aspekte festhalten: Bei gerichtlich Verurteilten handelt es sich ganz überwiegend um Männer. Insbesondere bei Verurteil­ungen wegen Körperverletzung sind die Gruppen der Jugendlichen/Heranwachsenden und der nichtdeutschen Staatsangehörigen überproportional vertreten.

Die Frage ist, ob sich das AAT als „deliktspezifisches Behandlungsangebot im Jugendvollzug“ mit diesen Fakten inhaltlich auseinandersetzt und sie in die Arbeit integriert.

Interessant wäre es, wenn im durch das Bundesministerium der Justiz veröffentlichten Zahlenmaterial auch etwas über den sozialen Status, die Bildung und politische Einstellung der Täter ausgesagt worden wäre.

3.2. Zur Biographie und Tatmotivation jugendlicher Gewalttäter

In den folgenden festgelegten Kategorisierungen über die Biographien inhaftierter Jugendlicher wurde sich unterschiedlicher Textstellen von Jens Weidner und z.T. auch von Stefan Schanzenbächer bedient. Beides sind Personen, die inhaltlich und methodisch das AAT nach außen vertreten. Es wird nachgefragt, welches Bild über gewalttätige Jugendliche von ihnen vermittelt wird. Weidner bezieht sich in seinen Beschreibungen der jungen Gewalttäter auf praktische Erfahrungen, auf kriminalsoziologische Erklärungsansätze sowie auf Literatur zahlreicher Autoren, z.B. Adler, Bandura, Mc Card/ Mc Card, Kersten, Lorenz, Pfeiffer. An dieser Stelle soll es nicht darum gehen, die inhaltliche Richtigkeit dieser Aussagen zu erörtern oder den von Weidner für den Leser z.T. schwer verständlichen und verwirrenden Schreibstil zu beschreiben und zu bewerten. Vielmehr erscheint die Frage sinnvoll, welcher inhaltliche und methodische Nutzen aus dem Wissen über die Biographien für die Gruppensitzungen gezogen wird?

Welche Erfahrungen, welche Muster lassen sich als häufig vorkommend in der Sozialisation junger Straftäter bezeichnen?

Beziehungen / Aufwachsen / Emotionalität:

Junge Gewalttäter haben häufig einen Wechsel ihrer Bezugspersonen erlebt (vgl. Weidner, 2001, S. 53). Sie haben oft nur ein halbes oder kein Elternhaus und erfuhren wenig Kontinuität in ihren sozialen Beziehungsstrukturen (vgl. S. 53). Waren sie fremd untergebracht, so erlebten sie häufig einen Wechsel der Pflegefamilien oder der Heimplätze. Sie haben kaum kontinuierliche Nähe erfahren (S. 51) Ein Gefühl der Enttäuschung oder Kränkung kann man als zentrale Erfahrungen ihres Lebens (S. 27) bezeichnen. Im Bezug zur Delinquenz gilt: Je stärker die sozialen Beziehungen des Individuums ausgeprägt sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit delinquenten Verhaltens. Junge Gewalttäter haben insgesamt wenig Kontakte zu normalen Erwachsenen. Wenn sie Kontakte zu ihnen haben, so handelt es sich dabei oft selber um Delinquente (S. 50). Auch Cliquenzusammenhänge männlicher Jugendlicher sind zu erwähnen. Häufig bestehen dort Verhaltensmuster, die kriminelles Verhalten fördern (vgl. S. 85). Je intensiver die Enttäuschung in der primären Sozialisation ist, desto stärker findet eine Orientierung an Peer-Gruppen statt (vgl. S. 55).

Über eine beschriebene Gruppe von 22 AAT-Teilnehmern gibt Weidner an, dass 27% bei beiden Eltern aufwuchsen, 41% bei einem Elternteil, 27% in Heimen und 5% bei Verwandten (S. 162).

Sechs Monate vor der Tat konnte man bei Jungtätern folgende Phänomene beobachten: Die Jugendlichen vernachlässigten ihren Arbeits- und Leistungsbereich, familiäre und sonstige Pflichten. Das Freizeitverhalten war un­strukturiert und eine Lebensplanung fehlte. Das Verhältnis zu Geld und Eigentum war gestört (S. 48).

Mit zunehmendem Alter reduziert sich delinquentes Verhalten i.d.R. Wenn der Ausbildungsstand und das Einkommen sich erhöhen und auch die Identitätsfindung weiter voranschreitet, reduziert sich der Prozess des Experimentierens. Auch Partner- und Lebensperspektiven konsolidieren diesen Prozess (Schanzenbächer, S.15).

Erziehungsmethode:

Bei gewalttätigen Wiederholungstätern fanden häufig tiefgreifende Störungen im Er­ziehungsprozess statt. Ihr Aufwachsen war nicht selten geprägt durch schwere Be­ziehungskonflikte mit den Eltern. Viele von ihnen erlebten einen inkonsistenten, z.T. auch gewalttätigen Erzie­hungsstil und einen generellen Mangel an Zuwendung und Aufsicht (vgl. Weidner, 2001, S. 53). Wenn Elterndelinquenz und ein vernachlässigend/grausamer Erziehungsstil zusammentreffen, führt dies zu einer sehr hohen Delinquenzrate (vgl. S. 36). Es ist davon auszugehen, dass das bewusste Übersehen oder Ignorieren von aggressivem Verhalten gewaltfördernd ist (S. 37). Gewalttätern wurden wenig Grenzen während ihrem Aufwachsen aufgezeigt. Oft erledigten dies nur soziale Kontrollinstanzen wie z.B. die Polizei (vgl. S. 51). Andererseits definieren sich gewaltbereite Jugendliche in Heimen oder Jugendzentren oft durch die Übernahme von Ordnungsfunktionen, propagieren dort Zucht und Ordnung. Junge Wiederholungstäter haben oft erlebt, dass sie in ihrem Leben abgestempelt, als schwarze Schafe behandelt und ihnen kritische Laufbahnen prophezeit wurden (S. 63). Viele von ihnen haben wiederholt negative Rollen­zuschreibungen erfahren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Anti-Aggressivitäts-Training im Jugendvollzug - Möglichkeiten und Grenzen einer Methode in der Arbeit mit jungen Gewalttätern
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Vorbeugen, kontrollieren, strafen – Zur Modernisierung von Hilfe und Kontrolle.
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
32
Katalognummer
V84191
ISBN (eBook)
9783638002370
ISBN (Buch)
9783638911016
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anti-Aggressivitäts-Training, Jugendvollzug, Möglichkeiten, Grenzen, Methode, Gewalttätern, Vorbeugen, Kontrolle
Arbeit zitieren
Diplom II - Sozialpädagoge Dirk Wagner (Autor), 2004, Anti-Aggressivitäts-Training im Jugendvollzug - Möglichkeiten und Grenzen einer Methode in der Arbeit mit jungen Gewalttätern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84191

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