Der Einfluss des Wohlstandes auf das Korruptionsverhalten eines Staates

Outliers und potentiell einflussreiche Fälle - eine Einzelfallstudie der chilenischen Situation


Diplomarbeit, 2005

122 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Gliederung

0. EINLEITUNG

1. DAS FORSCHUNGSTHEMA KORRUPTION
1.1 Der Begriff Korruption
1.2 Formen politischer Korruption
1.3 Korruption im Mehrebenenmodell
1.3.1 Die Mechanismen individuellen Korruptionsverhaltens
1.3.2 Vom Mikrophänomen zur Institutionalisierung der Korruption
1.4 Ursachen und Konsequenzen der Korruption
1.4.1 Politikwissenschaftliche Überlegungen
1.4.2 Ökonomische Zusammenhänge
1.4.3 Soziologische Zusammenhänge
1.5 Vor- und Nachteile der Korruption

2. DIE MESSUNG VON KORRUPTION
2.1 Die Fälle des CPI 1995 bis 2004
2.2 Ein Überblick über die Verteilung der Staaten im CPI
2.3 Die Berechnung eines Zusammenhangs zwischen Wohlstand und Korruptionsniveau
2.3.1 Operationalisierung der Begriffe und Vorgehensweise
2.3.2 Analyse der Fälle in den Streuungsdiagrammen
2.4 Die Ausreißer der Regressionsgeraden
2.4.1 Die Ausreißer im standardisierten Abweichungsbereich unter dem Wert –2.0
2.4.2 Die Ausreißer im standardisierten Abweichungsbereich über dem Wert +2.0
2.4.3 Die Analyse einflussreicher Fälle mit dem standardisierten DFBETA-Wert
2.5 Fazit der Regressionsanalyse

3. DIE EINZELFALLANALYSE DER CHILENISCHEN SITUATION
3.1 Das südamerikanische Umfeld
3.1.1 Die CPI-Daten der südamerikanischen Länder
3.1.2 Allgemeine Erklärungen für die Entwicklung hoher Korruption in Südamerika
3.2 Chiles historische Entwicklung
3.3 Korruption in Chile
3.4 Chiles Abweichen vom Standardfall eines südamerikanischen Landes
3.4.1 Antikorruptionsmechanismen in der chilenischen Demokratie
3.4.1.1 Das Justizsystem
3.4.1.2 Die Medien
3.4.1.3 Die Zivilgesellschaft
3.4.2 Die zugrundeliegende Wirtschaftsethik Chiles
3.5 Fazit der Einzelfallanalyse Chiles

4. CHILE ALS VORBILD FÜR KORRUPTE LÄNDER

LITERATUR

ANHANG
1. Corruption Perceptions Index 2004
2. Die 15 höchstgewerteten Länder des CPI 1995-2004
3. Regressionsberechnungen 1995-2004
4. Karte Südamerika politisch
5. Aspekt: Die Bedeutung des Kupfers 2005

0. EINLEITUNG

„Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann.“

Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

In über 2000 Jahren, die seit dieser Aussage Ciceros vergangen sind, hat sich offensichtlich wenig im menschlichen Verhalten geändert: Aktuelle Nachrichten melden Korruption in der Vorstandsetage des VW-Konzerns, gekaufte Sportsendungen beim MDR und Schmiergelderzahlungen von Siemens und DaimlerChrysler an die ehemalige irakische Regierung. Dem Zuhörer kommen weitere deutsche Skandale der letzten Jahre wie die Waffenlieferungen des Lobbyisten Schreiber, die CDU-Spendengeldaffäre oder der Sumpf um den Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage in den Sinn. Es entsteht ein ungutes Gefühl, bereicherten sich doch in allen Fällen wenige Personen heimlich und unrechtmäßig auf Kosten ihrer Firmen oder der Bevölkerung mittels Korruption.

Was genau versteht man aber unter dieser? Wie läuft solch ein korrupter Handel ab? Welche Konsequenzen entstehen dabei für eine Gesellschaft?

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit diesen theoretischen Fragestellungen. Er führt in die Grundlagen der Korruption aus wissenschaftlicher Sicht ein. Ausgehend vom Begriff der Korruption, dessen Definition noch immer für Diskussionsstoff zwischen Forschern sorgt, werden verschiedene Grundformen vorgestellt. Im Rahmen einer soziologischen Modellierung wird danach das Phänomen auf der Mikro- und Makroebene eines Systems beleuchtet. Als multidimensionales Phänomen wird Korruption in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang gebracht, zu diesen Teilbereichen werden wichtige Ergebnisse der aktuellen Forschung aufgezeigt. Abschließend wird das Thema „Ist Korruption schädlich?“ angesprochen, indem Vor- und Nachteilen der Korruption gegenübergestellt werden.

Korruption findet man an allen Orten, so scheint die einführende Auflistung zu zeigen, dabei gilt Deutschland im weltweiten Vergleich als recht unkorruptes Land. Wie aber kann man den Delikt vergleichend messen? Und wie stellt sich die Korruptionssituation international dar?

An das Grundlagenkapitel schließt sich ein empirisch orientiertes zweites Kapitel an, welches Antworten auf diese Fragen gibt, indem es Korruption im weltweiten Vergleich in den Mittelpunkt stellt. Auf der Frage nach der Messung von Korruption wird die aktuell renommierteste Art der internationalen Messung präsentiert, der Corruption Perceptions Index (CPI) der Organisation Transparency International (TI). Im zweiten Teil wird die dort ermittelte Reihenfolge der Länder systematisch betrachtet. Dabei zeigt sich, dass ein Zusammenhang zwischen der Korruptionshöhe eines Landes und dessen Wohlstand zu bestehen scheint. Diese Hypothese wird im folgenden mit Bruttoinlandsprodukt- und Korruptionswahrnehmungsdaten getestet. Während generell ein recht starker Zusammenhang zwischen diesen Faktoren festgestellt wird, zeigen sich einige Outlierfälle. Diese weichen mit hohen Residuen von der Überlegung „Je wohlhabender ein Land, desto niedriger die Korruption“ ab. Nach einer detaillierten Betrachtung dieser von der Hypothese abweichender Fälle und der Durchführung der DFBETA-Analyse fällt ein Land, Chile, besonders auf, da seine Korruptionshöhe fast immer deutlich niedriger als prognostiziert gemessen wird.

So wird das dritte Kapitel der Arbeit dem chilenischen Sonderfall gewidmet. Forschungsleitend ist die Fragestellung: „ Warum ist Chile relativ unkorrupt trotz eher niedrigem Wohlstand?“. Ein Blick auf das stark korrupte südamerikanische Umfeld hebt die Ungewöhnlichkeit des chilenischen Falles hervor. Über die Staaten Südamerikas mit hoher Korruption findet man umfangreiche Literatur, dagegen wurde Chiles Situation geringer Korruption bisher kaum thematisiert, dabei können Antworten auf die Gründe chilenischer Unkorruptheit Ideen für die Korruptionsbekämpfung in Ländern mit ähnlichem Wohlstandsniveau bringen. So wird in dieser Arbeit ein Perspektivenwechsel vorgenommen, nicht wie in den meisten Arbeiten werden die Ursachen hoher, sondern die niedriger Korruption am Beispiel Chile untersucht.

Wurzeln der niedrigen Korruption lassen sich in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit der Unabhängigkeit und in der Geschichte der Korruption in Chile finden. Ein Kombination aus stabiler wirtschaftlicher Entwicklung sowie eine lange Demokratietradition scheinen eine Grundlage der weitgehenden Rechtschaffenheit zu sein. Demokratische Reformen nach der Diktatur Pinochets brachten das Land in seine heutige Position, vor allem das Rechtssystem, die Medienlandschaft und die zivilgesellschaftliche Komponente unterscheiden sich deutlich vom Rest Südamerikas und sorgen für eine Eindämmung der Korruption.

In dieser Arbeit wird jedoch der entscheidende Grund der geringen chilenischen Korruption in der weitverbreiteten, generellen Norm der Rechtschaffenheit in der Gesellschaft gesehen, welche vor allem im für Chile essentiellen Außenhandel ausgeprägt ist.

So zeigt sich, dass grundlegende ethische Vorstellungen über Rechtschaffenheit die Basis eines niedrigen Korruptionsniveaus sind. Die Schaffung des Bewusstseins der Konsequenzen dieses kriminellen Verhaltens und die daraus resultierende Ablehnung von Korruption in Wirtschaft und Gesellschaft ist wichtig für die Bekämpfung systemischer Korruption auch in anderen Ländern wie im Schluss der Arbeit gezeigt wird.

1. DAS FORSCHUNGSTHEMA KORRUPTION

1968 stellte McKitrick (S.358) fest: „The investigation of corruption, in the analytical sense does not seem to present a subject of very intense interest to social scientists these days.“

Jain äußerte 2001 (S.71) über dieses Phänomen: “The study of corruption has come of age.”

Zwischen diesen beiden Äußerungen liegen 30 Jahre reger Entwicklung des wissenschaftlichen Interesses für das Phänomen Korruption.

Der Begriff „Korruption“ - aus dem lateinischen „corrumpere- verderben, verführen, verfälschen, bestechen“ abgeleitet- existiert schon seit dem Altertum[1], gezielte Forschung begann aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Während in der Anfangszeit theoretische Diskussionen dominierten, wurden ab den 1980er Jahren vermehrt Versuche empirischer Messung durchgeführt und mit deren Hilfe Zusammenhänge, Ursachen und Konsequenzen ermittelt. 1993 erhielt die Korruptionsforschung einen erneuten Schub durch die Gründung der regierungsunabhängigen Organisation Transparency International (TI), die sich der Korruptionsbekämpfung verschrieben hat und zahlreiches Datenmaterial zu diesem Thema zur Verfügung stellt. Zusätzlich fanden in den 1990ern große Korruptionsskandale auf höchster politischer Ebene, so zum Beispiel in Japan oder Italien, breite Resonanz in Medien und Gesellschaft.

So findet man mittlerweile eine umfangreiche Zahl überwiegend englischsprachiger, akademischer Literatur bezüglich Korruption. Wirtschaftliche, politikwissenschaftliche, soziologische, historische und juristische Betrachtungen des Themas stehen dabei im Zentrum der Überlegungen.

Trotz der intensiven Forschung existiert bis heute keine Einstimmigkeit über die Definition des Begriffes. Zahlreiche Ursachen und Konsequenzen der Korruption wurden aufgezeigt, trotzdem fehlt eine umfassende Theorie über ihr Entstehen, Werden und Vergehen. Das Interesse am Phänomen Korruption ist ungebrochen groß, vor allem durch die Weiterentwicklung empirischer Erhebungsmöglichkeiten sind in Zukunft weitere neue Erkenntnisse zu erwarten.

Auf den folgenden Seiten wird in die Thematik der Korruption eingeführt.

Zur Orientierung, was unter Korruption verstanden werden kann, werden einige renommierte Definitionsversuche präsentiert. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Wirtschaftskorruption und politischer Korruption, zweitere steht in dieser Arbeit im Mittelpunkt der Ausführungen. Um sich dem Phänomen nähern zu können, werden im zweiten Abschnitt Formen politischer Korruption wie Bestechung, Unterschlagung, Betrug oder Erpressung vorgestellt.

Daran anschließend wird Korruption im Mehrebenenmodell betrachtet. Auf Mikroebene ermöglicht das dort erläuterte Modell des „principal-agent approach“ ein übersichtliches Bild über die zwischen den involvierten Akteuren ablaufenden Mechanismen. Auf Makroebene zeigt sich Korruption durch eine Institutionalisierung des Phänomens zum Beispiel als systemische Korruption im Rahmen von Netzwerken.

Im vierten Abschnitt des Theoriekomplexes werden wichtige Ursachen und Folgen der Korruption als Aggregat dargelegt. Die Kausalität ist selten eindeutig, vielfach führen Variablen zu einer Verstärkung bzw. Verringerung der Korruption, die von sich aus auf die Variablen einwirkt. Aufgrund der Fülle existierender Literatur wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, sondern lediglich versucht, einen groben Überblick der wichtigsten Zusammenhänge zu ermöglichen.

Abgerundet wird der Einblick in die allgemeine Korruptionsforschung mit einigen Hinweisen zu den Folgen politischer Korruption, ausgehend von den optimistischen Überlegungen der Anhänger funktionalistischer Theorie werden negative Folgen der Korruption für Staat und Gesellschaft erläutert.

1.1 Der Begriff Korruption

In dieser Arbeit steht die moderne Vorstellung von Korruption im Mittelpunkt. Während große Denker wie Aristoteles oder Machiavelli Korruption als eine komplexe Störung der „moral health of whole societies“ und „corruptness of a whole political order“ (Johnston 1996, S.3f.) verstanden, wird sie in modernen Definitionsversuchen im individualistischen Bereich angesiedelt und ist „als ein von bestimmten Verhaltensstandards abweichendes Verhalten zu verstehen“ (Blechinger 1998, S.24). Damit wird sie „within criminology [...] most closely associated with the study of state crime, white-collar and organized crime“ (Levi/ Nelken 1996, S.1).

Der Oberbegriff Korruption unterteilt sich in politische Korruption und Wirtschaftskorruption. In der Wirtschaftskorruption, gelegentlich auch private Korruption genannt, drückt sich die Verhaltensabweichung wie folgt aus: „There is corruption in terms of bribing, swindling and mafia-methods in businesses, and there are disloyal employees in private firms, non-governmental organisations and associations.“ (Andvig u.a. 2000, S.14) Wirtschaftskorruption läuft nur im Bereich der Privatwirtschaft ab, ein Angestellter verhält sich gegenüber seinem privaten Arbeitgeber illoyal und missbraucht dessen Vertrauen.

Politische Korruption dagegen bezieht sich auf abweichende Handlungen zwischen privatem und öffentlichen Sektor: „[...] there is consensus that corruption refers to acts in which the power of public office is used for personal gain in a matter that contervenes the rules of the game.“ (Jain 2001, S.73)

Der Großteil wissenschaftlicher Arbeiten bezieht sich auf politische Korruption, da diese für die gesamte Gesellschaft gravierende Folgen haben kann. Auch der in dieser Arbeit verwendete Korruptionsbegriff ist der der politischen Korruption.

Friedrich (1966, S.74) definierte zu einem frühen Zeitpunkt der Korruptionsforschung das Delikt wie folgt:

„The pattern of corruption can be said to exist whenever a powerholder who is charged with doing certain things, i.e., who is a responsible functionary or officeholder, is by monetary or other rewards not legally provided for, induced to take actions which favor whoever provides the rewards and thereby does damage to the public and its interests.”

Eine der renommiertesten Definitionen wurde von Nye (in Noack 1985, S.16) entwickelt:

„Korruption als ein Verhalten, das von den normalen Pflichten einer öffentlichen Rolle aus Gründen privater Interessen (Familie, enger privater Cliquenbeziehung) oder um eines Geld- oder Statusgewinnes willen abweicht oder das Regeln zugunsten der Anwendung unterschiedlicher Typen von privat-verpflichtetem Einfluss bricht.“

Die häufig zitierte und weitgehend anerkannte Grunddefinition für politische Korruption lautet: „Corruption is the abuse of public power for private benefit.“ Sie wird von öffentlichen und privaten Institutionen wie der Weltbank oder Transparency International und den meisten Forschern verwendet.

Diese Definition umschließt neben politischer Korruption im engeren Sinne auch administrative oder bürokratische Korruption. In vielen Arbeiten werden beide unter dem Schlagwort „politische Korruption“ geführt und nicht weiter differenziert. Aufgrund der unterschiedlichen Bedeutung der beiden Teilbereiche gehen aber so wichtige Informationen verloren.

Der Unterschied zwischen beiden ist die Position des beteiligten Staatsdieners in der Hierarchie des politischen Systems. Bei politischer Korruption nehmen sie „places at the highest levels of political authority” (Andvig u.a. 2000, S.18) ein, sie sind Regierungsmitglieder, Minister oder Spitzenbeamte. Administrative Korruption dagegen bezieht sich auf Positionen im bürokratischen System „at the implementation end of politics“, typische Bereiche sind „local licensing authorities, police, taxing authorities“ (Andvig u.a. 2000, S.18f.).

Noack (1985, S.18) weist auf die Rolle der Gesetzgebung als weiteres Unterscheidungskriterium hin, politische Korruption findet „vor Vollzug eines Gesetzes“ in der Legislative eines Staates statt, administrative oder bürokratische „beim Vollzug eines Gesetzes“ in der Exekutive.

Relevant ist die Unterscheidung zwischen den beiden Teilbereichen politischer Korruption, weil ihre Wirkung auf das gesamte System unterschiedlich ist.

Korruption auf politischer Ebene versucht, die Gesetzgebung so zu gestalten, dass Akteure einer korrupten Handlung private Vorteile daraus erhalten, dies wird auch als „grand corruption“ oder „high-level corruption“ bezeichnet. Typische Bereiche sind Rüstungsgüter, Investitionsgüter bei Großprojekten und große Bauprojekte (Moody-Stuart 1995, S.121), auch über die nationalen Grenzen hinweg. Inländisch tritt politische Korruption häufig als illegale Form des rent-seekings auf, bei welcher Gesetze zugunsten korrumpierender Unternehmen implementiert oder modifiziert werden.

Administrative Korruption dagegen bewegt sich im Rahmen schon bestehender Gesetze, diese werden durch Korruption nicht ausgeführt oder erst nach einer Korruptionszahlung realisiert. Da sich der größte Teil dieser Form der Korruption auf unterer administrativer Ebene abspielt, wird sie „low-level corruption“ oder „petty corruption“ genannt, mit ihr wird vermehrt der Privatbürger konfrontiert. Meist handelt es sich um kleinere Zahlungsbeträge für die Bearbeitung eines Antrages oder das Fallenlassen einer Strafe, Little (1992, S.61) nennt typische Fälle: „[S]treet trading licenses are corruptly sold, beat policeman bought off, and queues jumped for preferential access to health care, education, and jobs.“

Wenn auch die Folgen dieser „low-level corruption“ in der Summe nicht zu vernachlässigen sind, so wirkt die „grand corruption“ direkter destruktiv auf die Glaubwürdigkeit und Stabilität eines politischen Systems, Leon (in Noack 1997, S.30) formuliert den Effekt in deutlichen Worten: „Jeder Fall von großer Korruption stellt den Staat selbst zur Disposition.“

Die Unterscheidung zwischen den beiden Teilbereichen politischer Korruption ist theoretisch interessant, praktisch werden in den meisten Studien beide undifferenziert erhoben, da sie in engem Zusammenhang stehen: „Political corruption is usually supported by widespread bureaucratic or petty corruption, in pyramid of upward extraction […] corruption in higher places is contagious to lower level officials.” (Andvig u.a. 2000, S.19)

Administrative Korruption kann mit dem Willen der Politik eingedämmt werden, Mittel sind „auditing, legislation and institutional reforms“ (Andvig u.a. 2000, S.20). Politische Korruption dagegen kommt von höchster staatlicher Stelle, sodass selten ein Interesse von involvierten politischen Eliten ausgehen wird, diese Art der Korruption zu bekämpfen, „the powerholders do not wish to change a system of which they are the main profiteers“ (Andvig u.a. 2000, S.61). Korruption politischer Führer macht es gleichzeitig Bürokraten auf niedrigerer Ebene leichter, ihr eigenes korruptes Verhalten zu rechtfertigen.

Eine starke Ausprägung beider Formen politischer Korruption kann zu systemischer Korruption oder einer “Kultur der Korruption” führen, Levi und Nelken sprechen von “politics of corruption” (Levi/ Nelken 1996, S.5).

1.2 Formen politischer Korruption

Politische Korruption konkretisiert sich in zahlreichen Formen, einige Beispiele sind „use of bribes , kickbacks, other forms of payoffs, tax evasion, fraud, undeclared slush funds and planned bankrupties“ (Levi/ Nelken 1996, S.2)

Die Hauptform der Korruption ist die Bestechung eines Staatsdieners: „To pay or receive a bribe is corruption per se.“ (Andvig u.a. 2000, S.15). Man versteht darunter, dass “ein Amtsträger eine dienstliche Handlung so ausführt, dass bestimmte Personen oder Gruppen, die ihm dafür Geld oder einen geldwerten Vorteil verschafft haben, begünstigt werden und verstößt damit gegen geltende Normen“ (Blechinger 1998, S.38). Die Höhe einer solchen finanziellen Leistung kann „a fixed sum, a certain percentage of a contract, or any other favour in money of kind“ (Andvig u.a. 2000, S.15) sein, allgemein wird von einem Wert zwischen 15% und 50% des Auftragsvolumens ausgegangen. Einzelformen der Bestechung sind “kickbacks, gratuities, ‘commercial arrangements’, baksheesh, sweeteners, pay-offs, speed- and grease money” (Andvig u.a. 2000, S.15).

Unterschieden werden kann Bestechung dabei in Geber- und Nehmerseite, das deutsche Strafrecht spricht von aktiver und passiver Seite. Aktive Bestechung bezieht sich auf die Geberseite, der Klient bietet dem Amtswalter einen geldwerten Anreiz, damit dieser sich gegen seine Vorschriften oder geltendes Recht verhält. Passive Bestechung dagegen betrachtet die Amtsträgerperspektive, er geht auf das Angebot ein und erweist sich als bestechlich (Blechinger 1998, S.38). Im Unterschied dazu steht die Erleichterung für „eine ansonsten korrekte Diensthandlung“ mit den strafrechtlichen Begriffen „Vorteilsgewährung“ auf Klientenseite und „Vorteilsnahme“ auf Seiten des Amtswalters (Blechinger 1998, S.38).

Im strengen Sinne ist Bestechung die einzige Korruptionsform, alle weiteren Delikte liegen im Grenzbereich, häufig sind nur Teilbereiche der Korruption zuzuschreiben. Die hier im folgenden genannten Formen sind deshalb strittig, weil für Korruption eine Handlung zwischen Klient und Amtswalter angenommen wird, bei Unterschlagung tritt aber nur die Nehmerseite auf. Außerdem geht man von einer wechselseitigen Vorteilshandlung aus, dies ist zum Beispiel bei Erpressung nicht der Fall. In dieser Arbeit werden unter Korruptionsdelikten all diejenigen verstanden, welche der Grunddefinition „Missbrauch öffentlicher Macht für private Vorteile“ entsprechen.

Eine Form korrupten Verhaltens kann Betrug oder Täuschung sein: “Fraud is when a public official (agent), who is responsible for carrying out the orders or tasks assigned by his superiors (principal), manipulates the flow of information to his private profit” (Andvig u.a. 2000, S.16). Häufig tritt Täuschung in Verbindung mit Wirtschaftskriminalität auf, typisch ist das Wegsehen von Politikern oder hohen Bürokraten bei kriminellen Vorgängen.

Ein weiteres Korruptionsvergehen ist “embezzlement”, die Veruntreuung oder Unterschlagung öffentlicher Mittel: „the theft of resources by people who are put to administer it; it is when disloyal employees steal from their employers“ (Andvig u.a. 2000, S.15). Aus strafrechtlicher Sicht wird Veruntreuung nicht als Korruptionsdelikt bezeichnet. Nimmt man jedoch die Grunddefinition der Korruption als Basis, so kann Veruntreuung als Korruptionsdelikt bezeichnet werden. Andvig u.a. (2000, S.16) nennen als eine Sonderform der Unterschlagung “straddling” als “the process by which some power-holders systematically use their political office to enter into, secure and expand their private business interests”. Hier wird der Charakter der Unterschlagung als Missbrauch des Amtes deutlich.

Auch Erpressung kann zu korruptem Verhalten gezählt werden. Wenn Amtswalter „money and other resources extract by the use of coercion, violence or the threat to use force“ (Andvig u.a. 2000, S.17), kann man von politischer oder administrativer Korruption sprechen. Selten wird Erpressung im Rahmen von Korruptionsdelikten mit der Anwendung physischer Gewalt enden, eher sind subtilere Formen der Erpressung vorstellbar, wie zum Beispiel die Androhung der Nichtberücksichtigung des Klienten bei einer großen Auftragsvergabe. Im allgemeinen gehört Erpressung zum Korruptionphänomen, „when the state, and in particular its security services and paramilitary groups, extorts money from individuals, groups and businesses” (Andvig u.a. 2000, S.17). Typisch für korrupte Beziehungen ist die langfristige Entwicklung einer Situation, in der einer der Akteure aufgrund vorangegangener illegitimer Leistungen der Gegenseite in eine Position gelangt, die seine Erpressung ermöglicht.

Ein letzter großer Bereich der Korruptionsproblematik erstreckt sich auf die eng verwandten Begriffe „favouritism“, „nepotism“ und „patronage“. Alle drei Begriffe beinhalten Arten von Vetternwirtschaft, häufig verknüpft mit traditionellen Gesellschaften. „The natural human proclivity to favour friends, family and anybody close and trusted“ (Andvig u.a. 2000, S.17) kann zu einer Auftragsvergabe oder Besetzung von Positionen führen, die nach dem Leistungsprinzip ungerechtfertigt ist und keine Wohlfahrtsoptimierung darstellen muss. In modernen Gesellschaften sollte aber laut Weber (1964, S.152) das Postulat der „rational-legal bureaucracy“ regieren:

„Ihr Ideal ist, „sine ira et studio“, ohne allen Einfluss persönlicher Motive oder gefühlsmäßiger Einflüsse, frei von Willkür und Unberechenbarkeiten, insbesondere ohne Ansehen der Person streng formalistisch nach rationalen Regeln und - wo diese versagen - nach sachlichen Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten zu verfügen.“

Nicht bei jedem nepotistischen Handeln müssen Vorteile des Amtswalters entstehen. Wenn eine „Wiedergutmachung“ geleistet wird, die im Sinne einer Reziprozität des Handelns wahrscheinlich ist (Neckel 1995, S.10), fällt es in den Bereich der Korruption. Dabei spielt es keine Rolle, ob unmittelbar Gegenleistungen erbracht werden oder der „dankbare Bekannte“ sich zu einem anderen Zeitpunkt revanchiert. Diese Art der Korruption findet sich vor allem in vormodernen Gesellschaften, in welchen die Trennung zwischen öffentlicher und privater Rolle nicht oder wenig ausgeprägt ist. Erklärungen für die hohe Korruptionsrate afrikanischer Staaten basieren häufig auf solchen Überlegungen. Vorsicht ist bei interkulturellen Korruptionsmessungen geboten, in traditionellen Systemen werden nicht alle Akte der Patronage oder des Klientelismus als Delikt betrachtet, Beispiele sind typische Alltagsnetzwerke in Bangladesh oder Russland (Andvig u.a. 2000, S.74ff.).

1.3 Korruption im Mehrebenenmodell

Korruption als Handlung zwischen Akteuren findet auf der Mikroebene eines Systems statt. Im folgenden Kapitel werden die einzelnen Beteiligten und deren Handlungslogiken mit Hilfe des „principal-agent approach“ genauer betrachtet. Da Mikrophänomene immer auch auf das Gesamtsystem einwirken, müssen dort die Auswirkungen korrupten Handelns als Aggregat berücksichtigt werden, um ein komplexes Verständnis des Phänomens Korruption zu erhalten.

1.3.1 Die Mechanismen individuellen Korruptionsverhaltens

Eine schematische, auf neoinstitutionelle Überlegungen zurückgehende Darstellung korrupten Verhaltens auf Mikroebene wurde von Rose-Ackerman (1978) und Banfield (1975) als „principal-agent approach“ initiiert und unter anderem von Groenendijk (1997) und Gambetta (2000) vertieft.

Drei Typen von Akteuren, der Prinzipal P, der Agent A und der Klient C, sind an einem Korruptionsgeschäft beteiligt. Gambetta (2000, S.4) nennt dieselben „truster T“, „fiduciary F“ und „corrupter C“ und definiert sie so:

“T may be an individual, such as an employer, or a collective body relying on the expectation that people in certain positions are bound to follow given rules. F may be anyone who agrees to act on behalf of T - a single voter or an entire government department, a journalist or a prison guard. C is anyone whose interests are affected by F’s actions.”

Diese drei Akteure gehören bei politischer Korruption zwei verschiedenen Sektoren an: Der Klient oder corrupter kann zum Beispiel ein Privatbürger, Unternehmer oder Vertreter einer Lobby-Gruppe sein. Der Prinzipal und Agent sind dagegen Teil des politischen System eines Landes. Der Prinzipal kann ein höherer Bürokrat, die Regierung, generell „the state or better the citizenry“ (della Porta/ Vannucci 1999, S.17) sein, der Agent ist ein Akteur, der auf niedrigerer Instanz im Namen des Prinzipal handeln sollte. Der Prinzipal tritt im Standardfall von Korruption nicht als handelnder Akteur auf: „In the simplest case the agent (A), an inferior in the hierarchy, is bribed by an non-member, a client (C)” (Andvig u.a. 2000, S.104). Die Handlung läuft gewöhnlich ohne sein Wissen im geheimen ab und verstößt gegen die Interessen des Prinzipals. Der Agent verletzt mit einer Korruptionshandlung das Vertrauen, welches der Prinzipal ihm entgegenbringt: „T accepts to entrust some resources to F, if T expects F to serve T`s interests rather than F`s `row` selfinterest.“ (Gambetta 2000, S.6) Das grundlegende Problem dieser Konstellation ist, dass der Prinzipal sich die Loyalität des Agenten durch dessen Entlohnung zu kaufen versucht, aber Probleme hat, seine Loyalität effektiv zu kontrollieren. Der Agent verspricht sich im Korruptionsfall größeren Vorteil davon mit dem Klienten zusammenzuarbeiten, als im Sinne des Prinzipals zu handeln. Das Zustandekommen eines Handels zwischen Agent und Klient entsteht also laut Gambetta (2000, S.5) aus der Überlegung: „Both F and C freely choose whether to exchange, and do so if they both expect to be better of as a result.“

Im Rückgriff auf klassische rational-choice-Ansätze wird korruptes Verhalten des Agenten dann erwartet, wenn sein erwarteter Nutzen die anfallenden Kosten übersteigt, er verfolgt die „illegal maximisation of private economic interests“ (Andvig u.a. 2000, S.20). Klitgaard nennt demzufolge Korruption ein Verbrechen der Kalkulation, nicht der Leidenschaft (Klitgaard in Azfar u.a. 2001, S.10).

Kosten sind zum Beispiel die Entdeckungswahrscheinlichkeit und Strafvollziehung, Nutzen vor allem das zusätzliche Einkommen durch den Korruptionsvorgang. Auch der Klient wird solch eine Kosten-Nutzen-Abwägung durchführen, typischer Nutzen ist die Leistung des Agenten, die er ohne Korruption nicht erhalten würde, die Kosten setzen sich neben der Summe der Zahlung ähnlich denen der Kosten des Agenten aus Entdeckungswahrscheinlichkeit und Strafvollziehung zusammen.

An dieser Stelle werden Überlegungen des Zusammenhangs zwischen Entlohnung im öffentlichen Bereich und Höhe der Korruption geäußert, da höhere Entlohnung den zu erwartenden finanziellen Nutzen durch Korruption verringert. Vielfach wird ein hohes Gehalt für geringe Korruptionsdichte verantwortlich gemacht, durchaus lässt sich ein Zusammenfallen von Niedriglöhnen und hoher Korruption in zahlreichen Entwicklungsländern erkennen (Andvig u.a. 2000, S.108ff.). Fraglich ist aber die Wirkungsrichtung zwischen beiden Variablen: Führt hohe Korruption zur Verarmung eines Landes und somit seiner geringen Möglichkeit, Beamte angemessen zu entlohnen? Oder führt die geringe Entlohnung von Beamten zu ihrer Bestechlichkeit und somit Verarmung des Landes? Empirische Studien haben ergeben, dass eine Anhebung der Löhne im öffentlichen Sektor zu einer Verringerung von Korruption führen kann, allerdings scheint es einen Punkt zu geben, ab dem Korruption nicht weiter durch ein weiteres Steigern der Löhne eingedämmt werden kann (Acemoglu/ Verdier in Andvig u.a. 2000, S.33f.).

Möglicherweise wirkt das Erhöhen der zu erwartenden Kosten stärker auf die Entscheidung der beteiligten Akteure ein, denn Korruption ist durch eine Erhöhung der Kosten reduzierbar. Eine Möglichkeit ist die Stärkung des Rechtssystems. Steigen die Kosten durch die Entdeckungswahrscheinlichkeit in einem Land, so wird von einer Verringerung der Korruption ausgegangen.

Wichtiger noch ist aber die Vollzugswahrscheinlichkeit, welche durch mögliche Entlassung der Akteure aus ihrem Amt sowie rechtliche Strafen die Kosten in die Höhe treibt: Erst wenn sich eine unabhängige Justiz als unbestechlich und handlungsfähig beweist, kann man einen Rückgang korrupten Verhaltens erwarten: „The principal may influence the acts of the agents by changing the risk of behaving corruptly.“ (Andvig u.a. 2000, S.107)

Darüber hinaus wird für eine Erhöhung der Kosten korrupten Verhaltens höhere Transparenz durch eine Verschlankung bürokratischer Strukturen empfohlen, womit die Entdeckungswahrscheinlichkeit des Deliktes ansteigt (Azfar u.a. 2001, S.10).

1.3.2 Vom Mikrophänomen zur Institutionalisierung der Korruption

„Korruption [...] lässt sich [...] als sozialer Prozess, als kontinuierliches Wechselspiel von sozialem Handeln und sozialen Strukturen, zwischen Mikro- und Makroebene beschreiben.“ (Höffling 2002, S.81)

Auf der Mikroebene ist Korruption ein Verhalten, welches im menschlichen Zusammenleben nicht vollständig verhindert werden kann, trotz noch so strenger Kontrollen und Strafen werden immer individuelle Anreize bestehen, korrupt zu sein. Gleichzeitig steigen die Kosten des Prinzipals durch Kontrollen und Überwachung extrem und stehen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr in einem ökonomischen Verhältnis zum realisierten Nutzen durch die verhinderte Korruption, weshalb der Versuch der vollständigen Eliminierung von Korruption durch den Prinzipal nicht angestrebt wird.

Einzelnes abweichendes Verhalten kann die Gesellschaft ohne Probleme kompensieren, es wird erst dann zum Problem, wenn es zu einer „Institutionalisierung des korruptiven Geschehens“ (Höffling 2002, S.83) auf Makroebene kommt. Dann wird Korruption systemisch, es entstehen „mehr oder weniger ausgedehnte Beziehungszusammenhänge unter Beteiligung einer Vielzahl von Akteuren auf beiden Seiten, mithin um ein Phänomen kollektiver Devianz“ (Höffling 2002, S.165).

Höffling (2002, S.84) listet eine Reihe von Folgen der Institutionalisierung auf: „veränderte normative Maßstäbe, subkulturelle Strukturen, Märkte für korruptive Transaktionen, illegale Netzwerke von teilweise hohem Organisationsgrad“

Die Veränderung von Normen zumindest in Teilbereichen der Gesellschaft spielen eine große Rolle bei der Institutionalisierung von Korruption, della Porta und Vannucci (1999, S.250) sprechen vom „system of informal norms that regulate relations between corrupter and corrupted“. Korruptes Verhalten gilt dort als Standardverhalten, es kommt zu selbstverständlicher Anwendung zwischen Bürokratie und Klienten, „when the illicit becomes the norm and [...] corruption is so common and institutionalized that those behaving illegally are rewarded and those continuing to accept the old norms penalized“ (Caiden/Caiden 1977, S.306). So können weitreichende korruptive Netzwerke entstehen, die eine hohe Dauerhaftigkeit aufweisen (Höffling 2002, S.45ff.).

Obwohl meist die Kenntnis der Strafbarkeit vorliegt, sehen sich die Akteure „im Einklang mit gruppenspezifischen Normen und Normalitäten“, Korruption wird zur „strukturellen Rahmenbedingung des Handelns involvierter Akteure“ (Höffling 2002, S.165f.). Blechinger folgert, dass „Korruption [...] eng mit dem Zusammenbruch oder zumindest der Aufweichung des in einer Gesellschaft geltenden Wertesystems zusammen[hängt]“ (Blechinger 1998, S.50).

Eine weitere Folge der Aggregation individuellen Handelns auf Makroebene ist die Veröffentlichung steigender Korruptionsstatistiken und daraus resultierend ein erhöhtes Problembewusstsein sowie öffentliche Diskussion in Gesellschaft und Politik mit Rückwirkungen auf das Handeln auf Mikroebene zum Beispiel durch Antikorruptionsmechanismen, welche wiederum die Kosten für den einzelnen Akteur erhöhen (Höffling 2002, S.82ff.).

1.4 Ursachen und Konsequenzen der Korruption

In den vorangegangenen Abschnitten wurde betrachtet, was wissenschaftlich unter Korruption zu verstehen ist und wie korruptes Verhalten im einzelnen abläuft. In diesem Kapitel werden Ursachen und Konsequenzen der Korruption auf der Makroebene untersucht. Korruption stellt sich bei detaillierter Analyse als multidimensionales Problem dar, zahlreiche Ursachen können ihr systematisches Auftreten begünstigen. Gleichzeitig wirkt Korruption auf verschiedenste Bereiche ein. Im folgenden werden die wichtigsten politikwissenschaftliche, ökonomische und soziologische Erkenntnisse im Zusammenhang mit Korruption präsentiert.

1.4.1 Politikwissenschaftliche Überlegungen

Ein in der Politikwissenschaft häufig diskutierter Zusammenhang wird zwischen Demokratie und Korruption hergestellt. „The less democracy the more corruption“ (Andvig u.a. 2000, S.52) bringt die These auf den Punkt.

Grundlegend stellt man verringerte Korruption bei steigendem Grad der Demokratisierung fest, „Korruption [kann] in Demokratien stärker im Zaum gehalten [werden] als in Autokratien“ (Borchert u.a. 2000, S.110). Allerdings muss dieser Zusammenhang differenzierter betrachtet werden, denn Fälle wie Singapur zeigen, dass auch sehr undemokratische Regime Korruption zurückdrängen können: „The most authorian (totalitarian) systems are able to control the levels of corruption and thus keep it at an economically viable level“ (Andvig u.a. 2000 , S.57). Die von den Akteuren zu kalkulierenden Kosten aus hoher Strafe bei großer Vollzugswahrscheinlichkeit drängen in diesem Land die Korruption zurück. Gleichzeitig zeigte der Fall des eisernen Vorhangs, dass viele Länder im Transformationsprozess vom totalitären oder autoritären zum demokratischen System einen Anstieg ihres Korruptionsniveaus verzeichnen.

Es gibt folglich keinen linearen Zusammenhang zwischen dem Grad der Demokratisierung eines Landes und dem Grad der Korruption, Andvig u.a. sprechen von einer glockenförmigen Funktion (Andvig u.a. 2000, S.57) mit einem Ansteigen der Korruption bei der Abkehr vom totalitären oder autoritären System und deren Abflauen nach erfolgreicher Durchsetzung demokratischer Grundprinzipien sowie „far-reaching economic reforms“ (Kaufman 1997, S.121).

Möglicherweise spielt die Kontrollfähigkeit eines Regimes eine wichtigere Rolle als die Art der politischen Führung. Diktaturen und autoritäre Regime können Korruption durch allgegenwärtige Kontrolle zurückdrängen, Länder in Umbruchphasen können dagegen häufig schlecht Kontrolle auf ihren Staatsapparat ausüben.

Treisman weist den Zusammenhang von demokratischen Institutionen und Korruption empirisch in seinen Berechnungen zurück, er findet lediglich mathematische Bestätigung für einen Zusammenhang zwischen langandauernden Demokratien und niedriger Korruption, Lambsdorff (1999, S.12) bilanziert Treismans Ergebnisse wie folgt: „[...] while the current degree of democracy is not significant, a long period of exposure to democracy lowers corruption“

Treisman (1998, S.19) hält einen Aspekt des politischen Systems an sich für bedeutender, da dieser in seinen Berechnungen signifikant ist: „States that were federal were perceived to be more corrupt.“ Gegen die Überlegung, dass Dezentralisierung zu einer Erhöhung der Korruption führen könne, da es quantitativ mehr anfällige Stellen im System gebe und „greater intimacy“ (Treisman 1998, S.8) zwischen den Akteuren realisiert werden könne, argumentieren zahlreiche Autoren, zum Beispiel Weingast (in Andvig u.a. 2000, S.85): „A federal state structure contributes to more honest and efficient government by providing for competition between subjurisdictions.“

Weitere Einzelelemente eines demokratischen Systems wie freie Wahlen, Pressefreiheit und unabhängiges Rechtswesen wurden in der Literatur auf ihre Wirkung bezüglich Korruption untersucht.

So ist die Einrichtung eines freien Wahlsystems ein kritischer Bereich, welcher sowohl korruptionssteigernd als auch korruptionsverringernd wirken kann. Ein besonderes Augenmerk legen Politikwissenschaftler dabei auf Unternehmensspenden an Parteien, vor allem zur Wahlkampffinanzierung, denn die Abgrenzung zwischen legalem rent-seeking und Korruption ist in diesem Bereich schwierig zu ziehen. Die Möglichkeit anonymer Spenden verschlechtert die Kontrollmöglichkeit der Parteien. Die Interessen der Unternehmer sind oftmals eindeutig: „Geber erwarten Entgegenkommen im Gesetzgebungsprozess [...] besondere Behandlung bei individuellen Problemen mit der Bürokratie oder bei der Auftragsvergabe“ (Borchert u.a. 2000, S.79). Gesetzliche Regelungen zur Offenlegung privater Spenden oder die staatliche Finanzierung des Wahlkampfes werden als Lösung angesehen.

Gleichzeitig sind Wahlen einer der gewichtigsten Gründe der korruptionsverringernden Wirkung der Demokratie, da „politicans [are] disciplined by the possibility of being voted out of office in the next elections“ (Andvig u.a. 2000, S.59). Die Aufdeckung einer Korruptionshandlung würde die Wiederwahlwahrscheinlichkeit deutlich verringern, vor allem Oppositionskandidaten besitzen einen Anreiz zur Entlarvung korrupter Amtsinhaber (Borchert u.a. 2000, S.89).

Andere typische Elemente einer stabilen Demokratie sind weitreichende Pressefreiheit und fundierte Rechtsstaatlichkeit, welche einen hohen Anteil zur Reduktion der Korruption im Land betragen können, indem sie die Kosten für die Akteure vergrößern. Pressefreiheit führt in offenen Systemen zu einer Kontrolle der Regierung und Verwaltung, indem Missstände den Bürgern vermittelt werden. Ähnlich wie die Opposition kann die freie Presse im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Normvorstellungen zu einer verringerten Wiederwahlwahrscheinlichkeit korrupter Politiker oder einer Amtsenthebung illoyaler Beamter führen. Ein unabhängiges Rechtswesen erhöht die Strafvollzugswahrscheinlichkeit und dient somit als abschreckendes Mittel durch die Erhöhung der Kosten der korruptionswilligen Akteure.

Insgesamt wird good governance als „one aspect of which is reducing the level of corruption“ (Azfar u.a. 2001, S.10) gesehen.

1.4.2 Ökonomische Zusammenhänge

Ursache ökonomischer Auswirkungen der Korruption scheint „the fact that when corruption becomes endemic, it can threaten the basic rules of law, property rights and enforcement of contracts“ (Azfar u.a. 2001, S.5) zu sein.

Eine solche instabile Situation beschädigt das Wirtschaftsklima eines Staates, die Konsequenz ist laut Azfar (2001, S.10): „Corruption is detrimental to economic growth.“

Wirtschaftswachstum entsteht vor allem durch Investitionen. Instabilitäten im System wirken sich negativ auf Investitionen vor allem der privaten Seite aus, sie sinken empirisch beobachtet bei steigender Korruption (Mauro 1995, S.695ff.). In diesem Zusammenhang wird Korruption häufig als eine Art illegale Steuer gesehen, die aufgrund ihrer Kosten die wirtschaftliche Entwicklung verlangsamt[2]. Deutlich wird dieser Zusammenhang bei Ländern mit wenig Korruption, dort ist die Zahl der inländischen Investitionen wesentlich höher als in Ländern hoher Korruption (Lambsdorff 1999, S.7).

Systemische Korruption in einem Land schreckt nicht nur inländische Investoren ab, vor allem global agierende internationale Konzerne meiden solche Länder, Lambsdorff findet einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen Foreign Direct Investment (FDI) und Korruption (Lambsdorff 1999, S.10). Es lässt sich feststellen: „[C]orruption lowers a country´s attractiveness for making investments” (Lambsdorff 1999, S.15).

Insgesamt zeigt sich, dass “by far the most important determinant of corruption is economic development, measured by real GDP per capita” (Andvig u.a. 2000, S.83).

Treisman (1998, S.19) dagegen hält aufgrund mathematischer Berechnungen wirtschaftliches Prosperieren nicht für die Konsequenz geringer Korruption, sondern als Ursache: „[D]evelopment does seem to reduce corruption.“

Offensichtlich verhalten sich Korruptionshöhe und wirtschaftliche Situation eines Landes gegenläufig. Liegt wenig Korruption vor, steigen die Investitionen, die wiederum die Korruption weiter zurückdrängen und weiteres Wirtschaftswachstum ermöglichen. Hohe Korruption dagegen verringert die Anreize wirtschaftlicher Investitionen, die Korruption steigt, weniger Investitionen sind die Folge. Es gilt: „[C]ausation runs from economic development to lower corruption, and from corruption to lower economic development.” (Andvig u.a. 2000, S.83)

Die schädigenden Auswirkungen der Korruption auf das Wirtschaftswachstum ist empirisch und theoretisch robust, trotzdem konnte man in Asien eine Reihe von Ländern beobachten, welche „have experienced very high growth despite extensive corruption“ (Andvig u.a. 2000, S. 89f.). Ein möglicher Grund kann die Variable „Berechenbarkeit“ (Andvig u.a. 2000, S.95) sein, sie sorgt für die für das Wirtschaftsklima wichtige Determinante Stabilität. Wedemann klassifiziert Länder dazu nach ihrer Korruptionsausprägung und Höhe der Berechenbarkeit und stellt fest, dass die asiatischen Länder mit großem wirtschaftlichem Wachstum und hoher Korruption besser berechenbar sind und deshalb gegenüber anderen korrupten Ländern, welche weniger berechenbar sind, im Vorteil sind (Andvig u.a. 2000, S.95f.).

1.4.3 Soziologische Zusammenhänge

Neben diesen politischen und wirtschaftlichen Ursachen und Konsequenzen der Korruption werden auch gesellschaftliche, vor allem kulturelle Variablen in den Zusammenhang mit dem Korruptionsgrad eines Landes gebracht.

Dabei ist anzumerken, dass „culture can only explain a certain fraction of the level of corruption” (Lambsdorff 1999, S.13). Obwohl wirtschaftliche und politische Variablen insgesamt größere Effekte auf die Korruption in einem Land haben, dürfen kulturelle Aspekte nicht vernachlässigt werden, in Treismans Modell erklären historisch-ethnische Faktoren fast 40% der Variation (Treisman 1998, S.12). Vor allem können kulturelle Besonderheiten Erklärungen für ungewöhnliche Einzelfälle liefern.

Besondere Bedeutung für die Höhe der Korruption in einem Land hat das Sozialkapital und als Teil davon Vertrauen: „[T]rust has a significant negative impact on corruption“ (della Porta in Lambsdorff 1999, S.13). Staaten mit homogener Bevölkerung scheinen dabei im Vorteil zu sein, dort analysierten Wissenschaftler mehr Sozialvertrauen innerhalb der Gesellschaft (Treisman 1998, S.6), die skandinavischen Länder dienen als ein Beispiel hohen Sozialkapitals und geringer Korruption. Ethnische Fragmentierung dagegen verringert das Vertrauen in die Mitmenschen, es tritt mehr Korruption auf. Auch „civil engagement“, die Partizipation der Privatbürger am politischen Prozess zum Beispiel durch Interessensverbände, kann Einfluss auf die Korruptionshöhe haben. Es steigert die Transparenz eines Systems durch das Einfordern von Rechenschaft und damit das Risiko korrupter Amtswalter, entdeckt zu werden.

Moralische Kosten beim Übertreten von Normen wie „loss of reputation“ (Andvig u.a. 2001, S.120) oder Stigmatisierung sind neben Entdeckungswahrscheinlichkeit und Strafvollzugswahrscheinlichkeit ein weiterer Kostenaspekt im Modell eines rational handelnden Akteurs, berücksichtigt man die Sicht auf Korruption als „clandestine or concealed practice with strong normative undertones“ (Andvig u.a. 2000, S.67).

Normen, welche das Wohl der Gesamtgesellschaft in den Vordergrund rücken, können als universalistisch bezeichnet werden. Im Gegensatz dazu stehen partikularistischen Normen, welche individuellen Nutzen betonen. Schweitzer (2002, S.21) erklärt das Auftreten von Korruption im Licht partikularistischer und universalistischer Normen: „Corruption emerges when the particularistic norms are interpreted as more valid or individually more binding than the universalistic norms.”

Korruption ist somit die bewusste Übertretung der allgemein geltenden Normen als „Verstoß gegen bestimmte normative Erwartungen“ (Höffling 2002, S.65), Bedenken der Akteure entstehen durch eine allgemeine Sozialisation zu Rechtstreue. Es droht ein gesellschaftliches Sanktions- und Stigmatisierungsrisiko bei Normbruch (Höffling 2002, S.101ff.). Dazu ist die allgemeine Sicht auf Korruption in einer Gesellschaft wichtig für die Entscheidung der Täter zum Delikt. Wird Korruption von der Allgemeinheit als schädigend angesehen und dementsprechend sozialisiert, steigen die moralischen Kosten der Akteure. Je mehr korruptes Verhalten aber in einem Staat auftritt, umso geringer sind die Kosten für den einzelnen Akteur zu veranschlagen, da eine Art moralischer Verfall der Gesellschaft zu konstatieren ist (Andvig u.a. 2000, S.120).

Spieltheoretiker sprechen von zwei stabilen Gleichgewichtspunkten, die unterschiedliche Korruptionshöhe in Gesellschaften mit ähnlichen Institutionen erklären können: “We may observe widely different levels of corruption with the same institutional set-up, wage structures, monitoring and auditing mechanisms.” (Andvig u.a. 2001, S.121) Beide Gleichgewichte basieren auf Entdeckungsvermutungen der Individuen, die mit deren moralischen Kosten korrelieren. Ein Gleichgewicht systemischer Korruption entsteht, da „the simple expectation that corruption is widely practiced induces a growing number of individuals to employ it” (della Porta/ Vannucci 1999, S.20), die Entdeckungswahrscheinlichkeit und moralischen Kosten der Sanktionierung fallen. Ein Gleichgewicht mit niedrigem Korruptionsgrad entsteht dagegen, wenn wenig korrupte Handlungen vermutet werden und die moralischen Kosten hoch scheinen.

[...]


[1] z.B. Korruption in der römischen Republik: Borchert u.a. 2000

[2] Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Steuern erklärt sich grundlegend wie folgt: Eine Steuererhöhung verringert das verfügbare Einkommen der Haushalte, die deshalb weniger konsumieren können, wodurch wiederum Unternehmen geringere Einnahmen verzeichnen und in der Folge ihre Investitionen zurückfahren, was im Fazit das Wirtschaftswachstum reduziert. z.B. Blum 2000

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Wohlstandes auf das Korruptionsverhalten eines Staates
Untertitel
Outliers und potentiell einflussreiche Fälle - eine Einzelfallstudie der chilenischen Situation
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Note
1,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
122
Katalognummer
V84221
ISBN (eBook)
9783638878487
ISBN (Buch)
9783640584437
Dateigröße
2146 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Wohlstandes, Korruptionsverhalten, Staates
Arbeit zitieren
Juliane Hack (Autor), 2005, Der Einfluss des Wohlstandes auf das Korruptionsverhalten eines Staates, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84221

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